Manchmal liebt die Geschichte Ironie. Ausgerechnet jener Tech-Milliardär, der in europäischen Feuilletons gerne als libertärer Sprengmeister der liberalen Ordnung karikiert wird, könnte gerade dabei sein, einen der empfindlichsten Hebel in diesem unmenschlichen Krieg umzulegen: Elon Musk.
Seit vier Jahren ist der Krieg zurück in Europa. Der russische Angriff auf die Ukraine hat nicht nur Städte in Trümmer gelegt und hunderttausende Menschenleben gefordert, sondern auch unser politisches Selbstverständnis erschüttert. Unsere Demokratie ist ein System unter Dauerstress. Die Unterstützung Kyjiws belastet unsere Volkswirtschaften, während Moskau mit Desinformation, Cyberangriffen und hybrider Kriegsführung versucht, unsere Gesellschaften von innen zu zermürben.
Und trotzdem: Die Unterstützung der Ukraine bleibt für Europa alternativlos. Autokraten verstehen nur klare Grenzen. Wer sie nicht zieht, lädt zur nächsten Eskalation ein.
Nun also Musk. Der Mann, der in Talkshows und auf sozialen Plattformen regelmäßig als enfant terrible des Westens herhalten muss. Und plötzlich kommt ausgerechnet von ihm ein Schritt, der militärisch schwer wiegt. Nachdem bekannt wurde, dass Starlink-Terminals auch von russischen Einheiten genutzt wurden, zog SpaceX – in Abstimmung mit Pentagon und ukrainischer Regierung – die Reißleine. Nur noch offiziell registrierte Geräte bekommen ein Signal. Alles andere wird abgeschaltet.
Das klingt technisch, ist aber strategisch hochbrisant. Denn ohne vergleichbares mobiles Satellitensystem verliert die russische Armee ein zentrales Werkzeug moderner Kriegsführung. Echtzeit-Koordination? Weg. Drohnen über hunderte Kilometer steuern? Plötzlich kaum mehr möglich. Alte Funkgeräte, improvisierte Netze, leicht abzuhören.
Besonders schmerzhaft ist das für die Drohnenflotte. Berichte von der Front sprechen davon, dass Geräte abstürzen, Offensiven verschoben oder ganz abgebrochen werden mussten, weil Aufklärung und Artillerie nicht mehr zusammenspielen. Die Ukraine konnte sogar Gebiete zurückerobern. In einem Krieg, der auf Datenströme gebaut ist, kann genau das eine Atempause bedeuten, für die Ukraine und damit auch für uns.
Natürlich: Musk bleibt eine schillernde Figur. Widersprüchlich, provozierend, nicht selten selbstverliebt. Aber Politik ist kein Moraltheaterstück. Manchmal kommt Hilfe aus Richtungen, die nicht in unser bequemes Freund-Feind-Schema passen.
Russland und Diktator Putin sind geschwächt. Die Ukraine gewinnt Zeit. Europa atmet auf.
Vielleicht sollten wir – nur dieses eine Mal – das reflexhafte Bashing kurz beiseitelegen. Und schlicht Danke sagen.
Die Kolumne spiegelt nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wider.



