Die IHK Saarland hat in einem aktuellen Positionspapier die zunehmend schwierige Lage des industriellen Mittelstands in Deutschland beschrieben. Demnach stehen mittelständische Industrieunternehmen unter doppeltem Druck: Auf der einen Seite verschärfe sich der internationale Wettbewerb, auf der anderen Seite belaste der Standort Deutschland seine Betriebe mit hohen Kosten und wachsender Regulierung.
Der Mittelstand sei zwar eine tragende Säule der deutschen Wirtschaft – mit technologischer Kompetenz, spezialisierten Lösungen und tiefer regionaler Verwurzelung. Doch die Wettbewerbsbedingungen hätten sich grundlegend verändert. Konkurrenten insbesondere aus China hätten bei Qualität und Technologie stark aufgeholt und drängten gezielt in höherwertige Marktsegmente vor. Staatliche Subventionen, Überkapazitäten und ein ungleicher Marktzugang verschärften die Situation zusätzlich. Wenn Kunden zwei Produkte als weitgehend gleichwertig wahrnähmen, entscheide zunehmend der Preis – und dann könnten selbst hochproduktive deutsche Unternehmen große Preisabstände nicht mehr aus eigener Kraft ausgleichen.
Gleichzeitig belaste Deutschland seine Unternehmen mit hohen Energie- und Arbeitskosten, steigenden Sozialabgaben, einer im internationalen Vergleich hohen Steuer- und Abgabenlast sowie immer komplexerer Regulierung und langsamen Genehmigungsverfahren. Die IHK betont, Deutschland müsse nicht der billigste Standort sein – dürfe aber nicht so viel teurer werden, dass Qualität und Innovation bei Kaufentscheidungen gar nicht mehr ins Gewicht fielen.
Im Bereich Handelspolitik fordert die Kammer, dass Europa seine Handelsschutzinstrumente konsequenter und schneller einsetze, wo Dumping oder massive Subventionen nachgewiesen würden. Dabei müssten allerdings ganze Wertschöpfungsketten in den Blick genommen werden. Werde etwa ein Vorprodukt geschützt, das daraus hergestellte Endprodukt aber weiterhin unbelastet importiert, entstehe eine sogenannte Downstream-Lücke, die europäische Verarbeiter benachteilige. Auch die Exportseite dürfe nicht vergessen werden: Stark exportorientierte Unternehmen konkurrierten auf Drittlandsmärkten mit Anbietern, die europäische Klima- und Regulierungskosten nicht trügen. Der CO₂-Grenzausgleichsmechanismus CBAM helfe zwar bei Importen, schaffe aber keinen Ausgleich für europäische Exporteure. Mit dem Auslaufen kostenloser Emissionszertifikate drohe sich dieser Kostennachteil weiter zu verschärfen.
Besonders kritisch sieht die IHK die Wirkung von Regulierung auf den Mittelstand. Gleiche Berichtspflichten träfen Mittelständler fundamental anders als Großkonzerne, da die regulatorischen Fixkosten nicht skalierten. So drohe Regulierung zum „Größenfilter“ zu werden. Sie müsse daher risikoorientierter, digitaler und mittelstandsgerechter gestaltet werden.
Bei den Arbeitskosten mahnt das Papier Strukturreformen in Rente, Gesundheit und Pflege an. Die Sozialversicherungsbeiträge müssten stabilisiert und perspektivisch wieder in Richtung 40 Prozent geführt werden. Das Arbeitsrecht brauche mehr betriebliche Flexibilität, etwa bei Arbeitszeiten und Formen der Selbstständigkeit.
Die IHK weist zudem auf eine schleichende Form der Deindustrialisierung hin: Unternehmen müssten nicht schließen, damit industrielle Substanz verloren gehe. Es genüge, wenn neue Maschinen, Produktlinien oder Forschungskapazitäten an ausländischen Standorten aufgebaut würden, statt in Deutschland zu investieren. Gerade inhabergeführte Mittelständler seien zwar oft tief mit ihrer Region verbunden – diese Standorttreue dürfe politisch aber nicht überstrapaziert werden.
Auch bei der öffentlichen Beschaffung sieht die Kammer Handlungsbedarf: Der Staat verpflichte Unternehmen zu immer höheren Standards, entscheide bei seinen eigenen Vergaben aber häufig nach dem niedrigsten Preis. Stattdessen müssten Qualität, Lebenszykluskosten, Innovation und Versorgungssicherheit stärker gewichtet werden. Der Staat solle seine Marktmacht als Ankerkunde nutzen, um Leitmärkte für neue Technologien zu schaffen.
Als zentrale Forderungen formuliert die IHK unter anderem: eine strukturelle Senkung der Energie- und Steuerlast einschließlich einer wettbewerbsfähigeren Unternehmensbesteuerung auch für Personengesellschaften, den radikalen Abbau von Bürokratie mit verbindlichen Genehmigungsfristen und digitalen Verfahren, die Stärkung von Investition und Innovation sowie den Grundsatz, Reformen vor Subventionen zu stellen. Industriepolitik dürfe strukturell schlechte Standortbedingungen nicht dauerhaft mit Förderprogrammen überdecken.
Die IHK fasst ihre Haltung wie folgt zusammen: Der Mittelstand brauche keinen Schutz vor Wettbewerb, sondern die Chance, diesen unter fairen Bedingungen zu führen. Deutschland müsse nicht der billigste Industriestandort der Welt sein – aber wieder ein Standort werden, an dem es sich lohne, die nächste Investition zu tätigen.




