Wie das Wasser nach St. Wendel kam

Die Anfänge der städtischen Wasserversorgung

Im Jahr 1745 war St. Wendel mit seinen 1100 Einwohnern bereits das größte Gemeinwesen im heutigen Kreisgebiet. Als zentraler Markt- und Wallfahrtsort war die Stadt der wirtschaftliche und geistige Mittelpunkt der Region. Mit dem zunehmenden Bevölkerungswachstum stieg auch der Bedarf an einer zuverlässigen Trinkwasserversorgung. Die frühe Wasserversorgung in St. Wendel bestand aus zwei Hauptquellen: Naufuhr und Geselwies. Diese Quellen speisten einfache Leitungssysteme, die das Wasser in die Stadt leiteten. Jedoch waren diese Systeme nicht ohne Mängel, und die Qualität des Wassers ließ häufig zu wünschen übrig, besonders während der Sommermonate.

Wasserqualitätsprobleme und erste Maßnahmen

Die Wasserversorgung von St. Wendel war, wie der ehemalige Bürgermeister Max Müller in seiner Stadtgeschichte anmerkte, schon immer ein „Schmerzenskind“. Mitte des 18. Jahrhunderts gab es bereits Klagen über die beiden Leitungssysteme. Die Wasserpumpen und Röhrenbrunnen lieferten im Sommer oft nur lauwarmes, im Winter eiskaltes und bei Regen trübes Wasser. Ein weiteres Problem war der schlechte Zustand der Wasserleitungen, von denen eine allein über 7000 Fuß lang war. Trotz mehrerer Versuche, die Situation zu verbessern, musste der Stadtrat 1835 einräumen, dass keine wesentlichen Fortschritte erzielt wurden. Dies führte zur Überlegung, alternative Wasserquellen zu erschließen, was jedoch anfänglich scheiterte, da sich keine geeigneten artesischen Brunnen im Bann von St. Wendel finden ließen.

Privatisierung der Wasserversorgung in den 1880er Jahren

Angesichts anhaltender Probleme mit der Wasserqualität und Versorgungssicherheit beschloss der Stadtrat von St. Wendel eine radikale Maßnahme: die Privatisierung der Wasserversorgung. Im Jahr 1881, nach einem besonders heißen Sommer, der fast zum Zusammenbruch der Wasserversorgung führte, begannen ernsthafte Überlegungen zur vollständigen Erneuerung des Leitungssystems. Die Stadt entschied sich dafür, die gesamte Wasserversorgung in die Hände eines Privatunternehmens zu legen. 1882 wurden Verhandlungen mit der Firma Joohs, Söhne und Cie in Landau aufgenommen. Der Vertrag sah vor, dass das Unternehmen nicht nur die bestehenden Quellen nutzt, sondern auch das Leitungsnetz erneuert und erweitert. Für diese Arbeiten und die Übernahme der Wasserversorgung forderte die Firma jährliche Zuschüsse von der Stadt.

Konflikte und Vertragsänderungen mit Privatunternehmen

Die Entscheidung zur Privatisierung führte zu heftigen Debatten und Widerständen sowohl im Stadtrat als auch in der Bevölkerung. Ein lokaler Bauunternehmer, Jakob Thome, bot sich ebenfalls an, die neuen Leitungen zu bauen, stimmte jedoch den Bedingungen des Stadtrats nicht zu, was die Diskussionen weiter anheizte. Nach monatelangen emotional geführten Debatten vergab der Stadtrat im August 1883 die Wasserversorgung an die Firma Joohs, Söhne und Cie. Der Vertragsentwurf wurde allerdings noch geändert, sodass die Stadt nun acht statt zehn Jahre lang einen Zuschuss von 500 Mark leisten musste und frühestens nach 30 Jahren die Möglichkeit hatte, die Wasserversorgungsanlage zu kaufen. Diese Änderungen gewährten der Firma Joohs eine Monopolstellung bei den Hausanschlüssen für die Dauer von 50 Jahren. Diese Privatisierungsentscheidung löste weiterhin Unzufriedenheit und öffentliche Diskussionen aus, besonders als Probleme mit der Wasserqualität und -versorgung weiterhin bestanden.

Technologischer Fortschritt und Erweiterung des Leitungssystems

Nach der Privatisierung der Wasserversorgung durch die Firma Joohs, Söhne und Cie unternahm St. Wendel bedeutende Schritte zur Modernisierung des Leitungssystems. Die Firma erneuerte die Quellfassungen und ersetzte die alten hölzernen Leitungen durch gusseiserne Rohre. Dies verbesserte zunächst die Infrastruktur und Wasserqualität. Auch wurden erste Haushalte an das neue System angeschlossen, allerdings mussten die Kosten hierfür von den Hausbesitzern selbst getragen werden.

Trotz dieser technologischen Verbesserungen blieb die Unzufriedenheit in der Bevölkerung groß. Die Probleme, die zur Privatisierung geführt hatten—insbesondere die unzureichende Wasserqualität und -versorgung—bestanden weiterhin. Die Firma Joohs konnte die Versprechen einer stetigen und zuverlässigen Wasserversorgung nicht erfüllen. Insbesondere in den Sommermonaten kam es häufig zu Wasserknappheit, und die Qualität des Wassers ließ häufig zu wünschen übrig. Beschwerden über lauwarmes oder trübes Wasser waren an der Tagesordnung. Diese anhaltenden Probleme führten zu einer steigenden Zahl von Beschwerden und Rechtsstreitigkeiten, was das Vertrauen der Bevölkerung in die privatisierte Lösung erheblich minderte.

Der Unmut in der Stadt war so groß, dass erheblicher Druck auf die Stadtverwaltung ausgeübt wurde, Maßnahmen zu ergreifen. Dies führte letztendlich zur Entscheidung, die Wasserversorgung wieder in städtische Hand zu nehmen, um eine zuverlässigere und gerechtere Versorgung sicherzustellen und die Kontrolle über ein so lebenswichtiges Gut wie Wasser zurückzugewinnen.

 

Wiederübernahme der Wasserversorgung durch die Stadt

Im Juni 1905 kaufte die Stadt das Wasserwerk zu einem Preis von knapp 185.500 Mark zurück. Vor dem Rückkauf wurde ein Gutachten durch den Zivilingenieur Hermann Ehlert aus Düsseldorf eingeholt, das den Zustand des Wasserwerks als gut bewertete und bei der Ermittlung des Kaufpreises zugrunde gelegt wurde. Mit der Übernahme begann eine neue Ära in der Verwaltung der städtischen Wasserversorgung, die nun wieder in den Händen der Stadt lag. Die Stadtverwaltung setzte auf Investitionen in die Infrastruktur und die Verbesserung der Versorgungstechnologien, um die Wasserversorgung effizienter und zuverlässiger zu gestalten.

Modernisierung und Sicherung der Wasserzukunft

Nach der Wiederübernahme der Wasserversorgung durch die Stadt St. Wendel fokussierte sich die Stadtverwaltung auf umfassende Modernisierungsmaßnahmen. Es wurden erstmals tiefgreifende Bohrungen im wasserreichen Wurzelbachtal bei Remmesweiler und Oberlinxweiler durchgeführt. Diese Bohrungen ermöglichten es, direkt auf Grundwasservorkommen zuzugreifen, was eine erhebliche Steigerung der Wassermenge und Qualität zur Folge hatte. Mit der Einrichtung einer Pumpstation in der Wurzelbacher Mühle und dem Bau von neuen Hochbehältern konnte das Wasser effizienter in die Stadt geleitet und verteilt werden. Diese technologischen Fortschritte sicherten nicht nur die Wasserversorgung für die ständig wachsende Bevölkerung, sondern stellten auch sicher, dass die Stadt auf zukünftige Bedürfnisse und Herausforderungen vorbereitet war.

Zwischen Weltkriegen: Expansion und Herausforderungen

Die Jahre zwischen den Weltkriegen waren eine Zeit des Wachstums und der Expansion für St. Wendel. Die Wasserversorgung stand vor neuen Herausforderungen, da die Bevölkerungszahl stieg und die industrielle Aktivität zunahm. Die Nachfrage nach Wasser stieg dramatisch, insbesondere durch Großabnehmer wie die lokale Brauerei, die Tabakfabriken und die Eisenbahn, die allein im Jahr 220.000 Kubikmeter Wasser verbrauchte. Um die steigende Nachfrage zu bewältigen, wurde der Hochbehälter auf dem Eichbösch mit einem Fassungsvermögen von 600 Kubikmetern errichtet und die Kapazität des Hochbehälters an der Kettelerstraße verdoppelt. Diese Maßnahmen ermöglichten es der Stadt, den Wasserbedarf auch während der wirtschaftlichen und industriellen Expansion zu decken und eine zuverlässige Wasserversorgung während einer dynamischen Zeit der Stadtentwicklung aufrechtzuerhalten.

Die Rolle der Wasserversorgung während des Zweiten Weltkriegs

Während des Zweiten Weltkriegs spielte die Wasserversorgung in St. Wendel eine entscheidende Rolle für die Unterstützung der Kriegsanstrengungen und die Aufrechterhaltung der städtischen Infrastruktur. Trotz der Herausforderungen durch Ressourcenknappheit und Bombardierungen konnte die Wasserversorgung größtenteils aufrechterhalten werden. Der Bau des Hochbehälters Eichbösch, der kurz vor dem Krieg fertiggestellt wurde, erwies sich als besonders wertvoll, da er eine wichtige Reservekapazität bot. Allerdings führte der zunehmende Mangel an Anthrazitkohle, der für die Befeuerung der Gasgeneratoren in den Pumpstationen notwendig war, gegen Kriegsende zu befürchteten Engpässen. Trotz dieser Schwierigkeiten gelang es der Stadt, die Wasserversorgung während des Krieges weitgehend zu sichern.

Nachkriegszeit und langfristige Sicherstellung der Wasserversorgung

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs stand St. Wendel vor der Aufgabe, die durch den Krieg beschädigte Infrastruktur wiederherzustellen und die Wasserversorgung weiter zu verbessern. Die Bohrungen in der Wurzelbach hatten sich über vier Jahrzehnte bewährt und sicherten weiterhin die Versorgung der Stadt. Die Stadtverwaltung fokussierte sich darauf, die Kapazitäten zu erweitern und die Technologien zu modernisieren, um den steigenden Bedarf der wachsenden Bevölkerung und der Industrie zu decken. In den 1950er Jahren wurde die Wasserversorgung weiter ausgebaut, um alle Stadtteile effizient zu erreichen und die Qualität des Wassers zu verbessern. Dies beinhaltete den Ausbau des Rohrnetzes und die Modernisierung alter Anlagen. Die strategischen Investitionen in die Wasserversorgung in der Nachkriegszeit trugen dazu bei, St. Wendel als lebenswerten und wirtschaftlich starken Standort zu festigen, indem sie eine zuverlässige und nachhaltige Wasserversorgung sicherstellten.

Wie die Wasserversorgung sich im ländlichen Raum entwickelt hat, beleuchten wir in der nächsten Woche.

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