Wer hält unseren Landkreis sauber?

Zwischen Abwasser und Umweltschutz in der EVS Kläranlage St. Wendel

Im Nachklärbecken werden Abwasser und Schlamm durch Absetzvorgänge voneinander getrennt (Foto: Laura Brill)

Unser schönes St. Wendeler Land wäre kein Ort an dem man gerne lebt, arbeitet und sich erholt, ohne die Menschen, die sich um all das kümmern, was wir ohne Bedacht entsorgen und hinterlassen. Um mit dem Selbstverständnis für die Sauberkeit und Ordnung unserer Umgebung aufzuräumen, haben wir die Reihe „Wer hält unseren Landkreis sauber?“ ins Leben gerufen, in der wir einen Blick hinter die Kulissen werfen und mit denjenigen sprechen wollen, die sich tagtäglich für den Erhalt unseres schönen St. Wendeler Landes einsetzen.

Zum Start unserer Reihe „Wer hält unseren Landkreis sauber?“ haben wir die St. Wendeler Kläranlage besucht. Diese leistet einen wichtigen Beitrag zum Umweltschutz, zur Forschung und im Besonderen zur Hygiene unseres Landkreises. Durch die sorgfältige Reinigung des Abwassers wird sichergestellt, dass es keine schädlichen Auswirkungen auf die Umwelt hat und wieder in den Wasserkreislauf der Blies zurückgeführt werden kann. Wie genau das funktioniert und warum die Kläranlage von großer Bedeutung ist, haben wir während unserer Führung von Max Hettrich, dem Leiter der St. Wendeler Kläranlage, erfahren.

Wieviel Wasser wird pro Tag in der Kläranlage gereinigt?

„Bei uns kommen am Tag etwa 3.000 – 4.000 Kubikmeter Wasser an, was ca. 70 bis 110 Liter die Sekunde sind. Es kommt natürlich immer auf die Tageszeit an: nachts weniger, tagsüber mehr. […] Bei Starkregen müssen wir maximal 300 Liter Wasser pro Sekunde annehmen.“

Das Schmutzwasser wird neben den Privathaushalten auch aus Gewerbe- und Industriegebieten zugeleitet, was bedeutet, dass das Wasser recht stark belastet ist. Die Kläranlage besteht seit 1958, komplett erneuert wurde sie 2006. Mit ihr verfügen die St. Wendel sowie die angeschlossenen Stadtteile Oberlinxweiler und Urweiler über eine moderne hochleistungsfähige Anlage. Der Entsorgungsverband Saar (EVS) betreut darüber hinaus neun weitere Pumpwerke sowie fünf weitere Kläranlagen im Landkreis.

Nach einer kurzen Sicherheitseinweisung beginnt unser Rundgang im Pumpenkeller. Hier, in 8 Meter Tiefe, wird das über die Kanalisation ankommende Wasser der ersten Reinigungsstufe zugeführt. Bereits an diesem Punkt kann die Unachtsamkeit der Bevölkerung große Probleme verursachen. Im Abfluss entsorgter Rest- oder Biomüll wie Feuchttücher, Tampons, Taschentücher, Essenreste und Co. führen in den Pumpen zu „Verzopfungen“, die nur durch einen hohen finanziellen und arbeitstechnischen Aufwand beseitigt werden können. Deshalb gleich an dieser Stelle der Hinweis und die einfache Regel: Nur Toilettenpapier gehört in den Abfluss – sonst nichts.

In der ersten Reinigungsstufe, der mechanischen Reinigung, werden im Abwasser enthaltene Feststoffe abgeschieden oder ausgesiebt. Dazu wird das Abwasser zunächst einem Grobrechen zugeführt, der sperrige Gegenstände wie Holzteile, Lappen und Dosen entfernt. Anschließend gelangt das Abwasser zur Feinrechenanlage, wo kleinere Störstoffe wie Hygieneartikel, Essensreste und Kunststoffteile entfernt werden. Das Rechengut wird in einer Presse entwässert und in Containern umweltgerecht entsorgt.

Findet man bei der Reinigung außergewöhnliche Dinge? Wenn ja was?

„Wir hatten einmal 4.500 Liter Super Benzin in der Kläranlage. Da ist bei einem Tankfahrzeug der Schlauch abgegangen und alles ist in den Kanal gelaufen. Wir konnten es dann auffangen und mit einem Saugfahrzeug absaugen. Das war dann sogar Umwelt-Alarm.“

An den Rechenvorgang anschließend unterstützt ein Lufteintrag den Trennungs- und Absinkvorgang. Fette und Öle steigen an der Wasseroberfläche auf und werden in einem Sammelschacht abgeleitet. Sande und andere körnige Stoffe setzen sich am Beckenboden ab und werden in einer Sandwaschanlage vom Sand getrennt. Die organischen Bestandteile werden der biologischen Stufe zugeführt, während der gereinigte Sand entsorgt wird. Nun wird das Abwasser in freiem Gefälle zu den nächsten Behandlungsstufen bis hin zur Nachklärung weitergeleitet.

Welcher Reinigungsschritt verbraucht die meiste Energie? Gibt es Techniken zum Energiesparen?

„Das Herz der Kläranlage sind die drei Gebläse, die bringen den Sauerstoff in die Biologie, sodass die Bakterien atmen können. Die Kläranlage hat einen sehr hohen Stromverbrauch. Täglich circa 2500 bis 3500 kWh! Um Strom zu sparen haben wir vor 4 Jahren neue Belüfter-Platten eingebaut und auch bei den beiden neuen Gebläsen sind wir im Gegensatz zu dem alten Drehkolbengebläse mit 75 kWh nur noch bei 40 kWh.“

Das Abwasser wird in der zweiten Reinigungsstufe biologisch gereinigt und von Phosphaten befreit. In diesem Belebungsverfahren werden Bakterien und Einzeller eingesetzt, um Schwebteilchen und gelöste Verunreinigungen abzubauen. Hierbei werden die natürlichen Selbstreinigungsprozesse von Gewässern nachgeahmt und durch optimale verfahrenstechnische Randbedingungen wie Sauerstoffgehalt, Temperatur und Nährstoffverhältnis beschleunigt. Das Abwasser wird vom Sandfang über eine Verteilerrinne gleichmäßig auf die beiden Kaskadenbecken verteilt, die variabel betrieben werden können. Die Kaskadenbecken sind durch Trennwände in unterschiedliche Zonen unterteilt. In St. Wendel sind diese zum Geruchs- und Lärmschutz abgedeckt, da die Kläranlage ungewöhnlich nahe an der Wohnbebauung liegt. Am Anfang jeder Kaskade steht eine Denitrifikationszone, in die nitrathaltiger Schlamm aus der Nachklärung geleitet wird. Bakterien nehmen den im Nitrat chemisch gebundenen Sauerstoff zur Atmung auf und produzieren gasförmigen Stickstoff, der in die Atmosphäre entweicht. Zur Vermeidung von Ablagerungen sind langsam laufende Rührwerke installiert, die eine gute Durchmischung von Abwasser und Schlamm gewährleisten. An die Denitrifikationszone schließt sich in jeder Kaskade ein Nitrifikationsbereich an, in dem Druckluft feinblasig eingetragen wird. Der eingebrachte Sauerstoff wird von den Bakterien für den Abbau von Kohlenstoffen und die Umwandlung von Ammonium (Harnstoff) zu Nitrat benötigt. Die Entfernung von Phosphaten aus dem Abwasser erfolgt ebenfalls in der biologischen Reinigungsstufe durch Zugabe von Fällmitteln wie Eisenchlorid. Die Eisensalze verbinden sich mit dem Phosphor und bilden absetzbare Flocken, die in der später folgenden Nachklärung mit dem Schlamm entfernt werden können. Das gereinigte Abwasser fließt von den Kaskadenbecken über Wehrschwellen in ein Verteilerbauwerk und wird von dort gleichmäßig auf die beiden Nachklärbecken verteilt.

Wie teuer sind die Reinigungsvorgänge in einer Kläranlage?

„Die Abwassergebühren nennen sich bei uns Einheitlicher Verbandsbeitrag. Pro Kubikmeter verbrauchtes Trinkwasser, zahlt man eben auch eine Gebühr für die Abwasserreinigung. Wir versuchen diese immer möglichst niedrig zu halten. Wir hatten diese jetzt 10 Jahre stabil und haben kürzlich nach dieser langen Zeit eine Erhöhung von 3% erhoben. In diesen Gebühren ist dann auch alles drin. Von Anfang bis Ende, der komplette Reinigungsprozess. Aktuell liegt der einheitliche Verbandsbeitrag bei 3,146 EUR pro Kubikmeter Frischwasser für das Jahr 2023.“

Was muss man bezüglich der Hygiene als Mitarbeiter in einer Kläranlage besonders beachten?

„Die Hygienevorschriften sind besonders wichtig. Ich desinfiziere mir oft die Hände. Bei normalen Arbeiten kommt man aber wenig mit Schädlichem in Berührung. Im Labor schon, aber da tragen wir Handschuhe. Wir beachten die Hygiene sehr genau“

In der Kläranlage werden in der letzten Reinigungsstufe Abwasser und Schlamm durch Absetzvorgänge voneinander getrennt. Dazu dienen zwei baugleiche Rundbecken, die als Nachklärung bezeichnet werden. Der Schlamm setzt sich am Boden der Becken ab und wird anschließend von einem Räumer in einen Schlammtrichter in der Beckenmitte geschoben. Leichtstoffe, die sich auf der Oberfläche der Nachklärung sammeln, werden mithilfe einer Abzugsvorrichtung entfernt und zur Feinrechenanlage geleitet. Um den Bakterienbestand zu sichern, wird ein Teil des Schlammes zurück in die Belebungsbecken gepumpt. Der überschüssige Schlamm wird abgezogen und separat behandelt. Das gereinigte und klare Wasser fließt durch getauchte Ablaufrohre an der Oberfläche der Nachklärbecken in eine Ablaufleitung zur Blies.

Wie sauber wird das Wasser?

„Wir haben unsere Vorgaben, was wir alles abbauen müssen. Wir bauen sehr viele Stickstoffe und Weiteres ab. Jedoch Krankheiten wie beispielsweise Aids nicht. Man sollte also trotzdem noch Handschuhe anziehen. Die Endreinigung übernimmt dann das Bachgeläufe. Das Wasser ist also kein Trinkwasser! Dennoch ist das Wasser gereinigt und den Gewässern rund um Kläranlagen geht es durch diese deutlich besser. Hier in St. Wendel überprüfen wir auch dreimal die Woche selbst das Abwasser in unserem eigenen Labor darauf, ob die Werte passen.“

Inwiefern sind eure Messungen dieser Werte wichtig für die Wissenschaft?

„Man findet immer wieder Werte von Krankheiten, Stoffen oder Drogen im Abwasser, was auch zu Forschungen und zur Wissenschaft beiträgt. Der Erkenntnisgewinn ist riesig dadurch. Auch jetzt in der Corona-Pandemie konnte man verfolgen, welche Varianten jeweils unterwegs sind.“

Und das passiert am Ende mit dem Klärschlamm: Der überschüssige Schlamm aus der Nachklärung wird in einen Eindicker gepumpt und statisch entwässert, dazu dient selbst angesetztes Flockmittel. Anschließend werden die vorentwässerten Schlämme zwischengelagert und mit Hochleistungszentrifugen maschinell entwässert. Eine spezielle Verfahrenstechnik sorgt dafür, dass die Schlämme etwa 20 Tage in der biologischen Stufe verbleiben, was ausreicht, um die biologische Aktivität im Schlamm weitgehend abklingen zu lassen. Nach der Schlammbehandlung gibt es verschiedene Optionen, den Klärschlamm zu verwerten. Er kann beispielsweise in Kraftwerken verbrannt oder als Zusatzstoff für Rekultivierungsmaßnahmen eingesetzt werden. Ein Teil des Klärschlammes kann in flüssiger und entwässerter Form auch als Düngemittel in der Landwirtschaft wiederverwendet werden.

Wer kann in der Kläranlage arbeiten und welche Aufgabenbereiche gibt es?

„Wir machen einen generellen Grundkurs. Man wird im Bereich Labor geschult und in sämtlichen anderen Abwasserreinigungsverfahren. Wir haben in unserem Personal Elektriker, Mechaniker und selbstverständlich auch Fachkräfte für Abwassertechnik. Elektriker und Schlosser werden auch händeringend gesucht. Man macht dann hier seine entsprechende Weiterbildung und so kann man auch auf der Kläranlage arbeiten, mit Labor und sonstigen Tätigkeiten. Natürlich kann man auch die generelle Ausbildung zur Fachkraft für Abwassertechnik machen, was auch eine sehr anspruchsvolle Aufgabe ist. Diese ist sehr vielfältig und hat verschiedene Spaten, aber auch als Schlosser oder Elektriker auf unseren Anlagen zu arbeiten ist extrem spannend.“

Die wichtigste Frage zum Abschluss: Warum ist es so wichtig, dass die Kläranlage unseren Landkreis sauber hält?

„Ohne Kläranlage wäre man wie im 16. Jahrhundert, wo alles in Rinnen lief und die Städte voller Gestank waren. Krankheiten und Ratten überall wären dann an der Tagesordnung, was natürlich auch verheerend für die Umwelt wäre. Da wo immer mehr Kläranlagen gebaut werden, da wird natürlich auch das Gewässer gesünder. Kläranlagen sind absolute Umweltschutzanlagen.“

Quelle: EVS / St. Wendeler Land Nachrichten

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