Das lange als besonders drastisch geltende Klimaszenario RCP8.5 verliert in der internationalen Klimaforschung zunehmend an Bedeutung. Mehrere Wissenschaftler halten das Modell inzwischen für unrealistisch. In einer neuen Szenarien-Sammlung des World Climate Research Programme (WCRP) taucht RCP8.5 nicht mehr auf.
Das Szenario galt über Jahre als eines der meistgenutzten Modelle in Klimastudien, politischen Debatten und Medienberichten. Es beschrieb eine massive Zunahme der Emissionen mit drastischen Folgen für die globale Erwärmung.
Kritik kommt inzwischen auch aus der Wissenschaft selbst. Forscher um den niederländischen Szenarien-Entwickler Detlef van Vuuren bezeichnen das Szenario als „unplausibel“. Bereits vor Jahren habe es Hinweise gegeben, dass die dafür angenommene Entwicklung – insbesondere ein extremer Ausbau der Kohleverstromung – kaum realistisch sei.
RCP8.5 ging davon aus, dass die Menschheit ihren Verbrauch fossiler Energieträger massiv steigert. Dafür hätte die weltweite Kohlenutzung stark anwachsen müssen. Tatsächlich stagnieren die globalen CO₂-Emissionen seit Jahren auf hohem Niveau, ohne jedoch die im Szenario angenommenen Steigerungen zu erreichen.
Auch andere Forscher hatten bereits früh Zweifel angemeldet. Der Klimawissenschaftler Justin Ritchie sprach schon 2014 von „systematischen Fehlern“ in den Annahmen des Modells.
Dennoch blieb RCP8.5 über Jahre dominant. Viele Studien nutzten das Szenario, um besonders drastische Folgen des Klimawandels darzustellen. Kritiker bemängeln, dass das Modell dabei häufig nicht nur als theoretisches Extrem, sondern als wahrscheinliche Zukunft präsentiert worden sei.
Trotz der Neubewertung sehen Wissenschaftler keinen Anlass zur Entwarnung. Auch weniger extreme Szenarien gehen weiterhin von einer deutlichen globalen Erwärmung aus. Das neue Hochrisiko-Szenario „CMIP7 High“ bleibt ebenfalls pessimistisch, liegt aber unterhalb der bisherigen Annahmen von RCP8.5.
Der Klimaforscher Zeke Hausfather betont, dass auch unter realistischeren Szenarien erhebliche Risiken bestehen bleiben – darunter steigende Meeresspiegel, zunehmende Hitzeperioden sowie mehr Dürren und Starkregen.
RCP8.5 dürfte die Klimadebatte dennoch weiter begleiten. Viele bestehende Studien basieren weiterhin auf diesem Modell. Auch aktuelle Untersuchungen deutscher Institute und Ministerien greifen noch darauf zurück.





