Kolumne von Marco Wirbel

Intoleranz dürfen wir nicht tolerieren

Symbolbild

In meiner letzten Kolumne habe ich geschrieben: Meinungsfreiheit muss alles aushalten.

Aber was passiert, wenn eine Meinung selbst die Freiheit anderer Menschen abschaffen will?

Dann beginnt das sogenannte Toleranzparadoxon.

Und ich glaube, an dieser Stelle müssen wir als Demokratinnen und Demokraten deutlich sein: Toleranz bedeutet nicht, alles hinzunehmen.

Ich muss nicht tolerant gegenüber einer Ideologie sein, die anderen Menschen ihre Rechte abspricht. Ich muss nicht neutral bleiben, wenn Menschen aufgrund ihrer Herkunft, Religion, Hautfarbe, sexuellen oder geschlechtlichen Identität oder anderer Merkmale aus unserer Gesellschaft ausgeschlossen werden sollen.

Und ich muss eine solche Haltung auch nicht einfach „aushalten“.

Ich darf mich ihr entgegenstellen.

Ich darf gegen sie argumentieren. Ich darf sie öffentlich kritisieren. Ich darf ihr widersprechen. Ich darf mich politisch organisieren, demonstrieren, aufklären und dafür sorgen, dass diese Position keinen politischen Einfluss bekommt.

Meinungsfreiheit bedeutet, dass ich eine Meinung aushalten muss. Sie bedeutet nicht, dass ich sie unwidersprochen hinnehmen muss.

Aushalten heißt nicht akzeptieren.

Ich darf eine solche Position bekämpfen.

Ich darf ihre Position bekämpfen. Ich darf ihr widersprechen und mich ihr entgegenstellen. Aber ich darf niemals anfangen, dem Menschen dahinter seine Würde abzusprechen.

Genau hier verläuft für mich der schmale Grat.

Wir dürfen Meinungen bekämpfen, ohne Menschen zu entwürdigen.

Wir dürfen Ideologien ablehnen, ohne ihre Anhänger zu entmenschlichen.

Wir dürfen klare Grenzen ziehen, ohne selbst die Menschenwürde zur Verhandlungsmasse zu machen.

Das klingt vielleicht theoretisch. In der Realität ist es verdammt schwierig.

Denn wenn uns eine Position wirklich empört, entsteht schnell der Wunsch, auch den Menschen dahinter abzuwerten. Aus „Diese Aussage ist menschenfeindlich“ wird „Dieser Mensch ist ein schlechter Mensch“. Aus Widerspruch wird Verachtung. Aus einer politischen Auseinandersetzung wird ein persönlicher Feldzug.

Und genau da verlieren wir etwas.

Denn wenn wir anfangen, Menschen aufgrund ihrer politischen Haltung ihre Würde abzusprechen, übernehmen wir einen Mechanismus, den wir eigentlich bekämpfen wollten.

Demokratie bedeutet nicht, dass wir alles tolerieren müssen.

Demokratie bedeutet, dass wir Grenzen ziehen dürfen – und diese Grenzen selbst demokratisch bleiben.

Das ist der schwierige Teil.

Ich kann einem Menschen sagen: Deine Forderung lehne ich entschieden ab. Ich werde mich ihr entgegenstellen. Ich werde alles dafür tun, dass sie sich politisch nicht durchsetzt.

Aber ich muss ihm trotzdem zugestehen, Mensch zu sein.

Nicht weil ich seine Position akzeptiere.

Nicht weil ich seine Haltung verstehe.

Und auch nicht, weil ich mit ihm einer Meinung sein muss.

Sondern weil Menschenwürde nicht davon abhängen darf, ob jemand die „richtige“ Meinung vertritt.

Vielleicht ist das eine der anspruchsvollsten Aufgaben einer Demokratie: den politischen Gegner entschieden zu bekämpfen, ohne ihn als Menschen zu bekämpfen.

Das bedeutet nicht, dass jede Person immer wieder in einen Dialog gezwungen werden muss. Es bedeutet auch nicht, dass wir jede Diskussion führen müssen. Und es bedeutet schon gar nicht, dass wir menschenfeindliche Ideologien verharmlosen sollen.

Es bedeutet lediglich: Unsere Antwort darf nicht selbst menschenfeindlich werden.

Wenn jemand Menschen aus unserer Gesellschaft ausschließen will, stelle ich mich ihm entgegen.

Wenn jemand Menschen aufgrund ihrer Herkunft weniger Rechte zugestehen will, stelle ich mich ihm entgegen.

Wenn jemand die Demokratie abschaffen will, stelle ich mich ihm entgegen.

Nicht weil ich seine Existenz ablehne.

Sondern weil ich seine Vorstellung von Gesellschaft ablehne.

Das ist ein entscheidender Unterschied.

Vielleicht ist genau das der schmale Grat, den wir als Demokratinnen und Demokraten jeden Tag neu gehen müssen.

Auf der einen Seite die naive Vorstellung, Toleranz bedeute, alles hinzunehmen.

Auf der anderen Seite die Versuchung, im Kampf gegen Intoleranz selbst intolerant gegenüber Menschen zu werden.

Beides halte ich für falsch.

Wir dürfen Intoleranz politisch und gesellschaftlich entschieden entgegentreten. Aber wir dürfen niemals intolerant gegenüber der Menschlichkeit werden.

Denn wenn wir anfangen, Menschen ihre Würde abzusprechen, nur weil wir ihre Meinung verachten, haben wir längst aufgehört, für die Werte einzustehen, die wir eigentlich verteidigen wollten.

Wir dürfen Meinungen bekämpfen.
Wir dürfen Positionen zurückweisen.
Wir dürfen Ideologien bekämpfen.
Aber Menschen dürfen wir niemals entmenschlichen.

Vielleicht zeigt sich die Stärke unserer Demokratie genau dort.

Nicht daran, wie gut wir mit Menschen umgehen, die genauso denken wie wir.

Sondern daran, wie wir mit denen umgehen, deren Meinung wir zutiefst ablehnen.

Das ist kein einfacher Weg.

Aber Demokratie war noch nie der einfache Weg.

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