Von Stadtführer Roland Geiger

Wo der Todbach seinen Namen her hat – eine (fast) ganz Wahre (Grusel-)Geschichte

(Symbolbild)

Direkt angrenzend an meine Heimatstadt St. Wendel liegt der Ort Urweiler, der seinen Namen ungefähr im 7. Jahrhundert nach Christus erhielt, so wie die meisten Orte, deren Namen mit „weiler“ endet. Die meisten gehen zurück auf ein Gehöft, bestehend aus einen oder zwei Häusern, was ich gerne mit „drei Häuser und ein Hund“ bezeichne. Der Eigentümer des Gehöfts wurde dann zum Namensgeber des Ortes, so daß der Name des Ortes sich aus dem Namen des Eigentümers und dem Zusatz „weiler“ zusammensetzt. Allerdings ist das ausgerechnet bei Urweiler nicht der Fall, denn das heute „ur“ ist alles, was im Laufe der Zeit von der Vorsilbe „ober“ übrig geblieben ist. Das heißt: Urweiler war ein Ort, der früher oberhalb eines anderen an einem Fluss oder Bach lag. Urweilers Pendant war dann folgerichtig Niederweiler, das südlich von St. Wendel am Bach weiter unten lag (und eines der wenigen Orte ist, der im 30-jährigen Krieg tatsächlich zerstört wurde. Der 30-jährige Krieg ist immer eine toller Abfallplatz für alle Orte, die irgendwann zerstört wurden und von denen niemand wirklich weiß wann. Dann war es immer der 30-jährige Krieg. Er hat einen wirklich üblen Ruf und nicht zu Unrecht, aber manchmal tut er mir schon ein bisschen leid).

Fährt man durch Urweiler hindurch und biegt kurz hinter der Mitte nach links ab, kommt man zur Dörrwiesmühle, eine Wassermühle, deren Geschichte bis ins 17. Jahrhundert zurückreicht und eine der wenigen Mühlen dieser Art ist, die heute noch ein funktionierendes Wasserrad hat. Dieses Wasserrad wird nicht durch einen Bach angetrieben, sondern von Wasser, das von einem Bach abgezweigt und durch einen langen Kanal zum Rad geleitet wird. Diese Abzweigung liegt fast ein Kilometer nördlich Urweilers auf halber Strecke nach Baltersweiler, wo meine Eltern wohnen und ich aufgewachsen bin (nicht geboren, nur aufgewachsen – auf diesen Umstand lege ich schon Wert, aber das ist eine andere Geschichte). Im Gegensatz zu Urweiler beruht der erste Teil des Namens „Baltersweiler“ tatsächlich auf einem Eigennamen, das war wohl ein Mann namens Balthasar oder so ähnlich, von dem wir allerdings außer dem Namen nichts wissen, und den Namen kennen wir auch nur aus dem Ortsnamen. Ziemlich dürftig, aber will man machen.



Durch Baltersweiler fließt ein Bach nach Urweiler und weiter nach St. Wendel, wo er nahe der heutigen Aral-Tankstelle in die Blies fließt und mit dieser zusammen nach Süden, um irgendwann zur Saar zu gelangen, dann weiter in die Mosel und den Rhein und noch viel später in die Nordsee und von da in den Atlantik. Dort entstehen dann Wolken, die fliegen ins Land hinein und regnen ihren Inhalt wieder auf die Erde. Und dann fängt das Ganze von vorne an.

Dieser Bach, von dem aus u.a. das Wasser zur Dörrwiesmühle abgeleitet wird, ist der Todbach, und weil er solch einen seltsamen Namen hat, will ich erzählen, woher dieser Name kommt.

Auf halber Strecke zwischen Urweiler und Baltersweiler gibt es jenseits der Eisenbahn ein Gebiet, das wird „Hirschweilerberg“ genannt. Es ist kein wirklicher Berg, sondern ein langer Hang, der zum Kesselberg dahinter gehört. Und sein Namen hieß früher nicht „Hirschweiler“, sondern hat sich aus einem älteren Namen gebildet, nämlich „Herisweiler“. Fragen Sie mich nicht, wie der Eigentümer dieses Hofes hieß, es muß irgendwas mit „Heris“ gewesen sein.

Die Leute, die dort gewohnt haben, waren irgendwie seltsam, und die Häuser, in denen sie wohnten, sahen entsprechend aus. Nicht schön. Schief, verwahrlost, dreckig.

Meine Heimatstadt St. Wendel lebte damals von der Wallfahrt. In der großen Kirche in der Stadtmitte, die seit langer Zeit „Dom“ genannt wird (nicht weil wir hier einen Bischof haben – den haben wir hier nicht -, sondern weil sie so groß ist), lag damals schon in seinem Grab der heilige Wendalinus, von dem die Kirche und die Stadt ihren Namen hat. Über ihn wissen wir nichts Historisches, sondern nur, was seine Legenden erzählen. Er soll aus Schottland stammen, neuerdings auch aus Irland, soll vor 1500 Jahren u.a. hier gelebt haben, soll im nahegelegenen Kloster Tholey Abt gewesen und dort gestorben, aber hier in St. Wendel (das es damals noch nicht gab) beerdigt worden sein. „Soll“, nicht „ist“. Das heißt: wir glauben, dass es so war, aber bestätigt wissen tun wir nichts. Aber das ist ja, was „glauben“ heißt: von etwas fest überzeugt zu sein, ohne einen Beweis zu haben oder so gar trotz Gegenbeweis.

Er lebte also vermutlich irgendwann, starb irgendwann und irgendwo und wurde vermutlich irgendwann hier begraben. Über seinem Grab baute man eine Kapelle, und Menschen kamen von überall her, um an seinem Grab zu beten und um seine Hilfe zu bitten. Und ab und zu wurde Hilfe gewährt. So etwas nennt man „Wunder“ (weil’s passiert ist, aber kein Mensch weiß wie). Und die sprechen sich herum, was dazu führt, dass immer mehr Leute dorthin kommen, um am Grab zu beten und um Hilfe zu bitten. Heute nennt man so etwas einen „Schnellball“-Effekt.

Manche Leute kamen und gingen nicht mehr weg, sondern bauten sich ein Haus (oder zwei) und boten anderen Leuten, die des Wegs kamen, ihre Hilfe an. Wandern macht durstig und Beten vermutlich hungrig. Und schon war die erste Herberge da, die ein Dach über dem Kopf zum Übernachten, ein Glas Bier für den Durst und eine Bratwurst für den kleinen und großen Hunger bot. Ein Schmied kam hinzu, der die Schuhe der Pferde und anderer Vierbeiner reparierte. Ein Schuhmacher kam erst später, denn Pilgern erfolgt traditionell meistens barfuß. Schon wurde die Kapelle zu klein, und man baute sie zu einer richtigen Kirche um. Und schon ließen sich ein paar Leute hier nieder, die gut drin waren, Menschen dazu zu bringen, dass sie das tun, was sie (die Leute) meinen, es sei das Richtige. Nein, ich rede nicht von Politikern, die kamen erst nach den Geistlichen.

Natürlich warf die Versorgung der Pilger Gewinne ab, obwohl das sicher nicht gewollt war, aber sei’s drum, das nehmen wir dann in Kauf.

Hoch-Zeiten der Wendelsverehrung war das Pfingstfest und der 20. Oktober, das ist der Festtag des heiligen Wendelin (eigentlich der Tag seines Todes, aber – das ist bei Heiligen so – auch ihr Geburtstag für das neue Leben im Himmel). An diesen Tagen war in St. Wendel die Hölle los (okay, das Wort passt jetzt nicht so gut, aber es trifft die Sache schon).

Pilger kamen aus allen Richtungen und manche nicht zum ersten Mal.

Und so kam es, dass eine Gruppe von Norden her über Baltersweiler nach St. Wendel kommen sollte an einem Sonntagmorgen. Das Bier stand kalt, die Würstchen lagen auf dem Grill, aber – sie kamen nicht. Man wartete am Morgen, man wartete am Nachmittag. Und als es Abend wurde, sprang einer der Wartenden auf sein Pferd und ritt Richtung Baltersweiler, um zu schauen, was los sei. Er fand sie nicht auf dem Weg dorthin und nicht in Baltersweiler und nicht im Ort hintendran. Erst zwei Orte weiter traf er sie. Er sprang vom Pferd und sprach sie an: „Wo wollt Ihr hin? St. Wendel liegt in der anderen Richtung.“

„Oh“, sagte ihr Sprecher, „das wissen wir. Wir kamen heute morgen nach und durch Baltersweiler und wanderten auf der Straße entlang des Höhenrückens und sahen schon den Turm der Kirche aus der Ferne. Wir passierten den Galgen auf halben Weg – da müßt Ihr aufpassen, die fallen bald.“

Der Galgen stand auf halber Strecke zwischen Baltersweiler und St. Wendel links des Wegs auf einer kleinen Anhöhe. Er bestand nicht aus zwei Pfosten mit einem Querbalken, sondern aus drei Pfosten mit drei Querbalken, angeordnet in einem Dreieck. Das war praktisch, dann konnte man immer drei zusammen aufhängen, da hing dann einer nicht ganz alleine. Und sie blieben solange hängen, bis sie von alleine herunterfielen. Das sah bestimmt nicht gut aus und roch sicherlich nicht gut, aber der erzieherische Effekt war phänomenal. Jeder, der hier vorbeikam und die Gehenkten sah, konnte sich denken, daß man in St. Wendel für Zucht und Ordnung sorgte und auch vor extremen Maßnahmen nicht zurückschreckte.

„Wir passierten also den Galgen“, sagte der Sprecher, und schauten dann nach links hinunter ins Tal und sahen dort diesen Ort – „Herisweiler“ – und der sah so schlimm aus, da dachten wir uns, wenn das so anfängt, wie schlimm wird’s dann erst in St. Wendel. Nein, das tun wir uns nicht an. Wir drehen um und wanderen nach Trier, dort gibt’s viel mehr Kirchen (das stimmt!) und das Bier schmeckt auch besser (das stimmt wohl eher nicht!).“

Der St. Wendeler ritt sofort nach St. Wendel zurück und berichtete den dort Wartenden. Die packte die kalte Wut hinsichtlich ihrer Nachbarn: „Seit ein paar hundert Jahren erzählen wir denen aus Herisweiler schon, die sollen mal ihre Häuser anstreichen und die Dächer flicken. Was geschieht? Nichts. Jetzt reicht’s. Es gibt Leute, mit denen kann man nicht reden. Jetzt nehmen wir die Sache selbst in die Hand.“ Sie banden sich ihre Schwerter um, packten diverses Handwerkszeug und marschierten nach Herisweiler. Auf halben Weg schlossen sich die aus Urweiler an. Sie erreichten die Siedlung und begannen ohne weitere Warnung, die Häuser abzureißen. Die aus Herisweiler schauten verdutzt, dann stürzten sie sich auf die Eindringlinge. Da bemerkten die St. Wendeler, daß hier nichts mehr zu machen war, zogen blank und schnitten denen aus Herisweiler kurzerhand die Kehle durch.

Ganz in der Nähe des (mittlerweile ehemaligen) Ortes floss in großen Winderungen der Bach vorbei, der damals noch „die Kelse“ hieß, und in einer solchen Windung jenseits des Baches lag ein großes Sumpfgebiet, das heute noch der „Totenpfuhl“ heißt. Dort warf man die Toten in den Bach und sah ihnen zu, wie sie langsam Richtung St. Wendel trieben.

Dort hörten die zu Hause gebliebenen den Lärm in der Ferne, rannten zum Bach und stellten sich auf die Brücke in der Kelsweilerstraße – das heißt, die Brücke gab es damals noch nicht – also stellten sie sich neben die Brücke, nein, das geht ja auch nicht – also standen sie am Ufer und schauten ins Wasser und riefen: „Oh mein Gott, der Bach ist voller Toter!“ Und seitdem trägt der Bach den Namen „Todbach“.

Womit meine Geschichte fast zu Ende ist.

Ich bin in St. Wendel einer der Stadtführer und erzähle diese Geschichte gern auf der Nachtwächtertour, wenn wir in einer stillen und dunklen Ecke hinter dem Hotel Angel’s mit Blick auf den Todbach stehen. Wenn sie dann zu Ende ist, schaut mich der eine oder andere der Besucher an und fragt: „Stimmt das alles wirklich?“ Worauf ich mit dem rechten Auge zwinkere und die Besucher anfangen, breit zu grinsen. „Moment, Moment“, sage ich dann, „ganz gelogen ist sie nicht. Es stimmt alles – Herisweiler, Wallfahrt, Galgen – okay, alles bis auf das Massaker, das hat nicht stattgefunden.
Aber mal ehrlich: wenn ich will, daß die Leute so lange zuhören, muß ich etwas bieten, damit sie sich gut unterhalten fühlen? Haben Sie sich gelangweilt in den letzten 10 Minuten?“

Da grinsen sie noch viel mehr.

PS: Der Name „Todbach“ kommt vermutlich von dem flüssigen Dreck, den die Gerber bei dieser Arbeit im Bach entsorgten, diese Mischung aus Gerbsäure, Urin, Aas und weiß-der-Deibel-was-noch. Das verträgt kein Bach und schon gar kein Fisch. Wenn das kontinuierlich da rein fließt, kippt der Bach um, und die Fische schwimmen aus Protest mit dem Bauch nach oben. Dann ist der Bach wirklich tot.

Oooder – der Todbach heißt Todbach, weil er in heißen Sommern kein Wasser mehr hat. Aber die Geschichte kann man nun wirklich nicht erzählen. Der totale Stimmungskiller. Hm, hat auch was mit Tod zu tun …

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