Kolumne von Marco Wirbel

Demokratie braucht Räume

Symbolbild

Wir reden viel über Demokratie.

Darüber, dass sie unter Druck steht. Darüber, dass der Ton in unserer Gesellschaft rauer wird. Darüber, dass Menschen einander immer weniger zuhören und politische Diskussionen zunehmend zu Auseinandersetzungen werden, bei denen es nicht mehr darum geht, gemeinsam nach Lösungen zu suchen.

Aber vielleicht reden wir zu wenig darüber, wo Demokratie eigentlich stattfindet.

Demokratie findet nicht nur im Bundestag oder im Landtag statt. Sie findet dort statt, wo Menschen miteinander sprechen. Wo unterschiedliche Meinungen aufeinandertreffen. Wo jemand widerspricht und trotzdem gehört wird. Wo Menschen ihre Interessen vertreten können. Und vor allem dort, wo Menschen nicht das Gefühl bekommen, dass über sie entschieden wird, ohne dass sie selbst zu Wort kommen.

Genau deshalb beschäftigt mich die Soziale Arbeit.

Denn wer wissen möchte, wie es einer Gesellschaft wirklich geht, sollte dorthin schauen, wo ihre Brüche zuerst sichtbar werden.

Zu Menschen, die von Armut betroffen sind. Zu Menschen mit Behinderungen. Zu Kindern und Jugendlichen. Zu Menschen, die Unterstützung brauchen. Zu Menschen, die gesellschaftlich weniger gehört werden. Und zu den Fachkräften, die jeden Tag mit diesen Menschen arbeiten.

Soziale Arbeit ist deshalb weit mehr als Hilfe im Einzelfall.

Sie ist eine menschenrechtsorientierte Profession. Sie beschäftigt sich mit Würde, Selbstbestimmung, sozialer Gerechtigkeit und Teilhabe.

Und genau hier kommt der VPSA – die Vereinigung der Profession Soziale Arbeit e. V. ins Spiel.

Der VPSA möchte ein Ort sein, an dem die Profession über sich selbst und über die Gesellschaft sprechen kann. Ein Ort, an dem Wissenschaft und Praxis zusammenkommen, an dem Fachlichkeit zählt und an dem auch unbequeme Fragen gestellt werden dürfen.

Dabei geht es nicht darum, allen dieselbe Meinung zu geben.

Im Gegenteil.

Ich glaube, wir brauchen gerade Räume, in denen unterschiedliche Meinungen ausgehalten und diskutiert werden können – ohne dass daraus automatisch persönliche Feindschaften entstehen.

Der VPSA ist parteipolitisch unabhängig. Das bedeutet aber nicht, dass er keine Haltung hat.

Denn wer sich zu Menschenrechten bekennt, kann nicht neutral sein, wenn Menschen aufgrund ihrer Herkunft, ihres Geschlechts, ihrer Religion, ihrer sozialen Lage oder durch gesellschaftliche Barrieren abgewertet, benachteiligt oder von Teilhabe ausgeschlossen werden.

Das zeigt sich ganz konkret im Grundsatzpapier des VPSA zu Demokratie, Menschenrechten und Menschenfeindlichkeit.

Darin geht es nicht nur um ein Bekenntnis zur Demokratie. Es geht um die Frage, was Demokratie im Alltag bedeutet: Teilhabe, Selbstbestimmung, soziale Sicherheit und die Möglichkeit, die eigene Stimme einzubringen.

Besonders wichtig finde ich dabei einen Gedanken: Haltung braucht Selbstreflexion.

Nicht nur die anderen müssen sich fragen lassen, ob sie Menschen ausgrenzen. Auch wir selbst müssen immer wieder prüfen, wo wir Vorurteile reproduzieren, wo wir über Menschen statt mit ihnen sprechen oder wo wir fachliche Argumente durch politische Zuschreibungen ersetzen.

Das ist nicht immer bequem.

Aber vielleicht braucht Demokratie genau das: Menschen und Organisationen, die bereit sind, sich selbst zu hinterfragen.

Auch die Saarlouiser Erklärung des VPSA steht für diesen Anspruch. Sie verbindet Fragen von Inklusion, Selbstbestimmung und Teilhabe mit einem klaren Bekenntnis zu Menschenrechten, Solidarität und gesellschaftlichem Zusammenhalt.

Und dann ist da der Fachtag 2026.

„Gesellschaftliche Transformation“ lautet sein Thema.

Schon diese beiden Worte beschreiben ziemlich gut, warum wir solche Räume brauchen. Unsere Gesellschaft verändert sich. Migration, Digitalisierung, Klimawandel, soziale Unsicherheit, steigende Lebenshaltungskosten, eine sich verändernde Arbeitswelt und politische Polarisierung stellen uns vor Herausforderungen, auf die es keine einfachen Antworten gibt.

Was bedeutet dieser Wandel für die Menschen?

Was bedeutet er für die Soziale Arbeit?

Und welche Verantwortung trägt eine Profession, die täglich dort arbeitet, wo gesellschaftliche Veränderungen unmittelbar ankommen?

Der Fachtag will Wissenschaft, Lehre und Praxis miteinander ins Gespräch bringen. Nicht, um am Ende eine einzige richtige Antwort zu präsentieren. Sondern um gemeinsam besser zu verstehen, was passiert.

 

Genau das ist für mich der Wert des VPSA.

Er will nicht für Menschen sprechen. Er will Räume schaffen, in denen Menschen selbst sprechen können.

Und vielleicht ist das gerade heute wichtiger denn je.

Wir erleben eine Zeit, in der es leicht ist, sich in der eigenen Meinung einzurichten. Wir kommunizieren schneller, aber nicht unbedingt besser. Wir haben mehr Möglichkeiten, unsere Meinung zu verbreiten, aber manchmal weniger Bereitschaft, anderen wirklich zuzuhören.

Ich glaube deshalb, dass wir wieder mehr Räume brauchen.

Räume für fachlichen Austausch.

Räume für Widerspruch.

Räume für Begegnung.

Räume, in denen wir uns nicht gegenseitig überzeugen müssen, aber gemeinsam versuchen können, einander zu verstehen.

Der VPSA möchte einen solchen Raum schaffen.

Aber Räume entstehen nicht von allein.

Sie brauchen Menschen, die ihre Zeit investieren. Menschen, die Ideen einbringen. Menschen, die Veranstaltungen organisieren, Texte schreiben, diskutieren, widersprechen, zuhören und Verantwortung übernehmen.

Und sie brauchen manchmal auch finanzielle Unterstützung.

Wer die Arbeit des VPSA unterstützen möchte, kann Fördermitglied werden und damit dazu beitragen, dass diese Arbeit langfristig möglich bleibt.

Und wer einfach im Alltag etwas beitragen möchte, kann über „Shoppen und Spenden“ bei teilnehmenden Online-Shops einkaufen und dabei den VPSA unterstützen – ohne dass der eigene Einkauf dadurch teurer wird.

Vielleicht muss Unterstützung aber auch gar nicht mit einer großen Entscheidung beginnen.

Vielleicht beginnt sie mit Neugier.

Mit dem Besuch eines Fachtags.

Mit einem Gespräch.

Mit einer Frage.

Mit der Bereitschaft, sich einzumischen.

Denn ich glaube mittlerweile: Demokratie ist nicht nur etwas, das wir verteidigen müssen. Demokratie ist etwas, das wir immer wieder gemeinsam herstellen müssen.

Und dafür brauchen wir Menschen.

Wir brauchen Fachkräfte, die Haltung zeigen.

Wir brauchen Menschen, die widersprechen, wenn andere ausgegrenzt werden.

Wir brauchen Menschen, die zuhören, wenn es unbequem wird.

Und wir brauchen Orte, an denen all das möglich ist.

Der VPSA möchte ein solcher Ort sein.

Vielleicht ist es an der Zeit, ihn kennenzulernen.

Vielleicht ist es an der Zeit, mitzumachen.

Denn am Ende braucht Demokratie nicht nur gute Ideen.

Sie braucht Menschen, die etwas daraus machen.

 

https://www.vpsa-ev.de/professionstreff-2026

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