Die Loverboy-Methode: Von der Prinzessin zur Prostituierten – Eine Aufklärung mit St. Wendeler Menschenrechtsaktivistin Karin Schüßler

(Foto: Lena Reiter, www.kampagne-notforsale.de)

Karin kannst du dich uns kurz vorstellen?

„ Mein Name ist Karin Schüßler, ich bin 55 Jahre alt, verheiratet, Mutter von zwei Kindern (einer leiblichen Tochter und eines ehemaligen Pflegesohnes) und komme aus dem schönen St. Wendel. Ich bin gelernte Bankkauffrau und Gesundheitsberaterin (IHK), habe aber jahrelang in der  Bereitschaftspflege mit Jugendlichen gearbeitet.  Als aktives Mitglied des „terre des femmes- Menschenrechte für die Frau e.V.“ setze ich mich gegen den Mädchen- und Frauenhandel und für ein Sexkaufverbot ein in Anlehnung an das nordische Modell, das in Norwegen, Schweden, Irland, Nordirland und Frankreich umgesetzt wurde. In diesem Interview ist es mir ein persönliches Anliegen, junge Mädchen, Eltern, Lehrer und die Allgemeinheit, auch in unserem ländlichen St. Wendel, über die sogenannte Loverboy-Methode aufzuklären.“

Bevor wir näher über die Loverboy-Methode sprechen, könntest du unseren Leserinnen und Lesern berichten, wie du dazu gekommen bist, dich für die Opfer von Mädchen- und Frauenhandel einzusetzen?

„Ich war schon vor vielen Jahren in der Betreuung von Jugendlichen aktiv. Mein Ehemann und ich haben junge Leute, die vom Jugendamt aus ihren Herkunftsfamilien genommen wurden oder als besonders schwierig galten, im Rahmen der Bereitschaftspflege oder Dauerpflege aufgenommen, uns um sie gekümmert und ich war auch in Familien als Erziehungsbeistand eingesetzt. Insgesamt haben wir über die Jahre hinweg elf junge Leute betreut und in unsere Familie aufgenommen. Wenn man mit Kindern oder jungen Menschen arbeitet, wird man irgendwann auch mit Missbrauch konfrontiert. Ob sexueller Missbrauch von Kindern oder aber der Missbrauch von Mädchen und Frauen, die in unser Deutschland eingeschleust werden – diese Themen sollten einen Aufschrei durch die Bevölkerung auslösen, damit alles dafür getan wird, Präventivarbeit zu leisten und die Situation der Opfer zu ändern. Hier sehe ich den Staat auch in einer Fürsorgepflicht.



Es gehört zu meinem Naturell mich um meine Mitmenschen zu bemühen und mich aktiv für sie einzusetzen. Ohne das wertend zu meinen, bin ich der Meinung, dass manche Menschen das einfach in sich haben und andere weniger. Ich habe schon immer viel gemacht, mich ehrenamtlich gerne engagiert und auch 9 Jahre lang den Verein für natürliche Lebensweise St. Wendel e.V. geleitet, bei dem das Thema Gesundheit im Fokus steht.
Der erste Schritt in Richtung Aktivismus gegen Menschenhandel begann mit dem Buch „Verkauft“ von Patricia McCormick , in dem es um ein nepalesisches Mädchen geht, das von seinem Stiefvater verkauft wurde und in einem Bordell in Indien landete. Jährlich werden aus Nepal tausende Mädchen nach Indien aber auch in den arabischen Raum, wie die Emirate, verschleppt  und für Dienste aller Art missbraucht, ohne Chance, der  Situation entfliehen zu können, da ihnen der Pass weggenommen wird.  Auch eine Dokumentation über nigerianische Tätergruppen und sogenannte Madames, die junge Mädchen ins hochgelobte Europa, vor allem nach Deutschland einschleusen, hat mich nie mehr losgelassen. Die Mädchen sind der deutschen Sprache nicht mächtig und ihrem Schicksal in den Bordellen ausgeliefert. Da mich diese Themen auch nachhaltig so stark beschäftigten, nahm ich 2016 an der 2. Weltfrauenkonferenz in Katmandu, Nepal teil. Hier wurde die Situation der Frauen weltweit thematisiert.

Dann fahren wir doch gleich mit der Aufklärung fort: Was kannst du uns über die Loverboy- Methode berichten?

Ein Kontakt mit der internationalen Hilfsorganisation Solwodi (Solidarity with women in distress/ Solidarität mit Frauen in Not), die von der saarländischen Ordensschwester und Prostitutionsgegnerin Dr. Lea Ackermann gegründet wurde, war wiederrum ein weiterer Grund, mich mit Menschenhandel und Zwangsprostitution zu beschäftigen.
Da wusste ich, dass auch ich künftig versuchen möchte meinen Beitrag dazu zu leisten etwas gegen den Mädchenhandel zu tun. Im April 2019 besuchte ich die 3. Weltkonferenz gegen sexuelle Ausbeutung von Frauen und Mädchen in Mainz. Ich bin in Kontakt und Austausch mit Hilfsorganisationen, Politikern und leiste Aufklärungsarbeit. Es lässt mich nicht los, dass in einem Land wie unserer Bundesrepublik Zwangsprostitution möglich ist. Wir müssen handeln und etwas dagegen tun.“

„Zurzeit passiert es auch in Deutschland immer häufiger, dass junge Männer, sogenannte Loverboys, gerne auch im ländlichen Raum unterwegs sind um Mädchen die große Liebe vorzuspielen. Loverboys sind Menschenhändler, die ihre jungen Opfer in eine psychische Abhängigkeit und anschließend in die Prostitution treiben, um damit Geld zu verdienen.

Viele Mädchen können nicht glauben, dass jemand sie dazu bringen würde sich in sie zu verlieben, um sie dann anschließend sexuell auszubeuten. Besonders Mädels in der Pubertät, Außenseiterinnen, Einzelgängerinnen beispielsweise mit geschiedenen Eltern oder in schwierigen Lebensphasen sind sehr gefährdet und schneller anfällig für solche Typen. Die Täter geben ihren Opfern das Gefühl, dass sie toll, einzigartig, schön und etwas Besonderes sind. Sie schenken den Mädchen viel Zeit und Aufmerksamkeit und umwerben sie. Es wird dafür gesorgt, dass sich die Opfer Stück für Stück vom Freundeskreis und auch von der Familie immer mehr distanzieren. Die Opfer werden vom gewohnten Umfeld entfremdet und gegen dieses aufgehetzt, so dass die Täter nur noch die einzigen Bezugspersonen sind, die für die Mädchen ein offenes Ohr haben und sie verstehen. Die jungen Männer, die in der Regel im Alter von 20 bis 30 Jahren sind, sind gute Schauspieler und suchen ihre Opfer oft im Social Media Bereich, wie etwa bei Facebook, Snapchat, Instagram oder Tictoc, aber auch in Diskotheken und Jugendtreffs und Schulen auf. Es werden Komplimente und teure Geschenke gemacht, es wird von Liebe gesprochen und auch die Versprechen einer gemeinsamen Zukunft werden geäußert, um die Opfer nach und nach in ein Abhängigkeitsverhältnis zu manövrieren. Um den äußerlichen Schein zu wahren werden die jungen Frauen animiert weiterhin zur Schule zu gehen.

Nach einer Weile wird den Mädels vorgegaukelt, dass der Täter Schulden hätte und die einzige Möglichkeit, um die Schulden zu tilgen und eine gemeinsame Zukunft zu haben, der vorübergehende Sex mit anderen Männern sei. Auch wenn Gewissenskonflikte bestehen, lassen sich leider zu viele junge Frauen aus Liebe zu dem Loverboy und dem Gedanken, dass die Sexarbeit nur kurzfristig sei und danach alles gut werden würde, darauf ein. Mit Hilfe dieser komplexen Systematik bringen sie die Mädchen in eine psychische Abhängigkeit, um sie dann mittels psychischer und physischer Gewalt in die Prostitution zu führen. Wenn die Opfer sich weigern und nicht so mitspielen, wie die Täter sich das vorstellen, folgen Drohungen in Form von Androhungen der Veröffentlichung von Sexvideos oder Fotos. Oft werden auch Drogen eingesetzt, um das Abhängigkeitsverhältnis zu verstärken. Am Anfang sind die Drogen noch ein Geschenk, später müssen sie von den Opfern abgearbeitet werden und manchmal werden die Frauen auch zum Drogen- oder Waffenhandel gezwungen. Aus Tagen werden Wochen, aus Wochen werden Monate oder sogar Jahre. Gestartet wird häufig zur Ferienzeit. Wenn die Mädels älter sind müssen sie die Schule abbrechen.

Eine Täterverurteilung ist nur möglich, wenn das Opfer gegen den Täter aussagt. Leider geschieht dies aber selten, weil die Opfer sehr ängstlich sind, sich für das Geschehene schämen und ihnen gedroht wird, dass ihnen oder der Familie ein Leid zugefügt werde, sollten sie auspacken. Die Loverboy-Methode hat für den Zuhälter den Vorteil, dass es ihm sehr schwer nachzuweisen ist, dass er sein Opfer manipuliert und zur Prostitution gezwungen hat. Ein Zuhälter wird für seine Schutzleistung entlohnt und hat darüber hinaus in der Regel nichts mit der Prostituierten zu tun, der  Loverboy hingegen beansprucht das Opfer komplett für sich.

Neben der Loverboy- Methode gibt es auch noch das Phänomen der Lovergirls. Kannst du kurz zusammenfassen, was es damit auf sich hat?

„Die Lovergirls sind nicht etwa junge Frauen, die Jungs anmachen um sie gleichermaßen auszubeuten wie die Loverboys das bei ihren Opfern tun, sondern es sind junge Frauen, die selbst auch Opfer von Loverboys wurden und nun unter Druck als Köder fungieren, um sich mit anderen Mädchen anzufreunden und diese dadurch in Kontakt mit den Loverboys zu bringen. Die heutige Jura Studentin Sandra Norack wurde auf genau diese Art und Weise reingelegt und geriet so in die schlimmste Zeit ihres bisherigen Lebens, in der sie schlussendlich sechs Jahre lang als Zwangsprostituierte bis zu zwanzig Freier pro Tag im Flatrate-Bereich bedienen musste. Glücklicherweise hat sie es aus eigenem Antrieb geschafft sich aus dem Teufelskreis zu lösen. Heute kämpft sie für die Abschaffung der Prostitution.“

Karin, wie können wir Anzeichen für solche Situationen frühzeitig erkennen? Was sind deine Tipps für Eltern, Lehrer und das Umfeld?

„Wenn junge Frauen Opfer solch krimineller Machenschaften wurden, dann sind sie oft sehr müde, haben starke Stimmungsschwankungen, isolieren sich und pflegen kaum oder keine sozialen Kontakte mehr. Manche Opfer leiden unter Selbstverletzungen, duschen aus Ekel sehr oft und durchleben eine Typveränderung. Wenn die jungen Frauen auf einmal Wertgegenstände haben, die sie sich eigentlich gar nicht leisten können, blaue Flecken aufweisen, abgemagert und kraftlos sind, vermehrt Alkohol oder Drogen konsumieren und nur noch heimlich telefonieren, dann können das ebenso Warnhinweise sein.“

Bei all den Umständen, was wünschst du dir?

„Als Mitglied der terre des femmes und Solwodi- Unterstützerin ist mir die Achtung und Stellung der Frauen und Mädchen eine absolute Herzensangelegenheit, deshalb muss ich meinen Beitrag dazu leisten, deren Situation zu verändern. Ich bin ein „kleines Licht“, das Einfluss auf die Politik nehmen möchte. Ich werde an dem Thema „Mädchen- und Frauenhandel“ dranbleiben, aber nicht als Rebellin im Saarland auftreten, denn dies ist ein Thema der Bundespolitik. Die sexuelle Versklavung von Frauen in der heutigen Zeit und in unserem Staat ist ein Skandal und darf nicht weiter geduldet werden. Wenn Frauen sich prostituieren möchten und Freier dafür zahlen, ist es deren Sache. Aber die wenigsten Frauen machen dies, weil sie Spaß daran haben und es ist erwiesen, dass viele Frauen, die sich prostituieren oder prostituiert werden, traumatisiert sind. Der Umfang des Menschenhandels in der Bundesrepublik ist erschreckend und wir dürfen dieses Problem nicht vertuschen oder schön reden, denn es geht um das Schicksal vieler Frauen. Mein Unverständnis darüber hinaus, dass wir ausländischen kriminellen Energien in unserem Land einen Markt offenhalten, mit dem Milliarden verdient werden, kommt noch hinzu. Mir geht es um die Würde der betroffenen Frauen und Mädchen. Mir geht es darum,  Unwissende und Unschuldige aufzuklären und Präventivarbeit zu leisten. Vor allem aber möchte ich Mädchen für diese Thematik sensibilisieren, sie motivieren sich Hilfe zu suchen und auch ein Umdenken und Handeln bei politisch Verantwortlichen bewirken. Außerdem würde ich gerne eine „Terre des femmes“- Gruppe in St. Wendel gründen, um mit mehr engagierten Menschen zusammenzuarbeiten, die sich stark machen und Gutes tun. Bei Interesse könnt ihr mich gerne kontaktieren unter a-k-schuessler@t-online.de.

Wie lautet dein Aufruf?

„An alle potenziellen Opfer, schärft eure Alarmglocken und lasst euch nicht einlullen, wenn euch ein Mann, den ihr noch nicht lange kennt, euch teure Geschenke macht und ungewöhnlich viel Geld für euch ausgibt. Seid auf der Hut, wenn er sehr viel freie Zeit hat, euch Ungereimtheiten auffallen, er mit Drogen oder Waffen handelt und Kontakte zum Rotlichtmilieu pflegt. Tut nichts, was ihr nicht wollt und wendet euch an offizielle Stellen, Hilfsorganisationen oder gerne auch an mich. Sagt „Nein!“ wenn euer Freund euch dazu zwingt mit eurem Körper Geld zu verdienen, dann ist das keine Liebe, sondern schamloser Missbrauch und Ausbeutung. Scheut euch bitte nicht euch Hilfe zu suchen, das ist so wichtig sowohl zum Schutz von euch als auch den anderen jungen Frauen, die in der gleiche Lage wie ihr sind oder aber Gefahr laufen, in die gleiche Situation zu geraten.

Möchtest du noch etwas Abschließendes sagen?

„Ja, ich möchte mich unbedingt für die Möglichkeit bedanken, durch die Veröffentlichung dieses Interviews in meiner Arbeit unterstützt zu werden. Auch ein tausendfaches Danke im Namen aller betroffenen Mädchen und Frauen.“

Wir sind nicht nur verantwortlich für das, was wir tun, sondern auch für das, was wir unterlassen.“[Molière]

Weitere Infos zu dem Thema:

Im Bedarfsfall kann man sich an das kostenfreie und anonyme Hilfetelefon Sexueller Missbrauch: 0800/22 55 530 wenden.

Anlaufstellen für Betroffene:

Fernsehsendungen:


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