„Das Leben ist ein Geschenk!“ –Seniorin Christine Rohr über Verlust, Lebensfreude und Zusammenhalt

Zu sehen: Christine Rohr Foto: S. Kessler

Einsamkeit im Alter kann vielerlei Ursachen haben. Wenn etwa der langjährige Ehepartner stirbt, die Kinder weit entfernt leben und körperliche Beschwerden hinzukommen, ist das Risiko sozialen Rückzugs deutlich erhöht. In unserem heutigen Interview erzählt Rentnerin Christine Rohr aus Oberlinxweiler wie man das Leben auch im hohen Alter noch in vollen Zügen genießen kann, wie man Mut fasst und wo man Unterstützung erhält.

 

Christine, du bist ein Vorzeigebeispiel dafür, wie man sich das Leben auch im hohen Alter schön machen kann. Was möchtest du unseren Leser*innen über dich erzählen?

 

„Ich heiße Christine Rohr, Spitzname ‚Christel‘, bin 85 Jahre alt und verwitwet. Ich komme aus Oberlinxweiler und habe drei wunderbare Töchter, vier Enkelkinder und einen Urenkel. Ich liebe meine Familie über alles und habe ein ganz besonderes Verhältnis zu ihr. Der Grund dafür, warum ich ein so inniger Familienmensch bin, war meine Großmutter. Sie war eine unglaublich positive Frau, die mich stets unterstützt hat. Diese Liebe, Wärme und Geborgenheit versuche ich heute an meine Familie weiterzugeben. Trotz meines fortgeschrittenen Alters ist es mir sehr wichtig, soziale Kontakte zu pflegen und aktiv am Leben teilzunehmen. Vielen älteren Menschen fällt das schwer, ihnen möchte ich Mut machen und zusprechen. Es ist so wichtig den Kopf hochzuhalten und nach vorne zu blicken. Wir müssen uns bewusst sein wie wertvoll unsere Zeit ist.

Ich engagiere mich im sozialen Bereich, gehe gerne in Konzerte, lese viel, singe im Chor, bewege mich regelmäßig und habe einen grünen Daumen. Von Beruf bin ich gelernte Erzieherin und war viele Jahre im Bürobereich des Schreinerbetriebs meines Mannes tätig.“

 

Christel, du bist wirklich sehr aktiv und lebensfroh. Woher kommt diese positive Einstellung?

 

„Ich bin eigentlich schon mein ganzes Leben ein positiver Mensch. Ich habe immer versucht, das Gute in einer Situation zu sehen und mich nicht von Schwierigkeiten entmutigen zu lassen. Wie bereits erwähnt, bin ich ein echter Familienmensch und liebe Kinder. Aus der Nähe zu meiner Familie ziehe ich viel Kraft. Neben meinen eigenen Kindern und Enkelkindern habe ich mich auch um andere Kinder innerhalb und außerhalb der Familie gekümmert. Das hat mir immer große Freude bereitet. Ich denke, dass ich meine positive Einstellung von meinem Vater geerbt habe. Obwohl er es im Leben nicht immer leicht hatte, machte er stets das Beste aus jeder Situation.

Auch die Alzheimer-Erkrankung meines Mannes hat mir gezeigt, wie wichtig es ist, nicht aufzugeben. Ganz egal, wie schwer es war – ich habe immer an das Licht am Ende des Tunnels geglaubt. Die Vorstellung, dass es für alles einen Weg gibt, hat mir geholfen. Seit dem Tod meines Mannes veranstalten wir wöchentliche Familienessen, die jedem von uns viel Freude bereiten. Dieser Zusammenhalt stärkt mich und gibt mir Zuversicht. Ein solches Gefühl wünsche ich jedem Menschen.“

 

Das klingt wirklich sehr schön, das freut mich für dich. Christine, du engagierst dich auch ehrenamtlich für andere Menschen. Was genau machst du?

 

Als ich nach dem Tod meines Mannes in der Kapelle des Marienkrankenhauses einen Flyer des Projekts ‚Pluspaten‘ entdeckte, wurde ich neugierig. Es wurden freiwillige Alltagsbegleiter für ältere Menschen gesucht. Ich fühlte mich fit und wollte helfen, also absolvierte ich mit 72 Jahren eine entsprechende Schulung. Im Rahmen dieses Projekts begleitete ich mehrere ältere Frauen und unterstützte sie im Alltag. Eine Dame beeindruckte mich besonders. Sie konnte nicht sprechen, aber wir verstanden uns trotzdem sehr gut. Wir verbrachten viel Zeit miteinander und ich konnte ihr in vielen Lebensbereichen helfen. Später wurde ich Mitglied bei ‚Paten mit Herz‘. Seit mehreren Jahren betreue ich über dieses Projekt zwei Seniorinnen. Wir unternehmen Spaziergänge, trinken gemeinsam Kaffee, besuchen Sehenswürdigkeiten oder verbringen einfach Zeit miteinander. Bei schlechtem Wetter spielen wir Gesellschaftsspiele oder singen zusammen. Ich liebe den Umgang mit Menschen und freue mich immer wenn meine beiden Damen mir erzählen, wie sehr sie unsere gemeinsame Zeit genießen. Wenn man offen bleibt und sich nicht zurückzieht, kann man auch im Alter noch viele schöne Momente erleben. Darüber hinaus bin ich Mitglied bei Ally hilft- Handeln statt hoffen e.V. und backe regelmäßig für den guten Zweck.“

 

Hut ab, du bist ja wirklich unglaublich aktiv.

Christine, kommen wir zu einem ganz anderen Thema. Wie hast du es geschafft nach dem Verlust deines Mannes wieder nach vorne zu blicken?

 

„Der Tod meines Mannes hat meine Einstellung zum Leben verändert. Als er starb, entstand eine große Lücke in meinem Leben. Nicht nur, weil er nicht mehr da war, sondern auch, weil sich mein gesamter Alltag von heute auf morgen veränderte. Besonders schwer war der Gedanke, plötzlich alleine zu sein. Doch meine Familie hat mir in dieser Zeit unglaublich viel Halt gegeben. Dafür bin ich bis heute sehr dankbar.

Nach einer Zeit der Trauer begann ich Schritt für Schritt wieder nach vorne zu blicken. Das Ehrenamt hat mir dabei sehr geholfen. Es hat mich abgelenkt, mir neue Aufgaben gegeben und mir gezeigt, dass ich noch gebraucht werde. Heute bin ich glücklich und dankbar für jeden Tag, den ich erleben darf. Ich habe keine Angst vor dem Tod. Das Leben ist ein Geschenk, das wir wertschätzen müssen.“

 

Das ist eine tolle Einstellung zum Leben. Christine, zum Abschluss: Was ist dein Rat für ältere Menschen, die alleine leben?

 

„Soziale Kontakte sind unglaublich wichtig. Wie soll man glücklich sein, wenn man niemanden hat, mit dem man Freud und Leid teilen kann? Deshalb kann ich jedem empfehlen Hilfe in Anspruch zu nehmen, wenn man sie braucht. Es gibt viele Einrichtungen und Projekte, die ältere Menschen unterstützen und begleiten. Bei ‚Paten mit Herz‘ lautet das Motto: ‚Gemeinsam gegen einsam‘. Dort begleiten wir ältere Menschen im Alltag, beim Einkaufen, bei Spaziergängen, Arztbesuchen oder gemeinsamen Aktivitäten. Man muss nicht alles alleine schaffen. Oft reicht schon ein regelmäßiger Besuch, um wieder mehr Lebensfreude zu spüren. Mein Rat lautet deshalb: Bleibt offen, bleibt neugierig und traut euch, auf andere Menschen zuzugehen. Seid glücklich und genießt das Geschenk des Lebens.“

 

Kontakt:

Sarah Maron, Koordinatorin Paten mit Herz

Telefon: 06851 / 59-2461 (Büro Marienhaus Klinikum)

Mobil: 0171 / 3086494

E-Mail: sarah.maron@marienhaus.de

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