Ein kalter, kräftiger Wind weht über den Festplatz in St. Wendels Missionshausstraße. Der Herbst ist da und somit auch das Fest zu Ehren des heiligen Wendelin. LKWs rangieren beladene Anhänger über den Platz. Das ratternde Geräusch von Akkuschraubern schallt durch die Straße, geschäftiges Treiben läutet bereits seit einigen Tagen die bevorstehende Wendelskirmes ein. Damit die Festtage ein voller Erfolg werden, arbeiten die Schausteller und ihre Angestellten bei Wind und Wetter auf Hochtouren und mit großer Leidenschaft. Wer freut sich nicht drauf, den Kleinen bei der Karussellfahrt zuzuschauen, auf eine Runde mit dem Riesenrad, eine wilde Tour Berg- und Talbahn oder auf eine rasante Autoscooterfahrt? Volksfeste wie eine Kirmes oder Kirchweih haben lange Tradition. Fahrgeschäfte, große Attraktionen, Wurst- und Süßigkeitenbuden werden von den Schaustellerfamilien oftmals seit Generationen betrieben und sorgen so für den ganz eigenen Charme eines jeden Volksfestes.
Eine Familie, die bereits seit Generationen zur Wendelskirmes angereist kommt, ist die Familie Jockers. Sicherlich gibt es unzählige St. Wendeler, die ihre ganz eigenen Geschichten von Jockers Autoscooter zu erzählen haben. Hier hat man die große Liebe entdeckt, wunderschöne Abende mit der Clique verbracht, Tränen gelacht oder eng umschlungen mit dem Liebsten am Abend ein wenig Diskofeeling in einem der Scooter genossen. Die bunten Flitzer der Familie Jockers zählen seit Jahrzehnten zum festen Inventar der Wendelskirmes. Dank der Schaustellerfamilien werden die Besucher wieder wunderschöne Festtage mit Freunden und Verwandten verbringen können. Der Berufsstand der Schausteller hat jedoch neben all der Leidenschaft auch seit Jahren zu kämpfen. Große und mittlere Volksfeste sind rückläufig, verschiedene behördliche Auflagen, hohe Standgebühren oder auch die Einführung des Mindestlohns haben diese Berufsgruppe getroffen. Oftmals reicht es nicht mehr aus, „nur“ ein Fahrgeschäft zu betreiben. Einige der rund 5.000 Schaustellerunternehmen in Deutschland konnten diesen Umständen nicht mehr standhalten und mussten den über Generationen geführten Betrieb aufgeben. Dafür, dass die Besucher einer Kirmes Autoscooter oder Kinderkarussells nutzen können, reisen Schausteller von Fest zu Fest, haben selten freie Tage und betreiben zusätzlich weitere Fahrgeschäfte, Wurstbuden oder andere Kirmesstände. Kirmes ist ein Kulturgut, das es wert ist erhalten zu werden und somit vielen Familien den Lebensunterhalt sichert. Um ein wenig mehr über das Leben und die Sorgen der Schaustellerfamilien und deren Kinder zu erfahren, durften wir mit Nicole und Heino Jockers reden, die seit 23 Jahren bereits eigenständig an die 21 Volksfeste im Jahr mitgestalten.
wndn.de: Ihr kommt nun seit ganz vielen Jahren nach St. Wendel. Wie schätzt Ihr die Entwicklung einer Kirmes im Hinblick auf Besucher in den vergangenen Jahren ein?
Heino Jockers: Es ist immer abhängig davon, wie sehr eine Stadt oder der Veranstalter hinter dieser Veranstaltung steht. Möchte der Veranstalter, dass das schön wird für die Besucher, dann läuft das auch für uns super. Sei es, dass Werbung für die Kirmes gemacht wird, oder der Platzmeister auch vor Ort ist und sich kümmert. Dort funktioniert eine Kirmes auch noch wunderbar. Da, wo die Veranstalter sich nicht wirklich interessieren oder kümmern, da läuft eine Kirmes auch nicht mehr so gut. Wir kommen grade aus St. Ingbert, da ist das super, oder Eppelborn, auch da steht die Gemeinde hinter der Veranstaltung. Auch St. Wendel, hier läuft es auch gut. Natürlich sind hier Anwohner direkt am Platz und daher müssen wir um 23 Uhr die Musik ausmachen, auch wenn im Festzelt noch weiter Musik gespielt werden darf. Das merken wir natürlich. Ist unsere Musik aus, dann bleiben auch die Gäste weg. Im Zelt wird weitergefeiert und wenn dann auch da die Musik irgendwann vorbei ist, dann gibt es Leute, die dann angetrunken Quatsch an den Fahrgeschäften oder auf dem Festplatz machen. Das hat es in dieser Form vor Jahren nicht gegeben.
Wo seht Ihr die Kirmes in 10 Jahren?
Wir glauben wirklich, dass es in 10 Jahren keine Kirmes in diesem Sinne gibt.
Nicole Jockers: Schausteller ist ein Beruf, der von Generation zu Generation weitergeführt wird. Wir wollten beide, dass unsere Kinder was lernen, damit sie was in der Hand haben. Wenn wir irgendwann mal alt sind, dann sind wir froh, wenn wir dann genug Geld zum Leben haben. Unsere Kinder werden nicht mehr als Schausteller ihr Geld verdienen können.
Nach wie vor haben wir als Schausteller immer noch mit vielen Vorurteilen zu kämpfen. Natürlich gibt es in unserer Branche schwarze Schafe. Aber die gibt es auch in jedem anderen Beruf. Ich würde meinen Kindern diese Arbeit nicht mehr zumuten wollen.
Ist das ein Job, den man bis ans Lebensende machen kann?
Nicole Jockers: Mit Sicherheit gibt es Schausteller, die in ein Loch fallen, wenn sie aufhören. Ich könnte mir vorstellen, etwas Kleineres zu betreiben, was wir bewältigen können. Das könnte ich mir vorstellen, bis ans Lebensende zu machen.
Wenn Eure Kinder nun aber sagen würden, sie möchten den Betrieb übernehmen, würdet Ihr diesem Wunsch nachgeben?
Nicole Jockers: Nein! Definitiv nicht. Wir brauchen Angestellte, die uns beim Auf- und Abbau helfen. Die wollen natürlich bezahlt werden. Ich denke nicht, dass das noch viele Jahre zu bewältigen ist.
Heino Jockers: Das Thema Mindestlohn betrifft unsere Berufsgruppe auch. Man hat uns viele Fragen gestellt. Zum Beispiel ist ein Problem, unsere Arbeitszeiten zu definieren. Wann fängt unser Arbeitstag an, wann hört er auf? Gehört es zur Arbeitszeit, wenn ein Stromausfall eintritt abends beim Fernseh schauen und mein Mitarbeiter mir hilft, das Problem zu beseitigen, gilt das dann als Arbeitszeit oder war das Freizeit? Die Bürokratie macht es uns da nicht einfach und die Dokumentationspflicht verkompliziert das alles.
Auch für Eure Berufsgruppe gibt es einen Verband. Inwiefern erfahrt Ihr durch die Verbände hier Unterstützung?
Heino Jockers: In erster Linie sorgen die Verbände für die Erhaltung der Festplätze. Sie treten mit Kommunen und Städten in Kontakt, um die Festplätze attraktiv zu gestalten. Der Erhalt von Veranstaltungen steht hier an oberster Stelle. Auch in Angelegenheiten den TÜV betreffend, setzen sich die Verbände für uns sehr stark ein.
Nicole Jockers: Die Verbände sorgen auch dafür, dass Schausteller von der Maut befreit sind. Wir sind bundesweit viel auf der Autobahn. Unsere LKW sind von der Steuer befreit, sofern sie wirklich nur für die Transporte unserer Fahrgeschäfte eingesetzt werden. Wir unterliegen auch nicht dem Sonntagsfahrverbot. Das alles machen die Verbände.
Welches skurrile Erlebnis hattet Ihr hier in St. Wendel schon mit Eurem Fahrgeschäft?
Heino Jockers: Vor einigen Jahren, wir lagen schon im Bett, klopfte es nachts um halb zwei an unserem Wohnwagen. Dann rief es: „Hier ist die Polizei. Herr Jockers, Ihr Auto steht in der Stadt am Dom.“
Wir dachten, dass könne nicht sein. Unser Auto steht ja hier auf dem Platz. Die Polizisten erklärten uns dann, dass es sich um ein Auto unseres Fahrgeschäfts handele. Da hatte doch tatsächlich dann jemand ein Auto von der Fahrbahn runtergehoben und quer durch die Stadt bis zum Dom geschoben. Die Autos wiegen ungefähr 200 Kilo. Das Auto war kaputt, das Podest, über welches das Auto runtergefahren wurde war durchbrochen, das war natürlich ein ordentlicher Schaden für uns und wir mussten im laufenden Betrieb zunächst den Wagen reparieren. Die Beleuchtung und die Stange waren defekt, der Lenker hinüber, die Scheiben alle kaputt, aber wir haben es so reparieren können, dass man danach nichts mehr von dem Vorfall gemerkt hat. Aber es war ärgerlich. Mittlerweile machen wir die Autos fest und haben Überwachungskameras. Früher war das nicht nötig.
Nicole Jockers (lacht): Das muss man sich mal vorstellen, da steht einer unserer Scooter mitten in der Stadt.
Bei einer Kirmes sind ja häufig jedes Jahr die gleichen Fahrgeschäfte. Wie läuft das ab? Wer entscheidet, welches Fahrgeschäft bei einem Volksfest oder einer Kirmes mit dabei ist?
Normalerweise ist es so, dass man sich bewirbt. Man sagt, welches Fahrgeschäft man anbietet. Dann wird entschieden, welcher Schausteller den Zuschlag bekommt. In den meisten Fällen sind es immer feste Betriebe, die ihren festen Standplatz haben. Dennoch läuft vorab immer diese Bewerbung. Es wird entschieden, welche Attraktion zu einer Kirmes kommt.
Nicole Jockers: Eine Attraktion ist ein Fahrgeschäft, das noch nicht auf dieser Kirmes gestanden hat. Das Riesenrad war im ersten Jahr in St. Wendel eine sogenannte Attraktion. In diesem Jahr ist die Attraktion in St. Wendel das Fahrgeschäft Chaos. Hier wird eine Fläche für eine Attraktion zur Verfügung gestellt. Es ist zum Beispiel so, dass entschieden wird, welche Stammschausteller kommen, hat man dann noch weitere Flächen, werden dann oftmals eine oder zwei weitere Attraktionen auf der Kirmes aufgebaut.
Heino Jockers: Hier in St. Wendel sind es fast durchweg saarländische Schausteller.
Beim Thema Fahrgeschäft, denkt man ebenso an Sicherheit. Inwiefern unterliegt Ihr da den Vorschriften?
Heino Jockers: Seit einigen Jahren unterliegen wir einer neuen DIN. Das bedeutet, dass alle Fahrgeschäfte auf diese neue DIN geprüft werden vom TÜV. In anderen Ländern haben bereits bestehende Fahrgeschäfte einen Bestandsschutz, nur die neuen Fahrgeschäfte werden nach dieser DIN geprüft. Hier hieß es dann, der Bestandsschutz entfällt. Das bedeutet beispielsweise, dass ein Karussell nach der neuen DIN umgebaut werden muss. Für viele Schausteller würde das ein finanzielles Desaster bedeuten. Man kann bei sowas mit einem Umbau von 100.000 Euro rechnen. Im Prinzip kann man sagen, dass es Autos gibt, die nicht mal einen Anschnallgurt haben und trotzdem TÜV bekommen und nicht umgerüstet werden, nur weil die neuen Autos ABS und Airbag haben. Unser TÜV in Deutschland ist der strengste TÜV in ganz Europa und man kann sicher sein, dass unsere Fahrgeschäfte strengsten Sicherheitsvorschriften unterliegen.
Nicole Jockers: Der Verband hat auch hier Klage eingereicht und noch ist die Sache nicht entschieden. Das alles sind aber die Dinge, die uns unsere Arbeit und somit unseren Lebensunterhalt erschweren. Wir als Schausteller haben im Einzelnen keinen Einfluss drauf und sind froh, dass die Verbände hier aktiv werden.
Sicherheit steht an oberster Stelle, gibt es Unterschiede in den Vorschriften für diverse Fahrgeschäfte?
Heino Jockers: Es gibt Fahrgeschäfte die unterliegen der 12- Jahre- Sonderprüfung. Das sind Karusselle mit hochdynamisch beanspruchten Bauteilen, wie beispielsweise eine Berg- und Talbahn. Hier kommt der TÜV und prüft probeweise mehrere Achsen. Die werden dann geröntgt, damit man auch Haarrisse erkennt. Der Schausteller selbst ist natürlich gewillt, dass sein Karussell einwandfrei ist und lässt gleich alle Teile prüfen. Schließlich ist das unser Hab und Gut. Die untere Aufsichtsbehörde kontrolliert dann per Sichtproben nochmal alles.
Eure Kinder sind mit auf Reisen, müssen aber natürlich auch zur Schule. Wie wird das geregelt?
Nicole Jockers: Auch hier unterstützt uns der Verband. Wir haben vor Ort Standortschulen. Hier in St. Wendel war das für unsere Kinder die Nikolaus Obertreis Schule, die sehr kooperativ war. In verschiedenen Bundesländern gibt es auch sogenannte Begleitlehrer. Diese nehmen die Kinder in Empfang und nehmen Kontakt zu den örtlichen Schulen auf und hilft bei den Hausaufgaben. Der Verband hat auch durchgesetzt, dass Kinder von Schaustellern, die im Ausland arbeiten auch die Möglichkeit der Internetschule nutzen können. Später dann, wenn es Richtung Berufsschule geht, dann haben Schaustellerkinder die Möglichkeit an diversen Kursen teilzunehmen. Diese Seminare dauern ungefähr sechs Wochen. Dort lernt man dann Schweißen, Lackieren, all die Sachen, die unseren Berufsstand betreffen. Die Zeit in diesen Kursen wird dann als Berufsschulzeit angerechnet. Wir hatten damals keinen Ansprechpartner im Kultusministerium im Saarland für Schausteller- oder Zirkuskinder, wenn wir Fragen oder Sorgen die Schule betreffend hatten. Einen Ansprechpartner haben wir nun endlich seit drei Jahren.
Ihr seid fast das ganze Jahr unterwegs, wie schaut es da mit Urlaub für die Familie aus?
Heino Jockers: Ferienzeit ist bei uns ja meist Festzeit. Das bedeutet, dass wir meist in diesen Ferienzeiten arbeiten, also keinen Urlaub machen können. Auch in der Weihnachtszeit haben wir Hochsaison. Wenn diese Zeit dann zu Ende ist und es finanziell möglich ist, dann ist diese Zeit, die einzige, in der wir Urlaub mit der Familie machen können. Im Normalfall ist das aber auch Schulzeit. Hier haben wir dann die Möglichkeit für unsere Kinder eine Sonderregelung zu erhalten. Die Kinder können dann von der Schule freigestellt werden, schließlich soll es jeder Familie möglich sein, einmal im Jahr gemeinsam Urlaub machen zu können. Das gilt für Schausteller-, Zirkus- und Schifffahrtskinder. Früher zu unserer Zeit gab es das nicht.
Was muss im Wohnwagen alles dabei sein?
Nicole Jockers: Alles, was wir in unserem Haus haben, das muss auch mit in den Wohnwagen. Wenn ich ganz ehrlich sein soll, dann muss auch unsere große Bettdecke mit. Die haben wir nur im Wohnwagen dabei, zu Hause nicht (lacht). Die Bilder unserer Väter müssen auch immer mit.
Wer ist bei Euch der heimliche Chef?
Nicole Jockers: Mein Heino.
Vielen Dank für die herzliche Atmosphäre bei Euch und ganz viel Spaß in St. Wendel!




