Verschwörungstheorien und ihre Gefahren – Ein Interview mit Yannick Meisberger vom Adolf-Bender-Zentrum

Im Rahmen der Arbeit im Adolf- Bender- Zentrum (ABZ) ist das Kernthema in allen Projekten die Demokratie- und Menschenrechtsbildung. Im Kontext der Fachstelle gegen Rechtsextremismus für Demokratie des ABZ beschäftigen sich die Mitarbeitenden zudem nicht erst seit der Corona- Pandemie mit Verschwörungserzählungen. Im Themenfeld des Rechtsextremismus sind solche Erzählungen essentielle Bestandteile demokratiefeindlicher Ideologien. Nicht selten beinhalten Verschwörungsmythen rassistische und antisemitische Narrative und sind daher in ihrem Arbeitsfeld allgegenwärtig.

Dazu erklärt Yanik Meisberger vom Adolf-Bender-Zentrum im Interview mit wndn.de: „Zu Zeiten der Corona- Krise erleben diese und viele weitere Verschwörungserzählungen eine Art Aufwind, finden öffentlichen Raum und erreichen durch neue soziale Medien eine größere Aufmerksamkeit. Dabei werden aktuelle Corona-Maßnahmen der Regierung in Bezug auf bereits bekannte Verschwörungserzählungen uminterpretiert, die auf antisemitischen und rassistischen Grundannahmen fußen. Dadurch hat sich die Beschäftigung mit diesen Mythen und deren Zielgruppen in unserer Arbeit in diesem Jahr auch ein Stück weit intensiviert.“



Wie hast du die Demos gegen die Corona-Maßnahmen auf dem Schlossplatz erlebt?

„In den letzten Wochen war eine gewisse Dynamik der Demonstrationen auf dem Schlossplatz festzustellen. Was in den Anfängen der Veranstaltungen eine Fläche für von der Krise betroffene Unternehmer*innen darstellen sollte, entwickelte sich nach wenigen Wochen zu einer Bühne für verschwörungserzählende Menschen aus vielen Bereichen des öffentlichen Lebens. Die Redebeiträge der Gäste der IG Demo St. Wendel waren teilweise gespickt mit grenzwertigen Inhalten. So wurden nicht nur Fallzahlen der Corona- Pandemie in Frage gestellt und die Infektionsschutzmaßnahmen kritisiert, oder das 5G Mobilfunknetz für Todesfälle während der Pandemie verantwortlich gemacht, sondern auch die jetzigen Einschränkungen mit dem Nationalsozialismus und dem Holocaust verglichen, was eine unsägliche Relativierung der Verbrechen des Dritten Reiches darstellt.

Zudem redeten verschiedene Personen auf der Bühne der Demo von dunklen Plänen einer Elite eines tiefen Staates, von Chemtrails und Pädophilen- Netzwerken, die Kinder entführten um an deren Blut zu gelangen, das durch dessen Adrenochrom eine verjüngende Wirkung habe. So verrückt das erstmal klingen mag, so gefährlich ist das leider auch.  Denn sie erzählen so die Ritualmordlegenden aus dem Mittelalter neu, die seit Jahrhunderten zu Gewalt und Morden gegen Minderheiten, zumeist Juden, aufgerufen haben. Damit haben die Verschwörungserzählungen mancher Corona-Leugner*innen einen antisemitischen Einschlag.

Manche der Reden wurden später auf dem YouTube-Kanal der Veranstaltenden veröffentlicht und sind dort immer noch zu finden. Andere, die ich selbst auf dem Schloßplatz gehört habe, schafften es nicht ins Netz – womöglich wegen ihres fragwürdigen Inhaltes.

Auf sachliche Kritik durch Gegendemonstrant*innen reagierten die Veranstaltenden meist höhnisch, während anonyme Briefeschreiber*innen aus ihrem Umfeld sogar im Nachgang versuchten, Einzelpersonen der Gegenseite zu denunzieren.  Auf eine Stellungnahme des Adolf- Bender- Zentrums zu den Demonstrationen in St. Wendel reagierten die Veranstalter*innen mit einer öffentlichen, schriftlichen Erklärung, in der sie neben dem ABZ auch die regionale Presse als Gegner*innen der Meinungs- und Pressefreiheit ausmachten oder ihnen gar faschistische Methoden unterstellten. Das irritiert und wirkt mindestens unreflektiert angesichts der auf der eigenen Homepage getätigten Selbstbeschreibung der Gruppe, die für sich in Anspruch nimmt, für demokratische Grundrechte und gegen Denunziation und Spaltung zu kämpfen. Wer hinter jeder Gegenrede eine Einschränkung der eigenen Rechte wittert, sollte das eigene Verständnis von Meinungsfreiheit und Demokratie überdenken.

Beeindruckend war jederzeit im Verlauf der Demoveranstaltungen, dass Meinungsfreiheit und Diskurs gefordert wurden, gleichzeitig auf Kritik an manchen Inhalten aber mit durchaus aggressiver Arroganz reagiert wurde. Zudem sind die vermeintlichen Ängste um die Meinungsfreiheit unberechtigt, sieht man sich die Menschenmenge der Demo an, die in jedem Moment auf einem öffentlichen Platz und von einer Bühne herunter jederzeit alles sagen konnte, was sie wollte.

Und – mit Verlaub – sich immer mal wieder halbherzig gegen grenzwertige Inhalte seiner Gäste zu positionieren, sie aber Woche für Woche auf der eigenen Bühne immer wieder passieren zu lassen, erweckt zumindest einen unglaubwürdigen Eindruck. Zumal die Beiträge bis dato auf dem Kanal der Veranstalter*innen zu sehen sind. Wer eine Bühne für Redner*innen öffnet, ist auch mitverantwortlich dafür, was auf dieser Bühne gesagt wird.“

Welche Gefahren bergen Verschwörungstheorien in sich?

„Wir spüren in unserer Gesellschaft insbesondere seit 2015 eine Verschiebung des Sagbaren, sowohl im politischen als auch im gesellschaftlichen Raum. Was vor wenigen Jahren noch als menschen- und/oder demokratiefeindlich eingeordnet wurde, ist mittlerweile bis in die Mitte der Gesellschaft vorgedrungen und wird als freie Meinungsäußerung angesehen. Diskriminierende, rassistische Ressentiments finden wieder vermehrt den Weg in die Öffentlichkeit und werden als Systemkritik verpackt.

Verschwörungsmythen haben schon in der Geschichte vermehrt zu Denunziationen, Gewalt und Mord an Minderheiten beigetragen und waren nicht zuletzt ideologische Sinnstifter für die Legitimation schlimmer Taten. Wenn wir auf die Vergangenheit blicken, stellen wir fest, dass sich vor nahezu allen rechtsterroristischen Attentaten und Anschlägen der jüngeren Vergangenheit die Täter zuvor auch im Internet radikalisiert haben und in ihren Bekennerschreiben Bezug auf verschwörungsbehauptende Erzählungen genommen haben. An dieser Stelle sei exemplarisch auf die Anschläge in Halle und Hanau hingewiesen.

Der Attentäter von Hanau hat sich in seinem Bekennerschreiben beispielsweise auf Begrifflichkeiten wie den „großen Austausch“ bezogen, einen angeblich dunklen Plan einer Weltregierung also, deren Marionette die deutsche Bundesregierung darstellen würde und das deutsche Volk dezimieren wolle. Dahinter steht dieselbe antisemitische und antimuslimische Großerzählung, die auch von einigen Corona- Leugner*innen aufgegriffen wird. Und leider auch von manchen Rednern auf der Bühne der IG Demo St. Wendel.

Die Gefahr der Verschwörungsmythen besteht darin, dass sich Menschen radikalisieren und sich, so wie die Attentäter von Halle und Hanau, dazu berufen fühlen, tätig zu werden. Eine gesamtgesellschaftliche Krise, so wie die derzeitige Situation mit Corona, fördert diesen Komplex nicht unerheblich.“

Viele Menschen belächeln sie und schenken ihnen keinen Glauben. Wie glaubst du, werden andere Menschen wiederum davon überzeugt, dass sie wahr sein müssen?

„Verschwörungserzählungen beinhalten für Sinnsuchende gerade in Krisenzeiten oftmals die vermeintlich fehlenden Puzzleteilchen. Ganz plötzlich macht alles wieder einen Sinn, wenn sich doch „die da oben“ gegen „die da unten“ verschworen haben. Das gibt manchen Menschen ein Gefühl von Kontrolle zurück in einer Zeit, in der etwas größeres – wie eben ein Virus – die Kontrolle übernommen zu haben scheint.  Das hat in seiner Funktion auch etwas Identitätsstiftendes, von wegen „Ich habe etwas erkannt, was die anderen noch nicht gemerkt haben“. Verschwörungsglaubende zählen sich also zu den Erwachten, die der Mehrheit der Menschen weit voraus zu sein scheinen. Dazu kommt dann der Aspekt der Gruppendynamik, in der man sich gegenseitig in seinem Glauben bestätigt und bestärkt – das Internet mit seinen heutigen Möglichkeiten macht dann den Rest.“

Was geht deiner Meinung nach in Menschen vor, die sich auf eine Bühne – ob bei Demos oder in der digitalen Welt – stellen und ihre Theorien bei ihrem Publikum verbreiten?

„Pauschal lässt sich sicherlich schwer sagen, was in den Menschen vorgeht, die auf die Bühne gehen und Verschwörungsmythen weitererzählen.

Es war in St. Wendel jedenfalls zu beobachten, dass sich auf den Demos sowohl Personen auf die Bühne stellten, die sachlich und ehrlich von ihren Herausforderungen und Schicksalsschlägen während der Corona- Pandemie berichteten und über ihre Ängste sprachen, als eben auch Menschen, die krude und potenziell gefährliche Theorien für bare Münze verkaufen wollen.

An dieser Stelle ist es wichtig, auf einen weiteren Funktionsaspekt von Verschwörungserzählungen zu schauen. Die vermeintlichen Theorien verkürzen und erleichtern komplexere Sachverhalte des politischen und gesellschaftlichen Lebens. Sie teilen die Welt in „Gut und Böse“ ein. Zufälle werden gänzlich ausgeschlossen. Sie schaffen so ein dichotomes Weltbild. Doch so einfach ist die Welt nicht. Es gibt nicht nur Gut und Böse. Dazwischen gibt es noch wesentlich mehr und die aktuelle Situation ist viel komplexer.

Wir hören oft „Das wird man doch wohl noch sagen dürfen…“.  Dem ging voraus oder folgt nicht selten eine grenzwertige bis diskriminierende Haltung gegenüber Menschengruppen. Seien es Migrant*innen, oder politische Gegner*innen, oder eben die Elite.

In einer Demokratie ist es ohne Frage essentiell, seine Meinung frei und öffentlich äußern zu können. Das macht eine liberale, demokratische Gesellschaft aus und darf niemandem genommen werden. Die Grenze liegt nur eben da, wo andere Menschen und Minderheiten angefeindet und diskriminiert werden. Außerdem muss es im Umkehrschluss immer möglich sein, an eben diesem Gesagtem Kritik zu äußern – vor allem, wenn es auf öffentlichen Bühnen gesagt wird.“

Machen diese Menschen sich Krisen, wie die gegenwärtige Corona-Krise, zu Nutze? Werden sie durch Krisen gestärkt?

„Es ist immer wieder festzustellen, dass gerade in Krisenzeiten Menschen sehr anfällig sind für fundamentalistische Ideologien. Nicht selten machen sich auch rechtspopulistische Organisationen und rechtsextreme Gruppen dies zu Nutze und wittern großes Potential in einer solchen Dynamik. Und das kann unterschiedliche Motive haben. Nicht selten sind es wirtschaftliche. So verkaufen die „Erwachten“ oftmals von Büchern bis zu Merchandise eine Vielzahl an Produkten – vermarkten also neben ihren Theorien ihre Person oder Gruppe gleich mit. Die Krise wird so zum Geschäftsmodell. Beispiele gibt es dafür viele, auch prominente.

Und das Internet macht heute so vieles möglich. Da findet jede*r sein Publikum.“

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