„Noch lange nicht alles gut“

„Bewohnte Häuser ohne Strom und Wasser“- Michael Josef Schmitt über aktuelle Lage im Ahrtal (mit Bildergalerie)

(Foto: Michael Josef Schmitt)

Am 14. und 15. Juli 2021 wurden zahlreiche Orte an der Ahr in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen vom Jahrhundert Hochwasser überschwemmt und zerstört. Mindestens 133 Leben forderte die Katastrophe. Viele Menschen verloren ihr Zuhause, ihre Arbeit, alles, was sie besaßen. Die Nachrichten waren voll von der Berichterstattung über das Hochwasser, die Anteilnahme der Menschen war groß. Auch im St. Wendeler Land wurden viele Geld- und Sachspenden gesammelt, um den Betroffenen zu helfen. Allein auf dem Spendenkonto des Landkreises kamen über 250.000 Euro zusammen. Viele Menschen aus dem St. Wendeler Land organisierten sich in kleinen Gruppen, um persönlich vor Ort mit anzupacken und zu helfen. Unter ihnen auch Michael Josef Schmitt aus Namborn. Inzwischen sind fast vier Monate vergangen und die Berichterstattung über das einstige Hochwassergebiet ist abgeebbt. Michael Schmitt fährt selbst immer noch fast jedes Wochenende ins Ahrtal, um zu helfen. Er berichtet uns von der aktuellen Lage.

Neben Arbeit und Familie fast jedes Wochenende im Ahrtal, um zu helfen…

Michael ist Mechaniker für Land- und Forsttechnik. Der 34-jährige Vater von 4-jährigen Drillings Jungs zählt Land- und Forstwirtschaft sowie Helfen und Anpacken zu seinen Hobbies. Sein Alltag besteht aus Arbeit und Familie. Zudem engagiert er sich fast jedes Wochenende ehrenamtlich im Ahrtal und hilft den Menschen vor Ort. Am ersten Tag nach der Katastrophe organisierte er sich in einem kleinen Team, um zu helfen. Mit Traktoren, Baggern und Motorsägen machten sie sich auf den Weg, waren zunächst rund 50 Stunden ununterbrochen damit beschäftigt, Menschen von Dächern zu retten, sowie verwüstete Straßen zu erschließen und zu räumen – teilweise auch durch steile unwegsame Weinberge bei Nacht.

Danach ging es jedes Wochenende – sofern es ihm familiär möglich war – in selbst organisierten Teams ins Ahrtal, um Häuser zu entschlammen, auszuräumen und zu entkernen. Zudem hat Schmitt seit der Katastrophe bei vielen anderen helfenden Aktionen mitgemacht. Unter anderem hat er viele Spenden aus dem St. Wendeler Land übergeben, eine Benefizveranstaltung organisiert und durchgeführt, bei der rund 10.000 Euro zusammenkamen. Durch den Verkauf von #SOLIDAHRITÄTS-Shirts konnte er weitere 1.000 Euro Spenden generieren. Als Mechaniker für große Maschinen, überführte er überflutete Winzerspezialfahrzeuge nach Namborn, reparierte sie und führte sie wieder zurück.

Was motiviert ihn, sich ehrenamtlich so stark zu engagieren? „Ein einfacher Gedanke“, erklärt Schmitt gegenüber wndn, „wenn uns solch eine Katastrophe widerfahren würde, wären wir auch froh, wenn andere uns helfen“. Er sei als Fremder gekommen und als Freund gegangen, sagt der 34-Jährige. Auch die besondere Wertschätzung der Betroffenen ermutige ihn, weiter am Ball zu bleiben.

„Bewohnte Häuser ohne Strom, Wasser und Heizung“ – Michaels persönliche Eindrücke von der aktuellen Lage im Ahrtal

Noch immer sei es sehr bedrückend, so schildert Michael die aktuelle Lage Ahrtal. Menschen leben in Häusern, die einem Rohbau ähneln, ohne Strom, fließendes Wasser oder einer Heizung. Straßen, Gehwege, Straßenbeleuchtung seien teilweise schlicht nicht mehr vorhanden. Man könne es sich nicht vorstellen, wenn man sich nicht selbst ein Bild vor Ort gemacht hat. Teilweise sähen Häuser aus wie am ersten Tag nach der Katastrophe, sie seien entweder verlassen, einsturzgefährdet oder die Eigentümer sind im Hochwasser ums Leben gekommen. Spielplätze seien nicht mehr vorhanden, Freizeitaktivitäten nach wie vor nicht möglich. „Was vorher bewaldet war, ist jetzt eine Schotterwüste“, sagt Michael.

„Es wird noch viel Hilfe benötigt“

Michael befürchtet, dass die Katastrophe in Vergessenheit geraten ist oder geraten könnte. Dabei werde noch viel Hilfe im Ahrtal benötigt, um den Betroffenen wieder ein normales Leben zu ermöglichen. „An der 45 km langen Ahr ist noch lang nicht wieder alles in Ordnung“, sagt Schmitt und bedauert, dass in den Medien kaum mehr was von der Katastrophe und der aktuellen Lage zu hören sei.

Wie können die Menschen aus dem St. Wendeler Land helfen?

Es werden weiterhin Sachspenden benötigt, hier muss man sich vorab aber erkundigen, was genau gebraucht wird. Man kann auch die Helfer unterstützen, die noch regelmäßig ins Ahrtal fahren und mit anpacken. So auch Michael Schmitt, der rein ehrenamtlich und auf eigene Kosten tätig ist. Hier kann man sich an den Benzinkosten und Kosten für die Verschleißteile der eingesetzten Fahrzeuge beteiligen. Man kann auch Teile für die Winzertechnik spenden oder ihn bei spezifischen Spendengesuchen unterstützen. Wer Michael persönlich helfen will kann ihn telefonisch (0175 723 8896) oder über seine Facebook-Seite kontaktieren.

Michael ruft auch dazu auf, Urlaub oder Tagestouren ins Ahrtal zu planen. Es sei nach wie vor ein touristisches Erholungsgebiet und die Einnahmen werden benötigt. Auf seiner Webseite bietet das Ahrtal wieder einige touristische Angebote an: https://www.ahrtal.de/fuer-sie-da#

Wie geht es jetzt weiter?

„Nach Abschluss der sogenannten ersten Phase – dem Räumen und Entkernen – muss jetzt getrocknet und geheizt werden, bevor der Wiederaufbau starten kann“, erklärt Michael. Zurzeit helfe es am meisten, wenn das Ahrtal in den Köpfen der Menschen bleibe, bevor im Frühjahr der Wiederaufbau starten kann. Dann werden wieder ganz viele Helferinnen und Helfer vor Ort benötigt.

Was möchtest du uns noch abschließend sagen?

„Es wird noch viel Hilfe im Ahrtal benötigt! Jeder kann seinen Beitrag hierzu leisten. Ich danke allen bisherigen Unterstützern und Spendern.“

Fotos: Michael Josef Schmitt

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