St. Wendeler Land: Helden des Alltags – Teil 2 – Ein Interview mit Krankenpfleger Tobias Munkes über seine Arbeit im Hospiz Emmaus

St. Wendel. Wer hat sich schon einmal gefragt, wie es wohl ist, tagtäglich mit Menschen zu arbeiten, die an unheilbaren Erkrankungen leiden? Wie ist es in einem Hospiz zu arbeiten? Wie schafft man es, in dieser Umgebung professionell zu handeln und sich abzugrenzen?

Wir durften mit Gesundheits- und Krankenpfleger Tobias Munkes über seine schwierige Arbeit im stationären Hospiz Emmaus sprechen.

Tobias, was kannst du uns über dich erzählen?

„Mein Name ist Tobias Munkes, ich bin 25 Jahre alt, komme aus Urweiler und wohne zurzeit in Ottweiler. 2013 habe ich die Ausbildung zum Gesundheits- und Krankenpfleger bei der Marienhaus GmbH begonnen. Von da an war ich im Marienkrankenhaus in St. Wendel eingesetzt. Seit dem Ausbildungsende 2016 arbeite ich im stationären Hospiz Emmaus. Bereits in meiner Ausbildungszeit habe ich die Palliativstation kennengelernt und großes Interesse in diesem Bereich entwickelt. Dadurch bin ich auch auf die Hospizarbeit aufmerksam geworden. Dass hier der Mensch ganz im Mittelpunkt steht, gefällt mir sehr gut.“

Was kannst du uns über das Hospiz Emmaus berichten?

„Unser primäres Ziel ist die Symptombehandlung. Wenn Menschen aufgrund ihres Gesundheitszustandes starke Schmerzen haben, zu Hause alleine nicht mehr zurecht kommen und sich ihre Erkrankung im Endstadium befindet, sich also nicht mehr heilen lässt, dann sind sie bei uns gut aufgehoben. Unser Team, das aus Altenpfleger/innen, Intensiv- und Anästhesiepfleger/innen und Krankenpfleger/innen mit einer Weiterbildung namens „Palliativ Care“ besteht, ist 24 Stunden Ansprechpartner und kümmert sich bestens um die Hospizgäste. Wir verfügen über 10 wohnlich und freundlich eingerichtete Einzelzimmer, die mit WLAN, Fernsehern und weiteren komfortablen Einrichtungsgegenständen ausgestattet sind. Zudem sind zwei dieser zehn Zimmer als Appartements eingerichtet, die über ein zusätzliches Bett für Angehörige, die dort übernachten wollen, verfügen. Das Hospiz Emmaus hat keine Besuchszeiten, essen und aufstehen kann man, wann man möchte. 

Die Umgebung ist sehr familiär und gemütlich. Das Schöne hier ist, dass wir Pflegenden nicht einen so hohen Zeitdruck haben, wie er z.B. in einem Krankenhaus oder einem Seniorenheim üblich ist. Dies führt dazu, dass wir uns für die Grund- und Behandlungspflege, sowie auch für Gespräche mit unseren Hospizgästen und deren Angehörigen, viel Zeit einräumen können.“

Wie sieht ein typischer Arbeitstag für dich aus?

Ich arbeite in Früh-, Mittag- und Nachtschichten. Zu Arbeitsbeginn findet eine Übergabe statt, d.h. man wird von den Pflegekräften der vorherigen Schicht auf den aktuellen Stand gebracht. Nach der Übergabe verabreicht man die Infusionen, sofern ein Gast diese vom Arzt verordnet bekommen hat, und geht in jedes Zimmer, um sich ein aktuelles Bild von den Gästen zu machen. In der Frühschicht findet auch täglich eine Arztvisite statt, bei der den behandelnden niedergelassenen Ärzten Veränderungen mitgeteilt werden und gegebenenfalls Anpassungen der Medikation unternommen werden. Auch unsere Ärzte gehen zu unseren Gästen und führen nach Bedarf Gespräche mit ihnen und ihren Angehörigen. 

Wird ein Gast wach und verlangt sich Hilfe bei der Körperpflege, unterstützen wir ihn oder übernehmen diese je nach Gesundheitszustand komplett. Hat ein Gast einmal besondere Essenwünsche, versuchen wir ihm diese zu ermöglichen und die Wunschkost zuzubereiten. Dabei unterstützen uns regelmäßig speziell geschulte ehrenamtliche Mitarbeiter der christlichen Hospizhilfe. Diese kochen nicht nur oder veranstalten Cafés, sondern begleiten unsere Gäste beim Spazieren gehen, basteln und spielen auch gerne mit ihnen.

Wenn Komplikationen, wie z.B. Luftnot oder Schmerzen, auftreten, hilft uns unser umfangreiches pflegerisches und medizinisches Wissen, Lösungen zu finden und die Situation für unseren Hospizgast erträglich zu machen und zu erleichtern.“

Wie ist es mit Menschen zu arbeiten, die in absehbarer Zeit sterben werden?

„Ein ehrlicher Umgang mit den Gästen ist von großer Bedeutung. Es ist wichtig, keine Hoffnung auf Heilung zu schüren. Natürlich muss man den Betroffenen die Situation nicht ständig vor Augen führen, aber eben offen und ehrlich sein und nichts verharmlosen oder beschönigen. Es ist toll, den Menschen einen Gefallen tun zu können, sie abzulenken, mit ihnen in Ruhe reden zu können, sich auszutauschen und ihnen eine Freude zu bereiten. Ich kann guten Gewissens sagen, dass wir das Bestmögliche für unsere Gäste tun.  Auf den üblichen Krankenhausstationen werden Verstorbene oft einfach „weggeschoben und abgehakt“, es ist nicht die Zeit da, um sich vorher intensiv mit ihnen zu befassen. Bei uns aber besteht die Möglichkeit, sich ausführlich mit unseren Gästen zu beschäftigen, sich diese Zeit zu nehmen und sie gut und würdevoll zu behandeln, das gefällt mir.“

Wie ist deine Erfahrung: Haben Menschen Angst vor dem Tod?

„Das ist eine ganz individuelle Angelegenheit. Viele haben die Situation angenommen, aber es gibt auch Menschen, die das Ganze komplett ausblenden und nicht wahrhaben wollen. Hier braucht man viel Fingerspitzengefühl. Wie bei einem Trauerprozess durchlaufen die Hospizgäste hier häufig verschiedene Phasen. Angefangen bei der Verleugnung, über Wut, Verhandlung und Depression, bis hin zur Akzeptanz. Wenn ein Gast seine persönliche Situation verdrängt und unrealistisch von der Zukunft spricht, dann ist es meine Pflicht, ihn in die Realität zurückzuholen und wahrhaftig zu bleiben. Man sollte sich dann auch untereinander mit den Kollegen absprechen, damit keine gegensätzlichen Aussagen vermittelt werden. Nur so gibt man dem Menschen die Möglichkeit, sich mit seiner Krankheit realistisch auseinanderzusetzen.“

Gab es schon besondere Heilungsfälle seit deiner Arbeitszeit im Hospiz?

„Also Wunder habe ich noch nicht erlebt, aber schon Fälle, in denen eine solche Besserung eingetreten ist, dass der Gast auch vom ambulanten Pflegedienst zu Hause oder zum Beispiel in einem Seniorenheim versorgt werden konnte.“

Wie lange verweilen die Hospizgäste bei euch?

„In der Regel sind unsere Gäste zwei bis drei Wochen lang bei uns, häufig auch einen Monat. Ein Gast war sogar neun Monate lang bei uns.“

Was würdest du sagen, wie tröstet man jemanden, der Angst vor dem Tod hat?

„Ich bin der Meinung, dass Gespräche sehr viel weiterhelfen können. Aufmerksames Zuhören ist ganz wichtig und kann eine enorme Entlastung für die Hospizgäste darstellen. Viele unserer Gäste wären froh, wenn sie den Sterbeprozess schon hinter sich hätten, weil sie beispielsweise Angst vor Schmerzen haben. Wir versuchen dann, sie zu beruhigen und die Situation mit Hilfe von Schmerzmitteln und weiteren Medikamente wie etwa gegen Übelkeit, so angenehm wie möglich zu gestalten. Ich bin christlich erzogen, mein Vater ist Diakon und ich glaube, dass es „etwas“ über uns gibt. Von daher finde ich, dass (gemeinsames) Beten ebenso hilfreich sein kann.“

Was sind die häufigsten Erkrankungen, an denen Menschen bei euch sterben? Wie ist der Altersdurchschnitt?

„Überwiegend betreuen wir verschiedenste Krebserkrankungen, neurologische Erkrankungen, wie starke Schlaganfälle, Herzinsuffizienzen und weitere nicht heilbare Erkrankungen. Meistens sind unsere Gäste zwischen 60 und 80 Jahren, aber auch mal 30 oder auch schon über 100 Jahre.“

Wie gestaltet sich der Umgang mit Angehörigen?

„Es gibt immer wieder Angehörige, die mit der Situation nicht zurechtkommen und das auch nach außen tragen, indem sie beispielsweise wütend werden. Hier gilt es, empathisch zu agieren, feinfühlig zu sein und sich Zeit für Gespräche zu nehmen. Man sollte versuchen, bei Angehörigen, wie auch bei Gästen, eine Vertrauensbasis zu schaffen und eine Stütze zu sein. Besondere Verhältnisse erfordern eben besondere Maßnahmen. Ein Team aus Seelsorgern unterstützt uns dabei.“

Wie stehst du zu dem Tod? Hast du Angst vorm Sterben?

„Bevor ich in dem Bereich gearbeitet habe, habe ich mich mit dieser Thematik überhaupt nicht befasst. Heute weiß ich, dass ich ein paar wichtige Personen gerne um mich hätte, wenn ich sterbe. Ich bin mir auch darüber im Klaren, dass es gute Möglichkeiten gibt, um schmerzfrei zu sterben. Auch heute mache ich mir schon Gedanken über Themen wie etwa die Patientenverfügung und die Sorge vor der Ungewissheit. Ich bin der Ansicht, dass man mit Familie und guten Freunden darüber sprechen sollte. Ich habe keine Angst, sondern Respekt vor dem Tod.“

Wie schaffst du es, dich emotional von deiner Arbeit zu distanzieren?

„Ich schließe schnell und gut ab, sonst könnte ich in diesem Beruf auch nicht arbeiten. Trotzdem denke ich aber hin und wieder noch an den einen oder anderen Gast, der mir einmal etwas näher gestanden hat. Ich habe wirklich eher positive Erinnerungen.

Ein bettlägeriger Mann wollte vor seinem Tod noch einmal raus an die frische Luft. Um ihm diesen Wunsch zu ermöglichen, habe ich ihn mit seinem Bett raus gefahren. Diese 15 Minuten haben ihm so viel bedeutet. Er war so glücklich, noch einmal den Wind und die Sonne zu spüren. So etwas wäre im normalen Krankenhausbetrieb gar nicht möglich. Seine Familie hatte sich danach auch extra noch einmal bei mir bedankt. Genau diese Dankbarkeit gibt einem so viel.

Zweimal hatten wir auch schon den Wünschewagen des Arbeiter Samariter Bundes bei uns. Ein Hospizgast wurde zu einem Fußballspiel und ein anderer zu einem entfernt lebenden Familienmitglied transportiert.

Einem unserer Gäste habe ich auf Wunsch mal ein Essen von McDonalds mitgebracht, auch er hatte sich riesig gefreut und war sehr dankbar.

Darüber hinaus existieren natürlich auch Erinnerungen an schwierige Situationen. In diesen Momenten ist Professionalität angesagt. Man muss schnell und kompetent handeln, um die Situation für den Hospizgast aushaltbar zu machen.“

Wie sterben die meisten Gäste, die bei euch sind?

„In der Regel läuft der Prozess ruhig ab. Häufig schlafen sie ruhig ein, manchmal entwickelt sich eine typische Rasselatmung. Wenn unmittelbar absehbar ist, dass ein Gast verstirbt und klar ist, dass es die Angehörigen nicht rechtzeitig schaffen werden da zu sein, dann setzen wir uns dazu und begleiten den versterbenden Menschen.“

Wie ist das Prozedere nach dem Tod?

„Wenn ein Hospizgast verstorben ist, dann werden direkt die Angehörigen verständigt.  Wir versorgen den Verstorbenen und geben den Angehörigen Zeit, Abschied zu nehmen. Außerdem stellen wir ein Licht in das Zimmer und oft auch Bilder und Blumen. Nach einiger Zeit kommt der Arzt, um den Tod zu bestätigen, bevor dann letztendlich ein Bestatter den Verstorbenen abholt.

Es ist faszinierend, man sagt oft, „wir gehen, so wie wir waren“. Eine Person, die alles immer mit sich selbst ausgemacht hat, verstirbt meiner Erfahrung nach oft auch allein, gerade dann wenn mal die Angehörigen nicht bei ihm im Zimmer sind. Andere „warten“ beispielsweise, bis  noch eine bestimmte und für sie wichtige Person da war, bis sie unsere Welt verlassen.“

Was ist das Schönste und was das Schwerste an deinem Job?

„Das Schönste ist es, wenn ich einem Gast noch einen Herzenswunsch erfüllen kann und wenn ich dann die Freude sehe und direkt eine schöne, positive Rückmeldung bekomme. Hingegen das für mich Schwerste sind Gäste, die ihre unheilbare Erkrankung nicht akzeptieren können. Es ist wirklich nicht einfach, Gäste und Angehörigen die Hoffnung nehmen zu müssen.“

Hat deine Arbeit im Hospiz deine Einstellung zum Leben verändert?

„Ja auf jeden Fall. Bevor ich da gearbeitet habe, habe ich mir oft überflüssige Gedanken über Kleinigkeiten gemacht. Diese Arbeit verändert einen, man differenziert und wägt ab, was wichtig ist und was nicht. Man sollte sich nicht über banale Sachen aufregen, das ist vergeudete Zeit. Wir Menschen können so froh sein, wenn wir gesund sind, arbeiten gehen dürfen, eine Familie haben. Es ist sehr wichtig, dass wir die Zeit, die wir haben, auch nutzen.“

Was ist dein Lebensmotto?

„Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“ (Reinhold Niebuhr)

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