Die wirtschaftliche Verunsicherung im Saarland hat sich deutlich verschärft. Laut einer aktuellen Sonderumfrage der IHK Saarland berichten mittlerweile 75 Prozent der befragten Unternehmen von steigenden Geschäftsrisiken. Bei der ersten Erhebung im Jahr 2024 lag dieser Wert noch bei 60 Prozent. Besonders drastisch ist die Lage in der Industrie und im Baugewerbe, wo 83 beziehungsweise 82 Prozent der Betriebe eine Zunahme der Risiken melden. An der Umfrage beteiligten sich im April 2026 insgesamt 140 Unternehmen. IHK-Hauptgeschäftsführer Dr. Frank Thomé und Dr. Carsten Meier, Geschäftsführer Wirtschaftspolitik und Unternehmensförderung, stellten die Ergebnisse am 15. Juni 2026 vor.
Auffällig ist, dass nicht etwa klassische Markt- oder Konjunkturrisiken die Unternehmen am stärksten belasten, sondern grundlegende Standortfaktoren. Mit 83 Prozent nennen die Betriebe die allgemeinen wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen in Deutschland als größtes Risiko – ein massiver Anstieg gegenüber den bereits hohen 63 Prozent aus dem Jahr 2024. Dahinter folgen die Arbeitskosten mit 59 Prozent, hohe Energiepreise und Unsicherheiten bei der Energieversorgung mit 54 Prozent sowie die Steuer- und Abgabenlast mit jeweils 48 Prozent. Auch Transportkosten, Rohstoffpreise und der Fachkräftemangel stellen erhebliche Belastungen dar. „Die Umfrage ist ein Alarmsignal: Das größte Geschäftsrisiko ist nicht der Markt, sondern die Standortpolitik. Wenn 83 Prozent der Unternehmen die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen in Deutschland als Risiko nennen, dann ist das ein Misstrauensvotum gegen die Verlässlichkeit und Wettbewerbsfähigkeit des Standorts. Unternehmen können mit Wettbewerb umgehen. Was sie nicht kompensieren können, sind dauerhaft hohe Kosten, Bürokratie, lange Verfahren und politische Unberechenbarkeit“, sagt Thomé.
Thomé sieht gerade für das Saarland mit seinem hohen Industrieanteil besondere Gefahren: „Die Risiken addieren sich nicht nur – sie verstärken sich gegenseitig. Energiepreise, Arbeitskosten, Steuerlast, Bürokratie und geopolitische Unsicherheit drücken die Betriebe in einen permanenten Krisenmodus. Das kostet Investitionen, Substanz und am Ende Arbeitsplätze. Wenn passende Rahmenbedingungen fehlen, wird aus Transformation schnell eine Deindustrialisierung auf Raten.“ Meier ergänzt: „Die Unternehmen stehen gleichzeitig unter Transformations-, Innovations- und Kostendruck. Die Industrie muss derzeit Dekarbonisierung, Digitalisierung, geopolitische Veränderungen und demografische Verschiebungen parallel bewältigen. Transformation gelingt aber nur mit wettbewerbsfähigen Rahmenbedingungen und ausreichenden Investitionsspielräumen. Genau diese Spielräume verschwinden aber aus Sicht der Unternehmen mehr und mehr.“
Die steigenden Risiken schlagen sich direkt auf die Investitionstätigkeit nieder. 37 Prozent der Unternehmen gehen davon aus, ihre Investitionen in den kommenden zwölf Monaten zu reduzieren. Nur noch 14 Prozent rechnen mit steigenden Ausgaben. Zudem verändert sich die Struktur der Investitionen grundlegend: Der Anteil der Betriebe, die vor allem Ersatzinvestitionen tätigen, stieg von 39 Prozent im Jahr 2024 auf mittlerweile 53 Prozent. Erweiterungsinvestitionen verlieren dagegen an Bedeutung. Viele Unternehmen investieren demnach nicht mehr in Wachstum, sondern in den bloßen Erhalt bestehender Strukturen. „Deutschland und das Saarland bräuchten angesichts von Transformation, Digitalisierung und demografischem Wandel eine Investitions- und Innovationsoffensive. Stattdessen droht sich die Investitionsschwäche weiter zu verfestigen“, sagt Meier. Er warnt zudem: „Wenn Unternehmen notwendige Zukunftsinvestitionen immer häufiger verschieben, verliert der Industriestandort langfristig an Innovationskraft, Produktivität und Dynamik. Gerade für das Saarland wäre das mit erheblichen Folgen für Beschäftigung und Wertschöpfung verbunden.“
Trotz aller Schwierigkeiten bleibt die Bindung der Betriebe an das Saarland bemerkenswert hoch: 87 Prozent der geplanten Investitionen sollen weiterhin im Bundesland erfolgen. Allerdings zeigt sich bei Auslandsinvestitionen eine problematische Tendenz. Mehr als die Hälfte der Unternehmen geht davon aus, dass Investitionen im Ausland zulasten der Beschäftigung in Deutschland gehen. 43 Prozent sehen negative Auswirkungen auf Investitionen im Inland. „Die Unternehmen stehen trotz aller Belastungen weiterhin zum Standort. Dieses Vertrauen darf die Politik durch ihr Handeln nicht weiter verspielen. Investitionen entstehen nicht durch Förderprogramme, sondern vor allem durch stabile, verlässliche und wettbewerbsfähige Rahmenbedingungen“, sagt Thomé.
Besonders belastend wirken die hohen Energiepreise und Energiewendekosten. Gemessen am Umsatz berichten 73 Prozent der Unternehmen von steigenden Ausgaben – im Handel sind es sogar 94 Prozent, in der Industrie 67 Prozent. Die Folgen reichen tief in die Modernisierung hinein: 37 Prozent der Betriebe stellen Investitionen in betriebliche Kernprozesse zurück, jeder vierte verschiebt Klimaschutzmaßnahmen. In der Industrie geben 40 Prozent an, dass hohe Energiepreise Produktionsverlagerungen oder -einschränkungen begünstigen. „Gerade ein Industriestandort wie das Saarland kann dauerhaft keine Energiepreise, Regulierungskosten und Netzentgelte tragen, die international nicht wettbewerbsfähig sind. Wenn Unternehmen Investitionen in Modernisierung, Innovation oder Klimaschutz verschieben müssen, weil Energie- und Netzkosten explodieren, dann gefährdet der aktuelle Umsetzungspfad der Energiewende zunehmend die Ziele der Energiewende selbst“, so Thomé. Aufgabe der Politik müsse es sein, Versorgungssicherheit, Wettbewerbsfähigkeit und Klimaschutz wieder stärker auszubalancieren. „Transformation gelingt nur gemeinsam mit den Unternehmen. Dafür braucht es wirtschaftliche Vernunft, Planungssicherheit und international wettbewerbsfähige Energiepreise“, so Thomé.
Auch die Beschäftigungsperspektiven haben sich massiv eingetrübt. Wollten 2024 noch 14 Prozent der Unternehmen zusätzliche Stellen schaffen, sind es aktuell nur noch sechs Prozent. Gleichzeitig rechnen mittlerweile 39 Prozent mit sinkenden Beschäftigtenzahlen – gegenüber 23 Prozent vor zwei Jahren. „Diese Zahlen zeigen, dass wir es längst nicht mehr mit einer klassischen konjunkturellen Schwächephase zu tun haben. Wenn Unternehmen gleichzeitig Investitionen zurückfahren und Beschäftigung abbauen, erodiert das Produktionspotenzial. Und damit gerät der Wohlstand in Gefahr – gerade in einem Industrieland wie dem Saarland“, so Meier.
Die IHK Saarland fordert von der schwarz-roten Bundesregierung einen raschen wirtschaftspolitischen Neustart. „Die Zeit kleinteiliger Korrekturen und zaghafter Trippelschritte ist vorbei. Deutschland braucht jetzt tiefgreifende Strukturreformen, damit Investieren, Arbeiten und industrielle Wertschöpfung wieder attraktiver werden“, so Thomé. Nötig seien insbesondere ein konsequenter Bürokratieabbau, schnellere Planungs- und Genehmigungsverfahren, international wettbewerbsfähige Energiepreise, eine investitionsfreundliche Steuerpolitik sowie Entlastungen bei den Arbeitskosten. „Die hohen Lohnnebenkosten entwickeln sich zunehmend zu einer Wachstums- und Beschäftigungsbremse. Gleichzeitig brauchen die Unternehmen mehr Flexibilität im Arbeitsrecht und bei den Arbeitszeiten. Andere erfolgreiche Volkswirtschaften wie die Schweiz oder Dänemark zeigen seit Jahren, dass wirtschaftliche Dynamik, hohe Beschäftigung und soziale Sicherheit durchaus Hand in Hand gehen können. Deutschland dagegen reguliert sich immer tiefer in die Wachstumsschwäche hinein. Dieses Mikromanagement kostet nicht nur Tempo, Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit, es demotiviert auch Unternehmer – die bestehenden und solche, die es werden wollen“, so Thomé. Abschließend betont er: „Jetzt entscheidet sich, ob Deutschland wieder zu Wachstum, Wettbewerbsfähigkeit und industrieller Stärke zurückfindet – oder ob sich die strukturelle Schwäche weiter verfestigt. Die Saarwirtschaft will investieren und Arbeitsplätze sichern. Aber dafür braucht sie einen Kurswechsel: weg von Belastung und Misstrauen, hin zu Verlässlichkeit, Tempo und Wettbewerbsfähigkeit.“





