Das bestellte Energie-Wunder des Herrn Barke

Symbolbild

Die saarländische Landesregierung hat die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PwC beauftragt, ein „Zielbild für die Energiewende im Saarland“ zu entwerfen. Das Ergebnis wird von Wirtschaftsminister Jürgen Barke vollmundig angepriesen: „Wir zeigen, wie ein tragfähiger Weg zur klimaneutralen Energieversorgung des Saarlands bis 2045 aussehen kann – realistisch, wirtschaftlich und mit klaren Prioritäten“[1], verspricht Barke. Ob dieses Versprechen der harten industriepolitischen und physikalischen Realität tatsächlich standhält, unterziehen wir hier einem Realitätscheck.

Statt Versorgungssicherheit ein Blindflug in die Dunkelflaute

Das zentrale Versprechen der Studie kommt unmissverständlich daher: Unter der Überschrift „Was unbedingt sichergestellt wird“ deklariert die von der Landesregierung herausgegebene Kurzfassung die „Leitplanke #1: Sicherung der Energieversorgung. Eine zuverlässige Energieversorgung hat oberste Priorität in allen Szenarien.“

Misst man dieses hehre Versprechen jedoch an den harten Zahlen der dazugehörigen Fachstudie, fällt es krachend in sich zusammen. Auf Seite 24 räumen die Autoren völlig offen ein, dass der saarländische Strombedarf im Zuge des politisch gesteuerten Transformationsprozesses bis zum Jahr 2045 auf 17,0 Terawattstunden (TWh) steigen soll – mehr als eine Verdopplung. Dem steht selbst unter der Annahme eines – wie die Studie es nennt – ambitionierten Ausbaus der erneuerbaren Stromerzeugung eine geplante lokale Erzeugung von maximal 13,1 TWh gegenüber. Damit verbleibt selbst in der eigenen Modellwelt eine strukturelle Importabhängigkeit von 3,9 TWh beziehungsweise knapp 23 Prozent des Strombedarfs.

An dieser Stelle würde der Fachmann sehr gerne die Annahmen analysieren, die zu dieser Erzeugung von 13,1 TWh führen. Einen Methodikteil gibt es zwar, aber die für eine externe Reproduktion der zentralen Erzeugungsannahmen erforderlichen Rechenparameter werden nicht offengelegt. So weisen die Autoren der Windkraft für 2045 ein technisches Potenzial von 2,8 TWh zu. Die entscheidenden physikalischen Rechengrößen – wie viele Anlagen welcher Leistungsklasse bei wie vielen Volllaststunden dafür aufgestellt werden müssen – verschweigt das Dokument komplett. Für externe Analysten besteht somit keine Möglichkeit, die Summe von 13,1 TWh seriös zu überprüfen.

Doch selbst wenn man annimmt, diese Erzeugung sei unter sinnvollen Parametern berechnet, müsste die Fachstudie valide und nachprüfbare Aussagen darüber machen, wie das Defizit von 23% ausgeglichen wird. Genau dies ist nicht der Fall – die Deckung der verbleibenden Stromlücke wird lapidar und ohne weitere Konkretisierungen unter künftig erforderlichen Importen verbucht. Woher diese verlässlichen Strommengen im europäischen Verbundnetz kommen sollen und ob deren Versorgung ganzjährig zu jedem Zeitpunkt gesichert ist, bleibt das Geheimnis der Verfasser. Falls die unausgesprochene Hoffnung wie heute auf französischen Kernkraft-Überschüssen beruht, sollte man gewarnt sein. Präsident Emmanuel Macron hat bereits im Februar 2025 auf dem KI-Gipfel in Paris die Richtung vorgegeben, dass das französische Stromangebot künftig dazu genutzt werden soll, Frankreich zu einem globalen Zentrum der Künstlichen Intelligenz auszubauen[2]. Eine steigende heimische Stromnachfrage durch Rechenzentren dürfte unweigerlich in Konkurrenz zu verfügbaren Exportüberschüssen treten, sofern die französische Erzeugung nicht entsprechend mitwächst – ganz abgesehen davon, dass auch in Frankreich die regulären Stromverbräuche durch die Anforderung der Klimaneutralität steigen werden. Wer also glaubt, unsere Nachbarn können von nun an bis in alle Ewigkeit gigantische, jederzeit gesicherte Überkapazitäten vorhalten, um die strukturelle heimische Unterdeckung auszugleichen, betreibt energiepolitische Naivität.

Gravierender noch: Die Studie ignoriert den wichtigsten Punkt der Versorgungssicherheit in einem wetterabhängigen Stromsystem völlig – die zeitliche Stabilität. Das Dokument bilanziert die Stromversorgung über Jahresenergiemengen. Stromnetze stabilisieren sich aber nicht durch ausgeglichene Jahresbilanzen, sondern dadurch, dass Erzeugung und Verbrauch zu jedem Zeitpunkt im Gleichgewicht gehalten werden. Die entscheidende Frage wird damit konsequent ausgeblendet: Was passiert während einer langen Dunkelflaute im Winter? Wenn ein Kälteeinbruch den Strombedarf hunderttausender Wärmepumpen auf absolute Rekordwerte treibt, während im Dunkeln liegende Solaranlagen und stillstehende Windräder nur sehr wenig Strom erzeugen und Batterien für derart lange Engpässe nicht ausgelegt sind? Für diesen kritischen Moment der Wahrheit liefert das Papier keinerlei Leistungsbilanz und keine Risikoabschätzung. Für 2045 lässt sich dem Diagramm entnehmen, dass der Löwenanteil der 13,1 TWh Erzeugung aus Wind und Solar geliefert werden soll. Damit hängt der weit überwiegende Teil der lokalen Jahreserzeugung von wetterabhängigen Quellen ab, deren Leistung während einer winterlichen Dunkelflaute stark absinken kann. Ein Konzept, das die harte physikalische Realität der Dunkelflaute ignoriert, macht zur Frage der Versorgungssicherheit letztlich überhaupt keine belastbare Aussage.

Noch abenteuerlicher wird die Studie bei der konventionellen Absicherung unseres Strombedarfs. Hier kommt das geplante, wasserstofffähige Gaskraftwerk in Ensdorf ins Spiel. Ob dieses jemals gebaut wird, liegt zum gegenwärtigen Zeitpunkt jedoch völlig in der Schwebe: Der Betreiber ENGIE muss in den laufenden bundesweiten Auktionsverfahren für Gaskraftwerke erst einmal einen Zuschlag erhalten.

Wirklich bizarr ist jedoch der Stromertrag, den die Studie diesem Kraftwerk andichtet: Sagenhafte 3,0 TWh – unterteilt in 0,9 TWh Spitzenlast und 2,1 TWh Mittellast – sollen im Jahr 2045 zur saarländischen Stromerzeugung beitragen. Welche installierte Leistung PwC hierfür unterstellt, wird in der Studie nicht ausgewiesen. Bei einer beispielhaft angenommenen, typischen Kraftwerksleistung von 500 MW entsprächen 3 TWh rund 6.000 Volllaststunden, das Kraftwerk würde rechnerisch also eine Jahresarbeit von fast 70 Prozent seiner maximal möglichen Erzeugung liefern. Dies ist eine mehr als fragwürdige Größenordnung – eine aktuelle Studie des Fraunhofer IEG[3]  modelliert Backup-Wasserstoffkraftwerke als Anlagen mit wenigen hundert Volllaststunden und illustriert die Kostenwirkung unter anderem für 500 Volllaststunden jährlich. Für die restliche Stillstandszeit erhalten die Betreiber eine Kapazitätsvergütung, deren Höhe Gegenstand des Auktionsverfahrens ist. Ein klassisches Spitzenlastkraftwerk mutiert hier auf dem Papier also faktisch zum Dauerläufer, der mit dem teuersten aller Energieträger – Wasserstoff – betrieben werden soll.

Dass ein solcher Dauerbetrieb mit Wasserstoff wenig realistisch ist, wissen die Studienautoren offensichtlich selbst. Die 2,1 TWh für die Mittellast haben sie verschämt hinter der winzigen Einschränkung „sofern wirtschaftlich abbildbar“ im Studientext versteckt. Die bereits erwähnte Fraunhofer-Studie entlarvt das strukturelle Problem dahinter: Die Turbinen dieser Backup-Gaskraftwerke laufen exakt dann, wenn witterungsbedingt kein grüner Wasserstoff aus Wind und Sonne produziert wird. Der teure Wasserstoff muss also aufwendig und verlustreich aus Speichern bezogen werden. Fraunhofer kommt allein für den Wasserstoffbezug eines Kraftwerks 2035 auf 26,5 bis 46 Cent pro Kilowattstunde Wasserstoff. Bei einem Wirkungsgrad der Rückverstromung von großzügig gerechneten 50 Prozent entspräche allein der Brennstoff rechnerisch bereits 53 bis 92 Cent pro erzeugter Kilowattstunde Strom, noch ohne die übrigen Kraftwerkskosten. Für die Fraunhofer-Forscher ist die Schlussfolgerung klar: „Angesichts dieser hohen Kosten ist es schwer vorstellbar, dass sich solche Kraftwerke im Energy-Only-Markt wirtschaftlich betreiben lassen.“

Damit stehen bereits 2,1 der ausgewiesenen 13,1 TWh unter einem – im Text gut versteckten – „Wirtschaftlichkeitsvorbehalt“. Genau diese Annahme eines wirtschaftlichen Mittellastbetriebs mit Wasserstoff steht jedoch in einem erheblichen Spannungsverhältnis zur derzeitigen energiewirtschaftlichen Studienlage. Die PwC Fachstudie müsste also wenigstens Argumente liefern, warum die Autoren glauben, dass eine solche Strommenge 2045 tatsächlich wirtschaftlich erzeugt werden kann. Dies tut sie jedoch nicht. Trotzdem gehen die fraglichen 2,1 TWh vollständig in die ausgewiesene lokale Stromerzeugung von 13,1 TWh ein, ohne dass dieser wichtige Vorbehalt in der Gesamtbilanz entsprechend sichtbar gemacht wird. In der Kurzfassung entfällt sogar selbst der ausdrückliche Wirtschaftlichkeitsvorbehalt vollständig.

Ob auch die Erzeugungsannahmen für Wind und Solarenergie derart künstlich aufgebläht wurden, lässt sich schlichtweg nicht überprüfen – denn wie bereits dargelegt, hüllen sich die Autoren der Fachstudie zu den grundlegenden Parametern in Schweigen.

 

Die ignorierte Kostenfalle

Als „Leitplanke #2“ formuliert die Landesregierung vollmundig „Bezahlbarkeit & Wirtschaftlichkeit. Die Energiewende müsse für Menschen und Wirtschaft finanzierbar bleiben“.

Die fachliche Validierung dieser zentralen Leitplanke kann denkbar kurz ausfallen: Die angebliche Fachstudie veröffentlicht weder eine Gesamtkostenrechnung noch eine nachvollziehbare quantitative Wirtschaftlichkeitsbewertung ihres Zielbildes.

Ein gigantisches Umbauprogramm der gesamten heimischen Wirtschaft vorzulegen, ohne auch nur den Ansatz einer volkswirtschaftlichen Kostenbetrachtung zu präsentieren, ist angesichts der zitierten Leitplanke bemerkenswert. Weder zu den künftigen Erzeugungskosten noch zu den gigantischen Netz- und Backupkosten findet sich in der Untersuchung eine belastbare Aussage. Zur Einordnung, über welche finanziellen Dimensionen wir hier sprechen: Die Unternehmensberatung McKinsey prognostiziert in einer aktuellen Studie[4] die Systemkosten des deutschen Stromsystems im Jahr 2035 auf 90 Milliarden Euro jährlich. Dies macht deutlich, in welchen realen Sphären wir uns bewegen. Eine Planung, die diese Kosten ignoriert, verdient das Etikett Wirtschaftlichkeit nicht.

 

Zu guter Letzt: Eine Berater-Kuriosität der besonderen Art

Zu guter Letzt hält das Papier noch eine Kuriosität der ganz besonderen Art bereit. Der wohl entlarvendste Moment der Studie findet sich auf Seite 25. Dort widmen die PwC-Berater dem Projekt „Power4Steel“ der heimischen Stahlindustrie einen gesonderten Exkurs und feiern die wasserstoffbasierte Umrüstung der saarländischen Primärstahlproduktion geradezu euphorisch als „Motor einer regionalen Wasserstoffwirtschaft“.

An dieser Stelle beweist die Unternehmensberatung eine geradezu bewundernswerte intellektuelle Flexibilität. Dasselbe Haus PwC kommt nämlich in seiner zeitgleich publizierten europäischen Stahlstudie[5] zu dem nüchternen Schluss, dass die europäische Primärstahlproduktion erhebliche strukturelle Kostennachteile gegenüber Standorten wie den Golfstaaten und Indien aufweist. PwC zeigt dort Szenarien mit einer deutlichen Verlagerung der Primärstahlerzeugung beziehungsweise wachsenden Importen von Eisenschwamm aus Übersee auf, um nachgelagerte Produktionsstufen in Europa zu erhalten.

Es entbehrt nicht einer gewissen Komik, wie hier je nach Auftraggeber offenbar völlig konträre Realitäten entstehen: Für den internationalen Markt analysiert PwC schonungslos die strukturellen Kostennachteile europäischer Primärstahlproduktion. Im Zielbild für den saarländischen Auftraggeber sucht man eine vergleichbar kritische Auseinandersetzung mit genau diesen Risiken des heimischen Transformationsprojekts dagegen vergeblich – vielmehr wird hier eine strukturell unwirtschaftliche Produktion zum wirtschaftlichen „Motor“.

 

Fazit: Nicht einmal zur Orientierung zu gebrauchen

Das von der saarländischen Regierung veröffentlichte Zielbild verspricht absolute Versorgungssicherheit, doch schon die wenigen methodischen Einblicke, die das Dokument gewährt, zeigen, dass dieser Anspruch nicht im Ansatz belegt wird. Ebenso werden Bezahlbarkeit und Wirtschaftlichkeit zur tragenden Leitplanke deklariert, nur um im gesamten Text dazu schlichtweg jede quantitative Aussage zu verweigern.

Dass die Autoren ihr eigenes Werk angesichts dieser eklatanten Lücken offenbar nicht zu aggressiv vermarktet sehen möchten, zeigt sich ganz am Ende der Langfassung. Dort sichert man sich vorsichtshalber ab: Das Studienergebnis „versteht sich nicht als Prognose oder als Optimierungsmodell, sondern als Orientierungsrahmen“. Das könnte man angesichts der vollmundigen Bewerbung der Landesregierung durchaus anders verstehen.

Doch wer in der Dunkelflaute auf das Prinzip Hoffnung beim Stromimport setzt, die gigantischen fortlaufenden Systemkosten komplett ausklammert und die globale Marktrealität der saarländischen Leitindustrie ignoriert, liefert nicht einmal Orientierung. Wer diesen Weg trotzdem in einem hier unfreiwillig, aber deutlich dokumentierten Blindflug weitergehen möchte, sollte sich ernsthaft fragen, ob er am Ende wirklich in einer goldenen Zukunft ankommt – oder nicht doch eher in der bereits begonnenen Deindustrialisierung und dem wirtschaftlichen Abstieg des Landes gefangen bleibt.

 

[1] Energie – Zielbild für die Energiewende im Saarland – saarland.de

[2] ‘Plug, baby, plug’: Macron pushes for French nuclear-powered AI – POLITICO

[3] Transport und Speicherung können Kosten für grünen Wasserstoff verdoppeln – Fraunhofer IEG

[4] McKinsey-Studie: 90 Milliarden Euro Systemkosten – deutsche Strompreise bleiben strukturell hoch | McKinsey

[5] PwC-Studie 2026: Die Zukunft der Stahlwirtschaft in Europa – PwC

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