Am 12. Juni rufen die IG Metall und die Betriebsräte der saarländischen Stahlindustrie zum großen Aktionstag auf. Tausende Beschäftigte werden auf die Straße gehen – angetrieben von sehr realen und absolut berechtigten Existenzängsten um ihre Arbeitsplätze und die Zukunft ihrer Familien. Doch wenn man den Lärm des Tages beiseitelegt, drängt sich eine Frage auf: Worum geht es im Kern eigentlich wirklich und kommt dies überraschend?
Die wahre Bedrohung: Das Ende der Gratis-Zertifikate
Der eigentliche Auslöser der Krise der Stahlindustrie ist ein umstrittener Mechanismus der Europäischen Union: der Emissionshandel (ETS-1). Für jede Tonne CO₂, die ein Industrieunternehmen in die Luft bläst, muss ein Verschmutzungsrecht – ein sogenanntes Zertifikat – bezahlt werden. Derzeit liegt dieser Preis bei etwa 80 Euro pro Tonne CO₂, mit der klaren politischen Vorgabe, dass diese Summe in Zukunft weiter ansteigen soll.
Für die klassische Stahlherstellung (die sogenannte Hochofen-Route) ist das eine existenzielle Bürde. Bei der Produktion von einer Tonne Stahl fallen rund 1,8 Tonnen CO₂ an. Rechnet man dies mit dem Preis von 80 Euro hoch, bedeutet das, dass jede produzierte Tonne Stahl künftig mit 144 Euro an zusätzlichen Abgaben belastet wird. Die gesamten Herstellungskosten für die Hochofen-Route würden hierdurch von gegenwärtig etwa 450 Euro auf fast 600 Euro pro Tonne in die Höhe schnellen.
Bislang blieb die energieintensive europäische Grundstoffindustrie von diesen Kosten weitgehend verschont. Um sie im weltweiten Wettbewerb zu schützen, erhielten sie ihre Zertifikate bisher fast gratis. Für Industrien wie die Stahlbranche fällt dieser Schutzschild nun jedoch weg: Durch die Einführung des neuen europäischen Klima-Zolls (CBAM) wird die EU diese Gratis-Zuteilung ab 2026 sukzessive abschmelzen, bis die Stahl-Unternehmen im Jahr 2034 jedes einzelne Zertifikat voll aus eigener Tasche bezahlen müssen.
Spätestens dann wird die Schwelle von 600 Euro Produktionskosten pro Tonne Stahl voll durchschlagen. Vor diesem Hintergrund wird auch die jüngste Aussage von SHS-Chef Stefan Rauber in der Saarbrücker Zeitung völlig nachvollziehbar, als er davor warnte, dass es unter diesen Bedingungen ab dem Jahr 2030 zu einer „Schließung der Saar-Hütten“ gekommen wäre.
Zurzeit gibt es jedoch Bestrebungen auf EU-Ebene, diese drastische Abschaffung der Gratis-Zertifikate abzuwenden oder zumindest deutlich zu verlangsamen. Dies ist eine absolut notwendige Reaktion, denn gerade die deutsche Grundstoffindustrie ist durch die massiven Energiepreise infolge der deutschen Energiewende bereits extrem getroffen. Wenn nun zu den Rekord-Energiepreisen auch noch diese hohen CO₂-Zertifikatskosten hinzukommen, wird dies zu einem untragbaren Belastungsfaktor. Eine weitere Deindustrialisierung und die rasante Abwanderung von Betrieben ins Nicht-EU-Ausland wären absehbar – ohne dass sich hieraus ein positiver Effekt für die Klimaproblematik ergäbe. Ein politisches Einlenken an dieser Stelle ist daher industriepolitisch zwingend geboten.
Die Rechnung mit vielen Unbekannten
Um dem nahenden Exitus durch die CO₂-Bepreisung auszuweichen, wurde – in enger Abstimmung mit der Ampelregierung – das Projekt „Power4Steel“ aus der Taufe gehoben. Der Plan: Grüner Stahl, produziert mit grünem Wasserstoff. Die Logik dahinter ist einfach: Bei der Reduktion von Eisenerz mit Wasserstoff entsteht als Nebenprodukt lediglich Wasserdampf statt klimaschädliches CO₂. Folglich fallen für diesen Produktionsweg auch keine Zertifikatskosten an. Dies entspricht exakt der politischen Wunschvorstellung, dass die Industrie keinerlei CO₂ mehr emittiert. Diese Vision bezuschusst der Steuerzahler für die saarländische Stahlerzeugung mit 2,6 Milliarden Euro, weitere 2 Milliarden Euro bringt die SHS-Gruppe auf.
Doch die ökonomische Tragfähigkeit dieses Konstrukts war von Beginn an mit enormen Fragezeichen versehen. Es war absehbar, dass echter grüner Wasserstoff in den benötigten Mengen extrem teuer sein würde. Eine 100-prozentige Versorgung der neuen Anlagen mit grünem Wasserstoff treibt die Produktionskosten auf ca. 1.000 Euro pro Tonne in die Höhe[1]. Da stellt sich direkt eine sehr einfache Frage: Wenn bereits 600 Euro Produktionskosten beim klassischen Stahl das sichere Aus bedeuten, wie soll dann ein Produkt am Markt bestehen, das bei rund 1.000 Euro liegt?
Zudem hat die Realität die ursprünglichen Konzepte längst eingeholt. Die anfängliche Hoffnung bestand darin, die Wasserstoffversorgung durch eine Ausweitung der deutschen Produktion, insbesondere direkt vor Ort im Saarland, sicherzustellen. Aber alle drei geplanten Elektrolyseur-Projekte in der Region – Fenne, Saarlouis und Perl – sind nach aktuellem Stand auf Eis gelegt worden. Der Grund ist simpel: Die Kosten für die Elektrolyseure sind aufgrund der deutschen Energiewende viel zu hoch.
Deshalb weicht die SHS nun auf das grenznahe französische Carling aus. Dort kann der benötigte Wasserstoff dank des hohen Kernkraftanteils im französischen Stromnetz deutlich günstiger produziert werden. Hier zeigt sich eine bittere Ironie der Geschichte: Ausgerechnet die deutsche Energiewende und insbesondere die Abschaltung der heimischen Kernkraftwerke haben der eigenen Grünstahlproduktion nun einen entscheidenden Wettbewerbsnachteil verschafft.
Allerdings ist die Kapazität von Carling endlich: Die SHS kann nach dem gegenwärtigen, öffentlich bekannten Stand zum Start 2029 nur mit einer Menge Wasserstoff aus Carling rechnen, die gerade einmal 5 % des Bedarfs ausmacht. Dies hat auch fatale Konsequenzen für die viel gelobte neue Wasserstoff-Infrastruktur, die im Saarland ebenso wie im ganzen Bundesgebiet drastisch unterausgelastet sein wird. Die immensen Kosten für den Aufbau und Betrieb dieses Netzes – bundesweit belaufen diese sich auf bis zu 24 Milliarden Euro – drohen damit beim Staat und somit beim Steuerzahler hängenzubleiben.
Die Erdgas-Falle und das PR-Dilemma
Da grüner Wasserstoff also weder hinreichend verfügbar noch wirtschaftlich darstellbar ist, wird das Projekt in der Realität massiv auf Erdgas ausweichen müssen – zum Start 2029 voraussichtlich mit einem Anteil von bis zu 90 Prozent. Es liegt auf der Hand, dass dieser Umstand der eigentlichen Intention eines „grünen Stahls“ widerspricht und das vollmundige PR-Motto „Pure Steel“ ad absurdum führt. Es verwundert daher kaum, dass dieser unbequeme Sachverhalt in der politischen Öffentlichkeit und auf den Aktionsbühnen nur äußerst ungern bis gar nicht erwähnt wird.
Doch auch beim Ausweichen auf Erdgas droht die nächste Kostenfalle. Angesichts der fragilen geopolitischen Lage, nicht zuletzt des längerfristigen Ausfalls von Förderkapazitäten am Persischen Golf, ist zu befürchten, dass Erdgas dauerhaft wesentlich teurer bleiben wird, als dies noch vor einem halben Jahr prognostiziert wurde. Eigene Berechnungen des Autors zeigen, dass auch diese vermeintliche Brücken-Route die Produktionskosten auf bis zu 800 Euro pro Tonne treiben dürfte.
Der künstliche Markt als theoretische Rettung
Stellt man diese künftigen Kosten von 800 bis 1.000 Euro den ursprünglichen Produktionskosten der Hochofen-Route von etwa 450 Euro gegenüber, klafft hier eine Lücke von 350 bis über 500 Euro pro produzierter Tonne. Diese gewaltige Differenz entspricht einem Subventionsbedarf von geschätzt 12 bis 20 Milliarden Euro auf zehn Jahre gerechnet – und das allein für die saarländische Stahlindustrie.
Angesichts dieser erdrückenden Zahlen drängt sich unweigerlich die Frage auf: Wie soll dieses Projekt also überhaupt überleben? Die Antwort der Verantwortlichen liegt nicht in der eigenen Wettbewerbsfähigkeit, sondern in der künstlichen Verteuerung der Konkurrenz.
Um das Projekt am Leben zu halten, benötigt man zwingend möglichst hohe CO₂-Preise. Diese sorgen zunächst dafür, dass die Produktion der klassischen Hochofen-Erzeuger innerhalb der EU extrem verteuert wird. Flankiert wird dies durch den europäischen Grenzausgleichsmechanismus (CBAM) – eine Art Klima-Zoll –, der sicherstellen soll, dass auch Import-Stahl aus Nicht-EU-Ländern an der Grenze diese hohen CO₂-Preise nachzahlen muss. Es handelt sich hierbei im Grunde genommen um eine systematische Konkurrenzabwehr auf dem europäischen Binnenmarkt: Die Alternativen werden schlichtweg so lange bestraft, bis sie ähnlich teuer sind wie der eigene Grünstahl.
Hinzu kommt ein zweites Instrument: Die sogenannten „Grünen Leitmärkte“, eine Kernforderung von SHS-Chef Rauber. Hinter diesem Begriff verbirgt sich das Konzept, industrielle Abnehmer durch staatliche Incentives finanziell dazu zu bringen oder gar zu zwingen, künftig ausschließlich grünen Stahl zu kaufen und einzusetzen. Die Mehrkosten verschwinden dadurch natürlich nicht, sondern werden ganz oder teilweise auf die Abnehmerebene verschoben – für den Erzeuger ein planwirtschaftliches System mit eingebauter Umsatzgarantie und Konkurrenzabwehr.
Auf diese Weise wird der Versuch unternommen, einen abgeschotteten, planwirtschaftlichen EU-Binnenmarkt zu konstruieren, in dem durch die Zwangsverteuerung der Konkurrenz eine künstliche Gleichwertigkeit hergestellt wird, die der freie Markt für grünen Stahl eigentlich nicht darstellen kann. Doch das fundamentale Grundproblem wird damit keineswegs gelöst: Auf dem Weltmarkt außerhalb der EU, wo es keine vergleichbare CO₂-Bepreisung gibt, ist und bleibt der saarländische Grünstahl unverkäuflich teuer.
Genau diese Vision gerät jedoch ins Wanken, wenn – zum Schutz der restlichen Wirtschaft – gefordert wird, die CO₂-Belastung weniger schnell ansteigen zu lassen, wodurch dann sowohl Hochofenerzeuger innerhalb der EU als auch Importe günstiger als der neue Grünstahl bleiben. Für den Beobachter drängt sich hier der Eindruck auf, dass sich die SHS genau deshalb so heftig gegen eine allgemeine Entlastung der Grundstoffindustrie von dem Damoklesschwert der CO₂-Bepreisung wehrt. Eine solche Entlastung wäre aber angesichts der dramatischen Situation für den Industriestandort Deutschland dringend notwendig – eine vertrackte Situation, in die uns die Klima- und Energiepolitik der letzten Jahrzehnte hineingeführt hat.
Die Wahl zwischen Pest und Cholera und das Spiel um den Schwarzen Peter
Die jüngsten Äußerungen aus der Staatskanzlei offenbaren dieses Dilemma in aller Deutlichkeit. So deutete Ministerpräsidentin Anke Rehlinger an, dass sie sich einer allgemeinen Entlastung der deutschen Industrie durch langsamere CO₂-Preisanstiege nicht grundsätzlich verschließe – dies jedoch an eine unmissverständliche Bedingung knüpfe: In diesem Fall müssten Mittel an die „Vorreiter“ des grünen Stahls fließen – also höhere Subventionen für den saarländischen Grünstahl, mit welchen Instrumenten auch immer.
Hierbei muss man jedoch stets im Auge halten, dass eine Ausweitung der Förderung durch Betriebskostenzuschüsse mit dem strengen EU-Beihilferecht kollidieren könnte. Brüssel verbietet in der Regel dauerhafte Subventionen zur Erhaltung eines strukturell unrentablen Geschäftsmodells. Man steht im Grunde vor der Wahl zwischen Pest und Cholera: Entweder man riskiert ökonomisch und rechtlich bedenkliche Dauer-Subventionen für ein einzelnes Projekt oder man belastet die gesamte restliche energieintensive Grundstoffindustrie durch politisch forcierte, ruinöse CO₂-Preise.
Wenn SHS-Chef Stefan Rauber angesichts dieser Lage in der SZ öffentlich von einem „Anschlag“ der Politik und von einer „Bananenrepublik“Deutschland spricht, ist dies eine rhetorische Eskalation, die für die Führung eines Unternehmens, dem bereits 2,6 Milliarden Euro an öffentlichen Subventionen zugesagt wurden, zumindest fragwürdig erscheint. Für den objektiven Beobachter drängt sich angesichts solcher Töne unweigerlich der Eindruck auf, dass hier präventiv die Kulisse vorbereitet wird, um den „Schwarzen Peter“ für das absehbare ökonomische Scheitern rechtzeitig in Richtung Berlin abzuwälzen.
Eine derartige unternehmerische Eigennützigkeit mag aus isolierter Konzernsicht nachvollziehbar sein, sie wird der Dramatik der Gesamtlage jedoch in keiner Weise gerecht. Die verfehlte Klimapolitik und die enorm hohen Energiekosten drohen aktuell, die gesamte deutsche Industrie zu zerstören und ins Nicht-EU-Ausland zu vertreiben. Wenn Herr Rauber in der FAZ energisch die Beibehaltung des Emissionshandels einfordert, forciert er am Ende des Tages die Fortsetzung dieses fatalen Trends. Was der Industriestandort Deutschland jetzt aber eigentlich bräuchte, ist kein egoistischer Kampf um noch mehr isolierte Fördermilliarden für politisch ersonnene Leuchtturmprojekte, sondern ein radikales Umsteuern in der allgemeinen Wirtschafts- und Energiepolitik.
Die Beschäftigten, die an diesem Aktionstag auf die Straße gehen, haben ein Recht darauf, dass echte und vor allem wirtschaftlich tragfähige Lösungen für ihre Zukunft gefunden werden. Doch dieses Recht darf auch nicht exklusiv für die saarländische Stahlindustrie gelten. Es gilt für alle Beschäftigten der gesamten deutschen Industrie, die sich angesichts einer verfehlten Energiepolitik und genau jenes Emissionshandels, den Herr Rauber so vehement verteidigt, heute größte Sorgen um ihre Arbeitsplätze und ihre Familien machen müssen.
[1] vgl. detaillierte Berechnungen des Autors unter https://www.tichyseinblick.de/wirtschaft/stahlindustrie-wasserstoff-subventionen/
Dr. Christoph Canne, Dipl.-Chem., Diplom-Kaufm., Jahrgang 1971, Promotion in Biophysik, ist seit 2022 Pressesprecher der „Bundesinitiative Vernunftkraft“. Canne gehört dem Fachbereich Volkswirtschaftslehre von Vernunftkraft an und widmet sich in seinen Beiträgen vorrangig der Analyse und Darstellung ökonomischer Zusammenhänge in der Energiepolitik. Er lebt in Saarlouis.





