Ein neues Kraftwerk für Ensdorf? Kurzfristiger Jobmotor, aber langfristige Kostenfalle der Energiewende

Symbolbild

Die Nachricht vom geplanten ENGIE-Kraftwerk auf dem Gelände des alten Kohlemeilers in Ensdorf klingt zunächst wie Balsam für die saarländische Seele: Bauaufträge für die regionale Wirtschaft und ein dringend benötigtes Signal des Aufbruchs für eine von der „grünen Transformation“ so geschundene Region. Doch der Blick von den lokalen Kulissen weg zu den bundespolitischen Rahmenbedingungen offenbart ein ernüchterndes Bild. Langfristig markiert das Projekt keinen industriellen Aufschwung, sondern einen weiteren Schritt auf dem extrem teuren Weg der deutschen Energiewende, der Deutschland weiter in die Deindustrialisierung treiben wird. Warum Neubauprojekte wie Ensdorf den Strompreis für Industrie und Verbraucher auf Jahre hinaus weiter in die Höhe treiben werden, wird in diesem Artikel näher erklärt.

  1. Aufbruch in Ensdorf: Wer plant was?

Nachdem im Sommer 2024 die Kühltürme des alten Kohlekraftwerks gesprengt wurden, soll nun neues industrielles Leben auf das Gelände an der Saar einziehen. Der französische Energiekonzern ENGIE hat sich ein Grundstück der Gesellschaft für Wirtschaftsförderung Saar gesichert und plant dort den Bau eines neuen Gaskraftwerks. Der Standort ist strategisch gut gewählt: Die hochleistungsfähige Netzinfrastruktur des alten Kohlemeilers ist noch vorhanden, was dem Konzern massive Anschlusskosten erspart.

Doch wer nun glaubt, ENGIE würde hier aus reinem Vertrauen in den freien Strommarkt Hunderte Millionen Euro investieren, irrt. Das Kraftwerk ist exakt auf die Vorgaben der Berliner Politik zugeschnitten: Es soll „H2-ready“ sein, also künftig mit Wasserstoff laufen können,  und bedient sich aus den Fördertöpfen des im Juli 2026 verabschiedeten Strom-Versorgungssicherheits- und Kapazitätengesetzes (Strom-VKG). Die Bedingung des Konzerns ist glasklar: Gebaut wird nur, wenn der Staat im Voraus die Rendite garantiert.

Gerade erst, am 8. September, ist die Frist für die erste Auktionsrunde bei der Bundesnetzagentur abgelaufen. Da die lukrativen Förderbedingungen das Interesse der Branche massiv geweckt haben, gilt diese Runde jedoch als stark überzeichnet. Zudem herrscht bei solchen Verfahren höchste Geheimhaltung: Weder die Behörde noch die Konzerne veröffentlichen, wer tatsächlich ein Gebot eingereicht hat. Hat ENGIE alle Genehmigungshürden rechtzeitig genommen und mitgeboten? Gewissheit gibt es voraussichtlich am 3. November, wenn die Bonner Behörde die offiziellen Zuschläge verkündet. Geht Ensdorf in dieser ersten Runde leer aus oder hat der Konzern aus taktischen Gründen abgewartet, bleibt noch die zweite Auktionswelle am 29. Dezember. Eines ist jedenfalls sicher: Nur wenn der Name auf der Gewinnerliste steht, werden die Bagger an der Saar anrollen.

  1. Die Funktion des Kraftwerks: Eine teure Feuerwehr

Um zu verstehen, warum dieses Kraftwerk gebaut werden soll, bedarf es eines Blicks auf die physikalische Logik der Energiewende. Wer wie Deutschland die Stromversorgung vorwiegend auf wetterabhängige Energiequellen umstellt, muss parallel eine redundante Kraftwerksstruktur vorhalten. Wenn der Wind ruht und die Sonne nicht scheint, drohen kritische Netzinstabilitäten bis hin zum Brownout. Das Kraftwerk in Ensdorf ist Teil einer solchen kraftwerksbasierten „Feuerwehr“, die nur dann einspringt, wenn das Wetter nicht mitspielt.

Genau hier greift das neue Strom-VKG: Bisher wurden Kraftwerke nur für den Strom bezahlt, den sie produzierten. Künftig gibt es einen sogenannten Kapazitätsmarkt. Dieser bedeutet: Betreiber wie ENGIE werden allein für das Bereithalten von Leistung bezahlt – noch bevor eine einzige Kilowattstunde in das Netz geflossen ist.

Konkret sieht das Gesetz vor, in einer ersten Welle (September und Dezember 2026) insgesamt 11 Gigawatt (GW) auszuschreiben:

  • Das 9-GW-Segment: Reserviert für Anlagen, die eine strenge Randbedingung erfüllen – sie müssen in der Lage sein, mindestens zehn Stunden am Stück verlässlich Leistung zu erbringen. Zudem müssen sie „H2-ready“ sein, also künftig auf Wasserstoff umrüstbar sein.
  • Das 2-GW-Segment: Ein flexiblerer Topf ohne diese strengen Verfügbarkeitsauflagen.

Die brisanteste Zahl fand sich jedoch erst im finalen Gesetzentwurf: Um überhaupt Investoren anzulocken, sah sich das Ministerium gezwungen, die geplante maximale Kapazitätsvergütung von ohnehin schon üppigen 173.000 Euro auf 244.000 Euro pro Megawatt (MW) und Jahr anzuheben. Rechnet man mit typischen Anlagekosten von 650.000 Euro pro MW, bedeutet der neue Höchstbetrag von 244.000 Euro, dass Investoren ihre Anlagekosten bereits nach drei bis vier Jahren vollständig eingespielt haben könnten.

Anfang September 2026 hat die EU-Kommission diese Pläne aus Brüssel beihilferechtlich durchgewunken und das offizielle Preisschild präsentiert: Allein diese erste Ausbauwelle wird den Stromkunden über die kommenden 15 Jahre bis zu 35 Milliarden Euro kosten.

Das ist jedoch erst der Anfang einer beispiellosen Kostenspirale.

Die aktuell verabschiedeten 11 GW sind nämlich lediglich ein erster Schritt zur Sicherstellung der Versorgungssicherheit in einer Welt wetterabhängiger Stromerzeugung. Die Bundesnetzagentur hat in ihrem jüngsten Versorgungssicherheitsbericht dargelegt, dass dieser Zubau bei Weitem nicht ausreichen wird. Die Behörde beziffert den tatsächlichen Gesamtbedarf an neuen, steuerbaren Reservekapazitäten bis 2035 auf bis zu 35,5 Gigawatt.

Das ist mehr als das Dreifache der jetzt ausgeschriebenen Menge. Überträgt man die aktuellen Kostenstrukturen auf dieses Szenario, sprechen wir in der Endausbaustufe von Kapazitätsvergütungen in Höhe von hochgerechnet 6 bis 7 Milliarden Euro pro Jahr. Dies würde den ohnehin schon unter Druck stehenden Industriestrompreis um ca. 1,5 ct/kWh verteuern. Für den Industriestandort Deutschland ist das eine kritische Belastung. Sie reiht sich nahtlos in die Prognose von McKinsey ein, auf die auch Katharina Reiche in ihrem Essay in der FAZ verwiesen hat: Die Summe aller Systemkosten der Energiewende droht bis 2035 auf 90 Milliarden Euro pro Jahr anzuwachsen.

  1. Warum der Strom aus Gaskraftwerken wie Ensdorf so extrem teuer wird

Macht dieses hochsubventionierte Konstrukt den Strom in Dunkelflauten wenigstens günstiger? Die Antwort ist ein klares Nein. Das Kraftwerk in Ensdorf wird die saarländischen Strompreise über den sogenannten Merit-Order-Effekt massiv in die Höhe treiben.

Da die Anlagen rein auf billigen, CAPEX-minimierenden Bau getrimmt sind, um die staatliche Prämie maximal auszuschöpfen, haben sie relativ schwache Wirkungsgrade. Stromkostenminimierung ist schlicht nicht das Ziel der Übung.

Die Gaspreis-Falle der 2030er Jahre: Betrachtet man die aktuellen Erdgaspreise (TTF), die durch die jüngsten geopolitischen Entwicklungen stark angestiegen sind und um die 80 €/MWh pendeln, wird das Problem offensichtlich. Wo dieser volatile Gaspreis in den 2030er Jahren stehen wird, lässt sich heute kaum seriös vorhersagen. Sicher ist jedoch der politisch gewollte Preis für Emissionen: Forschungsinstitute gehen für das nächste Jahrzehnt von CO₂-Kosten um die 145 € pro Tonne aus. Rechnet man dieses Preisniveau und den schwachen Wirkungsgrad der Gasturbinen zusammen, betragen allein die Grenzkosten für jede produzierte Megawattstunde aus solchen Anlagen unter diesen Bedingungen rund 300 Euro (30 ct/kWh). Zum Vergleich: Die bisherigen Kohlekraftwerke lagen bei etwa 10 bis 12 Cent, auch hauptsächlich durch die Emissionskosten bedingt. Wenn künftig im Saarland der Wind abflaut und Ensdorf anspringen muss, diktiert dieses Kraftwerk den Börsenpreis. Der Börsenstrompreis explodiert in diesen Stunden faktisch auf 30 Cent.

Die Wasserstoff-Falle: Doch diese 30 Cent für Erdgas sind lediglich ein laues ökonomisches Vorspiel für das, was der Industrie im nächsten Jahrzehnt droht, wenn Anlagen wie Ensdorf auf 100 % klimaneutralen Wasserstoff umgestellt werden müssen. Eine aktuelle Studie des Fraunhofer IEG entlarvt das strukturelle Problem: Die Turbinen laufen genau dann, wenn witterungsbedingt kein grüner Wasserstoff aus Wind und Sonne produziert wird. Der extrem teure Wasserstoff muss also aufwendig und verlustreich aus Speichern bezogen werden. Die Fraunhofer-Forscher beziffern die realen Bezugskosten für Kraftwerke im Jahre 2035 auf 8,77 bis 15,16 Euro je Kilogramm Wasserstoff, während kontinuierlich beziehende Industrieunternehmen mit nur etwa der Hälfte (4,41 bis 8,43 Euro) kalkulieren können.

Rechnet man den mäßigen Wirkungsgrad der Turbinen hinzu, katapultieren sich die reinen Grenzkosten für die Stromerzeugung in Ensdorf in Regionen von 650 bis 1.150 €/MWh (65 bis 115 Cent pro kWh). Immer dann, wenn Wind und Solar den Bedarf nicht ausreichend decken, wird Strom durch diese Back-up-Kraftwerke zum unbezahlbaren Luxusgut.

Fazit: Ein Weg in die Deindustrialisierung

Ein neues Kraftwerk für Ensdorf wäre  kurzfristig unbestritten ein willkommener Jobmotor für die Bau- und Zulieferwirtschaft im Saarland. Die Freude darüber darf jedoch nicht den Blick auf das ökonomische Desaster dahinter verstellen. Das Projekt beweist eine oft verdrängte Grundwahrheit der gescheiterten Energiewende: Eine Stromversorgung, die auf eine 100-Prozent-Erneuerbaren-Welt zusteuert, erfordert zwingend eine redundante Backup-Infrastruktur aus Gaskraftwerken und Stromspeichern. Wir bauen und bezahlen faktisch zwei komplette Energiesysteme – eines für das richtige Wetter und ein milliardenschweres Schattennetz für die Dunkelflaute.

Dieser Weg ist ökonomisch hochtoxisch. Man schaltet günstige Erzeuger wie unsere Kernkraftwerke politisch erzwungen ab und kauft sich die dringend benötigte Ausfallsicherheit durch hochsubventionierte Reserveanlagen exorbitant teuer wieder ein. Deutschland bräuchte dringend eine verlässliche und bezahlbare Grundlasterzeugung. Mit solch teuren Insellösungen wie den neuen Gaskraftwerken wird sich die Strompreisschere jedoch weiter zu unseren Ungunsten öffnen.

Gegenüber Ländern mit einer stabilen, wetterunabhängigen Grundlastabdeckung – wie Frankreich direkt hinter der saarländischen Grenze mit seiner Kernkraft, den USA mit billigem Erdgas oder China mit einem Erzeugungsmix aus allen verfügbaren Quellen – wird die deutsche Industrie nicht mehr wettbewerbsfähig sein.

Die Zahlen lügen nicht: Deutschland geht einen Weg, der absehbar zu teuer ist. Setzt sich dieser Kurs fort, ist die schleichende Deindustrialisierung des Landes – und damit auch des Saarlandes – die unausweichliche Konsequenz.

 

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