Im Juni berichteten wir unter der Überschrift „Sorge um Stahlstandort Saarland wächst“[1] über die zunehmenden Zweifel an der Zukunft der saarländischen Stahlindustrie. Damals standen vor allem drei Punkte im Vordergrund: die hohen Strompreise, die unsichere Versorgung mit Wasserstoff und der hohe Subventionsbedarf. Schon damals war klar: Ohne verlässliche Rahmenbedingungen droht dem Saarland ein Verlust seiner industriellen Basis.
Sechs Monate später stellt sich die Frage: Haben sich diese Probleme verbessert – oder verschärft? Der Blick auf die aktuellen Entwicklungen zeigt, dass die Herausforderungen nicht kleiner geworden sind. Im Gegenteil: Sie prägen den Ausblick auf das Jahr 2026 und darüber hinaus.
Und so drängt sich eine kontroverse Schlussfolgerung auf: Wenn die Politik ihren Kurs nicht ändert, hat die Roheisenherstellung in Deutschland keine Zukunft. Hochöfen und Direktreduktionsanlagen werden stillgelegt und die deutsche Stahlindustrie kann nur überleben, indem sie importiertes Roheisen weiterverarbeitet und zu hochwertigen Spezialstählen veredelt. Damit bliebe Know-how erhalten – doch die industrielle Basis und viele Arbeitsplätze werden verloren gehen.
Der hohe Druck auf die Stahlindustrie
Die deutsche Stahlindustrie steht weiterhin unter massivem Druck. Hohe Energiepreise, wegbrechende Absatzmärkte wie die Automobilindustrie und die zunehmende CO₂-Bepreisung belasten die Unternehmen. Wie reagieren die Unternehmen hierauf?
Dillinger Hütte und Saarstahl (DHS) halten am Kurs fest, ihre Produktion auf grünen Stahl umzustellen. Genehmigungen für eine Direktreduktionsanlage und zwei Elektrolichtbogenöfen sind erteilt, die Technik liegt gemäß Unternehmensangaben im Plan. Doch die Rahmenbedingungen bleiben unverändert schwierig.
Besonders deutlich wird dies im Vergleich zu anderen großen Playern der Branche:
- ArcelorMittal stoppte Mitte des Jahres seine Projekte zur Umstellung auf grünen Stahl in Deutschland vollständig – konkret die geplante Direktreduktionsanlage in Bremen sowie die Umstellung der Hochofenstrecke in Eisenhüttenstadt. Dagegen wird ein vergleichbares Projekt in Dünkirchen (Frankreich) weitergeführt. Die Begründung war eindeutig: Die Rahmenbedingungen in Deutschland sind zu schlecht. Damit hat ArcelorMittal klar gemacht, dass selbst milliardenschwere Subventionen (1,3 Milliarden Euro waren vorgesehen) nicht ausreichen, um Investitionen hierzulande attraktiv zu machen. Für ein global agierendes Unternehmen, das seine Standorte gegeneinander abwägen kann, ist Deutschland derzeit nicht konkurrenzfähig.
- Salzgitter verfolgt sein Projekt „Salcos“ zwar weiter, hat aber die Ausbauphasen zeitlich gestreckt. Die erste Direktreduktionsanlage soll 2026 fertiggestellt sein, doch weitere Schritte wurden um mehrere Jahre nach hinten gestellt – ebenfalls mit Verweis auf die unsicheren Rahmenbedingungen.
- ThyssenKrupp Steel bekräftigt zwar den Umbau auf grünen Stahl, bleibt aber durch unklare Besitzstrukturen schwer einzuschätzen. Klar ist jedoch, dass bis 2030 ungefähr 11.000 Stellen wegfallen werden.
Wasserstoff: Versorgungslücke verschärft sich weiter
Die Dillinger Hütte Saarstahl greift derzeit auf Wasserstoff aus Frankreich zurück. Über eine Leitung von der Chemieplattform Carling wird ein kleiner Teil des Bedarfs gedeckt – nach aktuellem Stand rund fünf Prozent der Energieversorgung der geplanten Direktreduktionsanlage. Der überwiegende Rest muss also weiterhin mit Erdgas gefahren werden.
Im September wurde hier unter der Überschrift „Grünstahl am Limit – warum die Dillinger Hütte für grünen Wasserstoff auf Frankreich ausweichen muss“[2] dargelegt, dass in Deutschland produzierter grüner Wasserstoff nicht konkurrenzfähig ist. Der Grund liegt in den EU-Regelungen: Elektrolyseure dürfen hierzulande nicht einfach Netzstrom nutzen, sondern müssen durch zusätzliche Wind- oder Solaranlagen versorgt werden. Das führt zu hohen Kosten und zu einem ständigen On-Off-Betrieb. Frankreich dagegen profitiert von einem CO₂-armen Strommix aufgrund seiner Kernkraftflotte und kann Elektrolyseure durchgehend betreiben – mit deutlich geringeren Kosten. Die Energiewende und die Abschaltung der Kernkraftwerke in Deutschland bereiten nun Abnehmern von grünem Wasserstoff wie Dillinger Hütte Saarstahl große Probleme.
Diese strukturellen Nachteile bestätigt auch der Bundesrechnungshof. In seinem jüngsten Sonderbericht[3] kommt er zu dem Schluss, dass Deutschland auf absehbare Zeit nicht in der Lage sein wird, grünen Wasserstoff in ausreichender Menge und zu wettbewerbsfähigen Preisen bereitzustellen. Die Analyse benennt drei zentrale Punkte:
- Deutschland müsste rund drei Viertel der weltweiten Produktion grünen Wasserstoffs importieren, um die eigenen Ziele zu erreichen – ein illusorisches Szenario.
- Grüner Wasserstoff bleibt viermal so teuer wie Erdgas, selbst bei optimistischen Annahmen.
- Das geplante Wasserstoff-Kernnetz wird zur Kostenruine, da die Nachfrage zu gering und die Kosten zu hoch sind.
Das Problem, grünen Wasserstoff in ausreichender Menge und zu konkurrenzfähigen Preisen zu beschaffen, bleibt damit ungelöst. Für die Dillinger Hütte bedeutet das: Auch 2029 wird die Direktreduktionsanlage überwiegend mit Erdgas betrieben werden müssen – allen Beteuerungen zum Trotz.
Strompreise in Deutschland bleiben ein gewaltiges Problem
Deutschland hat im internationalen Vergleich, aber auch im Vergleich zu Frankreich, weiterhin einen massiven Standortnachteil bei den Strompreisen. Die für die Großindustrie relevanten Börsenstrompreise waren im Durchschnitt des Jahres mit 9 Cent pro Kilowattstunde (ct/kWh) wesentlich höher als im Nachbarland (6 ct/kWh). Diese Differenz wird sich weiter ausweiten: An der Strombörse wird aktuell ein Ganzjahreskontrakt für 2026 in Deutschland mit 8,5 ct/kWh gehandelt, in Frankreich sind es nur 5 ct/kWh.
Das größte Problem in Deutschland ist jedoch nicht der Erzeugerpreis, sondern der Anstieg der Netzentgelte, der durch die Energiewende verursacht wird. So zahlen große Industrieunternehmen im Schnitt derzeit 5 ct/kWh als Netzentgelte. Der Netzausbau wird jedoch nach einer Studie des Energiewirtschaftlichen Instituts der Universität Köln[4] bis 2045 preisindiziert ca. 730 Milliarden Euro verschlingen. Dies entspricht einem preisindizierten Anstieg der Netzentgelte um weitere 7 ct/kWh. In Summe steigen dann die Summe aus Erzeugerpreisen und Netzentgelten von derzeit ca. 14 ct/kWh auf 20 ct/kWh an – eine utopische Größenordnung, die die Deindustrialisierung des Landes vollenden wird.
Der von DHS Vorstandschef Stefan Rauber regelmäßig eingeforderte Strompreis von 4 ct/kWh ist so in Deutschland nicht realisierbar. Es ist noch nicht einmal eine Entwicklung zu niedrigeren Strompreisen erkennbar.
Vor diesem Hintergrund hat die Bundesregierung jüngst ein Konzept für einen Industriestrompreis vorgestellt. Es enthält leider keine grundlegenden Maßnahmen für eine Umkehr in der Energiepolitik, sondern beschränkt sich darauf, den Industriestrompreis durch staatliche Kostenübernahmen zu senken.
Kern der Regelung ist, dass besonders betroffene Betriebe für einen Teil ihres Stromverbrauchs – etwa die Hälfte – einen deutlich reduzierten Preis zahlen sollen. Dieser wird rechnerisch bei ca. zehn ct/kWh liegen, also deutlich unter dem aktuellen Marktpreis, der für viele große Unternehmen bei ca. 14 ct/kWh liegt. Die Differenz zwischen dem Marktpreis und dem reduzierten Industriestrompreis wird durch den Staat ausgeglichen. Das bedeutet: Die Kosten werden nicht gesenkt, sondern lediglich über Steuermittel verschoben.
Hinzu kommt, dass die Regelung befristet und eingeschränkt ist. Sie gilt nur für bestimmte Branchen, die als besonders energieintensiv eingestuft werden, und ist zeitlich begrenzt. Viele Unternehmen, die ebenfalls unter hohen Stromkosten leiden, profitieren nicht von dieser Maßnahme. So wies die Wirtschaftsvereinigung Stahl in einer Pressemitteilung darauf hin, dass der geplante Industriestrompreis aufgrund der EU-Beihilfevorgaben nicht für die Stahlindustrie wirkt, solange er nicht mit der CO₂-Strompreiskompensation kombinierbar ist[5].
So droht die Industriestrompreisregelung aus Sicht der Industrie zur Scheinmaßnahme zu werden. Sie senkt die Stromkosten nicht nachhaltig, sondern verschiebt sie lediglich auf den Steuerzahler und erweist sich für die Stahlunternehmen als nicht hilfreich. Für die Dillinger Hütte Saarstahl bedeutet das: Auch mit der staatlichen Unterstützung für den deutschen Stromsektor, der im Jahr 2026 die Schwelle von 30 Milliarden Euro überschreiten wird, bleibt der Strompreis weit über dem Niveau, das für grünen Stahl international konkurrenzfähig wäre.
Planwirtschaftliche Vorgaben statt Marktwirtschaft
Anfang November fand der sog. Stahlgipfel statt und er bekräftigte neben problematischen Absichtserklärungen zur Wasserstoffverfügbarkeit und zum Strompreis, dass die Politik der Bundesregierung weiterhin auf staatliche Eingriffe setzt, um die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie zu stützen. Friedrich Merz knüpfte dabei nahtlos an die bisherige Linie von Robert Habeck an – Grüne Leitmärkte und sog. Differenzkontrakte (CCfD) wurden der Industrie in Aussicht gestellt.
- Grüne Leitmärkte: Der Staat verpflichtet sich selbst, bei öffentlichen Aufträgen ausschließlich klimafreundliche Produkte einzusetzen – etwa Schienen aus grünem Stahl für die Deutsche Bahn. Damit soll die Nachfrage nach teuren grünen Verfahren künstlich erzeugt werden. Die Idee: Wenn der Staat als Großkunde auftritt, entsteht ein „Leitmarkt“, der andere Abnehmer nachzieht. Kritiker sehen darin jedoch eine staatlich gesteuerte Nachfragepolitik, die den Wettbewerb verzerrt und die Kosten für Steuerzahler erhöht.
- Differenzkontrakte (Carbon Contracts for Difference): Dieses Instrument soll die Mehrkosten beim Umstieg von konventionellen auf grüne Verfahren ausgleichen. Produziert ein Unternehmen der Grundstoffindustrie mit Wasserstoff statt mit fossilen Stoffen, entstehen deutlich höhere Kosten. Der Staat garantiert dann über einen langfristigen Vertrag, die Differenz zwischen Marktpreis und Produktionskosten zu übernehmen – über zehn oder zwanzig Jahre hinweg. Ob sich die Kosten jemals angleichen, bleibt jedoch offen. Für die Unternehmen bedeutet das zwar Planungssicherheit, für den Staat jedoch eine enorme finanzielle Belastung mit unklarem Ausgang.
Mit diesen Maßnahmen wird die Industrie zwar kurzfristig gestützt, doch die strukturellen Probleme – hohe Energiepreise, unsichere Wasserstoffversorgung und internationale Konkurrenz – bleiben bestehen. Kritiker sprechen von „Planwirtschaft pur“ – die „Welt“ brachte dies auf die prägnante Formel „Merz ist der neue Habeck“[6]. Fest steht: Statt die Ursachen der hohen Kosten anzugehen, werden sie durch Subventionen überdeckt – das kann angesichts der fehlenden volkswirtschaftlichen Perspektiven nicht lange gut gehen.
Ausblick 2026: Keine Zukunft für die Roheisenherstellung
Die Probleme haben sich nicht verbessert – sie haben sich verschärft. Energie bleibt teuer, Wasserstoff knapp, internationale Konkurrenz stark. Für das Saarland bedeutet das: Die Zukunft der Stahlindustrie hängt am seidenen Faden staatlicher Subventionen.
Vor allem für die Roheisenherstellung in Deutschland sind kaum marktwirtschaftliche Perspektiven zu erkennen:
- Hochofenroute: Mit dem Ende der kostenlosen Zuteilung von CO₂-Zertifikaten wird die klassische Hochofenproduktion massiv belastet. Während außereuropäische Konkurrenten wie China oder Indien weiterhin nahezu unbegrenzt ohne CO₂-Kosten produzieren, steigen die Kosten in Deutschland unaufhaltsam.
- Grüner Stahl: Auch die Alternative zum Hochofenprozess – Direktreduktionsanlagen und Elektrolichtbogenöfen – sind aufgrund der extrem hohen Strom- und Wasserstoffpreise utopisch. Selbst mit Subventionen bleibt der Industriestrompreis weit über dem Niveau, das international konkurrenzfähig wäre.
Der Staat kann eine strukturell unwirtschaftliche Branche nicht dauerhaft subventionieren. Milliardenhilfen mögen kurzfristig stützen, doch sie lösen die fundamentalen Probleme nicht.
Mit diesen Weichenstellungen werden in Deutschland weite Teile der Grundstoffindustrie zwangsläufig verloren gehen, weil die Regierung ihren grundlegenden Kurs in der Energiepolitik nicht ändert. Auf der anderen Seite müsste dann die Bewahrung des industriellen Know-hows aktiv angegangen werden. Denn wenn sowohl Hochöfen als auch neue Direktreduktionsanlagen in Deutschland in nicht weit entfernter Zukunft mangels Wirtschaftlichkeit stillgelegt werden müssen, bleibt der deutschen Stahlindustrie nur die Möglichkeit, importiertes Roheisen weiterzuverarbeiten und zu hochwertigen Spezialstählen zu veredeln.
Damit könnte technisches Wissen und Fertigungskompetenz erhalten werden – doch ohne eine gezielte Strategie zur Sicherung dieses Know-hows droht auch dieser Teil der Wertschöpfungskette verloren zu gehen. Die industrielle Basis würde verschwinden, und mit ihr viele Arbeitsplätze.
Daraus folgt: Ohne eine grundlegende Wende in der Energiepolitik ist die Roheisenherstellung in Deutschland nicht mehr zukunftsfähig. Wenn die Politik weiterhin die Energiepolitik nicht ändert, müssen finanzielle Ressourcen für die Bewahrung des Know-hows aufgewendet werden, damit die Stahlindustrie wenigstens als Veredler überleben kann. Andernfalls droht der vollständige Verlust einer Schlüsselbranche – wie so vielen anderen Branchen als Folge der grünen Transformation.
Heute Abend kann man um 18 Uhr mit dem Experten bei der Union Stiftung chatten:
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[1] Sorge um Stahlstandort Saarland wächst – St. Wendeler Land Nachrichten
[2] Grünstahl am Limit: Warum die Dillinger Hütte für grünen Wasserstoff auf Frankreich ausweichen muss – St. Wendeler Land Nachrichten
[3] Bundesrechnungshof – Homepage – Wasserstoffstrategie des Bundes auf dem Prüfstand
[4] https://www.ewi.uni-koeln.de/cms/wp-content/uploads/2024/04/2024_04_Abschlussbericht_Netzentgelte_BW_DE.pdf
[5] wvstahl.de/pressemitteilungen/strompreise-industriestrompreis-wirkt-nicht-fuer-die-stahlindustrie-netzentgelt-entlastung-wichtiger-schritt/



