Am 9. Februar verstarb Helene Loch aus St. Wendel im Alter von fast 107 Jahren. Beigesetzt wurde sie nach Einäscherung am vergangenen Freitag, 26.04.2024, auf dem St. Wendeler Friedhof. Mit der Bestattung wurde gewartet, bis ihre Tochter Rita, ihr Schwiegersohn Dave und die Enkelinnen Jasmin und Leah aus Michigan/USA einreisen konnten.
„Ich werde bestimmt 103 Jahre alt“, antwortete sie ihren Enkelkindern im Alter von 84 Jahren auf deren unbekümmerte Frage hin, wie lange sie denn leben werde. Der liebe Gott hat wohl noch „eine Schippe draufgelegt“ und Helene fast vier weitere Lebensjahre geschenkt.
Rührend waren die Worte von Pfarrer Kräuter in der Friedhofskapelle, dem genau wie mir angesichts des hohen erreichten Alters die Blauen Zonen dieser Erde in den Sinn kamen, die Gegenden dieser Welt, in der es schon beinahe üblich ist, dass die Bewohner erst mit über 90 oder gar über 100 sterben. Eine einfache gesunde Ernährung, Bewegung und Arbeiten bis ins hohe Alter sowie gelebtes soziales Miteinander sind wohl die Faktoren, die der körperlichen und geistigen Gesundheit des Menschen zuträglich sind. Zu den Blauen Zonen dieser Erde gehört jedoch nicht Deutschland, insbesondere nicht das Saarland und schon gar nicht unser Landkreis, der im Gemeinden-Vergleich hinsichtlich einer hohen Sterberate mit Neunkirchen das Schlusslicht in unserem Bundesland bildet. Und doch gibt es sie auch im Landkreis St. Wendel – Bürgerinnen und Bürger, die ein hohes Alter erreichen und allen Statistiken hinsichtlich der Lebenserwartung trotzen, so wie Helene Loch.
Man könnte vermuten, dass die Trauer um ein so alt gewordenes Elternteil angesichts des erreichten stolzen Lebensalters nicht mehr so schmerzhaft ist. Aber wer der Beerdigung von Helene Loch beiwohnte, erlebte ein rührendes Abschiednehmen unter Tränen durch ihre Kinder Joachim und Rita sowie den Enkeln und Enkelinnen. Mutter bzw. Oma Helene wurde von Herzen geliebt, das konnten alle Anwesenden spüren.
Ein ganzes Jahrhundert gelebtes Leben
Am 14.03.1917 wurde Lenchen, wie sie liebevoll genannt wurde, in einem sächsischen Erzgebirgskreis geboren. Hier lebte sie mit ihren Eltern und ihrer jüngeren Schwester bis zum Umzug der Familie nach Chemnitz. In Chemnitz arbeitete sie als junge Frau in einem Kaufhaus und wurde als Mitarbeiterin sehr geschätzt. Und weil Lenchen sehr attraktiv war, durfte sie als Model die saisonale Mode in der Konfektionsabteilung des Kaufhauses vorführen, was für diese Zeit mehr als ungewöhnlich war.
Ihre erste Ehe – ein kurzes Glück
Nicht lange nachdem Helene Loch ihren Ehemann Erich kennengelernt und geheiratet hatte, wurde dieser als Berufssoldat von Chemnitz nach St. Wendel versetzt. Zwei Söhne, Rainer und Joachim, wurden geboren. Der Stadt St. Wendel blieb Lenchen Loch ihr Leben lang treu bis zu ihrem Tod.
Doch das Glück hatte keinen Bestand. Helenes Ehemann Erich fiel während des zweiten Weltkrieges an der russischen Front. Das Saarland wurde nach dem Krieg von den Franzosen besetzt und Helene musste ihre Wohnung mit den Kindern verlassen. Nun stand sie da – ohne Ehemann, ohne Wohnung und ohne Einkommen. Auf einem St. Wendeler Bauernhof fand sie mit ihren Kindern Unterschlupf. Dennoch war für sie das Leben als alleinerziehende Mutter ohne Einkommen sehr hart. Ihr Talent als Näherin verhalf ihr zu kleinen Jobs, mittels derer sie sich finanziell „über Wasser halten konnte“.
Eine neue Liebe – eine neue Heirat – der Tod eines Sohnes
Helenes Leben war gezeichnet von vielen Höhen und Tiefen, die sich abzuwechseln schienen. Ein neuer Ehemann Alfred brachte sowohl seine Tochter Brigitte als auch Stabilität in Helenes zweite Ehe, aus der Rita als gemeinsame Tochter hervorging. Doch dann wurde das Glück durch den Tod von Helenes Sohn Rainer gebrochen. Für sie als Mutter war der Verlust ihres Sohnes äußerst schmerzhaft.
Mit einer besonderen Resilienz gesegnet gelang es Helene Loch trotz der erlebten Härte und Verluste, nie die Hoffnung und Zuversicht zu verlieren. In ihrem Herzen war sie von je her ein lebensfroher Mensch, dem es immer wieder gelang, aufzustehen und weiterzumachen. Helene liebte die Natur und war immer zu Fuß unterwegs. Sie liebte die Musik, das Tanzen, die Handarbeit, das Lesen und Kreuzworträtsel. Helene verstand es, das Leben zu genießen.
Auch ich durfte sie vor vielen Jahren kennenlernen. Vor mir saß eine schöne Frau mit strahlenden Augen und wachem Geist – eine bannende Persönlichkeit, die mich an Geschichten aus ihrem Leben teilhaben ließ.
Vielleicht lässt sich nun eine Parallele zu den Bewohnern der Blue Zones herstellen, in denen es alte Menschen aufgrund ihrer geselligen und fröhlichen Natur in ihrem einfachen, nicht von Materialismus geprägtem Leben verstehen, aus allen Lebenssituationen das Beste zu machen?! Lebenslange Neugierde, Bewegung und die Stabilität familiärer und freundschaftlicher Bindungen halten offensichtlich jung und gesund.
Jährliche Reisen in die USA
Als Helenes Tochter Rita sich in St. Wendel mit 22 Jahren in einen amerikanischen Soldaten verliebt hatte und diesem nach Ableistung seines Wehrdienstes in Baumholder in die USA gefolgt war, wurde es noch einmal schwer für Lenchen. Die Tochter fehlte. Und weil diese Sehnsucht von der Mutter nach der Tochter und von der Tochter nach der Mutter so groß war, verbrachte Helene Loch über Jahre hinweg jeweils zwei bis drei Sommermonate in den USA und konnte dadurch auch eine enge Verbindung zu dem Enkel und den Enkelinnen aufbauen. Auch Schwiegersohn Dave schätzte seine Schwiegermutter wie eine leibliche Mutter.
Wenn Demenz den Geist umnachtet
Wenn ein Mensch an Demenz erkrankt, wird es in erster Linie schwer für die Betroffene oder den Betroffenen. Vergesslichkeit, depressive Verstimmungen, Schlaflosigkeit und Orientierungslosigkeit können Vorboten einer Demenz sein. Die Lebensqualität verändert sich, die Erkrankung verunsichert und macht Angst. Zum Glück wurde die Demenzerkrankung bei Helene Loch erst im Alter von 100 Jahren akut und erst im Alter von 104 Jahren erkannte sie ihre Kinder nicht mehr, spürte jedoch noch immer deren Nähe. Zu dieser Zeit war sie bereits seit 12 Jahren im Hospital St. Wendel in Pflege. Ihr Sohn Joachim besuchte sie regelmäßig und ihre Tochter Rita nahm jährlich die Reise von Michigan nach St. Wendel auf sich, um zwei Wochen lang den ganzen Tag mit ihrer Mutter im Pflegeheim zu verbringen.
So schwer die Demenzerkrankung auch für die Betroffene und ihre Familie war, letztendlich bleiben die Erinnerungen an eine wunderbare Frau, liebe- und aufopferungsvolle Mutter und Oma.
In den Erinnerungen aller Familienmitglieder wird Helene Loch weiterleben.
Ein letzter Lauf für die verstorbene Oma
Ein besonderes letztes Geschenk machte Jasmin, Helenes Enkelin aus den USA, am Tag nach der Beerdigung ihrer Großmutter. Sie nahm ihr zu Ehren am diesjährigen St. Wendeler Globus-Marathon trotz Regens teil und lief die Strecke von 10 km.
Ich bin mir sicher, Oma Helene drückte ihrer Enkelin dabei fest die Daumen, wo auch immer sie sich gerade befindet 😊!





