In einer ausführlichen Stellungnahme hat sich Bischof Dr. Stephan Ackermann zur Aufarbeitung sexualisierter Gewalt im Bistum Trier geäußert. Anlass war die Veröffentlichung eines neuen Zwischenberichts zur historischen Studie über den Umgang mit sexuellem Missbrauch, die die Jahre 2002 bis 2021 abdeckt – also sowohl die Amtszeit seines Vorgängers Bischof Reinhard Marx als auch seine eigene bis 2021.
Auch im St. Wendeler Land gab es Missbrauchsfälle.
Die Studie, erstellt von Prof. Dr. Lutz Raphael und Dr. Lena Haase, umfasst 139 Seiten. Sie analysiert detailliert den institutionellen Umgang mit Missbrauchsfällen an Kindern, Jugendlichen und erwachsenen Schutzbefohlenen im Raum des Bistums Trier. Sie benennt sowohl Fortschritte in der Aufarbeitung als auch zahlreiche Versäumnisse, insbesondere mit Blick auf eine konsequente Betroffenenorientierung.
Ackermann zeigte sich tief betroffen: „Die Schilderungen dieses Berichts zu lesen, schmerzt mich“, erklärte der Bischof. In seiner Amtszeit seien mindestens 24 Menschen Opfer sexualisierter Gewalt geworden. „Ich kann nur um Verzeihung bitten für das, was ich oder meine Mitarbeitenden durch unser Handeln oder Nichthandeln an neuen Verletzungen zugefügt haben“, sagte er. Er rief Betroffene, die sich bislang nicht gemeldet haben, dazu auf, sich dem Bistum anzuvertrauen.
Die Studie zeigt, dass der Umgang mit Fällen sexualisierter Gewalt im Laufe der Jahre verschiedene Phasen durchlief. Die Jahre 2010 bis 2013 beschreibt sie als „turbulente Anfänge“ – eine Zeit, in der das Bistum angesichts zahlreicher Meldungen oft nicht mit der notwendigen Achtsamkeit agierte. Es folgte eine Phase von 2014 bis 2018, in der neue Regelwerke und Verfahren etabliert wurden. Diese seien jedoch zunehmend technisch-juristisch ausgerichtet gewesen – mit einer spürbaren Entfernung von den Bedürfnissen der Betroffenen. Seit 2019 habe es dann Kurskorrekturen gegeben, unter anderem mit einem Leitfaden zur individuellen Aufarbeitung, der nun traumasensible Seelsorge und therapeutische Hilfe vorsieht.
Ackermann hob hervor, dass alle angeforderten Akten zur Verfügung gestellt wurden. Der Bericht zeige aber auch, wie wichtig persönliche Gespräche mit Betroffenen und Zeitzeugen für eine vollständige Aufarbeitung seien. Er betonte, dass weder er noch seine Mitarbeitenden aus bösem Willen oder vorsätzlich gehandelt hätten. Gleichwohl erkenne er Defizite im eigenen Vorgehen an.
Ein weiterer Aspekt betrifft Ackermanns Rolle als Missbrauchsbeauftragter der Deutschen Bischofskonferenz zwischen 2010 und 2021. Er betonte, dass sich diese Funktion nicht von seiner Aufgabe als Ortsbischof trennen lasse. Die überdiözesane Verantwortung habe ihm zwar geholfen, sensibler für das Thema zu werden – zugleich habe sie ihm auch enge Grenzen gesetzt. So sei etwa versucht worden, die auf Bundesebene vereinbarten Regeln konsequent im eigenen Bistum umzusetzen. Dies habe mitunter den Eindruck erzeugt, das Bistum agiere zögerlich oder unentschlossen.
Ackermann wies auf strukturelle Herausforderungen hin: Etwa darauf, dass kirchliche Voruntersuchungen bei laufenden staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen ausgesetzt werden, dass neue Hinweise während laufender Verfahren auftauchen können, und dass der kirchliche Datenschutz durch die DSGVO und das kirchliche Datenschutzgesetz die Aufklärung zusätzlich erschwert.
Mit Blick auf die Zukunft kündigte Ackermann an, dass das Bistum seine personelle Ausstattung in den Bereichen Prävention, Intervention und Aufarbeitung überprüfen werde. Er räumte ein, dass trotz aller Bemühungen auch künftig eine Diskrepanz bestehen werde zwischen dem, was Betroffene sich erhoffen, und dem, was tatsächlich geleistet werden könne.
Zudem sei die intensive Auseinandersetzung mit sexualisierter Gewalt auch ein Impuls gewesen, sich grundsätzlicher mit Machtstrukturen in der Kirche auseinanderzusetzen. Bereits jetzt liefen Überlegungen für eine angemessene Erinnerungskultur. Die Unabhängige Aufarbeitungskommission im Bistum Trier wird ihre Arbeit voraussichtlich 2026/27 abschließen. Dann solle das Gesamtergebnis umfassend bewertet werden.
„Meine und unsere Arbeit an diesem Thema ist nicht beendet“, erklärte Ackermann. Er kündigte an, auch weiterhin jährlich öffentlich Rechenschaft über die Fortschritte im Bistum zu geben. Ziel bleibe es, Missbrauch in seinen verschiedenen Erscheinungsformen entschieden zu bekämpfen.



