Heimat Sri Lanka – ein Interview mit Anitha Balachandran-Thayakaran

Anitha, was kannst du unseren Leserinnen und Lesern über dich und deine Heimat erzählen? 

„Hey, ich heiße Anitha, wohne in St. Wendel und gehöre zu einer großen Familie, die aus Sri-Lanka stammt. Ich bin 34 Jahre alt, gelernte Bankkauffrau, verheiratet und Mutter von zwei Kindern. Hobbymäßig backe ich für mein Leben gerne (Ani´s Dream Cake). Ich würde mich als freundlichen, offenen und herzlichen Menschen beschreiben.

Bedingt durch den Bürgerkrieg, der seit 1983 jahrzehntelang in Sri Lanka herrschte, sind meine Eltern nach Deutschland geflüchtet. Sie kommen aus Jaffna im Norden Sri-Lankas und lebten lange zusammen in St. Wendel. Mein Mann und ich haben viele Verwandte in Sri Lanka, mit denen wir in regelmäßigem Kontakt stehen. Es ist immer wieder interessant die Unterschiede zwischen dem deutschen und sri-lankischen Kulturkreis zu erfahren.“

Anitha, welche typischen Traditionen sind Teil der sri-lankischen Kultur?  

„Ich nenne euch mal ein paar Beispiele: Unsere Landsleute sind sehr religiös. Der Hinduismus ist Religion und Lebensform zugleich, er ist facettenreich und bestärkt die Menschen.

Freitags ist Kirchen- beziehungsweise Tempeltag, an diesem und an weiteren besonderen Tagen isst man traditionell vegetarisch. Wir servieren immer Reis mit verschiedensten Beilagen. Allgemein kommen in der sri-lankischen Küche viel Gemüse, Fisch, Hähnchen und sehr currylastige Gerichte auf den Tisch, die mit den Fingern gegessen werden. Kühe gelten auch bei uns als heilig und werden nicht verspeist. Wenn man Gäste zum Essen eingeladen hat, ist es Pflicht ein Gastgeschenk mitzubringen. In der Regel sind das selbstgebackene süße Leckereien oder sri-lankische Snacks. 

Auch an Geburtstagen geht man zusammen mit der Familie in dem Tempel, der nur angemessen bekleidet, besucht werden darf.

Typisch für unsere Kultur ist auch der Punkt auf der Stirn bei den Frauen und Kindern. Die unverheirateten Mädchen und Frauen tragen einen schwarzen Punkt und die verheirateten Frauen haben einen roten oder bunten Punkt als Erkennungsmerkmal über der Nase. Der schwarze Punkt bei Kindern soll die „bösen Geister“ von ihnen fernhalten.

Ein traditionelles Kleidungsstück ist der Sari, ein Wickelkleid, das einseitig über die Schulter geworfen wird. An Feierlichkeiten tragen wir  spezielle Saris.

In unserem Kulturkreis ist es bei Todesfällen nahestehender Personen üblich, ein Jahr keine Feiern oder die Kirche zu besuchen. Unsere Leute nehmen sich ein Jahr Trauerzeit, um den Verlust zu verarbeiten. Meine Familie und ich betrachten solche Situationen individuell und entscheiden nach Gefühlslage, wie wir dies handhaben.“

Anitha, setzen dein Mann und du diese Traditionen auch in Deutschland um? 

„Essenstechnisch sind wir stark  von den kulinarischen Gegebenheiten unseres Herkunftslandes geprägt. Auch zu Hause, hier in St. Wendel, essen wir typisch sri-lankische Gerichte mit den Fingern. Wir nehmen aber auch Rindfleisch und Gerichte wie Schnitzel, Nudeln und Co. ganz normal mit Besteck zu uns.

Freitags den Tempel in Sulzbach zu besuchen, gestaltet sich sehr schwierig, unter anderem da mein Mann im Schichtdienst arbeitet, aber manchmal klappt es. Insbesondere die jüngere und ältere Generation unserer Leute geht auch hier in Deutschland regelmäßig zur Kirche.

Den Punkt über der Stirn trage ich nur im Tempel oder auf bestimmten Feierlichkeiten.“

Sri Lanka ist ein Land, das von  Naturkatastrophen betroffen ist – hast du etwas in der Art schon einmal selbst miterlebt? 

„In Sri Lanka können Erdbeben und Tsunamis vorkommen. Der verheerende Tsunami, der am 26.12.2004 durch ein Erdbeben im Indischen Ozean ausgelöst wurde, kostete hunderttausende Menschen das Leben. Gott sei Dank leben meine Verwandten und Freunde im Landesinnern und nicht in den Küstenregionen. Sie bekamen von der Naturkatastrophe nur wenig mit. Ich selbst habe vor Ort noch nichts in der Art miterlebt.“

Wie beurteilst du die Stellung der Frau in Sri Lanka? 

„Heute ist die sri-lankische Frau, meiner Erfahrung nach, in der Regel genauso gleichberechtigt wie in Deutschland auch. Sie geht arbeiten, ist eigenständig und wird akzeptiert. Die Familien meiner Eltern legten schon immer großen Wert darauf, dass Frauen gleichgestellt, autonom und gebildet sind. Bekannte unserer Familien sind diesem Thema gegenüber aber auch heute noch nicht aufgeschlossen. Für manche Menschen ist es normal, dass Frauen mit fremden Männern verheiratet werden,  „nur“ gebären und den Haushalt führen. Ich bin froh, dass meine Familie da moderner eingestellt ist.“

Du hast gerade die Zwangsheirat angesprochen- wie stehst du dazu? 

Ich weiß, dass viele Menschen zwangsverheiratet wurden und werden, was ich ganz schlimm finde. Vielen Eltern ist es wichtig, dass der oder die Zukünftige aus dem gleichen Kulturkreis stammt. Das in meinen Augen veraltete Kastensystem ist immer noch existent. Es scheint aber durch die vielen Landsleute, die eine gewisse Lockerheit der kosmopolitischen Länder, in denen sie leben und die sie mit ins Herkunftsland bringen, nach und nach mehr an Bedeutung zu verlieren. Viele von uns, die nicht in Sri Lanka leben, passen sich an, haben eine weltoffenere Einstellung und wollen, dass ihre Kinder glücklich sind, da wird nicht mehr stupide an fragwürdigen Traditionen festgehalten.“



Vorbereitung, Rituale und die Zeremonie selbst -wie läuft eine Hindu-Hochzeit ab? 

Sri-lankische Hochzeiten sind groß, bunt und pompös. Überall, egal ob auf der Kleidung oder bei der Dekoration, ist alles voller Glitzer. Es ist ein Riesenfest, zu dem alle Verwandten und Freunde eingeladen sind. Mein Vater und meine Mutter haben jeweils acht Geschwister, die auch nochmal Familie haben, so ist man schnell mal bei Hunderten von Gästen. Der Zusammenhalt, auch über die verschiedenen Kontinente hinweg, ist stark und an einem solch wichtigen Ereignis kommen alle, sofern finanziell, beruflich und gesundheitlich möglich, zusammen. Früher musste der Vater der sri-lankischen Braut das ganze Geld für die Hochzeit alleine aufbringen. Heute teilen sich beide Familien die Kosten. 

In Sri-Lanka gibt es eine Vielzahl von Ritualen, die vor und während der Hochzeit durchgeführt werden. Wenn man im Ausland lebt, ist das nicht immer der Fall. Die Vorbereitungen beginnen mit einer großen Verlobungsfeier im Haus der Braut, reichen über die Errechnung des Hochzeitsdatums über einen Astrologen, bis hin zur Goldschmelz-Tradition, bei der der Bräutigam der Familie der Braut eine Goldkette zur Einschmelzung und Anfertigung der Hochzeitskette schenkt.

Vor der Hochzeit bekommt die Braut die Hände und Füße mit Mustern, die mit Hennafarbe aufgetragen werden, verziert. Der Junggesellinnenabschied wird damit verbunden oder getrennt und ohne Alkohol gefeiert. 

Am Hochzeitstag wird der Bräutigam, der ein traditionelles Gewand, den Sharwani, oder den Veshti und einen beigefarbenen Turban trägt, von den männlichen Verwandten der Braut abgeholt und im Anschluss im Festsaal willkommen geheißen. Die Hochzeit beginnt mit einer Segnung, bei der der Priester um Schutz für das Hochzeitspaar bittet. Im Anschluss wird um Fruchtbarkeit gebeten, bevor die Braut den Raum betritt. Bei der Trauung stehen die Eltern von Braut und Bräutigam direkt neben ihnen, wenn der Priester die Gebete spricht. Nach dem Anzünden des  heiligen Feuers ist es bei unseren Hochzeiten gängig, dass der Vater der Braut die Hand seiner Tochter an ihren zukünftigen Mann übergibt. Auf meiner Hochzeit hat das mein Onkel übernommen, da mein Vater schon verstorben war. Eine weitere Besonderheit und krönender Höhepunkt einer Hindu-Hochzeit ist es, dass die Braut einen besonderen Sari und eine Halskette, den sogenannten Thaali,  als Symbol der unendlichen Liebe erhält beziehungsweise umgelegt bekommt. Der Thaali war früher und ist auch teilweise heute noch keine Goldkette, sondern (aus Kostengründen) eine Schnur, die mit Kurkuma gefärbt und von dem Bräutigam mit drei Knoten versehen wurde. Die Theorien darüber was diese Knoten bedeuten gehen weit auseinander.

Ich persönlich habe folgende Erklärung gelernt. Der erste Knoten steht dafür, dass mein Vater seit meiner Geburt auf mich aufgepasst  und mich beschützt hat, der zweite ist ein Symbol dafür, dass von nun an mein Mann auf mich aufpassen wird und der dritte bedeutet, dass mich in Zukunft meine Kinder beschützen werden. Als Zeichen dafür, dass auch die Braut der Vermählung zustimmt, legt sie dem Bräutigam, nachdem sie ihren geschenkten Sari angezogen hat, eine Blumengirlande um. Darauffolgend trägt der Bräutigam seiner Frau den roten Punkt über der Stirn auf, ein Verwandter zerschlägt eine Kokosnuss als blutloses Opfer in zwei Hälften und das Brautpaar füttert sich gegenseitig mit einem süßen Bananengemisch, das das ewige Liebesversprechen symbolisiert. Zu den letzten wortwörtlichen Schritten einer hinduistischen Hochzeitszeremonie gehört unter anderem der Gang um das Feuer in drei Runden. Nach der ersten Runde legt der Bräutigam der Braut einen Ring an den zweiten Zeh des rechten Fußes, der dabei auf einem Granitstein steht. Diese Prozedur steht für Standfestigkeit im Leben und wird nach Runde zwei am linken Fuß der Braut wiederholt. Am Ende der dritten Feuerumgehung wird es lustig, denn dann tritt das Brautpaar gegeneinander an. Braut und Bräutigam versuchen schnellstmöglich einen Ring aus einem Eimer Wasser zu fischen. Man sagt der Gewinner wird den Haushalt in Zukunft dominieren. Zum Abschluss segnet der Priester das Brautpaar und streut Reis über es, bevor die eigentliche Hochzeitsfeier beginnt. Der ganze Ablauf dauert circa zwei Stunden.“



Wow, das klingt sehr aufwendig, aber besonders. Ich nehme an, dass du heute noch an deine Hochzeit voller Glück und Freude zurückdenkst?

„Ja absolut, unsere Hochzeit war vor sieben Jahren und sie war wunderschön. Wir haben jede Minute der Zeremonie genossen und waren zusammen mit unseren Familien und Freunden einfach nur glücklich. Ich freue mich das gerade nochmal revuepassieren zu lassen.“ 

Anitha, was ist das schönste an deiner sri-lankischen Herkunft?

„Ich mag bis auf die konservativen Ansichten, fast  alles an unserer Herkunft. Die Sprache, die Feste, die besondere Kleidung, die Herzlichkeit der Menschen und die unglaubliche Schönheit des Landes. Ich bin stolz darauf aus Sri Lanka zu kommen.“

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