Beim diesjährigen Johannes-Kühn-Tag am 3. Oktober in Hasborn stand unter anderem der Künstler Heinrich Popp im Mittelpunkt. Im Gespräch mit dem Journalisten Klaus Brill schilderte er vor rund 50 Zuhörern im Vereinsraum, wie aus einer Skizze in seinem Notizbuch das 30 Tonnen schwere „Wortsegel“ auf dem Schaumberg bei Sotzweiler entstand – jene Stahlskulptur, die längst zur Landmarke geworden ist.
Popp und der am 3. Oktober 2023 verstorbene Dichter Johannes Kühn verband eine langjährige Künstlerfreundschaft. Der Zeichner porträtierte den Lyriker immer wieder mit spitzem Stift und Wasserfarben, unter anderem bei gemeinsamen Besuchen im Gasthaus Huth in Hasborn. Zum 70. Geburtstag Kühns im Jahr 2004 schenkte Popp ihm ein Skizzenbuch zu diesem Thema. Einige der darin festgehaltenen Momente fanden später Eingang in den Gedichtband „Besitzlos, den Schmetterling feiernd“. Beide Künstler teilten die Herkunft aus einem Dorf am Schaumberg und die Prägung durch das ländlich-katholische Milieu der Nachkriegszeit.
Heinrich Popp wuchs als ältestes von sechs Kindern eines Gießerei-Arbeiters in Sotzweiler auf und hat nach eigener Aussage schon als Kind „kaum etwas lieber gemacht als gezeichnet und gemalt“ – am liebsten Phantasiegebilde wie Segelschiffe. Ein Onkel aus Saarbrücken riet ihm, sich an der Staatlichen Werkkunstschule zu bewerben, wo er von den Professoren Robert Sessler und Oskar Holweck angenommen wurde. Als Graphik-Designer arbeitete er später bei Werbeagenturen und großen Unternehmen wie Messerschmitt-Bölkow-Blohm, bevor er 1989 als Professor für Graphik-Design, später für Visuelle Kommunikation, an die Hochschule der Bildenden Künste Saar berufen wurde.
Dort lehrte er 30 Jahre lang und legte besonderen Wert darauf, den Studierenden das Zeichnen als Grundlage nahezubringen. „Man lernt, wie ein Mensch aussieht, wie er sich bewegt. Wir haben, das war auch eine Erfindung von mir, Menschen gezeichnet, die sich bewegt haben. Haben im Zoo Tiere gezeichnet, die sich bewegt haben“, so Popp. Mit seinen Studierenden besuchte er auch saarländische Hüttenwerke: „Wir sind sogar mal unter Tage gewesen, im Warndt, und haben gezeichnet – im Dunklen.“ Bei einer solchen Exkursion entstand der Kontakt zu Dr. Karl-Heinz Blessing, damals Vorstandsmitglied und später Chef der Saarstahl AG.
In der Dillinger Hütte war Popp fasziniert von den Möglichkeiten des Walzwerks, das Stahlbleche von vier bis fünf Metern Länge und 50 bis 60 Millimetern Dicke biegen konnte. „Und da habe ich natürlich angefangen, Skizzen zu machen“, berichtete er. Blessing sicherte ihm zu: „Wenn Sie einen guten Entwurf machen, wo wir auch zeigen können, was bei uns alles möglich ist, übernehmen wir alle Kosten der Herstellung.“
Zahlreiche Unterstützer machten das Projekt möglich. Die Pfarrgemeinde Sotzweiler stellte den Standplatz auf dem Spitzhübel unentgeltlich zur Verfügung. Der Germanist Benno Rech, Freund und Mentor von Johannes Kühn, wandte sich an seinen früheren Schüler, den damaligen Ministerpräsidenten Peter Müller, woraufhin die Landesregierung die Transportkosten übernahm. Die Hasborner Baufirma Backes lieferte kostenlos 60 bis 70 Lkw-Ladungen Bauschutt, um eine Grube am Standort zu verfüllen, und goss anschließend das Stahlbetonfundament. Am 12. Mai 2005 wurden schließlich zwei elegant gebogene Dreiecke aus Corten-Stahl mit drei Spezialkränen aufgerichtet und auf einer Fläche von nur fünf mal fünf Zentimetern zusammengeschweißt.
Auf die Frage nach der Standortwahl antwortete Popp: „Ei erst einmal, weil ich von Sotzweiler bin. Und zweitens, weil das der einzige Punkt war, wo man es von weitem sehen kann.“ Etwa von der Autobahn Saarbrücken-Trier aus. „Ich wollte die Leichtigkeit von Stahl zeigen, obwohl er besonders schwer ist.“ Den Titel „Wortsegel“ verstanden viele auch als Verneigung vor Johannes Kühn. Über den Dichter sagte Popp: „Mit dem Schang konnte man keinen Krach kriegen, er hat sich aus jedem Streit herausgehalten.“
Ein weiterer Programmpunkt war die Vorstellung der Neuausgabe von Kühns Erstlingswerk „Vieles will Klang, immer wieder“ aus dem Jahr 1957. Der aus Zweibrücken stammende Verleger Dr. Thomas Seng hatte das schmale Bändchen wiederentdeckt und mit einem neuen Einband sowie fünf blau-grau-gelb gehaltenen Zeichnungen des Nürnberger Malers und Grafikers Michael Gramer versehen. Als Lektoren und Herausgeber wirkten die Berliner Schriftstellerin Katrin Askan und der Verleger Armin Sinnwell mit. In einem „Lyrischen Quartett“ berichteten alle vier von den Herausforderungen des Projekts. „Es ist ein Jugendwerk“, resümierte Thomas Seng, „man erkennt darin aber die Stimme, die sich später herausbildete.“
Den Abschluss bildete eine musikalisch-literarische Soirée, für die Armin Sinnwell – stellvertretender Vorsitzender der Johannes-Kühn-Gesellschaft – überwiegend Gedichte aus Kühns letzten Schaffensjahren ausgewählt hatte. „Wir folgen heute dem Spaziergänger Johannes Kühn“, formulierte Sinnwell das Leitmotiv des Abends. „Wir folgen ihm auf seinen Gängen. Er hat Entlegenes gesucht und Verborgenes gefunden.“ Das Saarbrücker Duo Recobrado – die Violinistin Solveigh Röttig und der Gitarrist Peter Knerner – untermalte die Gedichte mit Kammermusik, darunter die Folge „Verschiedene Arten, im Wald spazieren zu gehen“ des Rostocker Gitarristen und Komponisten Frank Hill sowie Werke des französischen Gitarristen Patrick Bournet und des Norwegers Edvard Grieg. Neben Sinnwell trugen die langjährige Kühn-Begleiterin Irmgard Rech und ihr Sohn Dr. Martin Rech die überwiegend noch unveröffentlichten Gedichte vor.
Der Vorsitzende der Johannes-Kühn-Gesellschaft, Dr. Martin Rech, zeigte sich zufrieden: „Wir haben an diesem Johannes-Kühn-Tag durch interessante Gespräche, Lesungen und musikalische Darbietungen unseren Dichter, aber auch den mit ihm verbundenen Künstler Prof. Heinrich Popp von neuen Seiten kennengelernt.“ Er verwies auf den nächsten Johannes-Kühn-Tag am 3. Oktober 2027.




