Helden des Alltags – Ein Interview mit Sportlerin Johanna Recktenwald über ihr Leben mit der Sehschwäche

Johanna Recktenwald (Foto: Marc Drumm)

Marpingen. Wir haben mit Johanna Recktenwald über ihr Leben mit einer starken Sehbehinderung und den damit verbundenen Hürden gesprochen. Wie die junge Sportlerin ihr Leben trotzdem mit Bravur meistert, erfahrt ihr im folgenden Interview:

Wndn.de: Johanna, kannst du dich unseren Leserinnen und Lesern kurz vorstellen?

„Gerne. Ich bin Johanna Recktenwald, 18 Jahre alt, Schülerin, komme aus Marpingen und habe eine starke Sehbeeinträchtigung. 2020 werde ich trotz dieser an der Gemeinschaftsschule Marpingen mein Abitur machen. Danach möchte ich vermutlich etwas in Richtung Wirtschaft oder Soziales studieren, was genau ist noch unklar, da möchte ich mich noch nicht festlegen. Zudem habe ich eine große Leidenschaft für die Natur und den Sport, um genauer zu sein für den Biathlon und den Ski-Langlauf. Seit 2016 habe ich auch schon an einigen Meisterschaften erfolgreich teilgenommen. In meinem Verein Biathlon Team Saarland und am Olympiastützpunkt in Freiburg trainiere ich regelmäßig mit meinem Begleitläufer. Außerdem sind mir meine Familie und Freunde sehr wichtig, ich reise gerne und bin außerdem ein sehr ehrgeiziger, fröhlicher und humorvoller Mensch, der stets positiv denkt.“

Es ist schön, dass du trotz deiner starken Sehschwäche so positiv gestimmt bist. Was kannst du uns über deine Beeinträchtigung berichten?

„Meine Sehbehinderung wurde erst bei der Einschulung festgestellt und hat sich mit den Jahren kontinuierlich verschlechtert. In Zahlen ausgedrückt verfüge ich tages- und lichtabhängig etwa über drei Prozent Sehkraft. Ich kann mich daran erinnern, dass ich als kleines Kind mehr sah, aber wie es war mehr zu sehen, weiß ich heute nicht mehr genau. Nur bei bestimmten Sachen erinnere ich mich noch daran wie sie ausgesehen haben, wie etwa unser Haus, unser damaliges Auto usw. Dass meine Sehstärke immerzu abgenommen hat, war ein schleichender langsamer Prozess über Jahre. Natürlich würde ich gerne wieder klarer sehen, aber ich kann die Situation nicht ändern und versuche deshalb nicht so sehr darüber nachzudenken. Laut aktueller Aussagen der Ärzte kann sich meine Sehschwäche nicht verbessern und ob sie sich noch verschlechtern wird kann man ebenso wenig sagen.“

Schulaufgaben machen, mit Freunden ausgehen, sich in fremden Umgebungen zurechtfinden, usw. Wie gestaltet sich das alltägliche Leben mit der Sehschwäche für dich?

„Ich sehe alles sehr verschwommen und schemenhaft. Viele mir bekannte Menschen erkenne ich an der Statur und Stimme oder der Kleidung. Ich konzentriere mich verstärkt auf andere Sinne wie zum Beispiel den Geruchs- und Hörsinn. Wenn ich etwa an einer Bäckerei vorbeigehe, dann sehe ich sie nicht, rieche sie aber. Aktivitäten wie reisen kann ich, auch wenn ich nicht richtig sehen kann, trotzdem genießen. Ich kenne es ja nicht anders und das, was ich wahrnehme ist trotzdem schön, es sind einfach tolle Erlebnisse.
Die Schule kann ich mit Hilfe von technischen Hilfsmitteln besuchen. Ich arbeite ausschließlich mit einem Laptop, der über ein Sprachprogramm und eine Vergrößerungssoftware verfügt. Meine Integrationshelferin digitalisiert mir sämtliche Schulmaterialien. Bis auf diese Umstände ist mein Schulalltag kein anderer als der einer anderen Schülerin. Ich fahre auch mit auf Klassenfahrten und fühle mich gut integriert.
Wenn ich mich mit Freunden verabrede, dann laufe ich entweder zu Fuß, werde gefahren oder nehme den Bus. Dank meines Smartphones und der darauf installierten Vergrößerungssoftware und Vorlesefunktion finde ich mich in der Öffentlichkeit gut zurecht. Auch in Städten, in denen ich zuvor noch nicht war, komme ich dank meines Handys gut klar. Wenn ich den Weg mal nicht finden sollte, kann ich aber auch jemanden danach fragen, denn ich habe kein Problem damit, Leute anzusprechen. Bisher funktionierte es immer gut. Vielen Leuten fällt es gar nicht auf, dass ich diese Einschränkung habe. Ich bewege mich recht selbstsicher und habe das Glück ein gutes Gedächtnis zu haben und mir Wege präzise einprägen zu können.
Wenn ich mal in eine Diskothek gehe, dann nur mit Menschen, auf die ich mich verlassen kann, da es mir in dieser Situation nachts schwerer fallen würde, wieder nach Hause zu kommen.
Mit der Hilfe und Beratung meiner Freundinnen kann ich auch shoppen gehen, auch wenn ich diese dann stark zu Rate ziehen muss.
Was immer ein bisschen ungünstig ist, ist die Tatsache dass ich die meisten Menschen nicht erkenne. Ich sehe leider keine Gesichter und kann die Leute folglich auch nicht grüßen.
Alles in allem benötige ich für verschiedene Sachen einfach länger Zeit, aber das ist nun mal so. Ich versuche das Beste aus der Situation zu machen.“

Trotz deiner starken Seheinschränkungen bist du sportlich sehr aktiv. Wie kam es dazu?

„2016 wurde ich gefragt, ob ich im Inklusionsteam der Louis Braille Schule Lebach mitmachen möchte. Dadurch wurde mein Interesse an Biathlon und Ski-Langlauf geweckt. Ich kam damals in die Biathlon Auswahlmannschaft für Menschen mit Beeinträchtigungen und habe schon nach kurzer Zeit beim Bundesfinale von „Jugend trainiert für Olympia& Paralympics“ mitgemacht und mit unserem Team auch den dritten Platz geholt.
Daraufhin besuchte ich verschiedene Nachwuchslehrgänge vom deutschen Behindertensportverband, die speziell auf Biathlon zugeschnitten waren. Anschließend schloss ich mich dem Verein „Biathlon-Team Saarland e.V.“ an.
2017 wurde ich dreifache deutsche Meisterin im Biathlon und Skilanglauf und habe in diesem Jahr ebenfalls mit unserem Team und auch 2018 bei „Jugend trainiert für Olympia und Paralympics“ den zweiten Platz im Ski-Langlauf gewonnen.
Darüber hinaus hatte ich 2018 mein Weltcupdebüt und bin das erste Mal international gestartet. Seit Januar 2018 bin ich auch in der Nationalmannschaft vom „Parateam Ski Nordisch“. Im Dezember 2018 habe ich am Para- Worldcup in Finnland, Vuokatti, vier Mal Bronze, drei Mal im Biathlon und einmal im Langlauf gewonnen.
Bei der nordischen Ski-WM für Menschen mit Behinderung im kanadischen Prince George habe ich dann im Februar 2019 als drittbeste Parabiathletin die Bronzemedaille erhalten. Im Mai 2019 habe ich eine Alpenüberquerung mit Tandem in meinem Seminarfach Sport absolviert. Dabei waren wir eine Woche von Reit im Winkl bis nach Italien unterwegs. Nun bin ich auch im Paralympics Kader, einem Team aus Sportlerinnen und Sportlern, die für die Paralympics in Frage kommen.“

Da hast du ja schon ganz schön was geleistet. Wie ist es für dich so ruckartig im Fokus der Öffentlichkeit zu stehen?

„Ich habe da noch gar nicht so drüber nachgedacht. Diese Entwicklung war ein großer Zufall, der mein Leben nachhaltig verändert hat. Es macht mir einfach großen Spaß, diesen Sport zu machen. Man kann sich auspowern, kommt viel rum, lernt viele andere Sportbegeisterte kennen. Zudem trainiert man seine Disziplin und entwickelt immer mehr Ehrgeiz.
Ich freue mich über all das Interesse an meiner Person, aber ich kann das Ganze noch nicht so wirklich realisieren. Klar habe ich einen starken Willen, der mir all das ermöglicht, aber die Unterstützung meines Umfeldes trägt zu meinem Erfolg maßgeblich bei. Meine Trainer und mein Guide nehmen sich auch viel Zeit für mich und meine Familie fährt mich sehr oft zu meinen Trainingsterminen, dafür bin ich sehr dankbar.“

Johanna, was sind deine Lebensziele?

„Sportlich gesehen, würde ich gerne mal an den Paralympischen Spielen teilnehmen. Ansonsten möchte ich einfach glücklich sein, Spaß haben, das Leben mit meinem wichtigsten Umfeld genießen und später einmal eine eigene Familie haben.“

Wirst du aufgrund deiner Einschränkung häufig anders behandelt?

„Manche Menschen tun sich im Umgang mit beeinträchtigten Menschen schwer. Man sollte als Außenstehender keine Berührungsängste haben. Ich möchte keine Spezialbehandlung bekommen. Ich bin nicht anders, auch wenn ich eine Einschränkung habe. Durch den Sport habe ich mit so vielen eingeschränkten Menschen zu tun und da kann ich aus meiner Erfahrung sagen, dass viele Gleichgesinnte genau so denken. Ganz egal ob man ein oder zwei Beine hat, gut sieht oder nicht, wir sind alle ganz normale Menschen und so möchten wir auch behandelt werden.“

Wie würdest du jemandem, der die gleiche Sehschwäche wie du hat, Mut machen?

„Es ist sehr wichtig, sich etwas zu suchen, das Spaß macht. Ablenkung und den Kopf frei bekommen sind das A und O. Ich bin nur durch meine Beeinträchtigung zum Sport gekommen, das ist ein sehr positiver Aspekt und darüber bin ich glücklich. Man kann aus allem das Beste machen und versuchen seine Schwäche in eine Stärke umzuwandeln. Die Situation frustriert mich nicht, denn ich bin ein ganz normales Mädchen. Ich akzeptiere es wie es ist und nehme es an. Ich sehe meine Einschränkung als Chance und nicht als Barriere.“

Hut ab Johanna! Es ist bemerkenswert wie du mit deiner Situation umgehst. Möchtest du noch etwas Abschließendes sagen?

Dankeschön. An dieser Stelle möchte ich mich bei meinem gesamten Umfeld für jegliche Unterstützung von Herzen bedanken. Gerade nach der Weltmeisterschaft dieses Jahres durfte ich so viele nette Sachen ganz gleich welcher Art erfahren, beispielsweise von meiner Familie, meinen Freunden, meinem Trainer, meinem Guide und allen anderen, die mich im Training begleiten, unterstützen und sich für meinen Sport begeistern. Es ist schön, dass das allgemeine Interesse am Behindertensport wächst. Ich kann dadurch zeigen, dass ich auch als kleine Saarländerin trotz Behinderung im Sport etwas erreichen kann und das fühlt sich toll an.“

„Positives Denken und der Glaube an sich selbst sind der Weg zum Erfolg.“[Josef Dlask]

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