Zum Tod von Franz Beckenbauer: „Kaiser“ und Lichtgestalt

Weltmeister als Spieler. Weltmeister als Trainer. Vater des WM-Sommermärchens 2006. Charismatischer Sympathieträger und Meister der Leichtigkeit. Auch der „Kaiser“ war nicht frei von Schatten, dennoch bleibt er aber die Lichtgestalt des deutschen Fußballs.

Deutschland lag noch in Trümmern als Franz Beckenbauer wenige Monate nach Ende des Zweiten Weltkriegs in München als Sohn des Postbeamten Franz Beckenbauer sen. und der Hausfrau Antonie Beckenbauer (1913-2006) – der, wie er selbst sagt, wichtigsten Person in seinem Leben – das Licht der Welt erblickte. Der kleine Franz ist ein schüchternes Kind. Auf Fotos schaut er oft nach unten. Doch er wird ein Weltstar werden. Gegenüber der kleinen Wohnung, in der Franz Beckenbauer in München-Giesing aufwächst, liegt direkt ein Fußballplatz, auf dem der kleine Franz begeistert seinem Hobby nachgeht. „Das Rad ist die größte Erfindung der Menschheit. Und der Ball ist sozusagen die Vervollkommnung des Rades“, wird der Kaiser später einmal philosophieren.

Wechsel zum FC Bayern

Mit zwölf Jahren will Beckenbauer zu den Münchner Löwen wechseln. Doch nachdem ein „Löwen-Spieler“ ihm auf dem Platz eine „Watschn“ verpasst, entscheidet er sich doch für den FC Bayern. Eine Glücks-Entscheidung für Beckenbauer und den FC Bayern. Die Bayern haben bis Mitte der 1960er-Jahre „nur“ einen Meistertitel (1932) und einen DFB-Pokal-Sieg (1957) vorzuweisen, und gehören 1963 – im Gegensatz zum Stadtrivalen – nicht zu den Gründungsmitgliedern der Bundesliga. Mit Beckenbauer, Sepp Maier (* 1944) und Gerd Müller (1945-2021) steigt der FC Bayern jedoch zu einem Welt-Klub auf.

Nachdem die Bayern 1964 noch mit Maier und Beckenbauer in der Aufstiegsrunde an Borussia Neunkirchen scheiterten, steigen sie ein Jahr später in die Bundesliga auf. 1966 gewinnt Beckenbauer mit den Bayern seinen ersten Titel, den DFB-Pokal. Ein Jahr später sind die Bayern (als zweiter deutscher Verein) auch im Europapokal der Pokalsieger-Wettbewerb erfolgreich. 1969 gewinnt der FC Bayern dann erstmals das Double aus Deutscher Meisterschaft und DFB-Pokal.

Internationaler Durchbruch bei der WM 1966

Franz Beckenbauer wird zum Star und Werbeträger („Kraft in den Teller – Knorr auf den Tisch“). 1966 landet er mit seiner Single „Gute Freunde kann niemand trennenauf Platz sieben der Hitparade – einen Platz vor den Beatles. Nach nur 13 Bundesligaspielen wird Beckenbauer in die Nationalmannschaft berufen. Bei der WM 1966 geht international sein Stern auf. Mit vier Toren landet der damalige Mittelfeldspieler auf Platz drei der Torjägerliste. Jahrzehnte später wird er nachträglich zum besten Jungprofi des Turniers gewählt werden. Das WM-Finale geht unglücklich verloren. Das sogenannte „Wembley-Tor“ bringt England auf die Siegerstraße. Bei der WM 1970 kann Beckenbauer im „Jahrhundertspiel“ gegen Italien auch eine Schulterverletzung nicht stoppen. Das Halbfinale gegen die Italiener geht aber dennoch in der Verlängerung knapp verloren. Die DFB-Elf wird Dritter.

Goldene Ära bei Bayern und der Nationalelf

Dann folgen die erfolgreichsten Profi-Jahre Beckenbauers. Den Bayern gelingt mit Kapitän Franz Beckenbauer sowohl der nationale Meister-Hattrick (1972 bis 1974) als auch der Hattrick im Europapokal der Landesmeister (1974 bis 1976), dem wichtigsten Vereinswettbewerb der Welt. Im Jahr 1976 gewinnt der FC Bayern zudem den Weltpokal. Auch die Nationalmannschaft führt Beckenbauer als Mannschaftsführer zu großen Erfolgen. 1972 wird die deutsche Nationalmannschaft mit „Ramba-Zamba-Fußball“ Europameister. Zwei Jahre später folgt dann die Krönung des Kaisers: Die DFB-Elf wird nach einem 2:1-Finalsieg gegen die Niederlande im Münchner Olympiastadion bei der Heim-WM zum zweiten Mal Fußball-Weltmeister.

Der Kaiser prägt die Position des „Liberos“ und wird mit persönlichen Ehrungen überhäuft: viermal (1966, 1968, 1974 und 1976) wird er „Deutschlands Fußballer des Jahres“ (Rekord), zweimal (1972 und 1976) wird er mit dem Ballon D´Or als „Europas Fußballer des Jahres“ ausgezeichnet – so oft wie kein anderer Defensivspieler. Bis heute gilt Beckenbauer als der beste deutsche Fußballer und weltweit als der beste Verteidiger aller Zeiten. 1998 wird er in die FIFA-Weltauswahl des 20. Jahrhunderts gewählt, bei der Wahl zu den 100 größten Spielern des 20. Jahrhunderts landet er hinter den Offensivspielern Pelé (1940-2022), Maradona (1960-2020) und Cruyff (1947-2016) auf Platz 4. 2020 wird Beckenbauer mit 33 Prozent der Stimmen als einziger Innenverteidiger ins Ballon D`Or Dream Team, eine fiktive beste Fußballmannschaft aller Zeiten gewählt.

Karriereende mit Pelé bei Cosmos New York

Im Jahr 1977 wechselt Beckenbauer von den Bayern zu Cosmos New York. „Es gab nichts Größeres als New York in den 70ern“, schwärmt er später. Bei Cosmos spielt er in einem Team mit dem Brasilianer Pelé und wird mit ihm dreimal Meister der Nord­amerika-Liga. Für zwei Jahre kehrt Franz Beckenbauer noch einmal in die Bundesliga zurück. Mit dem Hamburger SV wird er 1982 zum fünften und letzten Mal deutscher Meister. 1983 beendet der Kaiser mit 38 Jahren seine Fußball-Karriere bei Cosmos New York.

Weltmeister als Teamchef

Ein Jahr nach seinem Karriereende scheidet die deutsche Nationalmannschaft bei der EM als Titelverteidiger in der Vorrunde aus. Bundestrainer Jupp Derwall hört auf und Franz Beckenbauer übernimmt ohne Trainerschein als „Teamchef“ die Nationalmannschaft. Bei der WM 1986 unterliegt Deutschland erst im Finale gegen Argentinien. Bei der EM 1988 in Deutschland scheitert die DFB-Elf im Halbfinale an den Niederlanden. Bei der WM in Italien folgt im Jahr 1990 dann aber die zweite Krönung des Kaisers: Deutschland wird in Rom nach einem 1:0-Finalsieg gegen Argentinien zum dritten Mal Fußball-Weltmeister. Weltmeister als Spieler und als Trainer. Das ist bis heute nur zwei anderen Fußballern gelungen – dem Brasilianer Mário Zagallo (1931-2024) und dem Franzosen Didier Deschamps (* 1968). Beckenbauers Prophezeiung, die deutsche Nationalmannschaft werde in den folgenden Jahren unschlagbar sein, erfüllte sich aber nicht.

Meister und UEFA-Cup-Sieger mit Bayern

In der Saison 1990/91 arbeitet Beckenbauer zunächst als Trainer und dann als Sportdirektor für den französischen Spitzenklub Olympique Marseille. Mit ihnen wird er 1991 französischer Meister. Es folgen zwei weitere, letzte Kurzeinsätze als Trainer. Nach der Hinrunde übernimmt er in der Saison 1993/94 den Posten des Bayern-Trainers und führt den Rekordmeister noch zum Titelgewinn. 1996 übernimmt er kurz vor Saisonende bei den Bayern das Amt des entlassenen Otto Rehhagel. Nach Finalsiegen gegen Girondins Bordeaux gewinnt der FC Bayern erstmals den UEFA-Pokal.

Meister der Leichtigkeit

Was Beckenbauer anfasst, wird zu Gold – so scheint es. Schon als Spieler wird seine Eleganz auf dem Platz bewundert. Alles scheint dem Kaiser leicht von der Hand zu gehen. Seine taktische Anweisung vor dem WM-Finale 1990: „Geht´s raus und spielt´s Fußball“. 1994 trifft Beckenbauer an der legendären ZDF-Torwand – obwohl der Ball auf einem Weißbierglas lag. Sein optimistisches „Schau’n mer mal“ wird zum geflügelten Ausdruck. Mit seiner herzlichen und offenen Art gewinnt er die Menschen für sich. „Beckenbauer ist der Einzige, der der PDS in Bayern ein Direktmandat verschaffen kann“, witzelte einst Kabarettist Ottfried Fischer. Auch in der Werbung ist Beckenbauer daher omnipräsent. Egal ob Strom- oder Telefonanbieter („Ja, is’ denn heut’ scho’ Weihnachten?“) – überall wirbt der Star des deutschen Fußballs. Beckenbauer ist der „Werbe-Kaiser“.

Im Jahr 2000 wird Beckenbauer zum vierten Mal Vater. Das Kind stammt aber nicht von seiner damaligen Ehefrau Sybille, sondern von einer Affäre (seiner späteren, dritten Ehefrau Heidi Burmester). Aber auch Fehltritte kann der Kaiser ins rechte Licht rücken: „Der liebe Gott freut sich über jedes Kind.

Vater des Sommermärchens

Auch als Fußball-Funktionär glänzt der Kaiser. 1994 wird er Präsident des FC Bayern. In seiner bis 2009 währenden Amtszeit holen die Münchner acht Meistertitel und gewinnen 2001 die Champions League. Sein größter Erfolg gelingt Beckenbauer aber wohl im Jahr 2000: Deutschland erhält den Zuschlag für die WM 2006. Wie ein Staatsmann bereist der Kaiser die Welt. Die WM wird ein Riesenerfolg: „So hat sich der Herrgott die Welt vorgestellt“, schwärmt Beckenbauer. Nach seiner Funktionärslaufbahn ist Beckenbauer als TV-Experte weiter allgegenwärtig.

Schattenseiten im Leben der Lichtgestalt

Im Jahr 2015 erleidet Beckenbauer seinen größten Schicksalsschlag: Kurz vor seinem 70. Geburtstag stirbt sein jüngster Sohn aus seiner ersten Ehe mit Brigitte, Stephan Beckenbauer, einst Bundesliga-Profi beim 1. FC Saarbrücken und später Jugendtrainer bei den Bayern, mit nur 46 Jahren an einem Hirntumor. Hinzu kommen in den folgenden Jahren gesundheitliche Probleme: Herzoperationen, eine neue Hüfte, ein Augeninfarkt, Parkinson. Zudem werden Ende 2015 Korruptionsvorwürfe im Zusammenhang mit der Vergabe der WM 2006 laut. Strafrechtlich relevantes Verhalten kann ihm aber nie nachgewiesen werden.

„Mit dem Tode ist nicht alles vorbei“

Beckenbauer hat Großes geleistet für Deutschland und unser Ansehen in der Welt. Er ist eine der größten Legenden des Fußballs. Er war der Kaiser, aber er ist auch immer der Franz geblieben. Einer der beiden Autoren dieses Artikels traf Franz Beckenbauer bei seinem letzten Besuch eines Fußballspiels im August 2022 in Hoffenheim. Trotz angeschlagener Gesundheit lehnte er keinen einzigen der zahlreichen Autogramm- und Fotowünsche ab.

Nun ist der irdische Lebensweg des Kaisers nach 78 Jahren zu Ende gegangen. Beckenbauer war gläubiger Katholik, der aus seinem täglichen „Vaterunser“-Gebet Kraft und Stärke schöpfte. „Ich bedanke mich für das schöne Leben, das ich führen durfte. Da ist es schon angebracht, sich jeden Tag zu bedanken.“ Und Beckenbauer glaubte als Christ an ein Leben nach dem Tod: „Mit dem Tode ist nicht alles vorbei, da bin ich sicher. Ich glaube, dass die Seele eines jeden Menschen wieder dorthin zurückkehrt, wo sie hergekommen ist.

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