Serie Drogensucht – Einmal süchtig, immer süchtig? Ein Interview mit Vivian R.

Warum nehmen so viele (junge) Menschen Drogen? Was sind Beweggründe? Wie lässt sich der Teufelskreis durchbrechen?
Wir durften uns mit der 31-jährigen St. Wendeler Land Bewohnerin Vivian R. über ihre langjährige Drogensucht, sowie Ursachen, Folgen und Alternativen unterhalten.

Wie und wann bist du das erste Mal mit Drogen in Kontakt gekommen?
Wie verlief dein Drogenkonsum von da an weiter?

„Als ich 14 Jahre alt war, haben wir im Freundeskreis zunächst sporadisch und später regelmäßig Marihuana konsumiert, das war meine Einstiegsdroge. Zu dieser Zeit habe ich unzählige Male das Buch „Christiane F.- Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ verschlungen. Was auf Andere abschreckend wirkte, weckte in mir Interesse und Neugier. Im Alter von 16 Jahren kamen Alkohol und weitere Drogen hinzu. Damals hatte ich keine Angst, keinen Respekt vor Drogen. Ich war naiv und dachte nicht über mögliche Konsequenzen nach. Durch Bekannte kam ich dazu Amphetamine zu nehmen. Anfangs nur selten, dann auch am Wochenende. Nach kurzer Zeit jedes Wochenende und ab und an auch mal werktags. Mit 17 Jahren kamen Ecstasy und seltener auch mal Kokain und LSD hinzu. Als ich 19 Jahre alt war, habe ich regelmäßig Marihuana und Amphetamine konsumiert. Mit 22 Jahren habe ich vor und während der Arbeit Amphetamine genommen, um tagsüber fit zu sein. Abends habe ich Marihuana geraucht, um einschlafen zu können. Ab und an habe ich wieder zusätzlich MDMA in Form von Pillen oder Kristallen eingenommen. Das Ganze lief in dieser Form bis zu meinem 28. Lebensjahr.

Warum hast du jahrelang täglich Drogen genommen?

„ Ich hatte insbesondere früher nahezu kein Selbstbewusstsein, ich war ein sehr introvertierter Mensch. Mit Hilfe der Drogen, vor allem der Amphetamine war ich auf einmal selbstbewusst, mutig und offen. Die positiven Gefühle überrannten mich regelrecht. Ich war sehr euphorisch, glücklich und voller Tatendrang. Ich startete immer hochmotiviert in den Tag und fühlte mich wohl. Die Ausschüttung der Endorphine machte mich ganz einfach süchtig. Dass diese Glücksgefühle weniger wurden, war ein schleichender Prozess. Nach und nach musste ich immer mehr konsumieren, um den gewünschten Effekt zu erzielen.
Ein weiterer, für mich sehr wichtiger Effekt war die einfache Gewichtsabnahme, da das Hungergefühl durch die Drogen unterdrückt wurde. Ich stand schon in jungen Jahren immer sehr unter Druck, weil ich meinte immer dünner werden zu müssen.“

Hat die Einnahme von Suchtmitteln deinen schulischen und oder beruflichen Werdegang negativ beeinflusst?

„Ich habe Fachabitur und eine abgeschlossene Berufsausbildung im sozialen Bereich. Ich muss aber ganz klar dazu sagen, dass der mehrfache Konsum täglich erst nach Beendigung meiner Ausbildung stattgefunden hat. Natürlich hätte ich einen besseren Abschluss machen können, aber ich bin froh, dass ich trotz Drogen überhaupt durchgekommen bin und mir meine Zukunft nicht verbaut habe. Mittlerweile arbeite ich seit über 10 Jahren in meinem Beruf.“

Hast du dir damals Gedanken darüber gemacht, welche Auswirkungen dein regelmäßiger Drogenkonsum auf dich und deine Umwelt haben könnte?

„ Diese Gedanken kamen schon hin und wieder auf, aber mit Hilfe meines ständigen, benebelten Daseins konnte ich mich gut ablenken und solche Gedanken immer wieder schnell verbannen. Rückblickend konnte ich gar nicht klar denken. Durch die Drogen war ich betäubt und handelte verlangsamt. Alles erschien harmlos und problemlos. Mein Zustand war damals normal für mich. Ich dachte nicht, dass ich mir oder anderen Menschen auf Dauer damit schaden könnte.
Anfangs hatte ich Angst davor Auto zu fahren und von der Polizei erwischt zu werden. Aber ich muss gestehen, dass ich mir in dieser Zeit nie Gedanken darüber gemacht habe, dass ich andere Menschen durch meine veränderte Reaktionsfähigkeit und mangelnde Fahrtüchtigkeit in Gefahr hätte bringen können. Der Alltag schlich sich rasch ein. Das Autofahren unter Drogeneinfluss gehörte jeden Tag dazu. Dadurch, dass jahrelang nichts geschah, was mir Anlass dazu gab, mein Konsumverhalten zu ändern, ließ ich alles laufen. Ich dachte immer wieder darüber nach den Konsum zu beenden, aber ich konnte bis zu einem bestimmten Zeitpunkt keinen überzeugenden Grund für mich finden.“

Und was war nun der Auslöser, der dich letztlich dazu brachte dein Leben wieder neu zu ordnen und den Drogenkonsum zu beenden?
„ Eine allgemeine Verkehrskontrolle. Ich verweigerte den Drogentest, dann musste ich für die Blutentnahme mit zur Wache. An diesem Abend wurde ich schlagartig wach.
Im Nachhinein musste ich 500€ Geldstrafe zahlen, bekam meinen Führerschein entzogen und musste die Medizinisch- Psychologische Untersuchung( MPU) zum Gesamtpreis von insgesamt 1200 € ableisten. Zu dieser gehörten 6 Abstinenzchecks, sprich Urinscreenings zum Beleg der Drogenabstinenz, jeweils à 100 €. Darüber hinaus habe ich an einem medizinisch psychologischen Vorbereitungskurs mit 18 Doppelstunden Einzeltherapie (350 €) und an einer Selbsthilfegruppe teilgenommen.
All das kostete mich viel Geld, Zeit und Geduld. Vor allem die Einzeltherapie ging mir richtig an die Nieren. Ich musste alles genauestens erklären, meine Drogenvergangenheit bis ins kleinste Detail offen legen. Ich musste alles aufarbeiten, was sehr belastend, aber hilfreich war. Erst nach 2 Jahren (inklusive 9 Monate Fahrverbot, MPU- Vorbereitungskurs, MPU,etc.)konnte ich wieder Auto fahren.“

Wie ging es dir, nachdem du dich entschieden hattest, keine Drogen mehr zu nehmen?

„Ich stand ja zunächst einmal vor der Wahl: entweder weiterhin Drogen nehmen, weiter in diesem Sumpf leben und für einen langen Zeitraum nicht einmal mehr Auto fahren dürfen oder einen Neuanfang wagen, aufhören zu konsumieren und nach vorne schauen. Ich entschied mich für die zweite Variante.
Der Entzug war insofern erträglich, dass ich nicht an körperlichen Entzugserscheinungen leiden musste. Am Meisten belasteten mich die negative, depressive Verstimmung und der Suchtdruck. Mit der Zeit schwächte dies aber nach und nach immer mehr ab.
Es hat eine Weile gedauert, aber irgendwann konnte ich dem Ganzen viel Positives abgewinnen. Rückblickend war ich zeitweise nicht mehr zurechnungsfähig. Mein Konsum wurde immer extremer, mein Handeln immer leichtsinniger. Ich erkannte, dass ich süchtig war, aber es war mir gleichgültig. Schlussendlich war ich eine Gefahr für mich selbst und meine Mitmenschen, weil ich irgendwann nur noch im Dauerrausch lebte. Die Nacht wurde zum Tag und das Leben schien eine einzige Party zu sein. Zu meinen härtesten Zeiten war ich 5 Tage am Stück wach.
 Heute bin ich so froh diese kranke Art zu „leben“ hinter mir gelassen zu haben, wer weiß wo das geendet hätte, wenn ich damals nicht von der Polizei angehalten worden wäre. So will ich heute nicht mehr leben.“

Was denkst du über Menschen, die nur gelegentlich (weiche) Drogen nehmen?

Ich finde es schwierig da Ratschläge zu erteilen. Ich selbst habe auch nie darauf gehört, was andere mir geraten haben. Jeder Mensch muss seine eigenen Erfahrungen machen. Dennoch bin ich der Meinung, dass es klug ist keine Drogen zu nehmen. Drogen sind Drogen. Egal, ob „weich“ oder „hart“. Auch wenn es Menschen geben soll, die das Konsumverhalten einschränken können, ich weiß, dass man schneller in der Abwärtsspirale sein kann, als man es bemerkt.“

Was ist das schlimmste Erlebnis, das du unter Drogeneinfluss hattest?

„ Eines Abends habe ich einen Krampanfall bekommen. Ich wurde bewusstlos und bin umgekippt. Ich verlor die Kontrolle über meinen Körper. Mehrfach erfuhr ich am eigenen Leibe, was der Ausdruck „Horrortrip“ wirklich bedeutet. Halluzinationen, Panik und Herzrasen. Ich wollte einfach nur, dass es aufhört, aber die Zeit schien endlos zu sein. Ich war orientierungslos und wusste nicht mehr wie mir geschieht. Einfach nur Horror!“

Wie blickst du heute auf dein Leben zurück?
Einmal süchtig, immer süchtig, da ist auf jeden Fall was dran.
Ich würde lügen, wenn ich nicht zugeben würde hin und wieder daran zu denken wieder etwas einzunehmen. Ich denke, wenn man einmal süchtig war, ist man ein Leben lang Rückfall gefährdet. Man muss gut auf sich Acht geben und sich immer wieder vor Augen führen, was man möchte und was nicht. Das erfordert Disziplin und Stärke.
„Egal wie lustig und toll das Leben unter Drogen erscheinen mag, so rosig wird es nicht für immer bleiben. Ich hatte noch relativ Glück, denn bis auf gelegentliche Wortfindungsstörungen, habe ich bis dato keine bleibenden, gravierenden Schäden davongetragen, aber ich kenne auch ganz andere Fälle. Bekannte, die enorme gesundheitliche Probleme wie beispielsweise Psychosen, einen Magendurchbruch, einen Herzinfarkt oder Ähnliches hatten. Ein Bekannter ist sogar in Folge eines Verkehrsunfalls unter Drogeneinfluss  querschnittsgelähmt. Ich kenne auch Menschen, die schon kurz vor dem Tod standen. Der Dauerkonsum führt schnell zu Gesundheitsproblemen und früher oder später auch zu Gesetzeskonflikten. Die Psyche verändert sich völlig. Im einen Moment ist man super happy und im nächsten Augenblick sitzt man in der Ecke und heult. Man wird unberechenbar.
Ich bin sehr froh, dass diese Zeit meines Lebens vorbei ist. Durch meinen jahrelangen Konsum habe ich zu viel Zeit verloren. Ich hätte die Welt mit all ihren wunderschönen Facetten viel früher sehen können. Heute lebe ich meine Alternative, ich mache eine ambulante Therapie, treibe Sport, klettere und reise gerne. Vor allem im Reisen finde ich meinen persönlichen und positiven Kick. Ich bin glücklich neue Länder, neue Menschen und neue Sitten kennenlernen zu dürfen.“

Warum möchtest du dich nicht öffentlich zeigen?

„Meine Drogenvergangenheit ist nichts, worauf ich stolz bin. Ich habe die Sorge diskriminiert oder als asozial abgestempelt zu werden und vielen Vorurteilen und Beleidigungen begegnen zu müssen. Der Hauptgrund ist aber, dass ich mich berufsbedingt schützen möchte.
Auch wenn ich mich nicht voll und ganz zu meiner Thematik bekennen kann, möchte ich trotzdem meine Geschichte erzählen und Menschen, die in der gleichen Lage sind, in der ich war, Mut machen. Insbesondere sehr junge Menschen möchte ich warnen. Seid schlau und beginnt erst gar nicht damit Drogen auszuprobieren!
Drogenkonsumenten möchte ich folgendes mitteilen:
Wartet nicht darauf, dass euch etwas passiert, dass euch zwingt euer Leben zu ändern. Versucht euer Leben selbst in die Hand zu nehmen, es neu zu strukturieren und einen neuen Weg- ohne Drogen zu gehen. Scheut euch nicht professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Das ist keine Schande, im Gegenteil. Es zeigt, dass ihr etwas verändern möchtet.
Ich wünsche euch von Herzen nur das Beste, vor allem aber Stärke und Durchhaltevermögen.“

Die Beantwortung von Fragen wie „Warum nehme ich Drogen? Was möchte ich verdrängen? Wovon möchte ich mich ablenken? Wie möchte ich in Zukunft leben?“ könnte bei dem erstem Schritt in die richtige Richtung behilflich sein.

Der Süchtige, wird in der Sucht niemals finden, was er sucht. [Helga Schäferling]

Viel Erfolg und Kraft bei dem Start in ein drogenfreies Leben.

Hilfe findet ihr unter anderem bei:
Psychiatrie Marienkrankenhaus St. Wendel
Am Hirschberg
666606 St. Wendel- Oberlinxweiler
06851-592512
psychiatrie.wnd@marienhaus.de

 

Suchtberatungsstelle Knackpunkt St. Wendel
Alter Woog 1
66606 St. Wendel
06851-8908122
knackpunkt@stiftung-hospital.de


Psychosoziale Beratungsstelle/Suchtberatung
DOM Galerie Luisenstraße 2-14
66606 St. Wendel
06851-93560
Info@caritas-wnd.de

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