Tholey – Richter-Fenster enthüllt

Die Zeit des Wartens ist vorbei: Nach mehr als zweijähriger Renovierung wird die Tholeyer Benediktinerabteikirche St. Mauritius ab diesem Samstag mit einer Festwoche aus Konzerten und Gottesdiensten wiedereröffnet. Gestern stellte Abt Mauritius Choriol OSB Medienvertretern die drei neuen Chor-Fenster von Gerhard Richter offiziell vor. Richter gilt als der bedeutendste lebende Künstler der Welt. Die Tholeyer Fenster sind das finale Werk des 88-jährigen Kunst-Stars. Sie können ab Oktober besichtigt werden.

„Genialer Alleskönner der modernen Kunst“

Wenn „DER SPIEGEL“, „BILD“ und „FAZ“, „tagesschau“ und „heute journal“, ja sogar die „New York Times“ über Tholey berichten, muss etwas Besonderes passiert sein. Und tatsächlich hat mit Gerhard Richter nicht irgendein Künstler die neuen Chorfenster der Abteikirche entworfen. Seine Werke sind auf dem Kunstmarkt die teuersten eines lebenden Künstlers: Mehr als 20 seiner Werke wurden bereits auf internationalen Kunstauktionen für mehr als 20 Millionen Dollar verkauft. Das New Yorker Metropolitan Museum eröffnete im März dieses Jahres ihm zu Ehren eine Retrospektive. Im „Kunstkompass“, einem Ranking der weltweit gefragtesten Künstler der Gegenwart, belegt Richter seit Jahren Platz eins. Der britische „Guardian“ bezeichnete Richter als „Picasso des 21. Jahrhunderts“. Die „BILD“-Zeitung nannte ihn aufgrund seiner Vielseitigkeit den „genialen Alleskönner der modernen Kunst“.  

„Das fängt mit ‚Tisch‘ als Nummer eins an. Und die Fenster haben Nummer 957. Ja. Aus.“

Richters Werkverzeichnis umfasst fast 1.000 Werke. Das Öl-Gemälde „Tisch“  nahm der gebürtige Dresdener im Jahr 1962 als Werk Nr. 1 in sein Werkverzeichnis auf. Richter war damals gerade aus der DDR nach Westdeutschland geflohen. Die nun enthüllten Tholeyer Chorfenster, die Richter unentgeltlich entwarf, haben die Nummer 957. Sie sind das letzte große Werk des weltberühmten Künstlers: „Das ist sicher meine letzte Werknummer, sagte Richter in Köln der Deutschen Presse-Agentur.  

Er glaube nicht, dass er später noch große Malereien mache: „Kann ich mir nicht vorstellen. Da müsste ja ein Wunder geschehen.“ Wenn er jetzt noch was mache: „Dann zeichne ich nur und mache Entwürfe für Ausstellungen. Kleinere Sachen.“

„Ich bin erstaunt. Ich hätte mir das nicht träumen lassen“

Richters Entwürfe wurden von der „Bayerischen Hofglasmalerei Gustav van Treeck“ umgesetzt. Die Umsetzung seiner Kunst durch die Münchener Werkstatt gefällt Richter sehr gut: „Ich bin sehr zufrieden damit, dass die das schön hingekriegt hat, die Werkstatt“. „Ich bin erstaunt. Ich hätte mir das nicht träumen lassen, dass das so gut geht“, sagte Richter.

Bislang hat Richter nur Fotos der jeweils 1,95 mal 9,30 Meter großen Fenster gesehen. Wenn es gesundheitlich klappe, werde er sich die Fenster in der frisch sanierten Abteikirche aber eines Tages anschauen: „Das habe ich schon vor, wer weiß wann das geht.“

„Wir sind sehr froh über das unfassbare Geschenk“

Innenraum der Abteikirche bei der gestrigen Vorstellung der Richter-Fenster (Foto: Funck)

In der Abtei Tholey ist die Freude über Richters letztes Meisterwerk groß: „Wir sind sehr froh über das unfassbare Geschenk, das wir von Gerhard Richter bekommen haben“, sagte Abt Mauritius gestern in der frühgotischen Abteikirche. Die Abtei in Tholey sei nun nicht nur das älteste, sondern auch das schönste Kloster Deutschlands, scherzte der gebürtige Franzose. Anders als die übrigen 29 neuen Abtei-Fenster, die von der deutsch-afghanischen Künstlerin Mahbuba Maqsoodi gestaltet werden, sind Richters Fenster nicht figürlich, sondern abstrakt. Den Abt stört dieser Gegensatz aber nicht: „Ich finde es wunderbar, dass das letzte Geheimnis, also das Gottesgeheimnis, das letzte Mysterium nicht figürlich dargestellt wird. Denn es ist zutiefst christlich, dass wir in diesem Leben kein Bild von Gott haben.“

Die Fenster sollen Trost und Freude bringen

Das Interesse an der renovierten Abtei und den Richter-Fenstern ist riesig. Dies zeigt sich nicht nur am nationalen und internationalen Medienecho. Für jeden Tag im Oktober wurden bereits Gästeführungen gebucht. Die Gemeinde Tholey rechnet mit 100.000 Besuchern pro Jahr. Es sei aber egal, ob nun 10.000 oder 100.000 Besucher kämen, sagt Abt Mauritius: „Die Fenster sollen Trost und Freude bringen. Und sie sollen uns Gott näherbringen.“

Die Fenster seien „eine große Chance, mit den Menschen wieder ins Gespräch über die Transzendenz zu kommen“, so der Abt. „Wir haben die Möglichkeit auf einen Dialog in Zeiten, in denen die Kirche an Bedeutung verliert.“

Für den Abt sind die neuen Fenster somit Teil der Verkündigung des christlichen Glaubens. Die Kirche habe „über Jahrhunderte Architektur, Malerei und Musik in ihre Verkündigung“ eingebaut. All dies helfe „dem Menschen neben der Verkündigung in Wort und Tat eine Ahnung der Vollkommenheit zu erlangen.“

Die Abtei interpretiert die Richter-Fenstern daher auch religiös: „Wenn Sie im Diskurs mit anderen Religionen, anderen Konfessionen oder Atheisten die Frage nach der Vorstellung von Gott stellen, vielleicht auch nur als Hypothese, so wird man sich doch darauf einigen können: Wenn es so etwas wie Gott gibt, wäre es die höchste Harmonie, die höchste Perfektion, etwas Absolutes. Und das findet sich in dem Fenster durch Musik, Form und Farbe wieder.“

„…obwohl ich ja…Lust dazu hätte“               

Die Abtei Tholey hatte die Anfrage an Richter vor zwei Jahren gestellt. Der künstlerische Leiter der Musikfestspiele Saar Bernhard Leonardy, der den Kontakt zu Richter hergestellt hatte, erzählte bei der Vorstellung der Entwürfe im vergangenen Jahr, wie es der Abtei und ihm gelungen war, Richter von dem Projekt zu überzeugen. Nach der Anfrage an Richter, ob er sich vorstellen könne, Fenster für die Abteikirche zu entwerfen, sprach Richter Leonardy im Juni 2018 auf den Anrufbeantworter. Zunächst sagte Richter: „Ich bin einfach zu alt, ich glaube nicht, dass ich es schaffe…“ Dann eine lange Pause. 10 Sekunden lang. 10 Sekunden, in denen laut Leonardy wohl der Heilige Geist wirkte. Denn Richter fuhr fort: „…obwohl ich ja… Lust dazu hätte.“ Am Ende war die Lust größer als die Bedenken.

Muster für Tholeyer Richter-Fenster stammen aus „Patterns“

Die Vorlage für die Tholeyer Richter-Fenster ist ein abstraktes Bild Richters aus dem Jahr 1990 mit der Werkverzeichnis-Nummer 724-4.

Abstraktes Bild, 1990, 92 cm x 126 cm, Werkverzeichnis: 724-4, Öl auf Leinwand (Foto: gerhard-richter.com)

Auf den ersten Blick haben das abstrakte Bild 724-4 und die Entwürfe für die Tholeyer Hauptchorfenster mit ihren orientalisch anmutenden Mustern jedoch wenig gemeinsam. Wie entstanden also aus diesem abstrakten Bild die Entwürfe für die Tholeyer Fenster? Dazu muss man Richters Buch „Patterns“ kennen, aus dem die Muster für die Tholeyer Richter-Fenster stammen. Für dieses Buch teilte Richter das abstrakte Bild 724-4 in die Hälfte, in Viertel, in Achtel, in Sechzehntel und so weiter. Die jeweiligen Streifen, die dabei entstanden, wurden von Richter dann gespiegelt und vervielfacht. Die Motive der drei Tholeyer Chorfenster stammen aus der „16er-Serie“.

Verstanden? Nein? Dann mal Schritt für Schritt: Zunächst hat Richter das abstrakte Bild 724-4 vertikal in 16 Streifen geschnitten. Jeden dieser Streifen hat er dann in seinem Buch „Patterns“ gespiegelt und anschließend versechzehnfacht. Dadurch sind neue Bilder bzw. neue Muster (engl. patterns) entstanden. Unter anderem hat er auch den zehnten Streifen gespiegelt und versechzehnfacht.

Schritt eins: Das Bild wird in 16 Streifen geschnitten. Im Bild sehen wir den zehnten Streifen von links.
In Schritt zwei wird der zehnte Streifen nun gespiegelt und anschließend versechzehnfacht (Foto aus „Patterns“)

Viele Muster der neuen Tholeyer Hauptchorfenster hat Richter aus der Spiegelung dieses zehnten Streifens gewonnen. Zum Beispiel stammen alle drei Muster des nördlichen Hauptchorfensters aus der Spiegelung dieses zehnten Streifens.

Gut zu erkennen: Die Muster (gelb umrandet) für das nördliche Hauptchorfenster (links) stammen aus einem Bild aus Richters Buch „Patterns“ (rechts)

Zur Information:

Blick vom Barockgarten auf die Abteikirche (Foto: Funck)

Die Abtei Tholey in Tholey im Saarland ist ein Benediktinerkloster im Bistum Trier. Das Kloster wurde 634 n. Chr. erstmals urkundlich erwähnt und gilt als ältestes Kloster auf deutschem Boden. Zurzeit leben in der Abtei zwölf Mönche aus fünf Nationen im Alter zwischen 24 und 75 Jahren. Die heutige frühgotische Abteikirche aus dem 13. Jahrhundert zählt zu den ältesten gotischen Kirchen Deutschlands.

Die Klosteranlage ist ab Oktober wieder für Besucher geöffnet – und zwar von Mittwoch bis Montag zwischen 10 und 17 Uhr (Dienstag: Ruhetag). Der Eingang erfolgt über das neue Besucherzentrum in der Römerallee 5. Dort ist neben einer Ausstellung auch der Klosterladen zu finden, in dem Produkte aus der Region angeboten werden; darunter auch Honig, Marmelade und Obstbrände aus der Abtei selbst, das neue Tholeyer Abteibräu und der Abtei-Wein.

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