„Ich habe Auschwitz überlebt!“ – Interview mit Alex Deutsch zum 75. Jahrestag der Auschwitz-Befreiung

Auschwitz, RonPorter, https://pixabay.com/de/photos/birkenau-auschwitz-konzentration-402324/

Heute vor 75 Jahren, am 27. Januar 1945, wurden die Häftlinge des Konzentrationslagers in Auschwitz von der Roten Armee befreit. Auschwitz ist für viele ein Synonym für den Holocaust, den Massenmord der Nazis an den Juden. Seit 1996 ist der 27. Januar als „Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus“ in Deutschland ein bundesweiter, gesetzlich verankerter Gedenktag. Im Jahr 2005 wurde der 27. Januar von den Vereinten Nationen zum „Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust“ erklärt.

Einer, der Auschwitz und den Holocaust überlebte, ist der 2011 im Alter von 97 Jahren verstorbene Alex Deutsch. Er überlebte die Zeit als Häftling im KZ Auschwitz durch den Glauben an Gott und sich selbst. Bis zu seinem Tod erzählte Deutsch fast 30 Jahre in Schulen und Jugendzentren über sein Leben. Seine Botschaft: „Lasst euch nicht hineintreiben in Hass und Gewalt gegen andere! Lernt miteinander und nicht gegeneinander zu leben!“ Seine Vision: Frieden auf der ganzen Welt. Alex Deutsch wurde das Bundesverdienstkreuz am Bande, das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse und der Saarländische Verdienstorden verliehen. In Wellesweiler wurde eine Schule nach ihm benannt. Die wndn.de-Redakteure Christian Funck und Thomas Funck sprachen im Jahr 2010 mit Alex Deutsch.


wndn.de: Herr Deutsch, Sie wurden 1913 als achtes und jüngstes Kind in Berlin geboren. 1914 begann der 1. Weltkrieg. Ihr Vater, der Schneider war, wurde in den Krieg eingezogen, wo er schwer verwundet wurde.

Alex Deutsch: Ja, als unser Vater als deutscher Soldat eingezogen wurde, war das älteste Kind 12 Jahre alt und ich 1 Jahr. Hilfe- und Sozialleistungen wie heute gab es früher nicht. Unser Vater wurde schwer verwundet, er hatte einen Herz-und Lungenschuss. 1918 endete dann der erste verlorene Weltkrieg, der Kaiser dankte ab und wir hatten eine Revolution.

Wie ging es ihrer Familie danach wirtschaftlich und finanziell? Mussten Sie hungern? Wie erlebten Sie die Inflation von 1923? 

Einige Geschwister waren schon in der Lehre und haben schon ein bisschen Geld verdient. Aufgrund der sehr schnell steigenden Preise wurden sie täglich ausbezahlt, konnten sich abends aber nichts mehr von ihrem Geld kaufen, weil ihr Geld nichts mehr wert war. Wir waren eine sehr arme Familie und litten großen Hunger. Hilfe- und Sozialleistungen wie heute gab es wie gesagt früher nicht. Und nach der Inflation wurde es noch schlimmer. Unser Vater ist 1922 im Krankenhaus an den Folgen seiner Verletzung gestorben und wir hatten keinen Vater mehr. Dann kam die erste Hilfe der jüdischen Gemeinde in Berlin. Sie haben der Mutter die 2 jüngsten Kinder genommen. Ich war 9 und mein Bruder 10. Wir kamen in Berlin in ein Waisenhaus, wo ich von 1923 bis 1928 war. Dort wurde ich ernährt und wurde gekleidet.  



War das schwer für Sie als 9-jähriger in ein Waisenhaus zu kommen? 

Ich war seelisch belastet. Ich hatte gelitten, ich war ein sehr schlechter Schüler in der Schule, alles mangelhaft und ungenügend. 

Haben Sie ihre Familie gesehen, als Sie im Waisenhaus waren?

Wir durften am Wochenende nach Hause. Aber für mich war das so schwierig sonntags immer wieder weg von zu Hause zu müssen, immer den seelischen Schmerz zu haben und deswegen bin ich gar nicht nach Hause gegangen.  

Wie erlebten Sie die Weltwirtschaftskrise von 1929? 

Da war ich in der Lehre, das war eine schwierige Zeit. Aber ich habe im Nahrungsmittelgewerbe gearbeitet und habe die Krise nicht so verspürt, weil ich ja bei meinem Lehrmeister gewohnt habe und ernährt wurde.   

Sahen Sie in Hitler und der NSDAP vor ihrer Machtergreifung eine Bedrohung?

Man durfte früher erst mit 21 wählen und als Hitler an die Macht kam war ich ja erst 19 Jahre alt. So hab ich mich für politische Parteien noch nicht interessiert.

Machen Sie denen, die die NSDAP gewählt haben einen Vorwurf? 

Es gab eine große Arbeitslosigkeit in den 20er Jahren, große Armut und Hunger und eine Gruppe von Menschen hat diese Situation ausgenutzt. Und vielen von diesen armen Leuten wurde durch Versprechungen Hoffnung gegeben und dadurch ist diese Partei stärker und stärker geworden. 

Machen Sie ihnen also keinen Vorwurf? 

Nein, natürlich nicht. Die Leute haben Hunger gehabt. Wenn sie der SA beigetreten sind, haben sie neue Schuhe bekommen, Stiefel. Sie haben die braune SA-Uniform bekommen, sie haben sich plötzlich wieder als Menschen gefühlt. Und dieses Gefühl, dass sie anderen Leid zufügen können und Unrecht antun können war gegen die Juden gesetzlich erlaubt. Es war erlaubt Geschäfte zu plündern und kaputt zu schlagen. Das hat schon ´33 angefangen.  

Wie hat sich nach der Machtübernahme Hitlers die wachsende Entrechtung der Juden bei Ihnen bemerkbar gemacht?

Nach meiner Gesellenprüfung wollte ich mich wie gesagt weiterbilden, hab mich an der Berufsschule angemeldet. Es wurde ja nur die Volksschule von der Regierung übernommen. Wer weitergebildet werden wollte, musste selber dafür in den höheren Schulen bezahlen. Als Hitler an die Macht kam, wurde ich von der Berufsschule als Jude abgewiesen. Und ´35 durfte kein Jude mehr im Nahrungsmittelgewerbe tätig sein, wie in vielen anderen Berufen auch.  Deswegen konnte ich als Bäcker nicht mehr weiterarbeiten. Schikane war für alle da.  

Können Sie sich daran erinnern, wann Sie zum ersten Mal diskriminiert wurden, weil Sie Jude sind? In der Schule oder so? 

Nein, da hab ich überhaupt nichts gemerkt in der Schule. Das war ja im jüdischen Waisenhaus, da waren ja nur Juden. Das war ja alles vor der Hitler-Zeit. Natürlich habe ich mit KZ-Insassen gesprochen, für die es in politischer Hinsicht in den 30er und 40er Jahren schon schwieriger war, aber ich kann da nichts berichten. Ich kann nur sagen, dass ich in der Gegend, wo ich mit Deutschen zusammengewohnt habe, bis zu meiner Verhaftung 1943 keine Schwierigkeiten hatte. Im Gegenteil: Ich habe mit deutschen Menschen gelebt, die mir viel geholfen haben. Was wir als Juden nicht mehr bekommen konnten, bekamen wir. Denn jeder musste als Jude mit dem Judenstern gekennzeichnet sein. Und Lebensmittel, Kleiderkarten, alles war mit einem großen roten J verzeichnet. Wer den Juden nichts verkaufen wollte, brauchte ihnen nichts zu geben. Man durfte als Jude nur zu bestimmten Uhrzeiten einkaufen. Meine Frau durfte nur abends eine halbe Stunde vor Geschäftsschluss gehen. Aber ich kann nur sagen wo wir gelebt haben, wurden wir immer gut bedient, da war immer etwas extra in der Tüte von dem, was wir nicht kriegen durften. Natürlich hat meine Frau am nächsten Tag dafür Geld hingelegt, denn er musste schließlich dafür bezahlen. Wir waren froh, dass wir viele Sachen, die Juden nicht mehr kriegen durften, bekamen. 

Was waren das für Sachen? 

Schokolade oder Süßigkeiten, Fett, Schmalz oder Butter. Es gab z.B. nur ein bestimmtes Gewicht an Butter für Juden. 

Warum sind Sie nicht ausgewandert? 

Unsere Familie hat sich aufgelöst. Eine Schwester und ein Bruder sind auch in Berlin verblieben, die anderen sind in verschiedene Länder ausgewandert, auch nach Amerika. Der eine Bruder, der geblieben ist, wurde 1942 mit seiner Familie in Polen ermordet und meine Schwester, sie war mit einem Deutschen verheiratet, war untergetaucht, und konnte dadurch mit ihrer Familie überleben. Ich aber bin in Deutschland geblieben, weil mir so viele Menschen Hoffnung machten, dass das schnell vorübergehen würde. 

Sie haben sich natürlich auch als Deutscher gefühlt? 

Ich hab mich als Deutscher gefühlt und bin auch heute noch Deutscher (lacht). 

Sie haben in Berlin gelebt, wie haben Sie die Olympischen Spiele 1936 in Berlin erlebt? Gab es eine zeitweise Verbesserung der Situation der Juden? 

Es war ja sogar erlaubt einer Jüdin bei der Olympiade aufzutreten. Und dieser Schwarze Jesse Owens war der erfolgreichste Leichtathlet dieser Olympiade. Beim Einmarsch der Eröffnung der Olympiade, sie bringen sehr wenig im Fernsehen darüber, marschierten viele europäische und internationale Sportler mit dem Hitler-Gruß ein. Nicht nur die Deutschen. Das hat Hitler ermuntert, aus ganz Europa ein Germania-Land zu machen. Während der Olympiade gab es ja eine Ruhe-Verordnung, keine Unruhe gegen jüdische Geschäfte zu machen, weil ja viele Ausländer in Berlin und in Deutschland waren. So lange es nur gegen die deutschen Juden ging, hat ganz Europa geschwiegen und nichts unternommen, es war eine innere Angelegenheit. In Deutschland haben über 600 000 Juden gelebt. Das Gerücht war ja Anfang der 30er Jahre, die sollen nach Madagaskar ausgesiedelt werden.  Für die paar 600 000 deutschen Juden wäre die Insel groß genug gewesen. Aber nachdem der Gedanke gekommen war, aus ganz Europa ein Germania-Land zu machen, waren es nicht mehr 600 000, sondern an die 11 Mio. Juden. Es war nicht möglich für diese Insel, so viele Menschen da hin zu befördern. So wurde bei der Wannsee-Konferenz der Entschluss der Endlösung beschlossen. Und alle Protektoren in den verschiedenen besetzten europäischen Ländern haben in ihren europäischen Ländern Gruppen von Menschen, aber nicht das gesamte Volk, gefunden, die mit ihnen zusammen gegen die Juden mitgearbeitet haben. Da gab es nur ein Land, wo kein Jude weggekommen ist und das ist Bulgarien, die sich gesträubt haben irgendeinen Judentransport nach Auschwitz zu machen. Ungarn hatte auch, als die Deutschen einmarschierten, die Juden in Ruhe gelassen, ab ´44 gab es dann aber die Massentransporte von ungarischen Juden nach Auschwitz.  

Haben Sie Hitler mal gesehen? In Berlin?


Ja, bis ´43 war ich ja ein freier Mensch in Berlin, hab bei einer Kohlegroßhandlung gearbeitet, die auch einem großen SS-Mann gehörte, der uns gut behandelt hat, auch dafür gesorgt hat, dass wir die Schwerarbeiterzulage bekamen. Hitler hab ich oft gesehen, Göring, Goebbels, alle.

Welche Erinnerungen haben Sie an die Reichspogromnacht 1938, in der in ganz Deutschland jüdische Geschäfte und Synagogen zerstört wurden?

Habe ich wenig, weil ich abends nicht aus der Wohnung gegangen, sondern mit der Familie zusammengeblieben bin und weil in unserer Gegend keine jüdische Organisation oder ein jüdischer Tempel war. Das meiste hat sich weiter im Zentrum der Stadt abgespielt. Natürlich war das Angst und Schrecken. 



Haben Sie am nächsten Tag noch zerstörte Geschäfte gesehen?

Nein. Dazu hatte auch keine Zeit, weil da die Arbeit war, und unser Bestreben war es dem Arbeitgeber gute Leistung zu zeigen, der uns ja auch gut behandelt hat. Wir haben ihm gutes Geld gemacht. Er hatte auch andere Pflichtarbeiter aus anderen Ländern, aber die haben ihm nicht die Leistung gebracht, die wir ihm gebracht haben. Ich kann mich nicht beklagen bis zu meiner Verhaftung am 27. Februar ´43, dass ich irgendeine persönliche Erfahrung mit Nazis hatte.

Welche Erinnerungen haben Sie an den Tag ihrer Verhaftung, hatten Sie Angst?

Das ist auch eine Sache, die schwer zu erklären ist. Wir gingen zur Arbeit, hatten noch an diesen Morgen 3 Wagons Kohle auf 6 Lastwagen verladen. Mittags um 1 oder halb 2 kamen auf einmal Lastwagen, aber in ganz Deutschland, überall wo Juden gearbeitet haben oder gelebt haben und Juden wurden verhaftet und in verschiedene Sammellager gebracht. In Berlin gab es vielleicht 6 oder 8 Sammellager. Wo ich hinkam, war meine Familie nicht. Und als ich in dieses Lager kam war meine erste Frage: „Was ist mit der Familie?“. Da wurde uns gesagt, dass die dahin kommen, wo wir hinkommen, das war Auschwitz-Birkenau, das Vernichtungslager. Dies wurde speziell gebaut, um Menschen industriell zu Tausenden zu vernichten.

Haben Sie den Namen Auschwitz vorher schon einmal gehört?

Nein! 

Wussten Sie, dass es Konzentrationslager gibt? 

Ich wusste, dass es Lager gab. Aber nicht in dem Maße.

Was ist dann passiert, als Sie in Auschwitz angekommen sind?

Wir sind verladen worden in der Nacht vom 27. zum 28. Februar. Wir sind in der Nacht vom 3. zum 4. März in Auschwitz-Birkenau angekommen. Da hat mir erst der Geruch verraten, wo ich mich befinde: Diese verbrannten Knochen. Aber ich habe bis zu diesem Zeitpunkt nicht geglaubt, dass deutsche Menschen anderen Menschen das antun konnten, was ich später alles erlebt habe. Unser Transport mit dem wir in Birkenau ankamen war der 33. Osttransport mit 1750 Menschen. Und von denen wurden 250 ausselektiert für Monowitz, ungefähr 6 oder 5 km von Birkenau entfernt. Da war ich dabei. Und die anderen wurden in Auschwitz umgehend ermordet. Wenn man heute über Auschwitz spricht, weiß man, oder viele Jugendliche wissen überhaupt nicht, was Auschwitz bedeutet. Auschwitz bestand aus 3 großen Lagern: Auschwitz I, wo Versuche an Kindern und Zwillingen gemacht wurden, Auschwitz-Birkenau, das Vernichtungslager und Buna-Monowitz von IG Farben. Außerdem gab es noch 39 kleinere Nebenlager, wo sich Firmen angesiedelt haben, die Zulieferungsarbeiten für IG Farben gemacht haben.

Was hat IG Farben da gemacht?

Die haben da ein großes chemisches Werk aufgebaut, wie sie es in Ludwigshafen haben.

Was mussten Sie machen?

Da waren ja hunderte von verschiedenen Arbeitskolonnen, die in diesem Industriegebiet gearbeitet haben. Ich kam zu einer Transportkolonne. Unsere Arbeit bestand darin all das Material, das täglich angeliefert wurde, von Wagons, Fuhrwerken oder Lastwagen zu entladen. Wagons zu entladen war das Wichtigste, damit sie wieder raus und weiterverwendet werden konnten.  Wir mussten alles Mögliche Material, wie Maschinen und Rohre, immer so schnell wie möglich entladen. Und wenn keine Wagons zu entladen waren, mussten wir das Material dorthin in das Industriegelände bringen, wo es zur Weiterarbeit gebraucht wurde.

Wie sah ein normaler Tag aus?

Früh morgens um 5 oder 5:30 Uhr aufstehen. Wer immer die Möglichkeit hatte zum Waschraum zu kommen, sich ein bisschen abzuwaschen, nutzte sie. Aber die Möglichkeit hatten wir fast nie, weil zu viele privilegierte Häftlinge, die es in jedem Lager gab, die sozusagen das Lagerkommando unter sich hatten, das Vorrecht hatten sich zu waschen. Deshalb hatten wir selten Gelegenheit uns zu waschen.

Wer waren privilegierte Häftlinge?

Kapos, Blockälteste, Lagerälteste, die Schreibstube, die Kleiderkammer und die Küche.

Wie sind die Kapos mit Ihnen umgegangen?

Manche waren zu ertragen, manche waren schlimm. Die haben geschlagen, viele Male schlimmer als die SS. Das waren ja alles Gefangene aus Gefängnissen und Zuchthäusern, die in diese Lager verlegt wurden, um das Kommando zu haben und die Lager in Ordnung zu halten.  Unser Lagerältester z.B. war ein Mörder. Die Behandlung war schlimm.

Das waren keine Juden?

Nein, das waren Deutsche. Nach August 1944 gab es auch jüdische Kapos.

Waren die jüdischen Kapos nicht so brutal?

Nein, das war dann nicht mehr so schlimm, weil es  im August `44 schon darum ging Arbeitskräfte länger zu halten, weil der Menschenmangel in ganz Deutschland größer und größer wurde.

Waren alle SS-Wächter brutal?

Nicht alle, ich würde immer nur Gruppen sagen. Es gab solche und solche Gruppen. Mit SS-Männern konnte man an manchem Tag gut miteinander sprechen und am nächsten Tag nicht. Wenn sie sich beobachtet fühlten, mussten sie uns schlimmer behandeln.

Von den 8000 Wachmännern der SS in Auschwitz wurden nachher nur 800 vor ein Gericht gestellt. Sind das zu wenig, waren die anderen gar nicht so schlimm oder traf die anderen keine Schuld?

Man muss immer wissen, dass jedes einzelne Schicksal ein anderes war. Manch ein Gefangener, ich hab es gesehen, wurde tot geschlagen, bis er nicht mehr nicht mehr aufstehen konnte und nach nicht einer halben Stunde im Winter hat er erfroren dagelegen. Aber wir mussten ihn abends zurück ins Lager tragen. Und ich persönlich glaube, dass die 5 Jahre als Kind im Waisenhaus mir eine Hilfe im Lager waren, dass ich mich unterfügen konnte: Augen, Ohren offen, Mund zu. Und viele, die ich gesehen habe, die plötzlich aus einem Wohlstand in so eine Situation kamen, sind sehr schnell zu Grunde gegangen. Ich mache einen Unterschied zwischen Glaube und Religion. Der Glaube ist die Kraft in jedem Menschen und viele von denen haben den Glauben an sich selbst so schnell verloren, dass die schnell zu Grunde gegangen sind. Wie sie geschrien haben: „Wenn es einen Gott im Himmel gibt, wie kann er das zulassen?“ Ich habe meinen Glauben an mich selbst nie verloren. Ich habe immer, wie tief ich auch gefallen bin, einen Lichtschein irgendwo gesehen und die Hoffnung in mir gehabt, diesen zu erreichen.

Haben Sie also immer daran geglaubt, dass Sie überleben?

Überleben nicht, aber ich habe immer gebetet und gedankt, dass ich die Kraft hatte den Abend zu erreichen. Und früh morgens, wenn ich die Augen aufmachte, habe ich gedankt, dass ich die Nacht überleben konnte. Es ging von Stunde zu Stunde oder von Tag zu Tag. Ich habe mir immer gesagt: Wenn es Gottes Wille ist, dass ich überlebe, dann soll es so kommen. Es soll schnell kommen. Und wenn er mir die Kraft gibt all das zu überleben, habe ich mir geschworen mich zu rächen. 

Es gab ja auch Zivilarbeiter im KZ, wo Sie gearbeitet haben. Haben Ihnen da welche geholfen?

Die waren eine Gruppe von denen, die geholfen haben. Unser ziviler Vorarbeiter verbot den Kapos uns während der Arbeit zu schlagen und lies uns heimlich Nahrung zukommen. 

Was bekamen Sie im KZ zu essen? 

Im Lager bekamen wir nur abends eine Schüssel Suppe und ein Stück Brot, das war unsere Nahrung.

Das hat nicht gereicht, oder?

Damit allein hätte keiner länger leben können als 2 bis 3 Monate. Das war ja auch die erste Begrüßung im Lager: „Ihr wisst wofür ihr hier seid: Vernichtung durch Arbeit. Solange ihr arbeiten könnt, werdet ihr leben, könnt ihr nicht mehr, geht ihr durch den Kamin“.

Und das wurde Ihnen auch so gesagt?

Ja, das war die erste Begrüßung der Lagerältesten, als wir in Buna-Monowitz ankamen.

Gab es ein Ereignis in Auschwitz, wo Sie sagen, das war das Schlimmste, was ich in Auschwitz erlebt habe?

Jeder Tag war schlimm. Aber das Schlimmste was ich erlebt habe, war nach meiner Ankunft in Buchenwald im Januar 1945. Wir wurden in Desinfektionsräume geschickt. Alle hatten Angst, es könnten Gaskammern sein, von denen wir nunmehr wussten. Ich hielt die Luft an -in dem Glauben, dann vielleicht ein kleines bisschen länger zu leben- bis aus den Duschen Wasser strömte. Die Gefühle der Todesfurcht in diesen Sekunden kann ich nicht beschreiben. 

Haben Sie gehört oder gesehen wie Leute vergast wurden?

Ja, das hat man gesehen, wie Menschen gehängt oder in die Kammern geführt wurden. Das sind Bilder, die niemals aus meinem Kopf gehen.

Und die Menschen wussten auch, dass sie dann in die Kammern kamen?

Diejenigen, die das einige Monate vorher reinigen mussten, wussten, dass sie nach 3, 4 Monaten diesen Weg gehen. Wir alle wussten, dass, wenn nicht ein Wunder geschieht, wir alle diesen Weg gehen. Die 1500 von unserem Transport, die nach unserer Ankunft umgehend vergast wurden, kamen erst mal rein in einen großen Keller mit lauter Kleiderhaken ringsherum, wo sie sich entkleiden mussten. Was einer mal gesagt hat, der das bewacht hat: „Merkt euch die Nummer von eurem Kleiderhaken, damit ihr eure Sachen wiederfindet, wenn ihr rauskommt“. Aber sie wussten, dass, wenn sie einmal rein durch diese Schleusentür in die Gaskammern gingen, die Kleidung nicht mehr brauchten. Jede Vergasung dauerte ungefähr 3 bis 4 Stunden, nicht die Vergasung allein, aber der ganze Prozess. Zuerst wurden die Menschen in die Gaskammer gepfercht, dann kam das Zyklon B durch die Rohre in diese Kammer. Nach einer knappen halben Stunde gingen die Lüftungsklappen auf, damit das restliche Gas entweichen konnte. Anschließend wurden die Leichen rausgeholt, was ja manchmal 2, 3 Stunden gedauert hat, je nachdem wie umklammert einige in diese letzten Sekunden waren, wo die Luft weg bleibt.

Wer hat die Leichen rausgeholt?                           

Das waren Sonderkommandos, also jüdische Häftlinge, die dazu gezwungen wurden die Leichen zu verbrennen. Und nach 3 Monaten ist es ihnen genauso gegangen.

Machen Sie dem Sonderkommando den Vorwurf, den Massenmördern gedient zu haben, um vielleicht ihr eigenes Leben zu verlängern? Hätten sie den SS-Wächtern nicht sagen können: „Macht das doch selbst!“?

Nein, Widerrede gab es fast nie. Meine Parole war: Augen, Ohren offen, Mund zu. Jede Widerrede hat mehr Schläge bedeutet. Die wären dann direkt umgebracht worden. Und ich bin, wann immer ich geschlagen wurde, nach dem ersten oder zweiten Schlag gleich zu Boden, hab dann vielleicht noch ein paar Fußtritte gekriegt und dann hat man mich in Ruhe gelassen. Aber einige von denen, die geglaubt haben sie seien standhafte Männer, wurden fast totgeschlagen. Nein, keiner hat von denen überlebt, die diese Arbeit gemacht haben. Die waren Opfer wie alle anderen, auch wenn ihre Verpflegung besser war und sie sogar ihre Tagesräume hatten. Wir, in unserem Arbeitslager, hatten ja überhaupt keinen Tagesraum. Bei uns hat sich alles im Freien abgespielt.

Haben Sie im Freien geschlafen?

Nein, wir haben in Baracken geschlafen. Die Betten waren 3 Stockwerke hoch. Aber Essen, Aufenthalt und alles andere war draußen…

…auch im Winter?

Auch im Winter. Wir hatten keinen Raum, wo wir uns unterstellen konnten.

Waren Sie mal krank in der Zeit in Ausschwitz?

Krank würde ich nicht sagen. Ich hatte Durchfall, Magenbeschwerden, das ist natürlich. Aber das Schlimmste war, als ich 25 Stockhiebe über dem Bock bekommen habe. Meine Haut war aufgeplatzt und ich hatte in meiner Essschüssel meinen Urin, mit dem ich mich immer abgewaschen habe, damit keine Infektion kommt. Meine Haut war aufgeplatzt und ich habe mich immer mit Urin abgewaschen, damit keine Infektion kommt. Denn ich wusste, dass man, wenn man krank ist oder eine Entzündung hat, verloren ist.

Haben Sie noch Freunde aus der Zeit?

Ich hatte einen Bekannten, der auch in meinem Arbeitskommando war. Vor 12 Jahren haben wir uns einmal in Frankfurt getroffen, wo alle 5 Jahre Überlebende von Buna-Monowitz aus der ganzen Welt zusammenkommen. Das letzte Mal, dass wir in Frankfurt waren, war vor 2 oder 3 Jahren. Aber sonst kenn ich keinen und es werden immer weniger. Als wir 1994 zum ersten Mal zusammengetroffen sind, da waren ungefähr 157 aus der ganzen Welt eingeladen. Das letzte Mal waren es nur noch 47.

Durfte man im KZ miteinander reden?

Im Lager sehr wenig. Ich hab mich sehr fern gehalten, weil ich nur die deutsche Sprache beherrscht habe und das Lager international war. Die meisten Häftlinge sprachen Jüdisch, Polnisch oder Russisch, manche sprachen auch Englisch oder Französisch. Und ich hatte das Gefühl, wann immer jemand die deutsche Sprache nur gehört hat, war bei ihm schon der Hass da.

In Ausschwitz haben 700 Häftlinge einen Fluchtversuch gemacht. Haben Sie nie daran gedacht?

Nein, weil ich nicht die polnische Sprache beherrschte. Und wenn ich als Deutscher an irgendeiner polnischen Tür geklingelt hätte, wer hätte mir geholfen? Die hätten vielleicht nicht gewusst, dass ich ein entflohener Gefangener bin. 

Haben Sie was von anderen Fluchtversuchen mitbekommen? 

Nein, nicht direkt. Aber im Falle eines Fluchtversuches hatten wir so lange auf dem Appellplatz auszuharren, bis der Häftling gefasst worden war.

Haben Sie die Entwicklung des Krieges mitbekommen?

Nein.

Wie sind sie befreit worden?

Im Januar ´45 kam es zum Marsch von Auschwitz nach Gleiwitz, der für viele wegen Hunger, Kälte und Entkräftung zum Todesmarsch wurde. Von dort wurden wir über Buchenwald und Halberstadt nach Magdeburg transportiert. Während eines Fliegerangriffs flohen wir und versteckten uns unter Trümmern. Als unsere Essensvorräte aufgebraucht waren, hat einer von uns versucht, in der Stadt etwas zu organisieren. Als er zurückkam, hat er etwas geschrien, was wir nicht verstanden haben. Wir haben geglaubt, er wird von Deutschen verfolgt, haben uns weiter verkrochen bis er näher kam und gerufen hat: „Kommt raus, kommt raus, die Amerikaner sind hier“.

Was war das für ein Gefühl, als Sie befreit wurden? 

„Wir haben überlebt“. Das waren die ersten Worte, als wir gehört haben, dass Amerikaner in der Stadt sind.

Wann haben Sie erfahren, dass ihre Frau und ihr Kind ermordet worden sind?

In Auschwitz habe ich einige Wochen nach der Ankunft erfahren, dass meine Familie in Auschwitz-Birkenau ermordet wurde. 

Hatten Sie Rachegefühle und wenn ja, gegen wen?

Ja, gegen die SS, gegen diese mörderische Partei. 

Hatten Sie kein Hass auf Hitler oder Goebbels?


Nein! Nicht auf Adolf Hitler, sondern auf die schwarze Uniform, auf die SS. An denen wollte ich mich rächen. Und als ich das Lager in Magdeburg verlassen habe, hatte ich eine Waffe.

Woher hatten Sie die Waffe?    

Von einem Amerikaner. Es war ein Dolch, den er mir gegeben hat, ein kleiner zwar, aber ich hätte schon einen schönen Schaden damit anrichten können. Aber nach 1945 war natürlich auf einmal keiner mehr als SS-Mann zu erkennen. Deswegen konnte ich mich bei meiner ersten Begegnung mit Deutschen nach meiner Befreiung nicht rächen. Ich hatte meine Hand am Dolch und ich konnte meine Hand nicht hochkriegen. Ich dachte: „Vielleicht ist das einer, der uns geholfen hat zu überleben“. Es gab ja Menschen, die uns geholfen haben zu überleben, sonst hätte keiner überleben können. Und diese Menschen, die Juden geholfen haben zu überleben, haben nicht nur ihr Leben in Gefahr gebracht, sondern auch das Leben ihrer Familie. Denn wenn man erwischt wurde, kam die ganze Familie, ins Lager und wurde genauso misshandelt, wie wir misshandelt wurden. Sippenhaft hat man das damals genannt.

Hat es Sie Überwindung gekostet, als Sie nach Auschwitz zurückgekehrt sind?

Das erste Mal ja, das war 1994. Aber meine jetzige Frau und ihre Mutter, die damals noch lebte, haben mich unterstützt.

Waren Sie danach nochmal da?

Ja, danach war ich noch 2-mal in Ausschwitz. Es war schwierig, den Weg meiner Familie zu gehen, aber als ich auf den Trümmern von dieser Gaskammer gestanden habe, war ich dankbar, dass ich als Deutscher jüdischen Glaubens dieses 1000jährige Reich überleben durfte und heute jungen Menschen darüber berichte, was Hass, was Gewalt und was Rachegefühle aus ihnen machen können. Um das zu verhüten, erzähle ich über meine Erlebnisse.

Wann haben Sie das erste Mal vor einer Schulklasse darüber gesprochen?

Schon in Amerika, aber das Interesse war nicht da. In Deutschland ist es erst so nach 1975 ins Rollen kommen. Verstehen kann ich es, weil nach dem Krieg ein Teil der Menschen, die deutsche Ämter besetzten, Täter waren. Es durfte über diese Zeit nicht gesprochen werden. Das war ein Tabuthema.

Ist es Ihnen schwer gefallen, darüber vor Klassen zu sprechen vor Klassen oder hatten Sie das schon verarbeitet?

Es musste langsam kommen, dass ich darüber sprechen konnte und meine Erfahrung ist, dass diese jungen Menschen mir immer mehr Mut und Anregung geben, es, solange ich kann, weiter zu machen.

Aber gegenteilige Reaktionen gab es noch nie?

Nein, ich habe bis zum heutigen Tag noch keine schlechte Erfahrung mit irgendeinem jungen Menschen gemacht, im Gegenteil. Schulleiter oder Lehrer machen uns zwar ab und an aufmerksam, dass unter den Schülern möglicherweise ein Rechter sitzen könnte, aber diese Erfahrung habe ich bis zum heutigen Tag nicht gemacht.

Haben Sie die Nürnberger Prozesse verfolgt?

Überhaupt gar nicht. Mich hat das nicht interessiert. Nachdem ich mich nicht rächen konnte, habe ich in Gott vertraut, dass er jedem einzelnen für seine Tat seine Strafe in seinem weiteren Leben geben wird. Ich habe meinen inneren Frieden gefunden. Um mir ein neues Leben aufbauen zu können, war es mein Streben, mein neues Leben zu gestalten. Was immer ich getan hätte, wenn ich jemandem Schaden zugefügt hätte, meine Familie hätte ich nie zurückbekommen.

Warum sind Sie nach 1945 nicht in Berlin geblieben?

Von meiner Seite aus hatten die Russen -sie waren Befreier- nicht das Recht, jemals eine deutsche Stadt hätten zu besetzen. Im August 1939 kam es nämlich zum Hitler-Stalin-Pakt. Darin vereinbarten Deutschland und die Sowjetunion, Polen untereinander aufzuteilen. Zuerst marschierten die Deutschen im Westen ein, danach marschierten die Russen im Osten ein. Und nicht nur, dass sie den Deutschen halb Polen gegeben haben, sie haben ihnen auch Litauen, Lettland und Estland zu Besetzung gegeben. Das war für mich auch ein Grund für mich, nicht nach Berlin zurückzukehren. Ich wollte unter keiner russischen Besatzung leben. 

Auch, weil sie kommunistisch waren

Ja auch, aber vor allem wegen des Vertrages mit den Deutschen. 

Sie haben 1948 in den USA ihre 2. Frau geheiratet, 1954 haben Sie mit ihrer Frau ein Kind adoptiert. Lebt ihr Kind immer noch in Amerika?

Ja, das lebt in Amerika, ist verheiratet, hat selbst 2 Kinder. Wir waren fast jedes zweite Jahr für kurze Zeit in Amerika, in St. Louis. Da leben meine meisten Nichten und Neffen. Von meinen Geschwistern bin ich der letzte.

Wie viele ihrer Geschwister lebten in Amerika?

4 Geschwister und unsere Mutter lebten in St. Louis, wo ich auch gelebt und das Lebensmittelgeschäft aufgemacht habe.

Was für eine Bedeutung hatte für Sie die Gründung des Staates Israel?

Das habe ich gar nicht so mitbekommen. Ich bin noch nie in Israel gewesen, ich möchte gerne hin. Aber nicht, solange die Juden und die Palästinenser nicht zusammenfinden können. Sie müssten versuchen mit aller Kraft eine Einheit zu bilden.

Haben Sie je Entschädigungsgelder angenommen?

Nein, ich habe niemals Entschädigungsgelder angenommen. 1963 habe ich einen Brief vom deutschen Konsulat bekommen, dass ich ein Recht auf eine Entschädigung hätte, für das was uns angetan wurde. Aber das Formular, das ich bekam, hatte die Überschrift „Wiedergutmachung“. Das war für mich wie ein Messerstich ins Herz. Kein Geld in der Welt kann das gutmachen, was sie mir genommen haben: meine Familie. Deswegen habe ich dieses Formular nicht ausgefüllt und habe von deutscher Seite aus nie eine Entschädigung entgegengenommen.

In den USA führten Sie ein Lebensmittelgeschäft. 1972 wurden Sie wiederholt von Schwarzen überfallen.

Ja, ich musste die Kassen aufmachen, mich auf den Fußboden legen und ich hatte einen Revolver im Nacken. Der Räuber sagte: „Ihr Weißen wollt keine Gleichberechtigung für uns, ihr habt unseren Leader Martin Luther King ermordet“. Nach diesem Raubüberfall konnte ich das Geschäft nicht mehr weiterführen. Die Nazis hatten mich misshandelt, weil ich Jude war, die Schwarzen terrorisierten mich, weil ich Weißer war. Ich bin 1978 wieder nach Deutschland gekommen, ins Saarland, wo ich seitdem lebe. 32 Jahre in Deutschland, 32 Jahre in Amerika und jetzt wieder 32 Jahre in Deutschland.

Wie sind Sie nach Deutschland zurückgekehrt und ins Saarland gekommen?

Ich habe einen Brief mit meinem Lebenslauf an die Landesversicherungsanstalt in Berlin geschrieben und angefragt, ob ich für die Jahre, die ich in Deutschland gearbeitet habe, ein Anrecht auf Altersrente habe. Ich hatte aber keine Unterlagen, ich hatte keine Dokumente, ich hatte nichts, da uns ja alles genommen wurde. Und sie haben mir zurückgeschrieben und Kopien von den Steuerkarten von den Firmen, wo ich gearbeitet hatte -die letzte Marke ist entwertet am 28. September 1941- geschickt. Zu dieser Zeit wusste die gesamte Industrie und Wirtschaft, was mit uns Juden geschehen wird. Alle sollten ermordet werden und keiner wird je Altersrente beziehen können und viele haben deswegen nicht mehr eingezahlt. Die haben mir geschrieben, dass ich für die Jahre von 1928 bis 1945, also für 17 Jahre, ein Anrecht auf Altersrente hätte. Und wenn ich 3 Jahre nachbezahlen würde. käme ich auf 20 Jahre und hätte ein Anrecht auf 234 DM zu dieser Zeit. Und das habe ich auch getan, ich habe nachgezahlt und bekomme seit 1978 diese Rente. Dem Bescheid der Versicherungsanstalt lag noch ein Schreiben der Witwe meines Kameraden Karl Loeb bei, der gemeinsam mit mir aus dem Lager in Magdeburg geflohen war. Er war 1971 an den Spätfolgen der von den Inhaftierungen in verschiedenen Lagern herrührenden Krankheiten verstorben. Zu Berechnung der Witwenrente suchte nun seine Frau Doris Loeb, mit der ich seit 1983 glücklich verheiratet bin, nach mir als Zeuge für den Leidensweg ihres verstorbenen Mannes. Ich setzte mich daraufhin mit Frau Loeb in Verbindung.

Bekommen Sie auch eine Rente aus den USA?

Ja, da hab ich auch 32 Jahre bezahlt. Ich beklage mich nicht, ich bin damit zufrieden und ich denke Gott hat mir geholfen den richtigen Weg im Leben zu gehen. Wie ich immer wieder sage, ich fühle mich heute als ein glücklicher und zufriedener Mensch.

Sie haben noch eine Tätowierung aus Auschwitz auf ihrem Arm mit der Nummer 105 613. Haben Sie schon einmal nach gedacht sich diese entfernen zu lassen?

Ich wollte sie in Amerika wegmachen lassen, da hatte ich das Geld nicht. Und jetzt habe ich gesagt, sie können es am Arm wegmachen, aber nicht in meinem Herzen. Ich habe meine Familie -so wie ich sie das letzte Mal, als ich das Haus verlassen habe, gesehen habe- bis zum heutigen Tage im Herzen und da werden sie auch bleiben. Als ich 1994 in Auschwitz war habe ich mir ein Glas Erde mitgenommen, das ich, wenn meine Zeit ist, mit in mein Grab nehme, in der Hoffnung, dass vielleicht ein Aschekörnchen von meiner Familie in dieser Erde ist.

Deutsche haben sich nach dem 2. Weltkrieg lange schwer getan patriotisch zu sein. Sind Sie patriotisch?

Ich weiß nicht, ob ich patriotisch sagen kann. Ich bin in Deutschland geboren, unser Vater war als deutscher Soldat im 1. Weltkrieg, und ich hab mich immer deutsch gefühlt, auch als ich in Amerika die amerikanische Staatsbürgerschaft hatte, heute hab ich beide.

Seit wann haben Sie wieder die deutsche Staatsbürgerschaft?

Ich glaube, ich hab sie entweder ´98 oder ´99 bekommen. Mein deutscher Personalausweis geht jetzt bis 2013, bis zu meinem 100. (lacht laut). Und mein amerikanischer Pass bis 2014 oder ´15, den lass ich auch immer verlängern.

Sie haben also keine Ängste vor Patriotismus?

Nein! Ich persönlich hatte nie in meinem Lebend irgendeine schlechte Erfahrung, dass mir ein junger Mann in irgendeiner beleidigenden Form entgegengetreten ist. Und ich kann nur folgendes sagen, was ich auch vor jungen Menschen sage: Jetzt, meine letzten 32 Jahre, wo ich hier in Deutschland bin, sind meine zufriedensten und glücklichsten Jahre in meinem Leben.

Was denken Sie als jemand, der den Holocaust mit- und überlebt hat über Holocaust-Leugner wie z.B. Bischof Richard Williamson im letzten Jahr?

Ich denke nichts, er hat so viel am eigenen Stecken, dass er mit dieser Ansicht irgendetwas in seinem Leben überdecken will.

Die NPD sitzt in Mecklenburg-Vorpommern und in Sachsen im Landtag. Sollte diese Partei verboten werden?

Ich denke, dass eine Partei keinen Hass gegen andere haben darf. Man muss jeden anerkennen als Menschen, egal welche Religion, welche Nationalität. Wir sind alle gleich. Manche können nicht verstehen, dass ich für das, was uns angetan wurde, vergeben konnte. Ich kann es nicht vergessen, aber wenn ich mit einem Hassgefühl gegen andere lebe, störe ich auch den Aufbau meines eigenen Lebens, weil ich mich dann mehr damit beschäftige, was für einen Schaden ich jemand anderem zufügen kann. Wir können nur versuchen zu vermeiden, dass sich das Geschehene wiederholt. Und darin sehe ich meine Aufgabe, dass so etwas, was ich miterleben musste, nie wieder passiert. Und bei meinen Vorträgen sind meine letzten Worte meistens: „Lasst euch nicht hineintreiben in Hass und Gewalt gegen andere. Lernt miteinander, nicht gegeneinander zu leben“. Und es wäre ein Traum, wenn irgendeine neue Generation es schaffen könnte, Frieden auf Erden zu bringen.

Wir danken Ihnen für das Gespräch.  



Zur Person:

07.08.1913: Alex Deutsch wird in Berlin als achtes und jüngstes Kind seiner Eltern Josef und Rosa Deutsch geboren

1914: Einzug des Vaters in den 1. Weltkrieg

1922: Tod des Vaters an den Folgen seiner Kriegsverletzungen

1923: Aufnahme Alex Deutschs und seines Bruders Moritz in ein jüdisches Waisenhaus

1928-1931:  Bäckerlehre

1935: Nürnberger Rassengesetze; Verbot der Ausübung des Bäckerhandwerkes

Ab 1937: Zwangsarbeit in einem Bauunternehmen und einer Kohlefirma in Berlin

1938: Heirat mit Thea Cohn

1940: Geburt von Sohn Dennis

27.02.1943:  Verhaftung von Alex Deutsch und seiner Familie und anschließende Deportation nach Auschwitz

März 1943: Vergasung seiner Frau und seines Sohnes

18.01.1945: Todesmarsch nach Gleiwitz, anschließend Transport über Buchenwald und Halberstadt nach Magdeburg

20.04.1945: Befreiung durch die Amerikaner, anschließend Flucht über Luxemburg, Belgien und Frankreich

1946: Emigration in die USA

1948: Eröffnung eines Lebensmittelgeschäfts und Heirat mit Dvora Spiller

1954: Adoption eines 3-jährigen Sohnes

1972: Aufgabe des Geschäfts aufgrund wiederholter Raubüberfälle durch Schwarze, danach Arbeit als Kassierer bei einer Bank

1977: Tod seiner 2. Ehefrau

1978: Rückkehr nach Deutschland

1983: Heirat mit Doris Loeb      

1986: Verleihung des Bundesverdienstkreuzes am Bande

2001: Umbenennung der Erweiterten Realschule in Neunkirchen-Wellesweiler in Alex-Deutsch-Schule

2002: Verleihung des Saarländischen Verdienstordens

2007: Verleihung des Bundesverdienstkreuzes erster Klasse

09.02.2011: Alex Deutsch stirbt im Alter von 97 Jahren in Neunkirchen

Alex Deutsch hatte es sich zur Lebensaufgabe gemacht, als Zeitzeuge Jugendlichen von seinem Schicksal als deutscher Jude während der Zeit des Nationalsozialismus zu erzählen. Dabei ging es ihm nie um kollektive Schuldzuweisungen, sondern um eine glaubwürdige Weitergabe seiner Botschaft für mehr Mitmenschlichkeit und Toleranz. Deutsch besuchte bis zu seinem Tod bis zu 4 Schulen wöchentlich.  

Mehr Informationen:

Einen kurzen Ausschnitt aus der Dokumentation „Alex Deutsch – Ich habe Auschwitz überlebt“ finden Sie hier:

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