Kolumne von Marco Wirbel

„Und jetzt?“

Symbolbild

Die Idee einer eigenen Kolumne ist eigentlich eher zufällig entstanden. Eine Kollegin erzählte mir von den Problemen, mit denen sie als gesetzliche Betreuerin im Zusammenhang mit der Beisetzung eines von ihr betreuten Menschen konfrontiert war. Ich verfasste dazu einen Text, der hier veröffentlicht wurde. Dabei habe ich gemerkt, dass mir das Schreiben sozialkritischer Texte liegt und ich Interesse daran gefunden habe, Themen zu beleuchten, die uns als Gesellschaft vor Herausforderungen stellen.

Themen, die auf Menschen aufmerksam machen, die vielleicht zu wenig Gehör finden. Themen, über die gesellschaftlich diskutiert wird und die meines Erachtens einer genaueren Betrachtung bedürfen.

So entstand beispielsweise mein Text über den Klimawandel. Weitere kritische Texte, unter anderem zum Thema Meinungsfreiheit, habe ich bereits vorbereitet und sie werden sicherlich bald in diesem Format erscheinen.

Eigentlich wollte ich mich auf Sachtexte konzentrieren.

Doch jetzt sitze ich hier. Einen Tag nach der Wahl in Sachsen-Anhalt. Nach einem intensiven Arbeitstag. Mit dem Wissen, dass meine Oma uns vermutlich bald verlassen wird. Und ich frage mich:

Und jetzt?

Wenn nicht jetzt, wann dann?

Wenn wir an einem solchen Tag nicht persönlich und emotional reagieren dürfen, wann dann?

Natürlich ist eine Landtagswahl in Sachsen-Anhalt keine Bundestagswahl. Natürlich bedeutet dieses Ergebnis nicht, dass morgen die Demokratie abgeschafft wird. Eine Weltuntergangsstimmung ist ebenfalls nicht angebracht. Das wäre falsch.

Aber trotzdem ist eine Tendenz zu erkennen.

Und diese Tendenz ist besorgniserregend.

Die ersten Ergebnisse und Analysen der Wahl in Sachsen-Anhalt zeigen für mich vor allem eines: Das war keine reine Protestwahl. Zu großen Teilen war es eine Überzeugungswahl. Und es war auch keine Entscheidung einer kleinen Minderheit.

Bei einer Wahlbeteiligung von rund 78 Prozent kann man nicht einfach sagen: „Das sind ein paar Protestwähler, die sich irgendwann wieder beruhigen.“

Nein. Ein großer Teil der Gesellschaft hat sich bewusst für die AfD entschieden.

Und genau das macht mir Sorgen.

Ich selbst war bereits an einer Analyse über die AfD beteiligt, bei der ihre Ideologie unter anderem anhand von Wahlplakaten untersucht und mit der NSDAP verglichen wurde. Die Ergebnisse waren bereits im Jahr 2020, also vor vielen der späteren Radikalisierungen, ernüchternd.

Und heute?

Heute ist diese Partei gesellschaftlich anschlussfähig geworden.

Für mich ist die AfD eine moderne NSDAP.

Diese Aussage treffe ich nicht aufgrund eines Bauchgefühls und auch nicht, weil ich einen besonders provokanten Satz für eine Kolumne gesucht habe. Sie basiert auf den Erkenntnissen meiner Studie und der darin vorgenommenen Auseinandersetzung mit der Ideologie der AfD. Bereits 2020 waren die Parallelen für mich deutlich erkennbar. Seitdem hat sich die Partei weiter radikalisiert.

Gerade deshalb fällt es mir schwer, dieses Wahlergebnis einfach als normalen politischen Vorgang zu betrachten.

Die etablierten demokratischen Parteien liegen allesamt unter der 20-Prozent-Marke. Die AfD dagegen wird mit großem Abstand stärkste Kraft.

Das ist eine Zäsur.

Es fühlt sich an wie ein Bruch. Fast wie eine neue Zeitrechnung.

Und so sitze ich an einem Montagabend da und frage mich wieder:

Und jetzt?

Was passiert, wenn eine offen rechtsradikale Partei politische Verantwortung übernimmt?

Was passiert, wenn irgendwann Willkür darüber entscheidet, wer dazugehört?

Wer „deutsch genug“ ist?

Wer Unterstützung verdient?

Wer geschützt werden soll?

Ich habe queere Freund*innen und Verwandte. Ich habe Menschen in meinem Umfeld, die „nicht deutsch“ aussehen. Menschen mit Behinderungen oder chronischen Erkrankungen. Und nicht zu vergessen: Menschen, die von manchen als „nicht assimiliert“ bezeichnet werden.

Was passiert mit ihnen?

Was passiert, wenn Willkür darüber entscheidet, wer dazugehört? Wenn politische Macht irgendwann darüber bestimmt, wer als Teil dieser Gesellschaft angesehen wird?

Und was passiert, wenn politische Willkür irgendwann Entscheidungen berührt, die über die konkrete Lebenswirklichkeit von Menschen bestimmen – im schlimmsten Fall sogar über Leben und Tod?

Ich möchte dieses Experiment nicht.

Und noch etwas müssen wir uns bewusst machen, wenn wir sagen: „Lasst sie doch regieren. Dann werden sie schon entzaubert.“

Hitler musste einst ein Überwachungs- und Kontrollsystem erst aufbauen.

Wir tragen heute einen erheblichen Teil der technischen Möglichkeiten dafür täglich mit uns herum. Smartphones, soziale Netzwerke, digitale Daten und moderne Überwachungstechnologien schaffen Möglichkeiten, von denen frühere Diktaturen nur träumen konnten.

Faschisten könnten heute effizienter sein.

Ich habe wenig Lust auf dieses Experiment.

Aber Angst allein kann keine Antwort sein.

Wenn ich heute hier sitze und überlege „Und jetzt?“ und auf viele Fragen keine Antwort habe, dann bin ich dennoch davon überzeugt, dass wir dringend eine andere Debattenkultur brauchen.

Nehmen wir einmal das Beispiel Michael Scholl und mich.

Wir haben sicher sehr unterschiedliche Perspektiven auf bestimmte Phänomene. Vielleicht liegen wir bei manchen politischen Fragen sogar weit auseinander.

Aber ich bin mir sicher: Wir haben noch mehr Gemeinsamkeiten.

Das Menschsein zum Beispiel.

Die Überzeugung von der Demokratie.

Und den gegenseitigen Respekt. Die Anerkennung der gegenseitigen, inhärenten Menschenwürde.

Wir müssen nicht einer Meinung sein.

Wir können uns in der Sache streiten. Wir können uns widersprechen. Wir können die Position des anderen für falsch halten.

Aber wir müssen nicht den Menschen auf der anderen Seite infrage stellen.

Ich habe auch keine Lust mehr auf Pseudozuschreibungen wie „Die CDU ist eine faschistische Partei“ oder „Die Grünen sind alles Ökospinner“.

Das sind keine Debatten.

Das sind Etiketten.

Und sie helfen uns nicht weiter.

Egal ob CDU, SPD, Grüne, FDP oder Linke: Wir müssen streiten. Wir müssen kritisieren. Wir müssen Fehler benennen. Wir müssen unbequem sein. Und wir müssen politische Entscheidungen auch weiterhin hart hinterfragen.

Aber wir sollten dabei eines nicht aus den Augen verlieren: Diese Parteien stehen trotz aller Unterschiede auf dem Fundament unserer demokratischen Ordnung.

Wir müssen deshalb nicht über das Ziel streiten, sondern über die Wege dorthin.

Wir müssen darüber streiten, wie wir die Klimakrise bewältigen.

Wie wir unsere Demokratie sichern.

Wie wir Freiheit und Menschenrechte schützen.

Wie wir eine Gesellschaft gestalten, in der die Würde jedes einzelnen Menschen tatsächlich etwas wert ist.

Dafür kann es unterschiedliche Wege geben. Und wir müssen lernen, auszuhalten, dass jemand einen anderen Weg zu demselben Ziel für richtig hält.

Aber wir müssen auch klar sagen, wenn jemand auf eine Klippe zurast.

Und derjenige, der das Auto in Richtung Klippe fährt, muss irgendwann die Größe haben zu sagen:

„Mist. Ich bin falsch abgebogen.“

Dann sollte es möglich sein, umzudrehen.

Natürlich darf die Warnung nicht persönlich werden. Wir dürfen den Menschen, der falsch abgebogen ist, nicht dadurch diskreditieren, dass wir ihn selbst zum Feind erklären.

Vielleicht ist das sogar eine der wichtigsten Erkenntnisse.

Die AfD will spalten.

Wir lassen uns nicht spalten.

Denn wir haben mehr gemeinsam, als wir manchmal glauben.

Freiheit.

Demokratie.

Menschenrechte.

Menschenwürde.

Und unsere gemeinsame Lebensgrundlage.

Eigentlich müssten wir unsere Kraft darauf verwenden, den Klimawandel zu bewältigen. Wir müssten darüber diskutieren, wie wir unsere Demokratie stärken, wie wir soziale Probleme lösen und wie wir eine gerechte Gesellschaft schaffen.

Stattdessen müssen wir uns immer stärker damit beschäftigen, eine antidemokratische und menschenfeindliche Partei aufzuhalten.

Und dafür steht zu viel auf dem Spiel.

Nein.

Vielleicht ist das falsch formuliert.

Es steht alles auf dem Spiel.

Unsere Freiheit steht auf dem Spiel.

Unsere Demokratie steht auf dem Spiel.

Unsere Menschenwürde steht auf dem Spiel.

Unsere Menschenrechte stehen auf dem Spiel.

Und letztlich steht auch unsere Lebensgrundlage auf dem Spiel.

Wir können uns deshalb keine politischen Grabenkämpfe leisten, bei denen wir vergessen, was eigentlich unser gemeinsames Ziel ist.

Wir können uns keine Machtkämpfe leisten.

Keine Egobefriedigung.

Keine gegenseitige Entmenschlichung.

Wir haben keine Zeit dafür.

Wir müssen miteinander reden. Auch mit Menschen, deren politische Positionen wir nicht teilen. Wir müssen Räume schaffen, in denen gestritten werden kann, ohne dass der Mensch auf der anderen Seite zum Feind gemacht wird.

Schafft diese Räume.

Macht Stammtische. Geht zu Veranstaltungen der CDU, der SPD, der Grünen, der FDP oder der Linken. Nutzt die Angebote demokratischer Parteien. Diskutiert. Streitet. Hört einander zu.

Aber bleibt dabei immer auf dem Fundament der Menschenwürde.

Und gestattet mir einen letzten Gedanken:

Handelt so, dass ihr selbst in jeder Lebenslage respektvoll behandelt werden möchtet.

Denn wir wissen nicht, was morgen passiert.

Jeder Mensch kann morgen krank werden. Jeder Mensch kann einen Unfall haben. Jeder Mensch kann plötzlich auf Unterstützung angewiesen sein.

Und vielleicht ist genau das etwas, was wir uns viel öfter bewusst machen sollten: Behinderung ist kein Schicksal, das nur „die anderen“ betrifft.

Nach aktuellen Zahlen waren 2025 nur etwa drei Prozent der Schwerbehinderungen angeboren beziehungsweise traten im ersten Lebensjahr auf. Rund 91 Prozent wurden durch Krankheiten verursacht, etwa ein Prozent durch Unfall oder Berufskrankheit.

Die Person, auf die du heute spuckst, kannst du morgen selbst sein.

Du weißt nicht, was das Leben für dich bereithält.

Du weißt nicht, ob du morgen krank wirst, einen Unfall hast oder plötzlich selbst auf Hilfe angewiesen bist.

Deshalb sollten wir vielleicht viel öfter innehalten, bevor wir über andere urteilen.

Denn am Ende geht es nicht darum, wer wir heute sind.

Es geht darum, wie wir miteinander umgehen, wenn sich unser Leben verändert.

Wir sind Menschen.

Nicht mehr.

Aber auch nicht weniger.

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