Ein Bericht von Roland Geiger

Selbstjustiz.

Symbolbild

Heute nacht. Ich lag schlafend im Bett und wurde durch laute Stimmen wach, die ich durch das Schlafzimmerfenster hörte, das einen Spalt offen war. Laute Stimmen, die etwas riefen; es waren zwei, aber eine tönte durch. Nicht tief, hörte sich nach einem Mann an, etwas kehlig, Worte verstand ich nicht. Ein Blick auf den Radiowecker, es war viertel nach eins. Morgens. Ich stolperte zum Fenster, schob es hoch und sah einen oder zwei junge Männer, die um mein Auto drüben in den Mauern des ehemaligen Schopps Nachlauf zu spielen scheinen. Der ehemalige Schopp – stellen Sie sich eine ein eckiges „E“ vor, dann nehmen Sie den mittleren Strich raus. Die lange Kante läuft parallel zum Nachbargrundstück und parallel zu unserm Haus. Das Dach fehlt, die offene Seite schaut auf unser Haus. In der linken Ecke stand mein Auto, vorwärts eingeparkt. Ich rief runter „He, was soll das?“, da gab der größere der beiden, der links vom Auto etwa in Höhe der Fahrertür „stand“, mit starkem Akzent eine Antwort auf Deutsch, aus der ich nur „Der da“ verstehe. Erst dann sah ich im Schatten, daß auf der anderen Seite auch jemand war. Gehört hatte ich ihn schon seit Beginn, aber seine Stimme ging in den lauten, erregten Rufen des anderen unter. So wie in einem Duett, wenn eine Stimme heraustönt – Sie hören die andere nicht wirklich, aber durch den Klang merken Sie, daß da mehr als einer singt.
Unten ging die wilde Jagd weiter, denn jetzt erkannte ich, daß der Größere immer wieder hochsprang und über das Auto hinweg versuchte, den anderen mit Schlägen zu erreichen.
Richtig sah ich aber nur den Größeren. Er war nicht so groß wie ich, schlank, relativ jung und trug einen hellen Pullover. Seine Stimme war recht hoch, nicht schrill. Er sprach bzw. schrie in der Hauptsache und zwar ziemlich aufgebracht. Ich lasse mir die Haare bei den Syrern in der Luisenstraße schneiden und deren Gespräch untereinander hatte den gleichen Klang wie die Worte des Größeren.
Ich ließ das Fenster fahren, rannte durch das Wohnzimmer die Treppe hinab und durch das Eßzimmer in mein Arbeitszimmer, wo ich in meiner Tasche die Taschenlampe wußte. Eine Gefahr für mich sah ich nicht wirklich oder vielleicht gab mir die schwere Taschenlampe ein Gefühl der unsicheren Sicherheit. Ich öffnete die Tür und bemerkte meine Frau knapp hinter mir. Draußen hat es vorher schon geregnet, aber jetzt regnete es gerade nicht. Durch die Strümpfe bemerkte ich, daß die Fußmatte naß war und ich nasse Füße bekam.
Ich richtete den Strahl der Lampe auf mein Auto, dort war niemand. Da hörte ich Rufe oder Schreie aus der anderen Richtung, machte einen Schritt vor und sah die beiden Männer in der Einfahrt.
Unser Nachbarhaus besteht aus drei verschiedenen Anwesen. Unten ist Alsfassener Str. 11, oberhalb liegt Nr. 13, ganz oben ist Nr. 15. Alle drei Häuser sind vermietet, 11 und 13 meines Wissens an Asylanten. Die syrische Familie, die lange in 13 wohnte, ist vor einem halben Jahr plötzlich verschwunden. In 11 sind auf verschiedenen Etagen verschiedene Familien untergebracht. Im ersten Stock brennt meistens die ganze Nacht in der Küche das Licht.
13 und 15 waren beim Bau ein großes Haus, das aus Wohnteil und einer langen Scheune bestand. Die Scheune stand gegen die Scheune von . Der Eigentümer Altmeyer verkaufte das Haus an seine beiden Töchter nach deren Heirat, wodurch es in der Mitte getrennt wurde und aus beiden Teilen Wohnhäuser wurden, 15 (unterhalb) und 11 (oberhalb). Das alte Wohnhaus stand oberhalb der Scheune – es war im Original nur einstöckig, wurde aber später hochgestockt. Es war auch nicht so breit wie die Scheune, schloß mit ihr zur Vorderfront genau ab, war aber hinten etwa 2 Meter schmäler, so daß die Rückwand der Scheune die des Wohnhauses zwei Meter „überragte“.
Die Eingänge aller drei Häuser befinden sich auf der von uns abgewandten Seite, so daß wir nur die Rückseiten sehen. In die oben beschriebene Rückseite haben wir unsere vier Mülltonnen gestellt (grün, blau, schwarz, gelb).
An der Rückseite des ehemaligen Wohnhauses befindet sich in etwa 2 Metern Höhe ein modernes Fenster, an das man aber wegen der Mülltonnen schlecht dran kommt.
Ein paar Meter unterhalb dieses Fenster befindet sich auf der Rückseite der ehemaligen Scheune ein weiteres Fenster, hinter dem sich das kleine Badezimmer der Wohnung im Erdgeschoß von 15 befindet. Letztes und vorletztes Jahr stand dieses Fenster tagsüber sperrangelweit offen. Dieses Jahr auch schon. Davor liegt ein Garten, den der Syrer aus 13 letztes Jahr angelegt hat und der jetzt seit längerem brach liegt.
Davor steht auf der Grundstücksgrenze ein Holzzaun, den wir fast in der ganzen Länge aufstellen ließen, weil die kleinen Kinder der Syrer die Angewohnheit hatten, einfach aus der Hintertür zu stürmen und über unsere Zufahrt direkt auf die Straße. Da gab es vor ein paar Jahren schon fast ein paar recht häßliche Vorfälle unten auf der Straße.
Vor diesem Fenster hart am Zaun lag der andere Mann, den ich bis dahin nicht richtig sehen konnte, seitlich auf dem Boden, mit dem Kopf am Zaun. Er trug eine dunkle (schwarze?) lange Hose. Auf ihm saß der Größere und drückte ihm von oben auf die Schultern bzw. den Kopf. Einen Arm des Liegenden hatte er gepackt und im 90 Grad Winkel vom Körper abgewinkelt, was nur einen Sinn ergibt, wenn er ihn nach hinten drückt, wodurch es dem Liegenden so gut wie unmöglich ist, sich zu bewegen, ohne daß der Arm überdehnt wird. Die Kleidung des Liegenden hatte sich verschoben, und ich konnte seinen nackten Rücken sehen.
Während er drückte, schrie er immer weiter.
Da wir nicht wußten, was dort geschah, schrien wir ihm zu: „Was machen Sie da? Hören Sie auf damit.“
Aber hingegangen, um ggf. dem unten zu helfen, sind wir nicht, abgesehen davon, daß ich nur Strümpfe trug und der Boden naß war. Ich hielt nur mit der Lampe auf die beiden drauf. Der Größere gestikulierte mit einer Hand, zeigte auf das Haus und ließ ein ziemliches Kauderwelsch los, von dem ich vielleicht ein paar Worte verstand. Ich hörte heraus, daß der Liegende versucht habe einzubrechen.
Ich rief Anne, sie solle die Polizei anrufen, worauf sie wählte und mir das Telefon gab. Der Notruf war schnell da, und ich versuchte, die kaum zu beschreibende Situation zu beschreiben. Der Mann am anderen Ende blieb sachlich ob meiner chaotischen Beschreibung und stellte Fragen: Ob ich die Männer sehen könne! – Ja, etwa 10 m vor mir. Ich schilderte die Situation, die sich gerade änderte.
Der Größere ließ den anderen fahren und entfernte sich die Einfahrt hinunter. Der Liegende stand auf und zog seine Kleidung zurecht. Er war ganz ruhig, was mich sehr verwunderte, keine Hektik, keine Schreie, kein panisches um sich schauen, er blieb ganz ruhig, als ginge ihn das nicht an. Er war ein Stück kleiner als der Größere, ebenfalls schlank, dunkle Haar, dunkler Schnauzer. Er trug dunkle Kleidung, oben eine ärmellose Steppjacke, keine Kopfbedeckung. Er schaute nicht einmal zu mir hoch noch hinunter zur Straße. Er zückte ein Handy, schaltete die Handy-Taschenlampenfunktion an und leuchtete auf dem Boden hin und her, als suche er etwas. Schließlich gab er auf und trottete die Straße hinab.
Währenddessen hatte ich den Polizisten des Notrufs immer noch an der Strippe und schilderte pi-mal-daumen, was ich sah. Er fragte, ob ich die beiden sähe – jetzt verneinte ich, denn sie waren weg. „Aber ich kann sie hören!“ sagte ich, denn von der Vorderseite von 15 drang die laute Stimme des Größeren zu mir durch.
„Wir kümmern uns darum“. Ich legte auf und gings Haus zurück. An Schlafen war nicht mehr zu denken. Ich warf den Computer an und begann diesen Bericht.
„Da unten läuft er“ sagte Anne vom Eßzimmer aus. Ich lief zu ihr, aber es war der Größere, der mit dem Handy in der Hand über den Bürgersteig zum Falkenbösch ging. Eine Minute später kam er zurück, lief jetzt mit dem Handy in der Hand über die leere Straße und verschwand aus meinem Sichtfeld.
Noch ein paar Minuten später meinte Anne, die Polizei sei da, in der Einfahrt an der Stelle, wo der letzte Kampf stattgefunden hatte.
Zwei Polizisten, ein Mann und eine Frau, und der Größere. Er redete mit ihnen in gebrochenem Deutsch, zeigte auf die Frage, wo er wohne, auf das Badezimmerfenster, dort wohne seine Frau mit den beiden Kindern. Der andere habe einzubrechen versucht, über unsere Mülltonnen in das Fenster hinterm Wohnhaus (aus der gelben Tonne habe ich eben eine Delle im Deckel herausgekloppt).
Der Polizist hielt einen Schlüssel in der Hand, den der Größere unbedingt fotografieren wollte, was der Polizist verhinderte. Das war wohl, was der Kleinere vorhin mit dem Handy suchte. Seinen Autoschlüssel. Was bedeutete, daß sein Auto noch irgendwo hier steht.
Die Polizistin kam zu mir und nahm meine Personalien auf. Ich versuchte, den Kleineren zu beschreiben, aber dann fiel mir ein, was ein amerikanischer Autor über das exakte Erinnern geschrieben hatte, daß wir uns nicht nur an das Geschehene erinnern, sondern auch an unsere Gedanken darüber, und wir irgendwann nicht mehr unterscheiden und unterscheiden können zwischen dem Geschehenen und dem, was wir darüber gehört und interpretiert haben. Also versuchte ich, bei dem zu bleiben, an was ich mich erinnerte, ohne meine eigenen Überlegungen mit einzubauen. Ist nicht einfach.
Mittlerweile ging es auf zwei Uhr morgens zu. Schlafen konnten wir erst mal nicht mehr, aber wir mußten, weil in vier bzw. fünf Stunden die Nacht vorbei war und es niemand interessieren würde, was in der Nacht hier los war. Um halb drei war ich trotzdem noch einmal unten und sah aus dem Fenster, da fuhr ein Polizeiauto mit Blaulicht vorbei. Es wollte nicht zu uns.
Was komisch war – im ganzen Erdgeschoß von 15 brannte zu keinem Zeitpunkt Licht.
An der Stelle, wo die beiden am Schluß sich befanden, liegt eine durchgeweichte Zigarettenschachtel. Unten an der Straße fand ich eine leere Red-Bull-Dose. Kausaler Zusammenhang? Keine Ahnung.
Während die Polizisten und der Größere zusammenstanden, fiel sein Blick auf mich, und er sagte etwas, was ich als „Danke“ verstanden habe. Ich vermute, ihm ist nicht klar, daß ich seine Selbstjustiz zum Kotzen finde. So etwas haben wir hier nicht mehr, schon lange nicht mehr.
Heute morgen fiel Anne noch mal ein, wovon sie mir am Dienstagabend erzählt hatte. Sie parkt ihr Auto in einer Garage in Falkenbösch 2. Als sie am Montagabend aus der Garage kam, sah sie einen jungen Mann mit arabischem Aussehen, der gegenüber vor dem Haus Laub (Im Falkenbösch 1) stand und zu ihr herüberschaute. Sie beobachtete ihn einen Moment, sperrte ihr Auto in der Garage ab und die Außentür – er hatte sich nicht bewegt, schaute nur rüber. Wider besseres Wissen sprach sie ihn an und fragte, ob er etwas suche, aber er sagte kein Wort und grinste. Sie ließ ihn stehen und bog an Alsfassener Straße 19 nach rechts ab. Er folgte ihr bis zu unserer Einfahrt und schaute ihr nach, bis sie das Haus erreichte. Dann ging er in Richtung Stadt davon. Wohl kein Zusammenhang, aber trotzdem zum Kotzen.

Alsfassen, 8. Oktober 2026
Roland Geiger

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