Wenn die Seele leidet – psychische Erkrankungen und warum sie kein Grund zur Scham sind

Wir haben Arthrose, wir haben die Grippe, wir leiden an einem Knochenbruch oder an Autoimmunerkrankungen. Niemand würde sich für eine derartige Krankheit schämen, bei Depressionen, Angststörungen und ähnlichen Beschwerden sieht das aber ganz anders aus. Aber wieso eigentlich? Seelische Erkrankungen sind nicht anders als körperliche Beschwerden, sie äußern sich nur anders. Einen Grund zur Scham sind sie nie und die Möglichkeiten der Behandlung sind heute bedeutend besser als noch vor einigen Jahrzehnten. Dieser Ratgeber erklärt Ihnen die häufigsten psychischen Erkrankungen und verrät Ihnen außerdem, wie Sie dagegen vorgehen können.

Die Depression als Volksleiden


Keine Motivation, ständige Niedergeschlagenheit, Interesselosigkeit, Antriebslosigkeit – die Symptome bei Depressionen sind vielfältig und werden viel zu oft nicht richtig ernstgenommen. Wer tagelang nicht aus dem Bett kommt vermutet dahinter meist eher einen Vitaminmangel, eine unentdeckte körperliche Erkrankung oder eine „Phase“, anstatt in die Richtung einer psychischen Krankheit wie der Depression zu denken.

Dabei kann diese bei Frauen und Männern jeden Alters auftreten, aus heiterem Himmel, mit Ursache oder ohne Ursache, endogen oder exogen. Der Mut, den Weg zum Arzt aufzusuchen, ist nicht für jeden Menschen selbstverständlich, doch er ist der Schritt in die richtige Richtung. Denn nur mit ärztlicher Behandlung ist es möglich, die Depression wieder in den Griff zu bekommen. Darüber hinaus gibt es Möglichkeiten der Selbsthilfe.

Die Symptome bei Depressionen



Bei einer Depression können die Symptome vielfältig sein, es gibt aber einige typische Anzeichen für Depressionen, die Sie kennen sollten. Dazu gehören:

  • Dauerhaft niedergedrückte Stimmung über mindestens 14 Tage
  • Dauerhafte Müdigkeit oder Antriebslosigkeit, kleinste Dinge fallen schwer
  • Das Gefühl der inneren Leere, keine Interessen mehr an Hobbys, Freundschaften, Beruf
  • Selbstzweifel und Schuldgefühle
  • Gedanken an Suizid
  • massive Schlafstörungen bis hin zur Schlaflosigkeit
  • Appetitverlust und infolgedessen Gewichtsverlust



Sehr häufig geben sich Betroffene an den Symptomen selbst die Schuld, halten sich für willensschwach und faul. Diese Annahmen sind schlichtweg falsch, denn die Depression hat nichts mit dem eigenen Willen zu tun. Die Symptome treten auf und Patienten können sich oft kaum dagegen wehren. Alltag & Gesellschaft fordern uns oft alles ab, hier kann es durchaus passieren, dass die Seele sich eine Auszeit nimmt und erkrankt.

Diese Hilfe gibt es bei Depressionen

Wenn Sie selbst betroffen sind, müssen Sie sich diesem Schicksal nicht hingeben. Es gibt mehrere Möglichkeiten, wie Sie selbst schwerste Depressionen überwinden und wieder zu einem normalen Leben zurückkehren können. Bitte beachten Sie, dass Sie sich bei Suizidgedanken sofort an eine Hilfsorganisation oder sogar an das nächste Krankenhaus wenden! Behandelt werden Depressionen auf verschiedene Weise. Sehr erfolgsversprechend und am häufigsten angewandt werden folgende Methoden:

  • Einnahme von Antidepressiva
  • Psychotherapie und Verhaltenstherapie
  • Hilfe zur Selbsthilfe
  • Teilnahme an Selbsthilfegruppen
  • Im Extremfall: Stationäre Rehabilitation



Welche Behandlung zum Einsatz kommt, ist abhängig von den Bedürfnissen des Patienten. Horrorvorstellungen wie das Einsperren in eine „Gummizelle“ in der Psychiatrie sorgen bis heute dafür, dass Menschen Angst haben, sich Hilfe zu suchen. Moderne psychologische Kliniken sind heute jedoch nicht mehr mit früher zu vergleichen. Die Medizin hat rasante Fortschritte gemacht und die Anerkennung von Depressionen und weiteren psychischen Krankheiten steigt drastisch.

Die Angst- und Panikstörung als Belastung im Alltag

Angst vorm Zahnarzt, Angst vorm Fliegen, Angst vor Spinnen – spezifische Ängste kennen wir wohl fast alle. Doch es gibt noch eine weitere Form der Angst, die das gesamte Leben dominieren und verändern kann. Die Rede ist von einer komplexen Angst- und Panikstörung, die über mehrere Wochen und Monate zu schweren Ängsten führt, die oftmals nicht rational begründet werden können. Die häufigsten Unterarten sind:

  • Panikstörung mit häufigen Panikattacken
  • Generalisierte Angststörung
  • Spezifische Phobie
  • Soziale Phobie



Die Panikstörung geht mit immer wieder auftauchenden Panikattacken einher, die für den Betroffenen extrem belastend sind. Oft beginnen Panikattacken scheinbar aus dem Nichts und verwandeln den Körper innerhalb von Sekunden in ein seelisches „Wrack“. Die Ängste setzen verschiedene Körperreaktionen in Gang, der Puls steigt, der Schweiß rinnt, den Patienten wird schwindelig, sie haben Angst umzukippen. Nach rund 30 Minuten ist der Spuk vorbei, nur um irgendwann wiederzukommen.

Panikattacken sind äußerst belastend und führen die Betroffenen mitunter dazu, an ihrem eigenen Verstand zweifeln. Angst vor dem „Verrückt werden“ oder auch „Angst die Kontrolle zu verlieren“ dominieren und mit den Gedanken daran, lösen die Patienten die Panikattacke oft selbst wieder aus. Ein Teufelskreis, der aber durchbrochen werden kann.

Die häufigsten Symptome von Panikattacken

  • Akute Angstanfälle, bis hin zur Todesangst
  • Panische Angst davor Verrückt zu werden
  • Starke, körperliche Angstsymptome
  • Angst vor der Angst als Folge

Panikattacken können behandelt werden

So schrecklich der Moment der Panik auch ist, so einfach sind die Attacken oft zu behandeln. Während der Therapie geht es vor allem darum dem Patienten zu suggerieren, dass er an einer Panikattacke nicht sterben wird, auch wenn es sich manchmal so anfühlt. Die Attacke wird enden und spätestens wenn der Patient das verinnerlicht hat, nimmt die Angst davor oft schon rapide ab. Darüber hinaus kommen Verhaltenstherapien, tiefenpsychologische Therapien zur Eruierung der Ursache, aber auch medikamentöse Therapien in Betracht.

Die generalisierte Angststörung

Eine generalisierte Angststörung kann aus einer Panikstörung entstehen, kann aber auch isoliert auftreten. Hier sind die Betroffenen generell überängstlich und fühlen sich mutlos. Aus einfachen Gedanken werden Horrorszenarien gesponnen, das Leben wird von der Angst dominiert, dass etwas schrecklich passieren könne. So werden Partner, Kinder, Familienmitglieder permanent kontrolliert, um deren Sicherheit zu gewährleisten.

Das Leid kann so stark werden, dass die Betroffenen sich in einem Teufelskreis aus Angst verstricken, aus dem sie selbstständig nicht mehr herausfinden. Destruktive Gedanken prägen diese Erkrankung und sorgen zudem dafür, dass die Patienten den Glauben an sich selbst verlieren und sich nicht mehr aus der Angstspirale befreien können.

Die häufigsten Symptome einer generalisierten Angststörung

  • Vermeidung vieler Situationen, aus Sicherheitsgründen
  • Angst in alltäglichen Situationen
  • Starke Angst um die Sicherheit der Lieben
  • Negative Prognosen für die eigene Zukunft
  • Mangelndes Selbstbewusstsein und Vertrauen in sich selbst

Bei der generalisierten Angststörung gibt es Hilfe

Die generalisierte Angststörung entwickelt sich oft schleichend und aus Scham sprechen Betroffene nicht über die Sorgen, die sie umtreiben. Folglich kann es lange dauern, bis die Patienten bereit sind Hilfe anzunehmen. Von anderen Personen wird die Überängstlichkeit oft belächelt und als Hysterie abgetan, dabei haben sich Angstpatienten längst so stark in ihrer Angstspirale verstrickt, dass sie nicht mehr herausfinden. Doch Hilfe ist möglich und die Phase der Angst lässt sich überwinden.

Gehäuft kommen Antidepressiva zum Einsatz, da diese auch eine angstlösende Wirkung haben. Allerdings reicht eine medikamentöse Therapie nicht aus, um die betroffenen dauerhaft von ihrer Angst zu befreien. Ergänzend ist hierfür eine Verhaltenstherapie zwingend erforderlich, denn nur so lernen die Patienten mit ihren schlechten Gedanken und der eigenen negativen Suggestionen umzugehen. Die Heilung erfordert aktive Mitarbeit der Betroffenen, ist aber möglich.

Die Borderline Persönlichkeitsstörung

Vielleicht sind Sie schon einmal einer Borderline Persönlichkeit begegnet oder Sie leiden selbst unter der Störung. Diese Erkrankung ist bis heute mit starken Stigmata behaftet, denn sie galt lange als Verlegenheitsdiagnose, wenn keine andere Erkrankung gefunden wurde. Heute aber weiß man, dass die emotional-instabile Persönlichkeit keine Launenhaftigkeit ist, sondern ein Krankheitsbild, was oft lebenslanger Therapie bedarf.

Viele Borderliner können gestützt durch Therapien und ein soziales Netz ein ganz normales Leben führen. Die Diagnose bzw. die Erkrankung sagt nichts über den Intellekt der Person aus, sondern nur darüber, wie eigene Emotionen verarbeitet und umgesetzt werden. Durch lebenslanges Lernen gelingt es vielen Borderlinern eine Familie zu gründen, einen Beruf zu haben und ein lebenswertes Leben zu führen.

Die Hauptsymptome der Borderline Erkrankung

  • Ein permanentes Gefühl der inneren Leere
  • Selbstverletzendes Verhalten
  • Riskantes Verhalten in vielen Lebensbereichen
  • Starke Stimmungsschwankungen
  • Manipulatives Verhalten gegenüber dritter Personen
  • Erkrankungen wie Depressionen oder Ängste


Die Symptome der Borderline Persönlichkeitsstörung lassen sich nicht einfach auflisten, denn hierfür sind sie zu komplex. Obige Symptome sind nur ein Teil dessen, was dieses Krankheitsbild ausmacht. Oft sind die einzelnen Anzeichen unterschiedlich stark ausgeprägt, es können weitere Symptome hinzukommen oder auch verschwinden.

Die Therapie der Borderline Persönlichkeitsstörung

Die Borderline Persönlichkeitsstörung ist nicht heilbar, sie kann aber, mit der richtigen Therapie, lebenslang beherrscht werden. Im Fokus steht zum einen das Wohlbefinden der Patienten selbst, aber auch das Problem der Selbstverletzung. Borderliner schneiden sich teilweise Wunden in die Haut, verletzen sich auf andere Weise und bringen sich damit in gesundheitliche Gefahren. Das selbstverletzende Verhalten rührt fast immer aus einer empfundenen Gefühllosigkeit. Die Verzweiflung bringt die Patienten dazu, sich zu verletzen, um die eigenen Gefühle wieder wahrnehmen zu können.

Neben medikamentösen Therapien gibt es spezielle Behandlungskonzepte, die nur bei erfahrenen Psychologen angewandt werden. Damit ist es möglich, die Borderline Persönlichkeitsstörung zumindest soweit in den Griff zu bekommen, dass die betroffenen Personen am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können.

Die Zwangsstörung – wenn alles seine Ordnung haben muss

Wer ständig aufräumt und es überhaupt nicht leiden kann, wenn andere Menschen Unordnung hinterlassen gilt als pedantisch. Möglicherweise steckt aber auch eine Zwangsstörung dahinter, wenn die Pedanterie zu stark ausgeprägt ist. Eine Zwangsstörung kann sich auf verschiedene Lebensbereiche erstrecken und basiert oft auf tief ausgeprägten Ängsten. Die Betroffenen führen Zwangshandlungen durch oder leiden unter Zwangsgedanken.

Das Ausführen von Zählzwängen, Waschzwängen, Kontrollzwängen und anderen Mechanismen sorgt dafür, dass die Ängste der betroffenen Personen für eine Weile gemindert werden. Danach müssen aber neue Zwänge durchgeführt werden, um ein Wiederaufflammen der Angst zu vermeiden.

Die häufigsten Symptome einer Zwangserkrankung

  • Zwanghaftes Zählen
  • Bestimmte Gehmuster, um beispielsweise Steine nicht zu betreten
  • Mehrfaches Kontrollieren der Wohnungstür und anderer Schlösser
  • Kontrollen von Herd, Mikrowelle, Kaffeemaschine mehrmals nacheinander
  • Waschzwang, der sich besonders oft auf die Hände bezieht
  • Zwang, die eigenen Haare auszureißen

Die Behandlung einer Zwangserkrankung

Zwänge sind für die betroffenen sehr belastend, insbesondere dann, wenn sie in Form von Gedanken auftreten. Plötzlich sehen Patienten Bilder vor sich, wie sie einem geliebten Menschen Schaden zufügen oder stellen sich vor, einen anderen Menschen zu verletzen oder gar zu töten. Diese Gedanken machen so große Angst, dass nicht selten ein Rückzug aus dem Privatleben erfolgt. Dabei sind die Zwangsgedanken tatsächlich reine Gedanken und werden nahezu nie in die Tat umgesetzt.

Zwangshandlungen hingegen dienen dazu, die Ängste des Zwangspatienten zu mindern. Oft haben Betroffene Angst, dass ihnen etwas schreckliches passiert, wenn sie nicht regelmäßig beten, Zahlen zählen, dreimal die Tür ab- und aufschließen oder ein anderes Ritual befolgen.

Durchbrochen werden können Zwänge nur mit harter Arbeit und therapeutischer Unterstützung. Die Behandlung selbst gestaltet sich allerdings als schwierig, denn oft sind die Muster so eingefahren, dass es monatelange Sitzungen braucht, um eine signifikante Besserung zu spüren. Wenn die Betroffenen allerdings mitarbeiten, gibt es gute Chancen auf Heilung.

Warum eine seelische Erkrankung entstehen kann

Wer an einer psychischen Erkrankung leidet, schämt sich oft buchstäblich in Grund und Boden. Dabei muss das überhaupt nicht sein. Jeder kann betroffen sein, unabhängig vom gesellschaftlichen Status oder den Lebensumständen. Zwar gibt es äußere Einflüsse, die die Entstehung einer psychischen Krankheit begünstigen können, doch in vielen Fällen können Ärzte langfristig gar nicht herausfinden, warum es genau diesen einen Patienten betroffen hat. Mögliche Auslöser können sein:

  • Besondere Erlebnisse im privaten Umfeld (Hochzeit, Jobverlust, Trennung, Elternschaft)
  • Traumatische Erlebnisse aus der Kindheit
  • Einnahme von Rauschmitteln und Substanzen
  • Zu viel Stress im Alltag und Berufsleben
  • Mangelndes Selbstvertrauen und eine grundsätzlich verängstigte Persönlichkeit

Scham ist hier also völlig fehl am Platz, denn oft entwickeln sich psychische Krankheiten aus schwerwiegenden Belastungssituationen. Wenn Sie selbst das Gefühl haben, dass bei Ihnen etwas aus dem Ruder läuft und Sie Hilfe benötigen, scheuen Sie sich nicht und suchen Sie aktiv danach. Es gibt zahlreiche Hilfsangebote, damit es Ihnen bald besser geht!

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