Internationaler Tag der Bildung

Der Tag der Bildung – G9: eine Chance oder ein Problem?

Bücher aufeinandergestapelt

Im Jahre 1717 wurde erstmalig die Schulpflicht, damals in Preußen, eingeführt. Dieses Gesetz besteht auch heute noch und sorgt dafür, dass alle Kinder und Jugendlichen in Deutschland Bildung erhalten. Heute ist der Tag der Bildung, der 24. Januar. Zu diesem Anlass werfe ich einen Blick auf unser Bildungssystem. Hier hat sich im Saarland im letzten Jahr etwas Entschiedenes geändert: Die Einführung von G9. Sind die erhofften positiven Auswirkungen dieser Veränderungen bereits zu spüren? Welche Hürden gibt es bei der Umsetzung für das Lehrpersonal und wie gehen die Schüler*innen mit diesem Thema um? Auf diese und weitere Fragen gibt dieser Beitrag Antworten.

Am 02. August 2001 wurde unser Schulsystem zuletzt geändert. Seit 20 Jahren galt G8 an den Gymnasien des Saarlandes. 2010 legte der erste Jahrgang, der durchweg in G8 unterrichtet wurde, sein Abitur ab. Die Einführung des „Turbo-Abiturs“ steht bis heute noch in der Kritik. Zwar hätten die Schüler:innen eine verkürzte Schulzeit, jedoch führt dies auch zu mehr Stress, weniger Freizeit und zum sogenannten „Bulemie-Lernen“, also dem Lernen einzig für den Grund, die Klausuren zu bestehen, dabei wird der nachhaltige Lerneffekt jedoch vernachlässigt. Für drei Klausuren innerhalb einer Woche kann man als Schüler:in fast unmöglich genug lernen. Von einem nachhaltigen Abruf des Lernstoffs brauche ich gar nicht anzufangen. Selbst in den Fächern, in denen ich regelmäßig Bestnoten geschrieben habe, ist das Erinnern an Lernstoff der einzelnen Klausuren nicht mehr möglich.

Auch psychische Probleme sind in unserem Bildungssystem keine Seltenheit. Fast jedes vierte Kind im Saarland leidet in seiner Schulzeit unter Psychosen.

Das soll sich nun durch die Rückkehr zum Abitur in neun Jahren ändern. Die Reform in unserem Schulsystem war lange überfällig und sicherlich werden viele Probleme, die durch G8 geschaffen worden, gelöst. In der Theorie hört sich das super an. Wie jedoch lässt sich dies im Saarland umsetzen? Die Umstellung stellt unser Bildungssystem vor Probleme, denen man entgegenwirken muss. Die Gefahr von Chaos in saarländischen Schulen steht für mich im Fokus.

Wie will die Landesregierung das verhindern? Was sind die Umsetzungspläne?

„Im Vergleich zum achtjährigen Gymnasium wird es insgesamt 19 zusätzliche Jahreswochenstunden geben, im Vergleich zum „alten G9“ zwei zusätzliche Jahreswochenstunden. Gleichzeitig wird die Unterrichtsbelastung insbesondere in der Mittelstufe reduziert. Im aktuellen G8 haben die Schüler:innen zwischen 30 Pflichtwochenstunden in der 5. Klasse und 34 Pflichtwochenstunden in der 9. Klasse. Im neuen G9 werden es zwischen 28 Pflichtwochenstunden in der 5. Klasse und 32 Pflichtwochenstunden in der 10. Klasse sein. […] Im Zuge der Reform werden sämtliche Lehrpläne der Sekundarstufe I überarbeitet, entschlackt und inhaltlich ins 21. Jahrhundert geholt. […] Zum Schuljahr 2023/24 werden die benötigten Lehrpläne für die Klassenstufen 5, 6 und 7 vorliegen, die weiteren Jahrgangstufen folgen sukzessive“, heißt es auf der Seite der Landesregierung.

Der Übergang wird also zumindest für die Kinder, die jetzt eingeschult werden, fließend sein. Schüler:innen in der Oberstufe kann der Wechsel nicht mehr ermöglicht werden und auch die Schüler:innen ab der 8. Klasse werden zunächst einmal ausgeschlossen. Demnach benötigt es Zeit und Geduld bis alle Gymnasien des Saarlandes die Reformen durchsetzen können.

Bedeutet das, dass Lehrkräfte möglicherweise mit der Verantwortung von zwei unterschiedlichen Schulmodellen überfordert sind? Oder sind auch sie dankbar für diese Entlastung ihrer Schüler:innen? Merkt man die Umstellung enorm?

„Wie auch an vielen anderen Schulen im Saarland kann man auch am Cusanus-Gymnasium in St. Wendel noch keine abschließenden Prognosen abgeben“, so Christoph Morsch, Deutschlehrer am Gymnasium. Es sei noch viel zu früh, um einen Blick in die Zukunft zu wagen, da man gerade erst am Beginn von G9 stehe. Auch sei aktuell noch vieles unklar, so fehlen beispielsweise die geänderten Lehrpläne und auch Konzepte zur Umsetzung des Unterrichtes seien noch nicht überall angekommen.

Christoph Morsch: „G9 wird dann sinnvoll (und vermutlich auch erfolgreich) sein, wenn in den einzelnen Fächern aufgrund des zusätzlichen Schuljahres wirklich mehr Zeit zur Erarbeitung der Inhalte und Vertiefung der Kompetenzen zur Verfügung stehen wird und die Stundentafel sowie Lehrpläne dem Rechnung tragen werden. Dies bleibt abzuwarten.

Und wie sehen das die Schüler:innen? Hierzu habe ich eine Klasse 6 und eine Klasse 7 des Cusanus Gymnasiums in St. Wendel befragt.

Die Klassenstufe 6 wird ab diesem Jahr nun nach dem Prinzip „G9“ unterrichtet. Klassenstufe 7 wird weiterhin nach 8 Jahren Abitur machen.

Mich hat besonders interessiert, ob es ein Spannungsfeld zwischen diesen Stufen gibt. Wurde sich mit dem Wechsel beschäftigt? Findet man es in der 7. Klasse unfair? Und was hätten die Schüler:innen lieber gemacht? G8 oder G9? Merkt Klasse 6 einen Unterschied?

Die Umstellung wird überwiegend positiv aufgefasst. Viele der Kinder freuen sich über den Wechsel hin zu G9. Einige äußern jedoch auch Bedenken. „Ich mache dadurch später mein Abitur und verschwende ein ganzes Jahr. Dadurch mache ich auch in einem höheren Alter Abitur“, sagt ein Schüler.

Wirklich mit der Umstellung auseinandergesetzt, haben sich in der unteren Klassenstufe nur wenige Kinder, obwohl es wohl Gespräche mit den Lehrkräften gab, die die Umstellung thematisiert haben.

Am Cusanus-Gymnasium war sich die 7. Klasse ziemlich einig. Auf die Frage hin, ob sie es unfair fänden, dass sie nicht nach 9 Jahren Abitur machen dürfen, antwortet die Mehrheit mit „Nein“ Einige wenige Kinder empfinden die Unterscheidung dennoch als unfair.

„Haben sich die Kinder mit dem Wechsel zu G9 beschäftigt und mit dem, was es für sie bedeuten würde?“

Hier lag die Spanne der Antworten zwischen „Nein, überhaupt nicht.“ und „ein wenig“, aber auch einigen Antworten im Bereich „Ja, ausführlich“.

Woran liegt dieser Unterschied? Wurde möglicherweise nicht genug Aufklärungsarbeit geleistet, was G9 wirklich bedeutet? Wurde es möglicherweise zu wenig und zu kurz innerhalb unserer Medien thematisiert? Oder interessieren sich die Kinder einfach nicht wirklich für das Schulsystem und nehmen die Entscheidungen so hin?

Abschließend lässt sich sagen, dass die Mehrheit der Klasse, die ich befragt habe, zufrieden ist mit ihrem Abitur nach 8 Jahren, aber es kommen auch Stimmen auf, dass sie das Abitur nach 9 Jahren eher bevorzugen würden.

Die wichtigste Frage: Gibt es denn nun einen Unterschied? Und merken den die Schüler:innen der Klasse 6?

Das Ziel, der langsamere Unterricht und die Entlastung der Schüler:innen kann natürlich nicht nach einigen Wochen vollständig erreicht werden. Dennoch geben einige der Kinder an, dass sie im Unterricht eine Veränderung wahrnehmen. Es sei „langsamer geworden, aber einen so großen Unterschied merkt man nicht.“

Die großen Erfolge, die sich davon erhofft werden, werden bestimmt noch einige Jahre auf sich warten lassen. Es ist einiges zum aktuellen Zeitpunkt unklar und auch die Umsetzung verläuft noch nicht so strukturiert wie geplant, aber das wird bestimmt auch mit der Zeit besser werden.

Meiner Ansicht nach ist es aber eine Chance. Eine Chance, dass unser Bildungssystem endlich an uns Schüler:innen angepasst wird. Das der Leistungsdruck zu großen Problemen führen kann und eine enorme Belastung darstellt, ist schon lange bekannt. Wenn dieser Druck, der auf die Schüler:innen ausgeübt wird durch G9 auch nur ein wenig minimiert werden kann, wäre es für mich schon eine Verbesserung. Dieses Schulsystem ist vielleicht noch nicht das Ideal, welches allen die perfekte Bildung und das perfekte Model bieten kann, aber es ist ein Schritt in die richtige Richtung.

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