„Wir für den Wald“ begrüßt eine Diskussion über den Wald im Stadtrat

Aus Sicht der Mitglieder der Bürgerinitiative „Wir für den Wald“ ist es großartig, dass nun eine Diskussion darüber, wie der Stadtwald St. Wendel bewirtschaftet werden sollte, in den Stadtrat St. Wendel Einzug gefunden hat. Der Wald gehört den Bürgern, so muss ihr Wille auch zählen. Denn es zeigt sich, dass die derzeitige forstwirtschaftliche Praxis von einem immer größer werdenden Teil der Bevölkerung nicht mehr mitgetragen wird. Die BürgerInnen wollen keinen geschröpften und heiß geschlagenen Wirtschaftswald, sondern einen gesunden arten- und strukturreichen Wald mit feucht-kühlem Innenklima, den sie zur Erholung gerne aufsuchen.  

Die Bürger haben zunehmend mehr Interesse an ihrem Wald vor der Haustür. Denn mittlerweile kommen die Mitglieder der Bürgerinitiative „Wir für den Wald“ aus allen Ortsteilen, der Kernstadt und dem gesamten Landkreis. Zahl steigend. Es ist daher falsch, die Initiative nur auf Winterbach zu begrenzen. „Wir setzen uns für die Wälder des St. Wendeler Landes ein.“ heißt es in der Satzung der Bürgerinitiative. Eine der Hauptforderungen ist es, das Waldkonzept des Lübecker Stadtwaldes im Stadtwald St. Wendel umzusetzen. 

In einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts von 1990 wird der sozialen Funktion und der zentralen Aufgabe des Waldes für das Klima und der Natur Vorrang vor der wirtschaftlichen Nutzung eingeräumt. Es zeigt sich in der Diskussion des Stadtrates, dass dies noch zu wenig Beachtung findet. So wird die teilweise große Ferne der Verantwortlichen zur Machbarkeit und Realität des Beschlossenen deutlich. Man befindet sich der Meinung der Initiative nach auf dem Holzweg, wenn man glaubt, dass kurzfristige Gewinnmaximierung durch Forstwirtschaft mit hochindustriellen Holzerntemethoden mit Wald- und Klimaschutz einhergehen kann. Man brauche sich nur in den Wäldern umzuschauen wie es aussieht, wenn die wirtschaftlichen Interessen Priorität haben. Hochindustrielle Holzernte mit schweren Maschinen im Akkord, große Menge an Holz auf einer Fläche im Minutentakt abgeerntet. Das ist die in der BWL bekannte „Eierlegende Wollmilchsau“. Etwas also was nicht realistisch ist zu erreichen. Und dann soll der Wald gleichzeitig noch das Klima schützen und der eigenen Erholung dienen? Das könne nicht mehr lange gut gehen.

Laut Bürgerinitiative muss der Wald endlich als ein hohes Allgemeingut angesehen werden, das einen unschätzbaren Wert für unsere jetzige und künftige Gesellschaft hat. Die langfristige Sicht fehlt nach Meinung der BI in der Diskussion um den Wald vollständig. Das müsse Priorität haben und nicht die kurzfristige Sanierung der Stadtkasse. Waldschutz ist Klimaschutz. Denn wie soll ein geschundener und freigestellter Wald die nächsten Hitze- und Trockensommer unbeschadet überstehen? 

Nach Auffassung der Initiative kann es dabei auch nicht alleine die Lösung sein, 60.000 Setzlinge innerhalb von drei Jahren zu pflanzen wie es von Seiten der Verantwortlichen gerne dargestellt wird. Der Ertrag steht nicht im Verhältnis zu dem immensen Aufwand der betrieben werden muss. So sei es eher Augenwischerei und ein Instrument um die besorgten Bürger zu beruhigen. Denn wie soll gewährleistet werden, dass auf den kahlgeschlagenen Flächen die Setzlinge durch den heißen Sommer kommen? Wie viele von den Setzlingen werden dann übrig bleiben? Und im Idealfall ist dann in 50 Jahren annähernd so etwas wie Wald erkennbar. Daher fordert die Bürgerinitiative den heutigen Wald zu schützen und maßvoll zu nutzen anstatt mit immensem Aufwand einen Wald von morgen kreieren zu wollen. 

Die Schäden und Nachteile für den Wald durch die derzeitige forstwirtschaftliche Praxis bleiben ja nach wie vor bestehen. Durch die hochindustrielle Holzernte mit schweren Erntemaschinen wird der empfindliche Waldboden unwiederbringlich verdichtet, das Bodenleben und die Wasserspeicherfähigkeit werden zerstört. Der Maschineneinsatz in dieser Form verursacht umfängliche Rinden- und Wurzelschäden und schafft damit Angriffsmöglichkeiten für Pilzbefall und Schadinsekten. Zudem lichtet diese Art der Forstwirtschaft unserer Meinung nach die Kronendächer des Waldes auf, wodurch das feucht-kühle Waldinnenklima verloren geht. Die Feuchtigkeit kann nicht mehr im Wald gehalten werden. Plötzlich freigestellte sonnenempfindliche Buchen sind von Sonnenbrand und Kalamitäten bedroht. 

Warum ist dies dennoch forstwirtschaftliche Praxis?

Reflexartig werden Argumente durch die Forstwirtschaft herangezogen wie z. B. die Verpflichtung, die Verkehrssicherung im Wald und auf den Wegen sicherstellen zu müssen.  Das Totschlagargument „Verkehrssicherung“ ist jedoch einfach zu entkräften. Die Pflicht zur Verkehrssicherung wurde, wie in einer Broschüre an die Kommunen durch die Tourismuszentrale des Saarlandes dargestellt, durch ein Urteil des Bundesgerichtshofs vom 02.10.2012 aufgehoben. Für waldtypische Gefahren ist durch den Waldbesitzer keine Verkehrssicherung sicher zu stellen (Quelle: Sicherheit auf Wanderwegen, Ein Leitfaden für Wegebetreiber und Kommunen, S. 5). Eine Ausnahme hiervon gilt nur für eine Gefahrenquelle, die „künstlich geschaffen“ wurde, wie z. B. eine Wanderhütte im Wald. (Quelle: ebd. S. 5). 

Eine weitere Begründung der forstwirtschaftlichen Praxis ist die Sicherung der Holznachfrage des Weltmarktes aus verantwortungsbewussten und sicheren Quellen. Die Buchen und Eichen werden vielfach nach Asien exportiert. Argumentiert wird, die Holznachfrage würde besser aus sicheren Quellen anstatt aus zerstörerischen Quellen wie beispielsweise aus der Rodung des Regenwaldes erfolgen. Dies ist nach Erachten der Initiative ein Scheinargument und damit Augenwischerei. Die Ursachen der Rodungen im Regenwald sind komplex. Überwiegend geschieht die Rodung zur Erschließung von Ackerflächen wie zum Beispiel dem Sojaanbau und nur in zweiter Linie zur Deckung des Bedarfs an Holz und sind damit durch den Holzeinschlag hierzulande nicht zu verhindern. 

Hinzu kommt, dass die Buchen und Eichen eher einer kurzfristigen – und damit nicht nachhaltigen – statt langfristigen Nutzung zugeführt werden, wie zum Beispiel Brennholz, Spanplatten oder Papierholz. Nachhaltiger und damit sinnvoller im Sinne des Klimawandels wäre die langfristige Nutzung des langsam nachwachsenden Rohstoffs Holz.  

Die auf Gewinnmaximierung ausgerichtete Forstwirtschaft stößt zwangsläufig an natürliche Grenzen, denn eine stetig wachsende Holznachfrage kann schlichtweg nicht unbegrenzt gedeckt werden. Dies haben sich womöglich die Verantwortlichen noch nicht eingestehen wollen. Gehen wir recht in der Annahme, dass möglicherweise zum Ausgleich des Verlustes aus dem Fichtengeschäft vermehrt Buchen und damit das Tafelsilber kurzfristig verhökert wird? Der Wald kann dies unserer Meinung nach schon jetzt nicht mehr leisten, da der Klimawandel zu seiner Schwächung erheblich beiträgt.  

Zuletzt wird häufig die Durchforstung und Maßnahme der Naturverjüngung als Argumentation herangeführt, warum forstwirtschaftliche Eingriffe mit schweren Erntemaschinen erforderlich sind. Hierzu ist zu sagen, dass eine Durchforstungsmaßnahme eine Destabilisierung des Waldgefüges darstellt und damit unserer Meinung nach in Zeiten des Klimawandels zu unterbleiben hat. Der Wald verliert durch das Absterben der Fichtenmonokulturen ohnehin an Fläche.

Laut Bürgerinitiative ist es daher an der Zeit ernsthaft über das natur- und waldschonende Konzept des Lübecker Stadtwaldes nachzudenken. Es wird Qualitätsholz wie zum Beispiel Furnierholz für eine langfristige Nutzung produziert und ist damit klimafreundlicher als die derzeitige Praxis. Die Stadt profitiert außerdem vom Co2 Zertifikate-Handel, da die Bäume länger wachsen dürfen und damit mehr Co2 speichern ehe sie geerntet werden. Denn unsere besten Verbündeten im Klimaschutz, unsere Bäume, helfen das Nullemissionen-Ziel der Stadt zu erreichen. 

Es ist klar, dass ein neues Konzept Fragen aufwirft. Daher hat die Bürgerinitiative „Wir für den Wald“ schon im Herbst 2020 zu einer Informationsveranstaltung mit dem Experten Martin Levin eingeladen. Coronabedingt ist diese auf das kommende Frühjahr verschoben. Die Initiative steht zum Dialog bereit. Schon jetzt sind die Stadtratsmitglieder sowie alle Verantwortlichen und Interessierten herzlich dazu eingeladen. Die Petition an den Stadtrat St. Wendel kann über den folgenden Kurzlink eingesehen werden: openpetition.de/!wirfuerdenwald

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