Kreis St. Wendel: Gewerkschaft sieht Kinderbetreuung durch längere Arbeitstage gefährdet

Foto: NGG | Nils Hillebrand

Im Landkreis St. Wendel werden derzeit rund 800 Kinder unter drei Jahren in Kindertagesstätten betreut. Das entspricht laut amtlicher Statistik einer Betreuungsquote von gut 42 Prozent. Zu wenig, findet die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) Saar – denn laut einer Studie des Deutschen Jugendinstituts (DJI) liegt der tatsächliche Bedarf der Eltern im Saarland bei 54 Prozent. „Das ist zu wenig. Vor allem wenn Eltern arbeiten, müssen sie sich darauf verlassen können, dass ihre Kinder betreut werden“, sagt NGG-Geschäftsführer Tobias Wolfanger.

Noch größere Sorgen bereiten der Gewerkschaft allerdings die Pläne der Bundesregierung, das Arbeitszeitgesetz zu ändern und den bisherigen 8-Stunden-Tag abzuschaffen. „Wenn das passiert, dann bricht für Eltern jede Planung bei der Kinderbetreuung zusammen. Denn dann kann ein Arbeitstag auch mal zwei oder sogar dreieinhalb Stunden länger werden. Mit Verlässlichkeit, die Eltern dringend brauchen, hat das nichts mehr zu tun“, warnt Wolfanger. Kita- und Arbeitszeiten seien schon jetzt eng aufeinander abgestimmt. „Meistens sind Kita- und Arbeitszeiten schon jetzt auf Kante genäht – also eng miteinander abgestimmt: Wer sein Kind in der Kita hat, der muss es auch pünktlich wieder abholen, bevor die Kita schließt. Aber wenn der Chef demnächst aus einem 8-Stunden-Tag einen Arbeitstag mit 10 oder 12 Stunden am Stück machen kann, wird es für Familien nahezu unmöglich, ihren Alltag verlässlich zu planen“, so Wolfanger. Am Ende beeinträchtige das sogar die Berufstätigkeit der Eltern.

Auch für die häusliche Pflege sieht die NGG erhebliche Probleme. „Wer sich zu Hause – zum Beispiel in enger Absprache mit Pflegediensten – um Angehörige kümmert, kann alles gebrauchen, aber keinen XL-Arbeitstag“, sagt Wolfanger. Die geplante Aufweichung sei „Gift für alle, die im Moment alles daransetzen, den Spagat zwischen Job und Familie zu schaffen“.

Besonders Frauen seien betroffen: Laut einer Beschäftigtenbefragung des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB, Index Gute Arbeit) gaben 51 Prozent der Frauen an, sich zu Hause um Angehörige – insbesondere Kinder oder ältere Menschen – zu kümmern. Bei Männern seien es 41 Prozent. Bereits heute habe gut ein Fünftel aller Beschäftigten häufig Schwierigkeiten, Familie und Beruf zeitlich zu vereinbaren. Bei alleinerziehenden Frauen liege dieser Anteil sogar bei 42 Prozent.

„Sollte Schwarz-Rot jetzt den 8-Stunden-Tag abschaffen und bei der Wochenarbeitszeit ein Höchstlimit von 48 und in Ausnahmefällen sogar bis zu 73,5 Stunden setzen, würde die Bundesregierung damit echte Probleme für viele Familien im Kreis St. Wendel provozieren – im Job und in der Familie“, warnt Wolfanger.

Den Arbeitskräftemangel etwa im Gastgewerbe, im Lebensmittelhandwerk oder in der Nahrungsmittelindustrie könne man nicht mit längeren Arbeitstagen lösen. „Den Arbeitskräftemangel in diesen Betrieben lösen wir nicht durch längere Arbeitstage, sondern durch bessere Arbeitsbedingungen und mehr Kita-Plätze“, so Wolfanger. Zudem steige nach acht Stunden Arbeit das Unfallrisiko deutlich an. „Nach 12 Stunden ist es sogar doppelt so hoch wie bei einem regulären 8-Stunden-Tag“, warnt der Gewerkschafter. Auch Schlafstörungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Burnout könnten Folgen zu langer Arbeitstage sein.

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