„Auch Männer dürfen Schwächen haben!“- Ein Interview mit Bernhard S.

Der Ingenieur Berhard S., aus dem Landkreis St. Wendel, spricht offen und selbstbewusst über seine Panikstörung.

Bernhard, was kannst du uns über dich erzählen?
Mein Name ist Bernhard und ich wohne schon einige Jahrzehnte im schönen St. Wendeler Landkreis. Ich bin 56 Jahre jung und von Beruf Igenieur im Bereich Mechatronik. Ich habe eine erwachsene Tochter und bin ledig. Mein Wesen zeichnet sich vor allem durch Zielstrebigkeit und Zuverlässigkeit, aber auch durch Empathie und Verständnis, aus. Ich habe mich bereit erklärt dieses Interview zu führen, weil ich der Meinung bin, dass mehr Männer zu ihren psychischen Erkrankungen stehen sollten, denn das ist keine Schande. Dafür muss sich Man(n) nicht schämen.“

Wie ist es dazu gekommen, dass du eine Panikstörung entwickelt hast?
„ 1986 hatte ich eines Abends, zu Hause, von jetzt auf gleich, enormen Schwindel. Zudem auch Kreislaufbeschwerden und Herzrasen. Ich schwitzte enorm und hatte ein Beklemmungsgefühl in der Brust. Ich hatte Angst, Angst zu sterben. Ich konnte diese Beschwerden nicht einordnen. Es gab keinen nachvollziehbaren Auslöser. Ich saß mit meiner damaligen Frau im Esszimmer und wir aßen. Ich öffnete das Fenster, versuchte mich zu beruhigen und frische Luft zu schnappen. Relativ zügig normalisierte sich die Situation, meine Beschwerden verschwanden und alles war wieder in Ordnung.
Circa einen Monat später, war ich alleine zu Hause und auf einmal bekam ich wieder einen solchen Schwindelanfall. Danach suchte ich meinen Hausarzt auf und erläuterte die beiden vergangenen Situationen. Ich wurde komplett durchgecheckt, aber es wurden keine körperlichen Anomalien gefunden.4 Wochen später besuchte ich meine Eltern, schon wieder wurde mir schlagartig schwindelig. Ich schwitzte und bekam nicht richtig Luft. Wir dachten ich sei körperlich krank. Ich hatte wirklich Todesangst und das Gefühl die Kontrolle über meinen Körper zu verlieren. Meine Mutter rief den Krankenwagen und ich wurde umgehend ins Krankenhaus gebracht. Erneut wurde ich körperlich ausführlich untersucht, dennoch kamen die Ärzte zu keinem Ergebnis, was einerseits erfreulich war, da mir ja körperlich scheinbar nichts fehlte, aber andererseits machte ich mir immer Sorgen, weil ich nicht wusste, wo meine Beschwerden her kamen. Ich war ratlos.
Eine junge Ärztin nahm sich damals Zeit für mich und wir gingen der Sache gemeinsam auf den Grund. Fakt war, dass kein körperlicher Befund vorlag, woher kamen also diese körperlichen, heftigen Beschwerden? Wir schauten uns mein Leben genauer an und kamen, nach einiger Zeit, auf die Probleme in meinem Privatleben zu sprechen. Erstaunlicherweise konnte ich mich dieser Ärztin gut öffnen. Ich erzählte ihr davon, dass meine alkoholabhängige Frau übermäßig viel Geld ausgab und mich betrog. Stück für Stück wurde mir klarer, dass ich psychosomatische Beschwerden hatte. Ich wollte das anfangs nicht so richtig wahrhaben, denn ich war, wie Männer so sind, der Meinung, dass man nur stark genug sein muss, um alles in den Griff zu bekommen. Da meine Schwindelattacken inklusive der üblichen, heftigen Symptome, nicht nachließen, entschloss ich mich dem Vorschlag der Ärztin zu folgen und mich in stationäre Behandlung, in der heutigen Median Klinik Münchwies, zu begeben. Der sechsmonatige Klinikaufenthalt sorgte für enorme Fortschritte.

Wie kam es zur Diagnosestellung? Wie sahen diese Fortschritte aus, die du gerade angesprochen hast?
„In der damaligen Zeit waren die Menschen noch nicht so aufgeklärt wie heute. In der Klinik wurde mir bewusst gemacht, dass Seele und Körper verbunden sind. Der Körper reagiert, wenn es der Psyche schlecht geht. Früher oder später, stärker oder schwächer. Das ist ganz normal und menschlich. Auch bei mir drückte sich der psychische Stress in Form von körperlichen Beschwerden aus. Nach kurzer Zeit stand die Diagnose fest: Panikstörung(ICD 10: F41.0). Endlich wusste ich was es mit diesen wiederkehrenden starken Attacken auf sich hatte. Auch, wenn diese nie in einer spezifischen Situation auftraten und deshalb auch nicht vorhersehbar waren, war ich dennoch beruhigt, dass ich nun wusste, woher meine Beschwerden kamen.
Anfangs musste ich die Gruppentherapie verlassen, das war mir alles zu viel, es war nicht meine Welt. Ich wollte nicht vor wildfremden Menschen meine persönlichen Probleme darlegen. Nach und nach fasste ich aber mehr Vertrauen und merkte wieviel der Austausch mit Gleichgesinnten bringen konnte. In den ersten 3 Monaten in der Klinik hatte ich locker über 15 Panikattacken, völlig unerwartet und ohne ersichtlichen Grund. Durch die Einzel-, Gruppen-, Sport- und Ergotherapie fühlte ich mich immer besser. Nach 6 Monaten war ich beschwerdefrei.“

Was war letztlich der Grund für deine Panikstörung?
„ Die Ursachen dafür gehen zurück bis in meine Kindheit. Ich hatte bis zu dem Klinikaufenthalt noch nie mit jemandem darüber gesprochen. Mein Vater war hochcholerisch, ein Schläger. Als jüngstes von 6 Kindern war es einfach schlimm mit anzusehen und anzuhören, wie er seinen Frust an der ganzen Familie ausließ und das Tag für Tag. Der Stress, der Druck, die Schreie, wenn ich die Augen schließe, dann fühlt es sich an, als sei es gestern gewesen. Bis heute versuche ich mich Streit und Gewalt, so gut es geht, zu entziehen. Ich bin ein lebensfroher, harmoniebedürftiger Mensch, der in Frieden leben möchte. Dieser seelische und körperliche Missbrauch hat mich gezeichnet, aber er ist vergangen.
Mit 15 Jahren lernte ich meine erste Frau kennen, Jahre lang ertrug ich ihr Fehlverhalten in Form von Alkoholeskapaden, Fremdgehen und vielen weiteren Unarten. Es gab einfach keine Ruhe, keine Geborgenheit in meinem Leben. Später kamen weitere unschöne Schicksalsschläge, wie der Verlust meines Sohnes und die Erkrankung meiner Mutter, die ich pflegte dazu. Diese Umstände hinterließen einige Narben.“

Wie verlief das Ganze nach der Rehabilitationsmaßnahme? Warst du danach beschwerdefrei?
„Noch während Therapie hatte ich den Mut mich von meiner ersten Frau zu trennen. Das war ein schwerer, aber wichtiger Schritt für mich und mein weiteres Leben. Nach der Reha war ich 3 Jahre lang beschwerdefrei. Nach zwei Jahren traf ich meine künftige, zweite Frau. Ein Jahr später schlichen sich langsam wieder gleichen, typischen Symptome ein.
2 Jahre lang brach die Panik in regelmäßigen Abständen wieder aus. Durch meine Therapieerfahrung wusste ich aber damit umzugehen. Ich war nicht mehr ganz hilflos und konnte die erlernten Beruhigungsmechanismen anwenden. Ich versuchte immer wieder meinen Verstand in den Vordergrund zu rücken und rational zu denken. Ich habe mir immer wieder vor Augen geführt, dass meine Beschwerden psychosomatischer Natur sind. Ich habe bewusst geatmet, versucht mich gedanklich zu festigen und mich gefragt, warum meine Seele gerade wieder unzufrieden ist.
Obwohl ich stetig versuchte alles in den Griff zu bekommen, hatte ich immer wieder das Gefühl ausgeliefert zu sein. 4 Monate war ich in stationärer Behandlung in der psychosomatischen Abteilung der SHG Klinik Sonnenberg in Saarbrücken. Die Therapie wurde aufgefrischt und ich verließ die Klinik wieder beschwerdefrei. Die kommenden 4 Jahre hatte ich keinerlei Panikattacken.

Wie ging es anschließend weiter?
„ Heute kann ich nur den Kopf schütteln, wenn daran denke, welche Frauen ich mir früher ausgesucht habe. Meine zweite Frau war noch aggressiver, als meine erste Frau. Sie hatte sich einfach nicht im Griff, das stellte sich aber erst nach längerer Zeit raus. Als unsere gemeinsame, junge Tochter auch darunter leiden musste, war es ganz rum. Die Trennung 2001 war die totale Befreiung. Es war eine absolute Druckentlastung für mich und mein Kind. Danach hatte ich hin und wieder diese Panikanfälle; aber es war erträglich. Im Jahre 2006 ging es mir, psychosomatisch gesehen so schlecht, dass keine Regulierung meinerseits mehr möglich war.
Nachdem ich mich Jahrzehnte dagegen sträubte Tabletten einzunehmen, sah ich nun keinen anderen Ausweg mehr. Von da an erhielt ich angstlösende, nicht abhängig machende Medikamente.
Das war der Beginn eines neuen Lebens. Plötzlich hatte ich wieder Lebensqualität, keine Angst, keine Panik mehr. Es war einfach schön, wie ein ganz normaler Mensch leben zu können und am Leben wieder richtig teilnehmen zu können.
All die Jahre bin ich jeglichen beklemmenden Situationen ausgewichen. Ganz gleich ob es die Fahrt im Aufzug, mit Bus, Bahn oder dem Auto war, all das versuchte ich ewig, so gut es ging zu vermeiden.
Seit 12 Jahren kann ich wieder alles machen. Mittlerweile bin ich sogar mehrfach geflogen. Es geht mir gut, ich habe wieder ein tolles Leben.“

Was rätst du Männern, die sich in ähnlicher Lage befinden?
„ Ganz eindeutig: den Mut zu Ihrer Krankheit zu stehen und sich Hilfe zu suchen. Falscher Stolz ist überflüssig. Auch ein Mann ist nur ein Mensch, mit Stärken, wie mit Schwächen.“

Was ist dein Lebensmotto?
„Immer nach vorne schauen und die schönen Dinge des Lebens genießen.“

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