„DIESER PLANET BRAUCHT UNS NICHT, WIR ABER IHN!“

Zieht euch warm an, es wird heiß! – ARD-Wettermann Sven Plöger in Hasborn

Sven Plöger bei seinem gestrigen Vortrag in Tholey-Hasborn (Foto: Karin Schüßler)
Sven Plöger bei seinem gestrigen Vortrag in Tholey-Hasborn (Foto: Karin Schüßler)

Sven Plöger: „Wenn eine 4 Grad kältere Welt mit unserer heutigen Welt nichts zu tun hat, dann hat auch eine 4 Grad wärmere Welt mit unserer heutigen Welt nichts mehr zu tun. Dann ist unsere Erde unbewohnbar! PUNKT!“

Am Donnerstagabend (15.12.22) begeisterte der ARD Wetterexperte, Sven Plöger, in der Kulturhalle in Hasborn-Dautweiler das Publikum mit seinem aktuellen Vortrag „Zieht euch warm an, es wird heiß“.

Wenn Sven Plöger kein Diplom-Meteorologe, Autor und Wettermoderator geworden wäre, könnte er sein Publikum alleine schon mit seinem ihm eigenen Witz und Charme in den Bann ziehen. Und so packte er – auch mit warnenden Worten – die Brisanz unserer Klimakrise in ein „verdauliches Paket“, ohne die Dringlichkeit der Thematik herunterzuspielen. Dieser Bericht soll dazu beitragen, die für uns alle überaus wichtigen Informationen und Lösungsansätze auch denjenigen zur Verfügung zu stellen, die Sven Plöger nicht live erleben konnten.

Bereits 1990 warnte die Presse vor den Folgen einer sich abzeichnenden Klimaveränderung. Schon vor 30 Jahren wurden Wetterszenarien vorausgesagt, mit denen wir uns heute konfrontiert sehen: mehr Hitze, Dürre, Temperaturen über 40 Grad, Waldsterben und Waldbrände, Starkregen und Überschwemmungen. Und wenn Sven Plöger auf den ehemaligen Wissenschaftsjournalisten Hoimar von Ditfurth zu sprechen kommt, dann wird bekannt, dass dieses Wissen um die drohende Klimakatastrophe bereits vor mehr als 40 Jahren thematisiert worden war. Was bedeutet dies? Zitat Plöger: „Das Wissen ist über lange Zeit groß, das Handeln ist aber über lange Zeit klein.“ Eine Ursache dafür ist, dass das Übermaß an Teilinformationen aus vielerlei Quellen den Menschen überfordert und letztendlich eher lähmt als zu aktivem Handeln anspornt.

Im Jahre 2015 wurde im Rahmen der Weltklimakonferenz COP 21 in Paris verbindlich festgelegt, dass die 1,5 Grad Klimaerwärmung (in Bezug auf die Durchschnittstemperaturen vor der Industrialisierung zwischen 1850 und 1900) nicht überschritten werden sollen. Leider folgte kaum Umsetzung und die quasi unumgängliche Konsequenz des Ausstieges aus den fossilen Energien zum Erreichen der 1,5 Grad Marke als maximaler Temperaturanstieg wurde nie fixiert. Die Weltklimakonferenzen sind UN-Veranstaltungen mit 190 Mitgliedsstaaten, die einstimmig für eine Abschlusserklärung unterzeichnen müssen. Das System dieser Abstimmung der Einstimmigkeit ist fragwürdig und unter dieser Prämisse zum Scheitern verurteilt. Immerhin ist positiv zu verzeichnen, dass ein Fonds für den globalen Süden (ehemals Dritte Welt Länder genannt) aufgelegt wird, der es geschädigten Staaten ermöglicht, zins- und rückzahlungsfrei Gelder zu erhalten, um die aufgrund von Klimaveränderungen entstandenen Schäden ausgleichen zu können.

Der Klimawandel ist ein schleichender Prozess und dadurch gewöhnen wir uns peu á peu an die witterungsbedingten Veränderungen. Unsere Natur schafft das allerdings nicht. Bis Ende dieses Jahrhunderts ist prognostiziert, dass der Meeresspiegel um einen Meter steigt. Hiervon betroffen sind ca. 180 Mio. Menschen, die ihr Domizil verlassen müssen. Neue Flüchtlingsströme und neue Konfliktherde werden entstehen. Da sich derzeit nicht nur die Klimakrise mit ihren Auswirkungen in den Vordergrund schiebt, sondern gleichzeitig der Krieg in der Ukraine mit seinen Folgen, die Energiekrise sowie das Leben mit einem neuen Virus uns alle akut beschäftigt, fehlt sowohl die Zeit als auch die Energie, die jeweiligen Krisen parallel zu managen, innerlich zu verarbeiten oder gar zu lösen.

Aber die Konsequenzen des stark gestiegenen CO2 Ausstoßes bleiben und die Erde erwärmt sich weiterhin, dies jedoch unterschiedlich stark in verschiedenen Regionen dieser Erde. Dadurch ändern sich die globalen Strömungsverhältnisse, die bewirken, dass sich das Wetter langfristig ändert und dies auch in unserer Region. Tatsächlich bewirkt der Anstieg der Durchschnittstemperatur weltweit um 1 Grad eine Erhöhung des Wasserdampfvolumens um 7 % in unserer Atmosphäre. Wer nun denkt, dass wir dementsprechend mehr Regen verzeichnen können, sollte beachten, dass unsere Erde zu ca. 70 % mit Wasser bedeckt ist und durch die veränderten Strömungsverhältnisse nicht unbedingt der Regen da ankommt, wo er dringend gebraucht wird, sondern – Zitat: S. Plöger: „buchstäblich in’s Wasser fällt“.

Unwetter gab es immer schon, aber laut Herrn Plöger ist die Wahrscheinlichkeit solcher Unwetter um den Faktor 1,2 bis 9 gestiegen (s. Überschwemmungen im Ahrtal). Gehen wir von dem niedrigsten Wert 1,2 aus, bedeutet dies schon, dass das Risiko, von solchen Wetterphänomenen tangiert zu werden, um 20 % gestiegen ist. Anmerkung der Redaktion: s. Tornado im Landkreis St. Wendel im November dieses Jahres.

Zitat S. Plöger: „WIR SIND OPFER UND TÄTER ZUGLEICH!“

In 2022 wurden extrem hohe Temperaturen gemessen. Am nördlichen Polarkreis stieg das Thermometer nachts im Juni bei Mitternachtssonne auf 33,8 Grad, in London stieg das Thermometer zum ersten Mal auf mehr als 40 und in Pakistan im März/April auf 50 Grad. Auch die Erhöhung der Temperaturen im Sommer in Deutschland führte zu vermehrten Dürren mit Folgen für die Landwirtschaft, für die Wälder, unser Grundwasser und die Gletscher in den Alpen. Die Gletscherschmelze in den Alpen führt zu Gletscherabbrüchen, Wasserverlusten, Gesteinsabbrüchen und -lawinen, weil unsere Berge vom Permafrost zusammengehalten werden, dieser aber schmilzt. Die Alpen zerbröckeln. Almhütten, die auf Permafrost gebaut sind, sacken plötzlich ab, Wanderwege werden geschlossen, weil Steinschlag droht.

Zitat S. Plöger: „Ich kenne keine Eltern, die zu ihren Kindern sagen: ‚Dir soll es später mal schlechter gehen als mir!‘ Wir machen im Moment alles, dass dies eintrifft.“

220 Billionen Liter Wasser fließen jedes Jahr als Schmelzwasser aus den Alpen. 60 % des Wassers, das der Rhein im Sommer führt, stammt aus dem Alpenraum. Die inneralpinen Gletscher hatten alle Hochwasser aufgrund der hohen Temperaturen. Trockenheitsbedingt war der Rheinpegel in diesem Jahr sehr niedrig. Die Gletscher müssen sich im Winter wieder auftanken. Wenn sie verschwinden, können sie uns kein Wasser mehr liefern. Bei 1,7 Grad globaler Erwärmung bleiben 40 % der Gletscher in den Alpen bis zum Ende dieses Jahrhunderts erhalten, 50 % sind schon verschwunden. Bei 2,1 Grad Erwärmung sind alle Gletscher bis zur Jahrhundertwende verschwunden! Dies machen nur 0,4 Grad aus…

Sven Plöger ging auf politische Fehlentscheidungen ein, vor allem auch auf das Billiggas aus Russland, wodurch die Dringlichkeit politischen Handelns in Richtung Ausbau der Erneuerbaren Energien über lange Zeit in den Hintergrund geriet. Argumentiert wurde lange Zeit mit dem Argument, wir nutzen vorübergehend Brückentechnologien (in diesem Fall das russische Gas). Hier zitierte Herr Plöger auch sinngemäß Wolfgang Schäuble, der so ehrlich war, in einem kürzlich geführten Interview in den Tagesthemen zuzugeben, dass von politischer Seite her schlichtweg zu wenig getan worden ist. Lange Zeit wurde schöngeredet, die Brisanz der Klimaproblematik verniedlicht.

Und all denjenigen, die für die Atomkraft als emissionsfreie Alternative plädieren, kontert Sven Plöger mit einem einzigen Argument: Rheinwasser. Denn wie bekannt ist, musste Frankreich aufgrund der Niedrigpegel und zu hoher Temperaturen der französischen Flüsse (28 – 30 Grad) deutschen Strom kaufen. Es wird sehr viel Aufhebens gemacht um die Atomenergie in unserem Land. Herr Plöger erklärt, dass der jetzige Energiegewinn aus Atomkraft lediglich 3 % an der gewonnenen Gesamtenergie ausmacht und dass in Hochphasen der Kernenergie dieser Anteil nie höher als bei 6 % lag! Hier verdeutlicht er wieder die große Gefahr des Schönredens, das uns allen das Gefühl gibt, „alles nicht so schlimm“ bzw. „wir haben noch Zeit“.

Das Nordpoleis schmolz innerhalb von 33 Jahren seit 1979 um das Zehnfache der Größe unserer Bundesrepublik Deutschland, nämlich 3,3 Mio km². Eis reflektiert die Sonneneinstrahlung in das Weltall mit der Folge der Abkühlung unseres Planeten. Je mehr Gletscher- und Polareis schmilzt, desto mehr erhitzt sich unser Planet auf. Das Fatale ist, dass sich die Arktis schneller erwärmt (+ 3,3 Grad) als die durchschnittliche globale Temperatur (+1,2 Grad). Dadurch verändert sich der Jetstream in 10 km Höhe, der in der Vergangenheit in unserem Land für wechselhaftes Wetter sorgte. Wenn sich der Temperaturunterschied zwischen den nördlichen Breiten und dem Äquator verringert, bedarf es weniger ausgleichender Strömungen und der Jetstream nimmt drastisch ab. Dies hat zur Folge, dass die Hochs oder Tiefs sich nicht bewegen wie zuvor, sie bleiben lange an der gleichen Stelle in der Atmosphäre. So spielte der langsam gewordene Jetstream auch eine große Rolle im Ahrtal.

Stand 2021 liegt die Erhöhung der globalen Temperatur bei 1, 2 Grad (Europa 2,2 Grad, Arktis 3,3 Grad). Das Ziel, das gemäß Pariser UN-Klimakonferenz eingehalten werden soll, liegt bei 1,5 Grad. Wo stehen wir aktuell? Sven Plöger: „Alles, was wir im Moment machen, läuft auf 2,7 Grad Temperaturerhöhung global hinaus. Hierbei wird eine Ungenauigkeit miteinkalkuliert, so dass sich die Spanne zwischen 2 und 3,6 bewegt. Bei 2,1 Grad Temperaturerhöhung sind schon alle Gletscher weg.“ Sven Plöger verzichtet ganz bewusst darauf, Horrorszenarien aufzuzeigen, die bei einem Anstieg von 4 Grad globaler Temperatur auf die Menschheit zukommen würden. Ihm ist es wichtig, apokalyptische Aussichten zu vermeiden, damit keine Depression sich ausbreitet, die jegliches Handeln als aussichtslos einstuft.

Gehen wir nun einmal 4 Grad zurück nach der letzten Eiszeit vor 11.000 Jahren. Alle Täler waren voller Eis, die Schweiz und Österreich unbewohnbar. Ich zitiere Sven Plöger: „Berlin – in einer vier Grad kälteren Welt – 500 m unter Eis, Skandinavien – 2 bis 3 km unter Eis, New York – 1,5 km unter Eis. Diese Welt ist unbewohnbar!“

Sven Plögers Fazit: „Wenn eine 4 Grad kältere Welt mit unserer heutigen Welt nichts zu tun hat, dann hat auch eine 4 Grad wärmere Welt mit unserer heutigen Welt nichts mehr zu tun. Dann ist unsere Erde unbewohnbar! PUNKT!“

Kipppunkte oder „Point of no return“

Was bedeuten die sogenannten Kipppunkte? Wenn ein Kipppunkt erreicht ist, ist eine Umkehr zu dem vorherigen Zustand nicht mehr erreichbar. Beispiel: Der Amazonas Regenwald als CO2 Speicher: Der Amazonas Regenwald versorgt sich zu 75 % selber mit Wasser. Wenn dies aber nicht mehr möglich ist, weil zu viel Wald abgeholzt wurde, wird ein Kipppunkt erreicht. Dies bedeutet aktuell: Wenn wir nur noch ca. 5 weitere Prozent des Regenwaldes abholzen, ist der Kipppunkt erreicht und aus dem Regenwald wird eine Savanne.

Unser Gehirn agiert wider besseren Wissens

Idiotien unseres Alltags (Anmerkung der Redakteurin): Sie fahren in München für 70 € mit dem Taxi zum Flughafen, um anschließend mit einem Flugticket im Wert von 29 € nach Hamburg zu fliegen. So lange solche Angebote bestehen und sich nichts Grundsätzliches ändert, kommen wir im Klimathema nicht weiter. Herr Plöger schlägt vor, den Preis für Fahrkilometer (Beispiel Taxi) dem Preis für Flugkilometer anzupassen mit dem Resultat, dass mehr Reisende die Bahn nutzen werden.

Wie kommen solche nicht nachvollziehbare Regelungen und Handlungen, auch kognitive Dissonanzen genannt, zustande? Hier geht Sven Plöger auf unser Gehirn ein, das wider besseren Wissens agiert. Im Jahre 2019, als Fridays for Future sich gruppierte, wurde Klimaschutz in jeder Sendung, jeder Zeitung, in vielen Podcasts thematisiert. Klimaschutz war quasi in jedermanns Munde. Auch global betrachtet, fand das Thema Klima viel mehr Beachtung als je zuvor. Gleichzeitig wurden 2019 so viele Flüge und Kreuzfahrten wie nie zuvor gebucht, es wurde mehr Plastikmüll als je zuvor produziert und in Deutschland wurden so viele SUVs wie nie zuvor zugelassen.

Deutschland emittiert jährlich pro Kopf 9 Tonnen CO2, der Chinese 7,5 Tonnen, der Inder 2,2 Tonnen, ein Einwohner in Burundi (Staat in Ostafrika) 0,03 Tonnen – Deutschland ist auf Platz 6 von 194 Ländern als trauriges Vorbild, wie es nicht sein sollte. Rechnen wir nun all die Produkte hinzu, die CO2 lastig in China produziert und von Deutschland importiert werden – welchen Platz würden wir dann einnehmen?

Ein großes Problem in Deutschland ist der starre Bürokratieapparat. Wenn einerseits gesagt wird, wir haben noch 3 bis 5 Jahre Zeit, die Welt zu retten, die Bearbeitung der Beantragung eines neuen Windrades aber 8 bis 15 Jahre lang dauert…?

Hoffnungsträger Tony Rinaudo

Nun aber zu einem Menschen, der Hoffnung macht und Vorbild sein kann: Tony Rinaudo, ein australischer Agrarwissenschaftler, der den Alternativen Nobelpreis erhielt für ein Wiederaufforstungsprojekt in der Sahelzone mittels einer besonderen Technik, die im Internet nachzulesen ist. Er schaffte es, mit seinem Team 200 Mio neue Bäume heranzuziehen. Als Folge haben die Menschen in Äthiopien wieder mehr zu essen, können mehr verkaufen, haben höhere Geldeinnahmen und können die Bildung ihrer Kinder fördern. Durch die Bepflanzung ist mehr Wasser da und die Mangelernährung hat abgenommen.

Diese und eigene Ideen können Mut machen. Wir können viel mehr tun, als wir für möglich halten. Hierzu gehört auch die Bepflanzung der Innenstädte zur Reduktion der Hitze. Lesen Sie die Ratgeber, was wir persönlich für unsere Erde tun können. Unterstützen Sie Start ups, die ihrerseits Ideen zum Thema Nachhaltigkeit auf den Markt bringen.

Als große Stellschraube schlägt Sven Plöger vor, dass das Freiwillige Soziale Jahr oder auch ein Freiwilliges Ökologisches Jahr wieder eingeführt wird. Raus aus dem Jammern, rein in die Aktivität mit einem gut durchdachten Programm, damit der Hoffnung Taten folgen.

Wir sitzen alle im gleichen Boot namens ERDE!

„EIN JAHR FÜR DIE GESELLSCHAFT, DIE WIR BEKLAGEN – denn DIESER PLANET BRAUCHT UNS NICHT, WIR ABER IHN!“ – SVEN PLÖGER

Zum Buch „Zieht euch warm an, es wird heiß“ von Sven Plöger

Klappentext: Trockenheit, Waldschäden und Waldbrände, dann wieder Platzregen mit Hagel und Sturmböen – auch die Coronakrise kann nicht verdecken, dass sich unser Klima immer schneller verändert. Um das 1,5-Grad-Ziel noch zu erreichen, müsste die Einsparung an CO2-Emissionen jährlich so groß sein wie durch den Shutdown. Genau das aber wäre möglich! Dazu müssen wir die Gier, die im jetzigen System steckt, in den Umbau der Wirtschaft lenken. Damit der Wohlstand bleibt, muss der Green Deal kommen. Der Diplom-Meteorologe Sven Plöger zeigt verständlich, wie unser Klimasystem funktioniert, wie man skeptischen Stimmen begegnet und dass die aktuelle Krise eine echte Chance ist, Weichen für unsere Zukunft und die unserer Kinder zu stellen. Mit Praxisteil: Reden Sie nicht nur übers Wetter – verändern Sie das Klima!

Dieses und weitere Bücher von Sven Plöger könnt ihr auf seiner Webseite finden.

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