Ein Meinungsbeitrag zur energiepolitischen Debatte um Cattenom

Gastkommentar: Ausbau von Cattenom – eine Chance für Lothringen und das Saarland

Die deutsche Energiewende, einst in Politik und Medien als globaler Exportschlager bejubelt, offenbart zunehmend ihre gewaltigen Probleme. Die Deindustrialisierung ist längst keine abstrakte Warnung mehr, sondern zeigt sich in täglichen Meldungen über Industrieabwanderung und Produktionskürzungen.  Die unzuverlässige Einspeisung von Wind- und Sonnenenergie, gepaart mit den im internationalen Vergleich viel zu hohen Systemkosten dieser Form der Stromerzeugung, zeigt überdeutlich: Der ideologische Verzicht auf eine verlässliche und wetterunabhängige Erzeugung treibt den Industriestandort Deutschland in die Enge. Im Saarland sorgen sich Politik, Stahlindustrie und Gewerkschaften außerdem um die Zukunft der Stahlindustrie, die auf dem globalen Markt unter den Vorzeichen der deutschen Energiewende offenkundig nicht mehr konkurrenzfähig ist. Wer angesichts dieser Realitäten an einem wettbewerbsfähigen Industrieland festhalten will, muss sich den physikalischen Fakten stellen. Die Unverzichtbarkeit einer gesicherten Erzeugung in einem modernen Energiesystem ist nicht länger eine theoretische Debatte – sie ist eine ökonomische Notwendigkeit, die von immer mehr Ländern erkannt und durch weitreichende internationale Vereinbarungen, wie etwa die wegweisende Erklärung von über 20 Staaten auf der Weltklimakonferenz COP28 zur Verdreifachung der nuklearen Kapazitäten, aktiv umgesetzt wird.

Lothringen macht es vor: Die Forderung der Wirtschaftsverbände

Während hierzulande der fatale und international mit Kopfschütteln quittierte Ausstieg aus der Kernkraft verwaltet wird, blickt man im benachbarten Département Moselle nach vorn. Gleich fünf mächtige Wirtschaftsverbände, darunter die Industrie- und Handelskammer sowie die Union der Metallindustrie (UIMM), werben in Paris vehement für den Bau neuer Druckwasserreaktoren der EPR2-Generation in Cattenom[1]. Der Hintergrund ist eine strategische Weichenstellung der französischen Regierung, die aktuell Standorte für eine zweite Welle von acht zusätzlichen Reaktoren evaluiert, die zwischen 2030 und 2040 ans Netz gehen sollen. Für die lothringische Wirtschaft ist die Gleichung simpel: Ein solches Milliardenprojekt bedeutet Reindustrialisierung, zehntausende Arbeitsplätze und die Sicherung langfristiger Energiesouveränität. Es ist ein massives Konjunkturprogramm für die gesamte Grenzregion, von dem auch das Saarland und saarländische Fachkräfte profitieren könnten.

Profiteur Saarland: Die Chance für Energie und die Stahlindustrie

Was auf den ersten Blick wie ein reines Thema für die französischen Nachbarn wirkt, ist in Wahrheit eine Überlebensfrage für das Saarland. Es geht um unsere Arbeitsplätze, unseren Wohlstand und die Zukunft unserer wichtigsten Industriezweige. Um das zu verstehen, muss man sich zwei zentrale Baustellen anschauen: die Stromversorgung und den Wasserstoff.

Nehmen wir zunächst die Stromversorgung: Wir alle kennen das ungelöste Problem der sogenannten „Dunkelflauten“ im Winter oder – in diesem Jahr besonders dramatisch zutage getreten – der „Hitzeflauten“ im Sommer: Tage oder sogar Wochen, an denen weder der Wind weht noch die Sonne ausreichend scheint, um unseren Bedarf zu decken. In diesen Phasen drohen extreme Preissprünge und eine wacklige Netzstabilität. Genau hier wirkt die französische Kernkraft direkt vor unserer Haustür wie ein riesiger, verlässlicher Anker. Sie liefert rund um die Uhr stabilen Strom, sichert unser Stromnetz in Krisenmomenten ab und drückt in Situationen versagender erneuerbarer Erzeugung die stark steigenden Strompreise nach unten. Eine sichere und bezahlbare Stromversorgung ist für das Saarland als Industrieregion schlicht unverzichtbar.

Noch dramatischer ist die Lage beim Vorzeigeprojekt des „Grünen Stahls“: Die saarländische Stahlindustrie (SHS) möchte klimaneutral werden, aber hierfür benötigt sie gigantische Mengen an Wasserstoff. Die bittere Realität ist jedoch: Die drei großen saarländischen Wasserstoff-Projekte – die geplanten Elektrolyseure in Fenne, Saarlouis und Perl – liegen nach dem derzeitigen Informationsstand faktisch aufgrund der Hürden der deutschen Energiewende auf Eis. Die groß angekündigte Eigenproduktion von grünem Wasserstoff fällt also absehbar aus,  weil sie nicht wirtschaftlich betrieben werden kann. Die einzig verbliebene, realistische Option für die saarländischen Stahlkocher ist der Import von Wasserstoff aus dem benachbarten französischen Carling. Und wie wird dieser Wasserstoff dort verlässlich, in rauen Mengen und bezahlbar hergestellt? Mit französischem Strom auf Kernkraftbasis.

Die Quintessenz ist unumstößlich: Wenn der Grüne Stahl im Saarland eine echte ökonomische Perspektive haben soll und wir die Tausenden Arbeitsplätze in unserer Stahlindustrie langfristig sichern wollen, dann kann dies derzeit nur in einer engen Allianz mit der französischen Kernkraft erfolgen.

Der Ausbau in Cattenom ist deshalb für das Saarland keine Bedrohung, sondern nach dem unverantwortlichen Kernkraftausstieg in Deutschland die derzeit einzige realistische Chance.  Wenn langfristig Wasserstoff aus Carling den Fortbestand der saarländischen Stahlindustrie sichern soll, muss man daraus auch energiepolitische Konsequenzen ziehen.

Ideologie statt Fakten: Die Mythen der Anti-Kernkraft-Lobby

Natürlich rufen derlei Überlegungen sofort die unvermeidlichen Reflexe aus der Anti-Kernkraft-Ecke hervor. Ein bezeichnendes Beispiel lieferte dabei die ehemalige Grünen-Bundesvorsitzende Simone Peter, die auf LinkedIn mit Verweis auf angebliche Hitze-Probleme und einen längst überholten Stresstest von 2011 gegen Cattenom polemisierte[2]: Die Kernkraft sei „vorgestrig“ und gehöre nicht zu einem „smarten erneuerbaren Energiesystem“ – also dem System, das Deutschland gerade mit Volldampf in die Deindustrialisierung treibt.

Die Argumente dieser Blase sind jedoch einfach zu widerlegen: Cattenom wird wie alle französischen Kernkraftwerke tiefgreifenden Revisionen unterworfen und hat nach umfassenden und fortlaufenden Nachrüstungen stets die Genehmigung für den weiteren sicheren Betrieb erhalten. Zudem ist es an sich schon abstrus, veraltete Bedenken gegen bestehende Anlagen auf die völlig neu konzipierte EPR2-Baureihe zu übertragen. Auch bei dem von Frau Peter bemühten Sommer-Argument macht die Realität schlichtweg nicht mit: Wie der schwedische Energieexperte Staffan Reveman in einer LinkedIn-Erwiderung[3] treffend aufzeigte, verzeichnete Cattenom selbst im Sommer 2026 zum Zeitpunkt von Peters Beitrag weder hitzebedingte Stillstände noch Leistungsdrosselungen.

Während deutsche Kernkraftgegner das Ausmaß hitzebedingter Leistungsdrosselungen französischer Kernkraftwerke immer wieder grotesk überzeichnen, haben diese gerade in diesem Sommer wieder zuverlässig Strom nach Deutschland geliefert, wenn deutsche Solar- und Windstromanlagen in den sommerlichen Hitzeflauten immer wieder nahe am Totalausfall standen.

Wie Reveman treffend resümiert: „Vielleicht ist nicht Cattenom ‚vorgestrig‘. Vielleicht ist es vielmehr die fatale Vorstellung, eine moderne Industriegesellschaft könne ihre verlässliche Stromversorgung nach dem Wetterbericht organisieren.“ Hier offenbart sich stets eine ideologisch engstirnige Agenda, die verantwortungsbewusste Politiker abschütteln und ignorieren müssen.

Fazit:

Die saarländische Politik steht an einem Scheideweg. Sie sollte sich im Interesse der Zukunft des Landes nicht länger von aktivistischer Desinformation treiben lassen. Es gilt, die Chancen, die die energiepolitischen Weichenstellungen Frankreichs bieten, mutig und pragmatisch im Sinne der saarländischen Zukunft zu nutzen.

Hierzu gehört aber auch, dass man in Deutschland die Energiepolitik grundlegend überdenken muss. Niemand kann uns die Garantie geben, dass Länder wie Frankreich oder Schweden in Zukunft immer und immer wieder die Rolle des Krisenversicherers der fatalen deutschen Energiewende annehmen werden.

Es wäre vor diesem Hintergrund geboten, wenn sich auch die saarländische Wirtschaft und ihre Spitzenverbände in dieser Frage sehr klar positionieren und den Kurs der lothringischen Wirtschaftsverbände für neue Reaktoren aktiv unterstützen. Es ist auch für das Saarland eine große Chance und vor allem eine Rückkehr zur Vernunft.

[1] Les entreprises de Moselle militent pour l’installation de nouveaux réacteurs EPR2 à Cattenom | Moselle-NORD.info

[2] https://www.linkedin.com/posts/simone-peter-783591255_atomenergie-cattenom-share-7486848576170565633-aunB/

[3] https://www.linkedin.com/posts/staffan-reveman-a4168325_frau-simone-peter-b%C3%BCndnis-90die-gr%C3%BCnen-ruft-share-7487051767503814656-Gyv0/

 

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