Schönheitswahn aus philosophischer Sicht – ein Interview mit Nikola Gerber

Nachdem wir im letzten Teil unserer Serie mit Frauenrechtlerin Karin Schüßler unter anderem den alltäglichen Schönheitswahn, Wege, sich diesem zu entziehen und das „Älter werden“ thematisiert haben, sprechen wir im heutigen Interview mit Philosophiestudentin Nikola Gerber über innere Schönheit, die Beeinflussung durch die Medien und die Auswirkungen des Schönheitswahns.

wndn.de: Nikola stell dich unserer Leserschaft doch mal vor.

Nikola Gerber: „Ich heiße Nikola Gerber, komme aus St. Wendel, bin 24 Jahre alt und studiere unter anderem Philosophie. Im Rahmen dessen habe ich mich schon mehrfach mit dem interessanten und komplexen Thema „Schönheit“ auseinandergesetzt. Ich gehöre zu den Menschen, die sich dem gesellschaftlichen Druck in Bezug auf den Schönheitswahn nicht unterordnen. Ich bin dafür, dass wir unserem Wesen und individuellen Aussehen treu bleiben statt uns in Schönheitsklone zu verwandeln.“

Schönheit liegt bekanntermaßen im Auge des Betrachters- wie siehst du das?

 „Das stimmt. Unsere subjektive Wahrnehmung entscheidet darüber, ob wir etwas oder jemanden schön finden. Was oder wen wir individuell als schön empfinden, ist letztlich von unserer Erziehung, verschiedensten Umweltfaktoren, unseren Genen und unserer persönlichen Entwicklung abhängig. Andererseits existiert aber auch die „objektive“ Schönheit, denn es bestehen grundlegende Kriterien, an denen sich festmachen lässt, ob jemand oder etwas „objektiv schön“ ist. So wie es in der Kunst den goldenen Schnitt gibt, der ideale Proportionen und den Inbegriff von Ästhetik wiederspiegelt, so gibt es einen solchen auch in Bezug auf die menschliche Schönheit. Wenn etwa beide Gesichtshälften nahezu symmetrisch zueinander sind und Mund, Nase und Augen in einem gewissen Verhältnis zueinander stehen, empfinden wir ein Gesicht als besonders schön. Eine Frau soll zudem eine schlanke Figur mit den typischen 90/60/90-Maßen, weibliche Rundungen und lange Haare haben. Ein Mann, der über besonders markante Gesichtszüge, breite Schultern, einen trainierten Körper und Größe verfügt, wird von der Damenwelt als sehr attraktiv empfunden.“

Was bedeutet innere Schönheit für dich? Und warum steht sie häufig nur an zweiter Stelle?

„Zur inneren Schönheit gehören unsere positiven Charaktereigenschaften, Kompetenzen und Werte, wie beispielsweise Ehrlichkeit, Treue, Zuverlässigkeit, Humor, Intelligenz, Ausstrahlung, Selbstbewusstsein. Das, was auf den ersten Blick sichtbar ist, ist nun mal unsere äußere Hülle, die beim ersten Eindruck  für viele Menschen ausschlaggebend ist. Alles, was wir zu bieten haben und was uns ausmacht, lässt sich vom Hinsehen alleine nicht erkennen. Unsere optische Erscheinung ist unter anderem so wichtig, weil schönen Menschen automatisch positive Eigenschaften zugeschrieben werden. Insbesondere Erfolg wird häufig mit Schönheit und Schlankheit gleichgesetzt. Ob das wirklich so ist, hinterfragen wir häufig nicht. Folge: Die „Schönen“ werden beneidet und begehrt. Im Gegensatz dazu werden korpulente Menschen ganz schnell als undiszipliniert, erfolglos und unfähig sich im Leben zu behaupten, abgestempelt, was natürlich nicht gerecht ist.

Zahlreiche Studien belegen, dass es objektiv schöne Menschen im Leben leichter haben und sich ihnen viel mehr Türen öffnen, als weniger objektiv schönen Menschen. Weltweit legen sich Frauen wie Männer freiwillig unters Messer und investieren teilweise beachtliche Summen um dem Schönheitsideal gerecht zu werden, dem man gar nicht gerecht werden kann.

Viele von uns sollten daran arbeiten ihr Schubladen-Denken abzulegen, offener zu werden und zu verinnerlichen jedem Menschen, unabhängig von seinem Aussehen, eine Chance zu geben. Sei es in der Bar, im Restaurant oder Club, auf der Arbeit, beim Bewerbungsgespräch oder auf offener Straße- kein Mensch kann absolut  und hundertprozentig objektiv sein, aber engstirnige Vorurteile bringen uns auch nicht weiter.“

Wie beeinflussen Werbebotschaften unser Denken über Schönheit?

„Was die Medien uns vorgaukeln ist in meinen Augen unverantwortlich, insbesondere im Hinblick auf junge heranwachsende Menschen. Einige Teenager orientieren sich stark an dem, was die Öffentlichkeit ihnen vorgibt. Die Gleichsetzung von Schönheit und Schlankheit mit Liebe, Erfolg und Glück, teile ich nicht. Das Schlanksein in unserer Gesellschaft gibt uns vor Disziplin und Selbstbeherrschung zu besitzen. Es verkörpert die Fähigkeit zur Steuerung und Beherrschung von Begierden und das in einer Welt, die uns angesichts der Vielzahl von Genusswaren, geradezu dazu verleitet und dazu drängt die Kontrolle zu verlieren. Das Ziel des Schlankseins ist oft der Wunsch nach gesellschaftlicher Akzeptanz, Bewunderung und Bestätigung. Dies wiederrum knüpft an Erfolg und Neid.

Die Werbung arbeitet mit den üblichen Sehnsüchten der Menschen nach Anerkennung, Liebe, Geborgenheit, Leistung und Erfolg und suggeriert gleichzeitig, dass all dies etwa mit Hilfe bestimmter Produkte erfüllt werden kann. Absichten von Werbebotschaften zu entschlüsseln und zu entkräften, ist in Anbetracht der heutigen Informationsflut, auch über die Social-Media-Kanäle, nicht gerade einfach. Frust und Unzufriedenheit werden ganz leicht geweckt, wenn wir uns einer Konkurrenz stellen müssen. In der Werbung passiert das ständig, denn kein Spot kommt mehr ohne topgestylte Models aus. Ganz gleich, ob in Klamotten-, Lebensmittel- oder Autowerbungen- überall sieht man schlanke und gutaussehende, oft auch spärlich bekleidete Models, mit Hilfe derer das Ziel der Aufwertung und des Erfolgs der Werbung gesichert werden soll. Den Zuschauern wird dadurch vermittelt, dass sie durch den Kauf des jeweiligen Produktes genauso erfolgreich und beneidenswert werden können.

In den 20er Jahren gab es noch Werbungen, in denen Produkte zur Gewichtszunahme beworben wurden, da damals eine gut genährte Figur ein Zeugnis für Wohlstand war. Dünnsein hingegen war ein Anzeichen für Armut und Krankheit. Heutzutage häufen sich die vermeintlich funktionierenden Abnehmwunder-Produkte. Es ist kein Geheimnis, dass solche Produkte viel versprechen und wenig halten. Die Werbebotschaften sind heute sehr widersprüchlich- einerseits wird ein extremer Schönheitswahn kommuniziert, es werden Schlankheitserzeugnisse angepriesen und andererseits wird für den Kauf von Nahrungs- und Genussmitteln geworben.“

„Wer schön sein will, muss leiden!“- Was meinst du zu dieser Aussage?

„Wenn man etwas erreichen will, muss man in der Regel dafür arbeiten, Zeit investieren und sich bemühen. Oftmals bringt dies Hindernisse und Schwierigkeiten mit sich. In Bezug auf unser Thema ist es nun mal so, dass gewisse körperliche Gegebenheiten wie etwa eine krumme Nase, ein kleiner Busen oder Ähnliches sich nicht durch Ernährungsumstellungen oder Sport verändern lassen. Ob man aber nun wirklich leiden muss, in dem man sich beispielsweise kostspieligen und schmerzhaften Operationen unterzieht, sei jedem selbst überlassen. Sollte man, je nach Grad der psychischen Belastung, die der „Schönheitsmakel“ verursacht, nicht eher an seinem Selbstwertgefühl arbeiten und sich eigene Schönheitsmaßstäbe setzen, anstatt sich der Masse unterzuordnen?“

Vom bewundernswerten Ideal zum selbstzerstörerischen Wahn- welche Auswirkungen kann der Schönheitswahn haben?

„Die innere Sehnsucht nach Perfektionismus ist wie das Streben nach Glück- menschlich. Alles, was den Anschein von Perfektionismus erweckt, bewirkt in uns einen Reiz, fasziniert uns und hat eine bestimmte Wirkung auf uns: Man wird emotional und stellt eine Verbindung zur eigenen Persönlichkeit und dem eigenen Leben her. Man geht davon aus, wenn man „perfekt“ sei, sei man automatisch selbstbewusster, stärker, erfolgreicher und schließlich glücklicher, aber das ist ein Trugschluss. Speziell Frauen haben oft ein verzerrtes Selbstbild. Manche sehen gar nicht wie schön sie sind. Auch die Männerwelt macht es uns Frauen nicht leicht. Viele Herren sind der Meinung, dass eine Frau so auszusehen hat, wie manch eine Leinwandschönheit. Dass genau solch eine jedoch meistens vielfach operiert ist und oder etliche Menschen damit beschäftigt und dafür bezahlt, dass sie so aussieht, wie es scheint, wird dabei ausgeblendet. Berufsschönheiten haben Visagisten, Stylisten, Friseure, Personal-Trainer und viele weitere Menschen, die sie tagtäglich dabei unterstützen eine Illusion aufrechtzuerhalten und „perfekt“ zu wirken. Da wird morgens schon stundenlang professionell geschminkt und frisiert, was das Zeug hält. Sowas gehört aber nicht zum Alltag einer „normalen“ Frau- das ist Fake. Viele Frauen glauben beispielsweise mittels Diäten oder Operationen noch dünner oder „schöner“ werden zu müssen und das kann schnell krankhaft werden. Verheerende Konsequenzen können etwa Essstörungen, Depressionen, physische Erkrankungen und vieles mehr sein. Wenn man bereit ist gesundheitliche Risiken in Kauf zu nehmen, nur um so zu sein, wie es die Gesellschaft uns vorgibt, ist das nicht nur schade, sondern kann auch sehr gefährlich werden.“

 Was ist dein Abschlussfazit?

„Wie heißt es? Nobody´s perfect und das ist wahr.  Das Nacheifern eines Schönheitsideals ist in meinen Augen vergeudete Zeit. Bleiben wir so wie wir sind mit allem, was uns ausmacht- auch äußerlich, denn nur so sind wir einzigartig. Wir sind unseres Glückes Schmied.“

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