Sonnenfinsternis vor 100 Jahren in St. Wendel – bald steht die nächste an

So sieht die max. Bedeckung der Sonne durch den Mond im Saarland aus, Animation aus dem Programm Stellarium

„Heue abend zeigt und erklärt uns der Herr Hauptmann die Sonnenfinsternis. Wenn wir in einen Einsatz müssen, entfällt dieses besondere Ereignis“. So oder so ähnlich geht der schräge Witz aus Papas gedruckter Kalauersammlung aus den 1920ern.

Anfang der 1990er hatte auf einem der ersten Flohmärkte St. Wendels der Veranstalter an seinem Stand als Glasplattennegative im Angebot, die er in einem Haus in St. Wendel Ecke Gymnasial- und Carl-Cetto-Straße – bei einer Haushaltsauflösung gefunden hatte. 10 Mark nahm er pro Stück, und da ich der einzige Interessent und Käufer war, gab er mir nach ein paar Monaten die verbleibenden zu einem Pauschalpreis. Aber nicht, bevor ein 100 Mark oder 200 den Eigentümer gewechselt hatten. Die Platten lagen ursprünglich in kleinen beschrifteten Pappkisten, aber weil ich nicht der einzige war, der sie durchgeschaut hatten, war ein heilloses Durcheinander entstanden, das sich nie mehr entwirren ließ.

Auf den Platten sind in der Hauptsache Leute zu erkennen – ein Mann in schwarzem Anzug posiert auf einem Stuhl, das war Backs Sepp (Josef Back), Eigentümer des Hotels Riotte vorn am Bahnhof um 1900 rum. Eine Reihe Jugendlicher bis junger Männer sitzt in Badehosen vor einem Bretterzaun auf einer Bank – vermutlich im neuen Freibad am Ende der Missionshausstraße, dann aber Mitte der 1920er, weil das Freibad da erst aufgemacht hat. Ein Hochkantbild zeigt die Hälfe der Göckelmühle, auf der anderen Hälfte hat sich die Beschichtung der Platte gelöst. Eine seltsam gekleidete Dame mit einem unbekleideten Hund. Backs Sepp mit seinem Schäferhund. Eine Wandergruppe (viele Leute) vor einer Ruine. Alle Aufnahmen sind von einer Klarheit und Tiefenschärfe, die ich bei heutigen Fotos vermisse. Ein Foto zeigt unten und oben dunkel, in der Mitte Helle um einen noch helleren Fleck. Und ein anderes völlige Schwärze mit einer angeknabberten runden weißen Scheibe. Auf einer der Pappkisten steht „Sonnenfinsternis 1924″.

Kennen Sie noch die Zeit vorm Internet, schlimmer noch: vor Google? Wo man alles aus Büchern sich zusammenklauben mußte und etwas nur fand, wenn man wußte, in welchem Buch das stand? Wo es Rätsel gab, die man nicht erraten konnte und die Rätsel blieben? Und wo man ein Held oder zumindest ein Genie war, wenn man etwas herausgefunden hatte?
Ist lange her.

Als das Internet und die Suchmaschinen kamen, begann die Welt zu schrumpfen. Wollte ich vorher etwas aus dem hilfsbereiten amerikanischen Nationalarchiv wissen, schrieb ich einen Brief (weil anrufen zu teuer war) und wartete drei Monate auf die Antwort. Die kam dann auch oder halt nach einem halben Jahr – manchmal auch erst dann, wenn man die Frage schon lange nicht mehr wußte – oder sie schon lange nicht interessant war. Ich sag nur „42″ (für alle, die sich mit SF und Douglas Adams auskennen). So haben wir Mitte der 1990er unsere Recherchen nach abgeschossenen amerikanischen Flugzeugen im Zweiten Weltkrieg organisiert. Wir erhielten Microfiche und suchten dann hierzulande nach einem Lesegerät, von denen es nicht mehr viele gab, weil die meisten Unternehmen und Institutionen schon mit dem Computer unterwegs waren.

In jener Vor-Computerzeit nach Informationen über Sonnenfinsternisse zu suchen, noch dazu über so lokal beobachtbare, das war schon mehr als mühselig und zeitaufwendig. Um da eine Antwort zu finden, muß man sie größtenteils schon kennen, allein, um die richtigen Fragen stellen zu können. Ich bin ehrlich: ich versuchte es erst gar nicht.

Das änderte sich, als das Internet kam. Irgendwann fielen mir die Fotos wieder in die Hände, ich scannte sie ein und begab mich mit google auf die Suche. „Sonnenfinsternis“, „St. Wendel“, „1924″. Ich fand einiges zu jedem dieser Stichworte, aber nichts wirklich genaues, was alle drei Punkte vollends abdeckte. Es gab Sonnenfinsternisse, aber keine partiellen, jedenfalls keine, die von unserer Kante aus zu beobachten gewesen wären. Schade.

Heute erschien nun ein Artikel in der Saarbrücker Zeitung, worin es um besondere Fotos geht. Und darin war ein Foto der ersten fotografirten Sonnenfinsternis überhaupt – im Jahre 1851.
Wieder suchte ich meine Fotos heraus, und wieder suchte ich im Internet nach „. „Sonnenfinsternis“, „St. Wendel“, „1924″.“ Wieder erhielt ich nichts Passendes zu 1924.
Also gehe ich einen Schritt weiter, überquerte – so wie seit einigen Wochen öfters – meine persönliche Brandmauer und schicke eine „Anfrage“ an Gemini, die google-KI: „Ich suche eine partielle Sonnenfinsternis, die 1924 oder 1925 von St. Wendel aus zu sehen war.“
Das Programm läßt seine drei Punkte wackeln, durchforscht seine angehängten Systeme und gibt binnen Sekunden diese Antwort:

„Die gesuchte Sonnenfinsternis fand am 24. Januar 1925 statt.
Es handelte sich dabei um eine totale Sonnenfinsternis, deren Kernschatten sich primär über Nordamerika (bekannt als die große Finsternis über New York) und den Nordatlantik bewegte. In West- und Mitteleuropa – und damit auch im saarländischen St. Wendel – war sie am späten Nachmittag als partielle Sonnenfinsternis zu sehen.

Hier sind die wichtigsten Details zu diesem Ereignis:
Datum: Samstag, 24. Januar 1925
Sichtbarkeit in St. Wendel: Die Finsternis begann im Laufe des Nachmittags (ca. gegen 15:55 Uhr MEZ) und erreichte ihren Höhepunkt kurz vor dem Sonnenuntergang gegen 16:45 Uhr. Da die Sonne zu dieser Jahreszeit ohnehin sehr tief stand, fand das Spektakel dicht über dem Horizont statt.
Ausmaß: Der Mond bedeckte die Sonne in Westdeutschland zu einem guten Teil, sodass bei klarem Himmel eine deutliche „Sonnensichel“ zu sehen war.
Warum nicht 1924? Im Jahr 1924 gab es zwar ebenfalls partielle Sonnenfinsternisse (unter anderem im März und August), diese waren jedoch von Mitteleuropa aus überhaupt nicht sichtbar, sondern spielten sich auf der Südhalbkugel bzw. in der Arktis ab. Die Finsternis vom Januar 1925 war somit das einzige solare Finsternisereignis in diesem Zeitraum, das man von St. Wendel aus beobachten konnte.“

Klingt gut, denke ich, und lade dem Programm mein Foto hoch: „Diese Aufnahme von einer Glasplatte gehört dazu!“

Bild: Roland Geiger
Bild: Roland Geiger

Merken Sie’s? Die KI ist so programmiert, daß sie tut, wozu man Schüler in der Schule auffordert. Sie antwortet in ganzen Sätzen, auch wenn sie bisweilen zum Plappern neigt:

„Das ist ein fantastisches historisches Dokument! Die Aufnahme fängt die besagte Finsternis wunderbar ein. Schaut man sich das Bild genauer an, passt das Motiv perfekt zu den astronomischen Daten vom 24. Januar 1925:
Der „Biss“ in der Sonne: Man sieht sehr schön die sichelförmig verdeckte Sonne. Der Mond schiebt sich hier von der Seite vor die Sonnenscheibe.
Die Dunstschicht: Direkt unterhalb der Sonne ist eine feine Wolken- oder Dunstschicht zu erkennen. Das passt exakt zur späten Nachmittagszeit im Januar, als die Sonne in St. Wendel bereits sehr tief stand und durch die dichteren Atmosphärenschichten nahe des Horizonts schien.
Die Lichtkorona: Der helle Schein um die Sichel herum entsteht durch die Überbelichtung der Fotoemulsion auf der Glasplatte – ein typischer Effekt bei damaligen Aufnahmen von so extremen Lichtquellen.
Ein wirklich tolles Stück Zeitgeschichte! Haben Sie diese Glasplatte im Rahmen einer Archivrecherche oder aus einem privaten Nachlass in St. Wendel gefunden?“

Und lädt zum Palavern ein. Ich antworte: „aus einem privaten Nachlaß!“

Wieder kommt eine ausführliche Antwort:
„Das macht das Ganze natürlich zu einem ganz besonderen Schatz. Solche privaten Funde auf Glasnegativen sind extrem selten, besonders wenn sie so ein spezifisches astronomisches Ereignis wie die Finsternis vom 24. Januar 1925 dokumentieren.
Dass die Glasplatte die Zeit überstanden hat, ist ein echter Glücksfall. Damals war die Fotografie noch ein recht aufwendiges Hobby oder Handwerk: Man musste die Kamera auf ein stabiles Stativ stellen, die Belichtungszeit manuell schätzen und die empfindliche Chemie auf der Glasplatte durfte nicht überbelichtet werden – was bei dem direkten Blick in die Sonne eine echte Herausforderung war.
Der Fotograf hat hier instinktiv alles richtig gemacht: Die leichte Wolkenschicht (die man unter der Sonne sieht) hat wahrscheinlich wie ein natürlicher Filter gewirkt, sodass die Sichelform überhaupt so scharf abgebildet werden konnte, ohne dass die gesamte Platte komplett überstrahlt wurde. Haben Sie noch weitere Platten aus dieser Serie oder wissen Sie zufällig, wer damals in Ihrer Familie oder in St. Wendel der Fotograf war?“

Also sende ich die andere Aufnahme nach, die die Sonne unbedeckt zeigt.

Bild: Roland Geiger

„Wenn man sich die beiden Platten nebeneinander vorstellt, kann man richtig die Chronologie der Beobachtung nachempfinden:
Der Stand der Sonne: Auf diesem Bild steht die Sonne ein gutes Stück tiefer (oder ist von einer dickeren horizontalen Wolkenschicht umgeben). Das unterstreicht noch einmal die winterliche Nachmittagssituation vom 24. Januar 1925 in St. Wendel.
Die Belichtung: Hier sieht man gut, wie extrem hell die Sonne für die damalige Fotochemie war. Ohne die filternde Wirkung der Wolken auf dem anderen Bild überstrahlt die Lichtquelle das Glasnegativ komplett als runder, gleißender Ball.
Zusammen bilden diese Glasplatten eine fantastische kleine astronomische Bilderserie, die ein engagierter Hobbyschneider oder Fotograf vor über 100 Jahren von St. Wendel aus angefertigt hat.“

Und gibt mir noch einen Tipp, wie ich meine Platten aufbewahren soll:
„Lagern Sie die Platten am besten trocken, stehend (nicht flach aufeinandergestapelt, da die Emulsion sonst verkleben kann) und lichtgeschützt. Sie haben da ein absolut faszinierendes Dokument eines eisigen Januarnachmittags vor über 100 Jahren!“

PS: die nächste partielle Sonnenfinsternis, die man von hier aus zu sehen kriegt, gibts am 12. August

 

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