Die Bürgerinitiative „Missionshaus – Zukunft mit Weitblick“ unterstützt zwar grundsätzlich die Sanierung und Nutzung der bestehenden Gebäude am St. Wendeler Missionshaus, stellt sich jedoch gegen die geplanten Neubauten auf den angrenzenden Grünflächen. Die Initiative bemängelt vor allem das Fehlen einer öffentlich einsehbaren Bedarfsanalyse für zusätzlichen Wohnraum.
„Wir stellen nicht den Erhalt des Missionshauses infrage, sondern die geplante überdimensionierte Neubebauung und die bislang fehlende belastbare Datengrundlage“, betont Sprecher Anton Stier. Die Initiative kritisiert, dass die SG Strukturholding als Investor umfangreiche Neubauten auf den Naturgrundstücken rund um das Missionshaus plane, ohne dass der tatsächliche Wohnraumbedarf nachgewiesen sei. Ein entsprechender Antrag auf Vorlage einer Bedarfsanalyse war laut Bürgerinitiative in der Stadtratssitzung vom 26. Mai 2025 von der CDU-Fraktion abgelehnt worden.
Besondere Sorge bereitet der Initiative die demografische Entwicklung der Kreisstadt. Laut Prognosen der Statistischen Ämter des Bundes und der Länder soll die Bevölkerung St. Wendels bis 2045 um 13,7 Prozent zurückgehen. Bei derzeit etwa 9.300 Einwohnern in der Kernstadt müssten über tausend neue Bürger gewonnen werden, nur um den heutigen Stand zu halten. Gleichzeitig verweist die Bürgerinitiative auf bereits vorhandene Bauflächen und Baulücken sowie die Neubaugebiete Abendstall, Lanzenberg und Sportplatz Alsfassen.
Die Initiative warnt vor erheblichen Folgekosten für die Stadt durch neue Erschließungsmaßnahmen, Kanalbau, Regenrückhaltebecken und weitere technische Infrastruktur. Zudem würden wichtige Natur- und Freiflächen verloren gehen und Frischluftschneisen beeinträchtigt. „Nach unserer Auffassung müssen belastbare Untersuchungen zu Wohnraumbedarf, Standortfaktoren und Entwicklungsperspektiven vorgelegt werden, bevor weitreichende Ausbau- und Vermarktungspläne verfolgt werden“, fordert Stier.
Als Positivbeispiel nennt die Initiative die Stadt Tübingen, wo neue Wohnprojekte gezielt innerhalb bestehender Strukturen realisiert würden. Dies nutze die vorhandene Infrastruktur effizient und begrenze zusätzliche Belastungen für Natur und öffentliche Haushalte.
Um neue Einwohner für St. Wendel zu gewinnen, müssten aus Sicht der Bürgerinitiative vor allem die Standortfaktoren verbessert werden: moderne Bildungsangebote, leistungsfähige Infrastruktur und eine transparente Verwaltung. „Gerade deshalb ist aus Sicht der BI schwer nachvollziehbar, dass bei zentralen Infrastrukturprojekten wie der Nikolaus-Obertreis-Schule seit Jahren keine tragfähige Lösung umgesetzt wurde. Genau solche Themen sind für Familien und potenzielle Neubürger entscheidend“, kritisiert Stier.
Auch die Verwaltungspraxis stößt auf Kritik: Sitzungsprotokolle könnten nur nach Terminvereinbarung im Rathaus eingesehen und abfotografiert werden, das Bürgerinfoportal enthalte kaum über Tagesordnungen hinausgehende Informationen. Dies entspreche nicht den Standards einer modernen Verwaltung.
Die Bürgerinitiative plädiert für eine Stadtentwicklung, die auf Innenentwicklung und die Nutzung von Brachflächen setzt, wie es auch der Landesentwicklungsplan vorsehe. „Zukunftspolitik darf nicht aus Schlagworten und Wunschdenken bestehen. St. Wendel braucht ehrliche Analysen, nachhaltige Konzepte und nachvollziehbare Entscheidungen mit echtem Weitblick“, fasst Stier zusammen.
Die parteipolitisch unabhängige Initiative wird nach eigenen Angaben von hunderten Bürgern unterstützt und ist Mitglied im Bundesbündnis Bodenschutz. Sie setzt sich für Bodenschutz, Innenentwicklung, Klimaresilienz und den Erhalt von Landschafts- und Erholungsräumen ein.





