Die Johannes-Kühn-Gesellschaft erinnert mit einem besonderen Fund an den 2016 verstorbenen Dichter aus Hasborn. Anlässlich seines 92. Geburtstages am 3. Februar 2026 präsentiert Nachlassverwalter Armin Sinnwell ein bisher unveröffentlichtes Gedicht aus dem Jahr 1955. Der damals 21-jährige Kühn verfasste das titellose Werk „Ich muss nun lächeln“, das erst jetzt bei der Aufarbeitung seines literarischen Nachlasses entdeckt wurde.
„Ich muss nun lächeln,
da ich in meinem Zimmer bin. –
Des alten Baumes Atem sang.
Ich saß und ließ die Stille ruhen,
nicht lang, dann nahm ich Steine, die mir nahe lagen,
lichthelle, gletscherlichte Steine,
und warf sie an den Rand des Pfads.
Und immer hob sich wölkend Staub,
und ehe er sich auf die Blätter nahen Strauches legte,
wand er sich wolkengleich und formenüppig auf. —
Und einmal war es deine goldenweiße Locke,
ich warf nun wild, dass sie sich öfters höbe,
mir deines Lichthaars Lockenfülle näher werde.
Umsonst. Ich ging zum Strauche hin, wo goldenbronzen
des Staubes Körner auf den grünen Blättern prangten,
und stob sie wieder auf die Erde,
dass ich in meinem Wurfe doch den alten Staub mir wiederträfe,
der mir die Locke formte: O ich warf umsonst.
Und nur des alten Baumes Atem sang.
Ich muss nun lächeln,
da ich in meinem Zimmer bin.“
Der in Hüttersdorf geborene Sinnwell, der gemeinsam mit Dr. Martin Rech den literarischen Nachlass verwaltet, betont in seinem Gedenkblatt die schwierigen Lebensumstände des Bergmannssohns. Ohne die frühe Förderung durch seinen Lehrer Benno Rech sowie später durch dessen Frau Irmgard und den Schriftsteller Ludwig Harig hätte Kühn sein umfangreiches Werk vermutlich nie schaffen können. Michael Krüger, der langjährige Verleger Kühns, attestierte dem Dichter 1991, dass bei ihm „die Not, etwas sagen zu müssen, mit dem Vermögen, etwas sagen zu können“ eine Einheit bildete.
Das nun veröffentlichte Gedicht zeigt laut Sinnwell bereits die typische Arbeitsweise des späteren Lyrikers. In dem Text wirft ein lyrisches Ich Steine auf einen Weg und beobachtet den aufsteigenden Staub, in dem sich für einen Moment die Form einer goldenen Locke zeigt. Der Versuch, dieses Bild zu wiederholen, scheitert. Sinnwell deutet dies als Gleichnis für den dichterischen Schaffensprozess Kühns, der zeitlebens versuchte, die Natur poetisch zu beleben. Die impulsive Arbeitsweise des Dichters, der bei missglückten Versuchen oft völlig neue Gedichte schuf, wurde von seinen Förderern vielfach dokumentiert. Bei einer Lesung 1994 in Lebach bezeichnete Kühn selbst das „Dichten als ein Planspiel“ und verwies dabei auf Goethe. Die Johannes-Kühn-Gesellschaft, deren stellvertretender Vorsitzender Sinnwell ist, setzt mit solchen Veröffentlichungen ihre Arbeit zur Bewahrung und Würdigung des literarischen Erbes fort.



