Wildnisanteil steigt schneller als geplant auf 66 Prozent

Bild: nlphh.de Dominik Ketz

Der Nationalpark Hunsrück-Hochwald überlässt ab diesem Jahr 66 Prozent seiner Gesamtfläche der freien Naturentwicklung. Diese Quote übertrifft die ursprünglichen Planungen deutlich – bei der Gründung 2015 startete das Schutzgebiet mit lediglich 25 Prozent unberührter Fläche, im vergangenen Jahr waren es bereits 58 Prozent.

Die rasante Entwicklung überrascht selbst die Verantwortlichen. „Dass wir bereits nach 11 Jahren als Entwicklungs-Nationalpark zwei Drittel der Fläche dem Prozessschutz widmen können, war auch für uns schneller als erwartet“, erklärt Dr. Martin Mörsdorf, der die Abteilung für Forschung, Biotop- und Wildtiermanagement leitet. „Durch die Dynamik könnte die Vielfalt an Arten und Lebensräumen im Gebiet größer werden. Für die Forschung ist das eine Riesenchance. Wir können jetzt auf großer Fläche beobachten und lernen.“

Das zwischen Rheinland-Pfalz und dem Saarland gelegene Schutzgebiet erstreckt sich über Höhenlagen von 400 bis 800 Metern und grenzt an den Erbeskopf, mit 816 Metern der höchste Berg in Rheinland-Pfalz. Fast die gesamte Fläche – etwa 98 Prozent – besteht aus Wald. Buchen- und Fichtenwälder wechseln sich ab mit Moorwäldern, Blockhalden und Felsenlandschaften.

Diese Vielfalt bietet Lebensraum für zahlreiche Arten. Wildkatzen, Schwarzstörche, Rothirsche und Biber sind hier ebenso heimisch wie Sonnentau, Wollgras, wilde Narzissen und seltene Orchideen. Wissenschaftler machten bereits bemerkenswerte Entdeckungen: 2015 fanden sie die neue Flechtenart Verrucaria hunsrueckensis, 2024 beschrieben Forscher der Universität Koblenz mit Hoefkenia hunsrueckensis sogar eine bisher unbekannte Rotalgen-Gattung.

Der Klimawandel hat in den vergangenen Jahren deutliche Spuren hinterlassen. Trockenheit und höhere Temperaturen schwächten vor allem Fichtenbestände, die daraufhin vom Borkenkäfer befallen wurden. In den Wildnisbereichen bleiben die abgestorbenen Bäume stehen oder liegen, zersetzen sich langsam und werden zu neuem Lebensraum. „Diese Flächen sind keine Verlustflächen, sondern Entwicklungsräume“, betont Amtsleiter Dr. Harald Egidi. „Hier können wir beobachten, welche Selbstheilungskräfte die Natur entfaltet und welche Baumarten, Strukturen und Lebensgemeinschaften sich unter den Bedingungen des Klimawandels durchsetzen.“

Die wissenschaftliche Begleitung dieser Prozesse gehört zu den Kernaufgaben des Nationalparks. Neben klassischen Erhebungen im Gelände setzen die Forscher verstärkt auf Satellitenbilder, um Veränderungen der Vegetation großflächig zu dokumentieren.

Trotz des hohen Wildnisanteils arbeitet die Nationalparkverwaltung eng mit den Anrainern zusammen. Mit den umliegenden Forstämtern stimmt sie sich beim Borkenkäfermanagement ab. Das Wildtiermanagement überwacht die Bestände von Rot-, Reh- und Schwarzwild in einem 500 Meter breiten Streifen beiderseits der Nationalparkgrenze. Mit den Feuerwehren wurden Einsatzrouten und Wasserentnahmestellen kartiert – im Brandfall wird auch im Nationalpark gelöscht.

Bis 2045 sollen mindestens 75 Prozent der Nationalparkfläche sich selbst überlassen bleiben. Mit dem jetzigen Stand von 66 Prozent ist dieses Ziel in greifbare Nähe gerückt. „Der Nationalpark ist ein Freilandlabor des Wandels“, fasst Amtsleiter Egidi zusammen. „Was wir hier lernen, hilft nicht nur dem Schutz der Wildnis, sondern liefert auch wichtige Erkenntnisse für den Umgang mit Wäldern im Klimawandel.“

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