St. Wendeler Land: Helden des Alltags- Teil 1- Ein Interview mit Notfallsanitäter Dennis Schuh

Wir haben mit Notfallsanitäter( in Ausbildung) Dennis Schuh (27) aus Bliesen über die Sonnen- und Schattenseiten dieses schwierigen Berufes gesprochen.

Dennis, warum möchtest du Notfallsanitäter werden?

„ Ich möchte Menschen, die sich in einer Notsituation befinden helfen und meinen Beitrag dazu leisten Schaden von Personen abzuwenden. Seit 2014 bin ich Rettungssanitäter und seit 2017 in Ausbildung zum Notfallsanitäter beim Deutschen Roten Kreuz Kreisverband St. Wendel e.V. Da man als Rettungssanitäter vordergründig Krankentransporte durchführt, wollte ich mich weiterbilden um mehr Verantwortung und weitere Befugnisse und Kompetenzen zu erhalten.“


Was sind Beispiele für „heftige“ Erlebnisse, die du innerhalb deines Jobs hattest?

„ Ganz allgemein kann ich dazu sagen, dass mir das ein oder andere Ereignis, bei denen Personen durch bewusste Fremdeinwirkung zu Schaden gekommen sind, durchaus unter die Haut gegangen ist. Das ist aber auch normal, man ist ja auch „nur“ ein Mensch, der mitfühlt und in der Lage ist sich in Personen hineinzuversetzen. Wenn zum Beispiel eine junge Frau von ihrem Partner körperlich misshandelt wird oder sich ein Mensch selbst verletzt, da fühlt man einfach mit. Das ist menschlich. Hier spielt dann auch das Unverständnis darüber wie manche Menschen sein und handeln können eine große Rolle.“

Welche Eigenschaften sollte ein guter Notfall-Sanitäter vorweisen können?

„Man sollte auf jeden Fall empathisch sein, Verständnis zeigen und auch in schwierigen Situationen Ruhe und einen kühlen Kopf bewahren. Weiterhin sollte man natürlich auch belastbar und teamfähig sein, das ist ein unerlässliches Muss. Im Team zusammenarbeiten und zusammenhalten, sich aufeinander verlassen können, das ist immens wichtig. Ein Interesse für Medizin ist unerlässlich. Das war ja auch einer der Gründe warum ich Notfallsanitäter werden wollte. Wir lernen extrem viel über Notfallmedizin und dürfen einiges auch schon selbst durchführen. Das ist wirklich sehr interessant. In Bezug darauf sollte man theoretisches und praktisches Wissen kombinieren und auch umsetzen können.“

Was sind aus deiner Sicht Vor- und Nachteile dieses Berufes?

„Es ist toll Menschen helfen zu können, die Hilfe benötigen. Der Gedanke daran, dass verschiedene Situationen ohne meine Unterstützung sicher anders verlaufen wären, fühlt sich gut an. Mein Job ist sehr vielfältig, es wird nicht langweilig. Man hat immer wieder mit neuen Menschen zu tun, man lernt viel über das Leben, sich selbst und darüber, was im Leben wirklich zählt. Nachteile dieses Berufes können allgemein die seelische Belastung und die 12- Stunden- Schichten, gerade auch an Wochenenden und Feiertagen, sein. Ich persönlich komme aber mit beidem gut klar. Man arbeitet ja weniger Tage und theoretisch kann man abends auch noch etwas unternehmen.“

Wie ist es für dich, wenn du an einen Unfallort kommst und du Menschen vorfindest, die sich in einer lebensbedrohlichen Lage befinden? Wie gelingt dir die seelische Abgrenzung?

„ Für mich ist eine solche Situation nichts Außergewöhnliches. Das gehört zu meinem Tagesgeschäft. Da muss man professionell sein, sich schnellstmöglich einen Überblick verschaffen und sein Schema abarbeiten um den Menschen bestmöglich helfen zu können.“

Ist es schon öfter vorgekommen, dass du dich um Leute gekümmert hast, die du kennst? Wenn ja, wie ist das für dich?

„ Das war bisher noch nicht der Fall. Bisher habe ich lediglich Bekannte behandelt. Natürlich lässt sich das jetzt in diesem Augenblick schwer abschätzen, dennoch, wenn wirklich eine mir sehr nahestehende Person vor mir liegen würde, bin ich mir sehr sicher, dass ich meine Arbeit ganz genauso gut machen und funktionieren würde. Natürlich kann das schon eine schwierigere Situation sein- ganz klar-, aber man hat zu Familie oder Freunden ja auch eine ganz andere Bindung, so geht es sicher den meisten. Ich behandele aber jeden Patienten unabhängig von Krankenversicherung, Herkunft, Job, Alter, usw. gleich und versuche immer mein Bestes zu geben.“


Wie gut oder schlecht ist der Verdienst eines Notfallsanitäters aus deiner Sicht?

„ In der Ausbildung ist der Verdienst wirklich gut, aber als ausgelernter Notfallsanitäter ist die Bezahlung im Vergleich zu der Verantwortung, die man trägt und den Stunden, die man leistet, zu gering.“

Welche Diagnosen kommen am Häufigsten vor?

„ Herzproblematiken, psychische Ausnahmesituationen mit suizidalen Tendenzen und häusliche Unfälle, vor allem mit Treppen, kommen sehr häufig vor. Grade bei psychischen Problemen ist es sehr wichtig, die Menschen, so banal das Problem objektiv auch wirken mag, immer ernst zu nehmen. Man muss den Menschen immer zeigen, dass man für sie da ist und versuchen sie zu beruhigen.“

Sind Notfallsanitäter in bestimmten Situationen verpflichtet psychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen?

„ Nein. Im Bedarfsfall können, aber müssen wir uns nicht an einen Psychologen wenden. Im Team spricht man häufig über Dinge, die sich ereignet haben und das kann bei der Verarbeitung schon viel helfen. Aber jeder ist anders gestrickt, manche möchten reden und manche gar nicht. Uns steht 24 Stunden rund um die Uhr ein Psychologe zur Verfügung.“

Stichwort Gaffer: Hattest du mit solchen bereits Probleme?

„ Es ist immer wieder verrückt und für mich auch sehr unverständlich wie Menschen bei Verkehrsunfällen seelenruhig da stehen, filmen und fotografieren. Die große Frage, die ich mir in diesen Situationen immer wieder stelle ist: Warum? Warum verhält man sich so sensationsgeil? Warum muss man von einem Unfall Fotos machen? Ich habe dafür kein Verständnis. Diese Menschen sollten sich mal überlegen wie das für sie wäre, wenn sie sich in dieser Situation befinden würden?“

Ein Erlebnis habe ich diesbezüglich aber besonders positiv in Erinnerung. Eine Gruppe von jungen Bikern hatte bei einem Verkehrsunfall zudem ich gerufen wurde, angehalten und Gaffern die Sicht mit ihren Jacken versperrt um die Person zu schützen, die reanimiert wurde. Das fand ich super.“

Hast du berufsbedingt schon einmal einen tätlichen Angriff erlitten?

„ Nein. Es hat nur einmal ein Betrunkener nach mir geschlagen, mich aber nicht getroffen. Ansonsten habe ich noch gar nichts in dieser Richtung erlebt.“

Was war das Schlimmste was du in Bezug auf deinen Beruf erlebt hast?

„ Ich muss sagen, dass ich mich gut abgrenzen kann, auch wenn Menschen in Notsituationen sind. Wenn ich beispielsweise zu einem objektiv „schlimmen Unfall“ gerufen werde, bin ich in der Lage abzuschalten und mich professionell auf meine Arbeit zu konzentrieren. Ich war zum Beispiel schon bei unzähligen Herzinfarkten dabei, sowas gehört zu meinem täglichen Business, das ist keine Besonderheit mehr. Es gibt natürlich aber auch Situationen, die auch an mir nicht spurlos vorbeigehen. Notfälle, bei denen Kinder betroffen sind, ist man sehr angespannt, gerade auch, weil man den Stress und die Sorge der Eltern und der Familie miterlebt, das kann einem natürlich schon zusetzen.
Für mich ist es nicht das Schlimmste zu einem Unfall mit schwerverletzten Personen gerufen zu werden, es ist das Schlimmste das Leid zu erleben, dass Menschen erfahren, wenn jemand Geliebtes leidet, unklar ist ob er oder sie überlebt oder tatsächlich stirbt. Die Trauer und Untröstlichkeit in diesem Moment, das kann wirklich belastend sein.

Was ist das Schwerste an deinem Beruf?

„ Immer hundert Prozent zu geben, denn es geht um die Gesundheit von Menschen und oft auch um Leben oder Tod. Gerade bei Nachtschichten ist es nicht so einfach von Null auf Hundert „da“ zu sein, das muss man lernen.“

Was hältst du von der Aktion Schutzschleife?

„ Ich finde, dass diese Solidarisierungsaktion eine gute Idee ist. Ein Zeichen für uns Einsatzkräfte setzen, diese Wertschätzung uns gegenüber honoriere ich.“

Was rätst du Menschen, die eine Ausbildung zum Notfallsanitäter machen möchten?

„ Ich rate diesen erst mal ein Freiwilliges Soziales Jahr zu absolvieren, um in den Job und die damit verbundenen Tätigkeiten reinschnuppern zu können und zu schauen, ob das Ganze wirklich was für einen ist. Das sollte man sich vorher gut überlegen, das ist nicht was für jeden.“

Was ist das Beste an deinem Beruf?

„ Das Schönste an meinem Beruf ist es Menschen in einer Ausnahmesituation  helfen zu können und eventuell sogar Menschenleben retten zu können.“

Warst du schon einmal unmittelbar dafür verantwortlich, dass ein Mensch überlebt hat?

„ Ja. Ich habe schon mal einen Patienten mit einem anaphylaktischen Schock erfolgreich reanimiert. Darüber hinaus leisten wir immer wieder die Vorarbeit dafür, dass die Patienten gegebenenfalls vom Notarzt oder im Krankenhaus weiterhin optimal versorgt werden können.“

Wie fühlt sich das an?

„ Da wird einem wieder bewusst warum man diesen Job macht. Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass sich das nicht gut anfühlt. Manchmal fühlt man sich sogar wie ein kleiner Held.“

An dieser Stelle möchten wir uns bei all den zahlreichen „Helden des Alltags“ für ihren täglichen Einsatz für die Gemeinschaft bedanken. Ihr macht einen tollen Job! Vielen Dank!

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