Kommentar von Dr. Christoph Canne

Milliardengrab „grüner Stahl“: PwC-Studie demontiert die industriepolitische Illusion der Bundesregierung

Die Debatte um die Transformation der deutschen Stahlindustrie wird maßgeblich von der gefährlichen Hoffnung dominiert, dass sich mit milliardenschweren staatlichen Subventionen eine wettbewerbsfähige Produktion von „grünem Stahl“ im eigenen Land erzwingen lässt. Doch eine neue, schonungslose Branchenanalyse warnt eindringlich davor, an diesem Wunschdenken festzuhalten. Die energieintensive Primärstahlerzeugung, also die direkte Gewinnung von Stahl aus Eisenerz – sei es klassisch mit Kohle im Hochofen oder künftig mit Erdgas bzw. Wasserstoff, ist in Deutschland nicht wettbewerbsfähig und wird es aufgrund dauerhafter struktureller Nachteile auch in Zukunft nicht sein können. Für den Standort Deutschland bedeutet das: Die Politik muss sich von einer industriepolitischen Illusion befreien und dringend einen echten Strategiewechsel vollziehen.

Europa verliert seine Primärstahlproduktion

Eine aktuelle Studie der Unternehmensberatung PwC[1] mit dem Titel „Das Ende der europäischen Stahlwirtschaft … oder einfach nur anders?“ liefert einen ökonomischen Realitätscheck, der die industriepolitische Ausrichtung des Landes grundlegend infrage stellt.

Die Ergebnisse der Studie beziehen sich nicht nur auf einzelne Standorte, sondern auf das gesamte europäische und deutsche Marktumfeld. Sie lassen keinen Raum für politisches Wunschdenken, denn sie benennen ein massives, nicht-konjunkturelles Strukturproblem:

  • Das Ende des Hochofens: Die klassische, kohlebasierte Hochofenroute wird in allen modellierten Szenarien bis spätestens 2040 vollständig unwirtschaftlich. Durch die CO₂-Bepreisung in der EU wird sich der Preis für konventionellen Hochofenstahl bis 2045 faktisch verdoppeln. Für Mitteleuropa lässt sich in keinem Szenario eine tragfähige Perspektive für diese energieintensive Grundstoffproduktion ableiten – die Hochöfen werden Geschichte.
  • Milliarden-Kostenvorteile für grünen Stahl in den Golfstaaten und Indien: Der politisch forcierte Ausweg über CO₂-armen Grünstahl ist zwar technologisch machbar, wird aber in Regionen wie den Golfstaaten oder Indien dauerhaft deutlich günstiger sein. Die erdgasbasierte Direktreduktion in den Golfstaaten wird bereits 2030 rund 30 Prozent günstiger produzieren als ein Hochofen in Mitteleuropa. Später hält die Studie es für möglich, dass in dieser Region die wasserstoffbasierte Variante die Erdgasroute ablösen könnte. Innerhalb Europas ist bestenfalls in Skandinavien – bedingt durch dortige niedrige Strompreise – langfristig eine wettbewerbsfähige Primärstahlerzeugung denkbar. Mitteleuropa und Deutschland fallen hier komplett heraus. Für Mitteleuropa lässt sich in keinem Szenario eine wirtschaftlich tragfähige Perspektive für die energieintensive Grundstoffproduktion ableiten, da hier die strukturelle Kombination aus hohen Energiekosten, fehlender Rohstoffbasis und begrenzter Wasserstoffverfügbarkeit dagegensteht.
  • Die Zukunft wird längst gebaut – aber nicht hier: Dass diese Verlagerung keine ferne Theorie, sondern harte Realität ist, belegt die Studie mit konkreten Großprojekten. Die Zukunft der Primärstahlerzeugung beginnt bereits jetzt im außereuropäischen Ausland, etwa in der Sonderwirtschaftszone Duqm im Oman. Die indische Jindal Group errichtet dort aktuell einen Anlagenkomplex mit einer Jahreskapazität von fünf Millionen Tonnen, der zunächst mit günstigem, heimischem Erdgas betrieben und später auf Wasserstoff umgestellt werden soll. Der brasilianische Bergbaukonzern Vale baut vor Ort für fünf Milliarden Dollar einen Megahub für Eisenschwamm. Und während die Politik hierzulande noch über Subventionen streitet, haben sich erste europäische Konzerne wie Thyssenkrupp im Oman längst über Abnahmeverträge riesige Mengen HBI für den Import gesichert.

Dass diese vernichtende Analyse für Grünstahlprojekte in Europa längst reale wirtschaftliche Praxis ist, zeigt das Vorgehen des Weltkonzerns ArcelorMittal: Das Unternehmen hat seine Pläne für „grünen Stahl“ an den deutschen Standorten in Bremen und Eisenhüttenstadt komplett gestoppt. ArcelorMittal ließ dafür sogar bereits zugesagte Fördermittel in Milliardenhöhe verfallen. Dies belegt drastisch, dass Deutschland durch die Energiewende und die CO₂-Bepreisung für die energieintensive Primärstahlproduktion schlicht zu teuer geworden ist. Auch gigantische staatliche Investitionszuschüsse können die dauerhaft zu hohen Betriebskosten im internationalen Wettbewerb nicht mehr ausgleichen – die deutsche Subventionsillusion kollabiert.

Die drei möglichen Alternativen für den Stahlstandort Deutschland

Bedeutet dies das Ende der deutschen Stahltradition? Nicht zwingend – aber die deutsche Politik muss sich von der industriepolitischen Illusion der Aufrechterhaltung der heimischen Primärproduktion lösen. Zumindest solange sie gleichzeitig an den europäischen und nationalen CO₂-Zielen festhält. Und eine Abkehr davon ist derzeit nicht in Sicht. Die nackten Zahlen der PwC-Analyse zeigen unmissverständlich auf, dass die eklatanten Standortnachteile Deutschlands – allen voran die im internationalen Vergleich viel zu hohen Energiepreise – bei Beibehaltung der Klimaziele einen Verzicht auf die Primärstahlerzeugung ökonomisch unausweichlich machen.

Die Studie skizziert drei mögliche alternative Wege für den Stahlstandort Deutschland, die angesichts dieser Situation in Frage kommen.

Weg 1: Import von Eisenschwamm statt Subventionskampf Aufgrund der günstigeren Kostenbasis außerhalb Deutschlands ist die Auslagerung der Eisenerzreduktion ins außereuropäische Ausland unausweichlich. Anstatt künftig teures Eisenerz und teures Erdgas (oder unbezahlbaren Wasserstoff) nach Deutschland zu importieren, um daraus Roheisen zu kochen, muss das fertige Vorprodukt, also CO₂-arm produzierter Eisenschwamm, importiert werden – aus Arabien oder Indien oder vielleicht auch aus Skandinavien. Die deutsche Industrie kann dieses günstigere Vormaterial dann in ihren Werken weiterverarbeiten.

Weg 2: Fokus auf Sekundärstahl Die verbleibende wirtschaftliche Option für eine europäische Eigenproduktion ist die Sekundärstahlherstellung, also das Einschmelzen von regionalem Stahlschrott in Elektrolichtbogenöfen (EAF). Hierbei ist jedoch zu bedenken, dass sich nicht jede Stahlqualität aus Schrott herstellen lässt, da sich beim Recycling verschiedene Begleitelemente anreichern, die die erreichbaren mechanischen Eigenschaften begrenzen. Zudem wird die Verfügbarkeit von hochwertigem Schrott mit steigender Nachfrage zunehmend zum limitierenden Faktor, weshalb Sekundärstahl wegfallende Primärkapazitäten niemals vollständig ersetzen kann. Außerdem muss in diesem Zusammenhang zwingend bedacht werden: Der Lichtbogenofen ist ein stromintensiver Prozess. Ohne wettbewerbsfähige Industriestromkosten wird der Standortvorteil des lokal verfügbaren Schrotts sofort wieder aufgezehrt. Solange der Industriestrom in Deutschland wesentlich teurer als an anderen globalen Standorten ist, werden auch künftige EAF-Öfen hierzulande einen schweren Stand haben – ohne Subventionen.

Weg 3: Spezialisierung auf wissensintensive Wertschöpfung Da der bloße Volumenmarkt für Stahl in Deutschland verloren geht, kann die heimische Industrie künftig nur dort florieren, wo der Know-how-Anteil den reinen Materialwert deutlich übersteigt. Wenn deutsche Unternehmen hochkomplexen Stahl für den kundenindividuellen Anlagenbau, die Medizintechnik oder Spezialstahl für die Rüstungsindustrie fertigen, können so Standortnachteile in den Energiekosten weniger ins Gewicht fallen. Das Produkt wird dann für die Konstruktion, die Zertifizierung und das Spezialwissen der Ingenieure bezahlt.

Fazit: Das Ende einer industriepolitischen Illusion

Die PwC-Studie räumt schonungslos mit der Vorstellung auf, dass eine grüne Primärstahlerzeugung in Deutschland künftig profitabel betrieben werden könnte – es gibt in der gesamten wirtschaftlichen Analyse schlichtweg keinen einzigen Hinweis darauf, der dieses politische Narrativ stützt. Aus diesen harten ökonomischen Fakten muss die Politik in Berlin nun endlich Konsequenzen ziehen. Es ist eine unumstößliche Realität, dass die politisch gewollten, dauerhaft hohen Energie- und CO₂-Kosten in Deutschland den wirtschaftlichen Betrieb einer derart energieintensiven Grundstoffproduktion unmöglich machen.

Ein radikales Umdenken ist daher zwingend erforderlich. Die Zukunft der deutschen Stahlbranche liegt nicht in der planwirtschaftlichen Konservierung des Status quo, sondern in der konsequenten Hinwendung zu den drei skizzierten Alternativen: Deutschland muss eine internationale Arbeitsteilung akzeptieren, günstiges Vormaterial aus Standorten mit geringeren Energiekosten importieren, die Kreislaufwirtschaft über Sekundärstahl stärken und sich auf die wissensintensive Weiterverarbeitung spezialisieren.

Wenn die Politik stattdessen stur daran festhält, eine im globalen Wettbewerb völlig chancenlose Primärstahlerzeugung mit immer neuen Steuermilliarden zu subventionieren, ist dies nicht nur eine gigantische Kapitalverschwendung. Es ist ein ordnungspolitischer Irrweg, der dringend benötigte Investitionsmittel an anderer Stelle entzieht und für den Wirtschaftsstandort Deutschland letztlich ruinös enden wird.

Dieser Beitrag erschien erstmals am 13. August 2026 bei Apollo News: https://apollo-news.net/grner-stahl-wird-nicht-aus-deutschland-kommen-schonungslose-studie-zerstrt-industriepolitische-illusion/

[1] PwC-Studie 2026: Die Zukunft der Stahlwirtschaft in Europa – PwC

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