„Die interessantesten Gespräche führe ich fast immer mit fremden Menschen“, sagte mir vor Jahren ein junger Mann, der auf einem Flug von den Kanaren nach Frankfurt neben mir saß. Dieser Satz ist mir bis heute im Gedächtnis geblieben. Und genau daran musste ich denken, als ich vor einigen Tagen in einem Café auf einen guten Freund wartete.
Am Nachbartisch stellte sich mir Joshi vor, 19 Jahre alt und wohnhaft in Gronig. Wie selbstverständlich begann er ein Gespräch und erzählte mir, dass er seit einem halben Jahr bewusst auf ein Smartphone verzichte und stattdessen das alte Tastenhandy seiner Tante benutze. Kein Instagram, kein permanentes Scrollen, keine ständige Erreichbarkeit. Weil mich das Thema sofort interessierte, verabredeten wir uns einige Tage später zu einem Interview.
In einer Welt, in der Inhalte in sozialen Medien permanent kommentiert, geteilt und diskutiert werden, scheint das Smartphone für viele – besonders für junge Menschen – längst unverzichtbar geworden zu sein. Soziale Medien verleihen ihren Nutzern vermeintliche Bedeutung über Reichweite, Likes und Followerzahlen und erzeugen dadurch oft eine Form von Wichtigkeit, die mit der Realität nur wenig zu tun hat.
Joshi hat sich dieser dauerhaften digitalen Präsenz bewusst entzogen. Im Interview spricht er offen über seine Beweggründe, die Veränderungen in seinem Alltag und darüber, wie sich sein Blick auf Freundschaften und zwischenmenschliche Beziehungen gewandelt hat.
wndn.de: Joshi, schön, dass du dir die Zeit nimmst, mit mir darüber zu sprechen, warum du bewusst auf Social Media verzichtest und ein Handy ohne Internetfunktion nutzt. Was hat dich zu dieser Entscheidung bewegt?
Joshi: Der Prozess begann damit, dass ich meinen Social-Media-Konsum immer weiter eingeschränkt habe. Instagram nutzte ich irgendwann gar nicht mehr, sondern nur noch Snapchat und WhatsApp – und auch diese Apps ausschließlich als Messenger, um mit Freunden und Familie in Kontakt zu bleiben. Ganz konsequent war ich allerdings noch nicht, denn ich schaute weiterhin Filme auf Netflix und spielte Handyspiele. Trotzdem wurde mir immer mehr bewusst, wie viel Zeit ich damit eigentlich verschwende.
Nachdem mir ein Kollege von seinem Tastenhandy erzählt hatte und davon, dass es ihm ohne Smartphone besser gehe, er mehr Zeit habe und insgesamt ruhiger sowie weniger hektisch sei, begann ich ebenfalls darüber nachzudenken, mir ein solches Handy zuzulegen. Der endgültige Entschluss fiel schließlich, nachdem mir etwa zwei Wochen später mein Handy im Bus gestohlen wurde. Von da an wollte ich kein internetfähiges Handy mehr besitzen.
wndn.de: Wie haben deine Freunde darauf reagiert, dass du plötzlich nicht mehr rund um die Uhr erreichbar warst?
Joshi: Am Anfang hatten meine Freunde eigentlich kein Problem damit. Durch die eingeschränkte Erreichbarkeit hat sich aber trotzdem einiges verändert. Zu manchen Leuten habe ich inzwischen kaum noch Kontakt, obwohl ich weiterhin per Anruf oder SMS erreichbar bin. Oft kamen einfach keine Antworten mehr zurück. Das hat mich zuerst irritiert, aber mir gleichzeitig gezeigt, welche Freundschaften wirklich ernst gemeint sind und welche eher oberflächlich waren. Gleichzeitig habe ich heute deutlich mehr Zeit für die Menschen, die mir wirklich wichtig sind – vor allem für enge Freundschaften, meine Familie und unseren Hund.
wndn.de: Wie war es früher, wenn ihr euch als Freunde getroffen hattet?
Joshi: Früher war es oft so, dass während unserer Treffen ständig jemand aufs Handy geschaut hat. Die neuesten Reels wurden gezeigt und vieles drehte sich nur um Inhalte aus sozialen Medien. Heute ist das anders. Die Menschen, mit denen ich mich treffe, interessieren sich wieder mehr für echte Gespräche. Man redet miteinander, statt ständig auf den Bildschirm zu schauen.
Manche meiner Freunde konnten früher kaum ein Treffen aushalten ohne ständige Blicke aufs Handy. Genau an diesem Punkt war ich selbst auch einmal. Daran merkt man erst, wie groß der Suchtfaktor ist.
Ich schaue mir gerne ältere Serien wie „Friends“ oder „How I met your mother“ an. Dabei ist mir bewusst geworden, wie intensiv der Austausch zu der damaligen Zeit unter Freunden war – ohne ständige Ablenkung durch ein Smartphone.
wndn.de: Was hat sich in deinem Alltag noch verändert?
Joshi: Heute geht alles so unglaublich schnell. Wir werden permanent mit Informationen überflutet. Vieles bleibt oberflächlich, kaum etwas geht noch wirklich in die Tiefe. Ich habe das Gefühl, dass sich dadurch auch die Qualität unserer Gedanken verändert.
Seit ich auf das Smartphone verzichte, nehme ich kleine Momente wieder bewusster wahr. Wenn ich morgens aus dem Bus steige und zur Arbeit gehe, schaue ich nicht mehr aufs Handy, sondern nehme den Sonnenaufgang oder die Natur bewusst wahr. Die ständige Dauerbeschallung ist verschwunden – und genau das empfinde ich als sehr befreiend.
wndn.de: Das, was du erzählst, bestätigt die Erkenntnisse aus einem Experiment, nämlich Dopaminfasten. Hierbei handelt es sich um einen Ansatz, der empfohlen wird, um das durch permanente Reize überlastete Gehirn wieder an ein normales Reizniveau zu gewöhnen und die ständige Reizüberflutung zu reduzieren. In einer Fernsehdokumentation wurde über drei junge Menschen berichtet, die freiwillig an diesem Experiment teilnahmen. Anfangs beschrieben sie den Verzicht als sehr schwierig, später berichteten sie jedoch von mehr persönlichen Treffen mit Freunden und mehr Zeit, um wieder Bücher zu lesen und kreativ zu sein.
Hast du schon einmal von Klagen gegen Social-Media-Plattformen gehört? In den USA gab es im vergangenen Jahr einen Fall, in dem eine junge Frau Social-Media-Unternehmen vorwarf, psychisch erkrankt zu sein, weil sie diese bereits seit Kindesalter genutzt hatte. Solche Klagen zeigen, dass die Auswirkungen dieser Plattformen zunehmend kritisch diskutiert werden.
Joshi: Ja, dabei spielen vor allem die Algorithmen eine große Rolle. Nutzerinnen und Nutzer bekommen ständig Inhalte angezeigt, die genau auf ihr Verhalten abgestimmt sind. Dadurch schaffen es die Plattformen, die Aufmerksamkeit möglichst lange zu binden und immer wieder neue Reize auszulösen. Ohne Smartphone entsteht dagegen Raum für echte Gespräche, mehr Zeit mit der Familie und für Dinge, die einem wirklich wichtig sind.
wndn.de: Wie gehen deine Brüder mit dem Thema um?
Joshi: Mein 17-jähriger Bruder hat seine Nutzung ebenfalls eingeschränkt, seit ich ein Tastenhandy nutze. Auch er sagt, dass es ihm besser geht. Ganz verzichten kann er allerdings nicht, weil er das Smartphone für die Arbeit braucht. In vielen Bereichen ist es inzwischen notwendig – etwa beim Online-Banking. Ich selbst habe solche Funktionen nie genutzt, weil mir das Risiko von Hackerangriffen zu hoch war.
wndn.de: Damit sind wir bei den Risiken der digitalen Welt angekommen, die die digitale Nutzung neben ihren Vorteilen ebenfalls mit sich bringt. Du hast bereits das Hacking von Accounts oder Bankdaten angesprochen. Professionelle Hacker sind heute sogar in der Lage, ganze Unternehmen oder öffentliche Verwaltungen lahmzulegen. Durch deinen bewussten Verzicht auf ein internetfähiges Smartphone reduzierst du etliche dieser Risiken in deinem Alltag. Den wenigsten Nutzern ist wahrscheinlich bewusst, dass verschiedene Apps, deren Nutzung die Freigabe des Standorts voraussetzen, Daten für Bewegungsprofile liefern, die wiederum zu Marketingzwecken gekauft werden können. Sehr zu empfehlen ist in diesem Zusammenhang, sich in der ARD Mediathek die Doku „Gefährliche Apps“ anzuschauen, die diese Gefahren beleuchten.
Joshi: Genau. Außerdem gibt es im Internet viele problematische und illegale Inhalte, auf die besonders Kinder und Jugendliche oft viel zu leicht zugreifen können. Wirkliche Alterskontrollen existieren kaum, und mittels Fake Profilen kann heute nahezu jede Person anonym Inhalte veröffentlichen. Meiner Meinung nach bräuchte es deutlich strengere Identitäts- und Altersprüfungen auf Plattformen wie Instagram. Gleichzeitig ist das schwer umzusetzen, weil viele große Anbieter im Ausland sitzen.
wndn.de: Vor vielen Jahren erzählte mir ein ehemaliger Profiler, dass theoretisch sogar über ausgeschaltete Handys Gespräche in Wohnräumen mitgehört werden könnten. Allein der Gedanke daran bringt mich heute zur Überlegung, ob ein Verzicht auf das Smartphone nicht tatsächlich sinnvoll wäre. Unsere persönliche Welt ist durch die digitale Entwicklung zunehmend transparent geworden.
Joshi: Ja, unser Lehrer hatte einmal ein Experiment mit uns Schülerinnen und Schülern durchgeführt. Wir sollten alle unser Handy ausschalten. Ganz bewusst sprachen wir für einige Minuten lang nur über die Nazizeit und rechtsextreme Strömungen. Und als wir unser Handy wieder einschalteten, wurden genau solche Inhalte vermehrt angezeigt. Das war schon beängstigend.
wndn.de: Ja, sehr spannend, aber auch irritierend. Vielen Dank, Joshi, für deine interessanten Schilderungen. Vielleicht gelingt es dir, weitere Menschen dafür zu gewinnen, zumindest eine Einschränkung der Nutzung ihrer Smartphones in Erwägung zu ziehen, um dem wahren Leben wieder mehr Raum zu schenken.
Als ich das Café nach dem Gespräch verließ, musste ich erneut an den Satz des jungen Mannes aus dem Flugzeug denken: „Die interessantesten Gespräche führe ich fast immer mit fremden Menschen.“ Vielleicht deshalb, weil echte Gespräche genau dort entstehen, wo Menschen sich wieder Zeit füreinander nehmen – ohne ständig auf einen Bildschirm zu schauen!?
Meinung: Ganz klar, die Nutzung eines Smartphones schenkt viele Vorteile – von der schnellen Erreichbarkeit über den jederzeit möglichen Zugriff auf Informationen bis hin zur Nutzung als Navigationsgerät u. a.. Gleichzeitig bringt die dauerhafte digitale Vernetzung aber auch Risiken mit sich. Besonders im Hinblick auf die mentale Gesundheit wird der bewusste Verzicht auf Social Media für viele junge Menschen zum Thema, über das nachgedacht wird. Der ständige Vergleich mit den scheinbar perfekten Leben Anderer und optische Vergleiche können Unsicherheiten fördern und das eigene Selbstwertgefühl negativ beeinflussen. Auch die Gefahr von Mobbing über das Netz, von Eltern oft nicht erkannt, birgt schwerwiegende Gefahren in sich.
Wenn ich an das Dorf im Hunsrück denke, in dem mein Mann aufgewachsen ist in einer Zeit, in der nicht alle Nachrichten aus aller Welt innerhalb von Minuten auf einem Smartphone erschienen, in einem Dorf, in dem Kommunikation von Mensch zu Mensch stattfand und ein Zusammenleben ohne enge nachbarschaftliche Beziehungen undenkbar gewesen wäre, frage ich mich, bringt Fortschritt tatsächlich immer eine erhöhte Lebensqualität mit sich? Denn ein gutes Leben definiert sich nicht über materielle Vorzüge, ständige Erreichbarkeit, rundum Berieselung an Informationen und der Zahl der Follower, sondern über ein echtes Miteinander in Familien und Freundschaften, auf die wir uns verlassen können!





