WFG-Wirtschaftskolumne

Fehler – jeder kennt sie, jeder macht sie und jeder geht anders mit ihnen um

Julian Schneider Wirtschaftskolumne
Kolumnist: Julian Schneider, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderungsgesellschaft mbH

Zum Thema Fehler gibt es eine beeindruckende Geschichte von Bob Hoover, ehemaliger Pilot der Air Force und Legende der Fliegerei:

Eines schönen Tages war Hoover wieder einmal bei seiner Lieblingsbeschäftigung, dem Fliegen. Nach dem Start seiner Maschine bemerkte Hoover in luftiger Höhe, dass irgendetwas nicht stimmte. Die Situation am Himmel entwickelte sich derart bedrohlich, dass sein Flugzeug wenig später in die Tiefe stürzte. Auf den letzten Metern konnte er seine
Maschine noch zu einer Bruchlandung führen und überlebte den fürchterlichen Unfall wie durch ein Wunder nahezu unversehrt.

Die Ursache seines Absturzes konnte später schnell festgestellt werden:
Der zuständige Tankwart hatte das Flugzeug mit dem falschen Kraftstoff befüllt.

Wie reagierte wohl Hoover, der dem Tod geradeso von der Schippe gesprungen war?

Er ging schnurstracks auf den Tankwart zu und gab ihm folgenden Auftrag mit auf den Weg: „Jeder von uns macht Fehler. Ich bin mir sicher, dass Ihnen dieser kein zweites Mal passiert. Fortan möchte ich, dass Sie alle meine Flugzeuge betanken.“

Diese Geschichte von Hoover greift eine Fragestellung auf, die in der heutigen Wirtschaftswelt heiß diskutiert wird:

Wie gestaltet sich ein konstruktiver Umgang mit Fehlern und wie lassen sich diese von Unternehmen sinnvoll nutzen?

Heutige Studien zur Fehlerkultur zeichnen ein eher erschreckendes Bild:

  • Der Gallup Engagement Index 2018 hält fest, dass Unternehmen in Deutschland ca. 100 Milliarden Euro an Umsatz entgehen, weil Mitarbeitende im Rahmen ihrer Arbeit keine Anerkennung und Wertschätzung erfahren. Bei entstandenen Fehlern begleitet sie eher ein Gefühl der Angst.
  • Die Unternehmensberatung EY hat in der eigenen Studie „Fehlerkultur in deutschen Unternehmen“ festgestellt, dass 80 Prozent von Führungskräften Fehlervorkommnisse unter den Teppich kehren. Zu groß wäre der Verlust der eigenen Reputation und die damit verbundenen Folgen für den beschwerlichen Weg auf der Karriereleiter.

  • Werden Fehler allerdings nicht gemeldet oder angesprochen, bleiben diese vielerorts
    unsichtbar. Die resultierenden Konsequenzen können zwischenmenschlich und ökonomisch
    verheerend sein. Fehlgesteuerte Prozesse werden wiederholt, was sich wirtschaftlich
    bemerkbar macht. Daher braucht es einer gelebten Fehlerkultur, bei der Mitarbeitende Spaß
    am Umsetzen und Ausprobieren haben.
  • Doch was verbirgt sich überhaupt hinter dem Begriff „Fehlerkultur“?

    Unter einer Fehlerkultur versteht man den organisationsstrukturellen Umgang mit Fehlern. Es ist sozusagen die DNA des betriebseigenen Fehlermanagements.

    Hier ein Beispiel: Ein Mitarbeiter veröffentlicht regelmäßig und akribisch Neuigkeiten zum Unternehmen auf Social-Media. Eines schönen Tages veröffentlicht dieser Mitarbeiter eine neuartige Werbeanzeige, die ungewollt zu einem kleinen Shitstorm führt. Da es natürlich wieder schnell gehen musste, wurde der Vorgesetzte vorab nicht informiert.

    Was wäre in diesem Moment nach Bob Hoovers Manier eine konstruktive Fehlerkultur durch die Führungskraft?

    Den Mitarbeiter bis auf seine Urgroßväter zu beleidigen oder ihm eine Design-Schulung zu finanzieren, mit Hilfe er fortan weiter die Werbeanzeigen für das Unternehmen übernehmen kann?

    Die Frage lässt indirekt schon erahnen, dass der richtige Umgang mit Fehlern eng mit resultierenden Lerneffekten zusammenhängt. Zum Aufbau einer solcher Fehlerkultur gibt es viele unterschiedliche Ansätze. Nachstehend sind vier Ideen ausformuliert:

    1. „Empowerment“ der Mitarbeitenden
      Unter Empowerment verbirgt sich die Förderung von Autonomie und Selbstbestimmung der Mitarbeitenden. Die Zeit zentralistischer Patriarchen neigt sich in vielen Unternehmen mehr und mehr dem Ende. Dass eine Person sämtliche
      Entscheidungen trifft und den Mitarbeitenden keine Gestaltungsfreiheit einräumt, ist nahezu vorbei. Die Wirtschaftswelt ist zu komplex und schnelllebig geworden. Mitarbeitende wollen selbst gestalten und handeln. Diese Herangehensweise mündet in einer erhöhten Motivation der Mitarbeitenden. Findet eine solch dezentrale Entscheidungsfindung statt, muss auch die Möglichkeit zu Fehlern eingeräumt werden. Die Identifikation der Belegschaft mit dem Unternehmen wird essenziell erhöht.
    2. Lernkurve fördern
      Der Luftfahrtingenieur (scheinbar wird der Luft öfters über Fehler nachgedacht) und Pädagoge Theodore Paul Wright hat sich schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit der sogenannten Lernkurve und ihrer positiven Wirkung beschäftigt. In seinen Untersuchungen kam er zu dem Ergebnis, dass ein sinnvoller Umgang mit Fehlern in Form einer geförderten Lernkurve bei Unternehmen zu Kostendegressionseffekten führt. Zu Deutsch: Unternehmen sparen Geld, wenn sie Mitarbeitenden Fehler erlauben und Lernansätze aktiv kommunizieren.
    3. Fehlerkommunikation
      Hier sind wir direkt beim nächsten Punkt: Fehler anzusprechen ist eine wahre Kunst. Wird auf jeden kleinsten Fehler aufmerksam gemacht, wirkt der Vorgesetzte zu penibel, zu penetrant. Werden allerdings im Umkehrschluss keine Fehler benannt, richten diese kontinuierlich Schaden an. Es ist also ein wahrer Drahtseilakt, auf den sich eine Führungskraft hier begibt. Es braucht daher ein Stück weit den Weg der Mitte. Wichtig in der Kommunikation bleibt, dass sich die Worte auf den Lösungsansatz fokussieren und weniger auf den entstandenen Fehler.
    4. Anpassungsfähigkeit als Schlüssel
      Dieser Aspekt ist eng mit dem zweiten Punkt verbunden. Bei der Giving Pledge Kampagne (ein Zusammenschluss von sehr reichen Menschen, die einen Großteil ihres Geldes für gute Zwecke spenden) gibt es ein Mitglied, dessen Name mir leider entfallen ist. Diese besagte Person hat allerdings auf fantastische Art und Weise das sogenannte Trial-and-Error-Prinzip erläutert. Wenn etwas im Leben nicht funktioniert, passt man es ein wenig an und probiert es erneut. Funktioniert dieser Weg wieder nicht, passt man es wieder an und startet nochmal. Und nochmal, und nochmal. Genau diese stetige Anpassungsfähigkeit lässt aus Fehlern wahre Chancen und Erfolge werden. Anstelle, dass man sich über Fehler aufregt, überlegt man eher, welche Anpassung man vornehmen kann und marschiert weiter. Dann bleiben Fehler lediglich ein temporäres Ereignis.

    Im Umgang mit Fehlern hat der Philosoph Richard David Precht in einem seiner letzten Podcasts mit Markus Lanz den Wert von Fehlern hervorragend zusammengefasst:

    „Welcher Mensch wünscht sich, dass er im Leben nie Niederlagen hat? Nur ein Mensch der Angst vor dem Leben hat.“

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