5 Fragen an: Julian Schneider, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung St. Wendeler Land

Wie bewerten Sie aktuell die wirtschaftliche Lage?

In Deutschland ist die konjunkturelle Lage angespannt, die wirtschaftliche Erholung fällt eher verhalten aus. Im Landkreis St. Wendel ist die Wirtschaftssituation insgesamt stabil – trotz schwieriger Rahmenbedingungen. Die Anzahl sozialversicherungspflichtig Beschäftigter ist im Zeitraum 2016 bis 2025 von 26.078 auf 28.298 angestiegen. Selbst im produzierenden Gewerbe ist ein Anstieg zu verzeichnen (Jahre 2018-2023: +1,4 Prozent). Bei der realen Kaufkraft liegt der Landkreis im Saarland vorne, ebenso im Bereich Tourismus. Zwei Kennzahlen unterstreichen die robuste Ausgangslage: die niedrigste Arbeitslosenquote im Saarland mit ca. 4,3 Prozent und eine der niedrigsten Jugendarbeitslosenquoten in Deutschland mit ca. 1,8 Prozent. Also zusammengefasst: Die wirtschaftliche Lage ist auch im Landkreis St. Wendel nicht einfach, aber die Region zeigt sich widerstandsfähig.

Welche Branchen tragen derzeit besonders zur wirtschaftlichen Stabilität im Landkreis bei?

Die verteidigungs- und sicherheitsrelevanten Unternehmen spielen hier sicher eine große Rolle. In den nächsten Jahren wird im Landkreis St. Wendel in diesem Sektor fast eine Milliarde Euro investiert, es sollen zusätzlich etwa 1.000 neue Arbeitsplätze entstehen. Aber auch andere Unternehmen des produzierenden Gewerbes sind aktuelle Stützen in Krisenzeiten, etwa aus der Medizin-, Metall- oder Elektrobranche. Der Dienstleistungssektor (v.a. unternehmensnahe Dienstleistungen) im Kreis ist nicht zu unterschätzen, da er beispielsweise weniger exportorientiert und energieintensiv ist. Unabhängig des jeweiligen Wirtschaftszweigs bleiben Mittelstand und Handwerk wichtige Stabilitätsanker. Sie sichern Arbeitsplätze und Wertschöpfung vor Ort.

Sie haben die Herausforderungen angesprochen: Wo sehen Sie aktuell die größten Sorgen der Unternehmen?

Unsere Region ist stark von dem demografischen Wandel und der damit verbundenen Überalterung betroffen. Zwar ziehen immer noch mehr Menschen in den Landkreis als fort, aber der natürliche Saldo (Verhältnis Geburten-/Sterberate) fällt negativ aus. Die viel zitierten Babyboomer gehen in den kommenden Jahren in Rente. Das ist direkt bei den Unternehmen spürbar, da erfahrene Arbeitskräfte den Arbeitsmarkt verlassen. Die Unternehmen unterliegen einem enormen Kostendruck, etwa bei Arbeitskosten, Sozialabgaben oder Energiepreisen. Auch die Bürokratie ist ein indirekter Kostenfaktor, der deutlich spürbar ist. Für einige Bürokratie- und Genehmigungsschleifen fällt es schwer, noch irgendein Verständnis aufzubringen. Unternehmensnachfolgen im Saarland und im Landkreis St. Wendel gestalten sich zunehmend herausfordernd, da es mehr übergabebereite Unternehmen als übernahmeinteressierte Personen gibt. In der Gesamtbetrachtung halten Unternehmen Investitionen eher zurück, eben wegen der weiterhin unsicheren Marktumgebung. Zu all diesen Herausforderungen stehen Unternehmen vor der Aufgabe, sich auf Zukunftsthemen wie Digitalisierung, KI und erneuerbare Energieversorgung auszurichten.

Wo liegen aus Ihrer Sicht die größten Zukunftschancen für den Landkreis?

Die wesentlichen Zukunftschancen liegen in einer Kombination aus vorhandenen Stärken und neuen Entwicklungen. Die industrielle Entwicklung rund um den Rüstungs- und Verteidigungssektor führt zu regionaler Wertschöpfung, zusätzlichen Arbeitsplätzen und teilweise Auftragschancen für die Unternehmen vor Ort. Das ist ein wesentliches Zukunftsfeld, reicht aber allein sicher nicht für die wirtschaftliche Gesamtentwicklung aus. Entscheidend bleibt die vielschichtige Branchenstruktur des Mittelstands, der inhaberführten Unternehmen und deren Standortidentifikation, Resilienz und Entwicklungspotenzial.

Ein weiterer Standortfaktor ist die Lebensqualität im Landkreis St. Wendel. Die Wohnqualität, Natur, Freizeitangebote, Veranstaltungen und kurzen Wege sind wichtig, um auch zukünftig für Fachkräfte attraktiv zu sein. Mit klugen KI-Ansätzen besteht das Potenzial, unternehmerische Prozesse zu vereinfachen, automatisieren und einzelne Fachkräftelücken teilweise abfedern. Eine nachhaltige Energieversorgung mit regionaler Wertschöpfung bietet zudem Chancen für Unternehmen, Handwerk, Kommunen und den gesamten Standort.

 

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