Marpingen: Chapeau Johanna, Hut ab!

Treppen steigen, Straßen überqueren, von Tafel oder Leinwand abschreiben, Aufgaben lesen, zur Umkleide gehen…was für ihre Mitschülerinnen und Mitschüler selbstverständlich ist und ohne besondere Anstrengung bewältigt wird, ist für sie eine ständige Herausforderung. Johanne Recktenwald, 17 Jahre, Schülerin der Gemeinschaftsschule Marpingen und ein Jahr vor dem Abitur, stellt sich dieser Herausforderung. Und mehr noch: Sie setzt sich selbstbewusst dafür ein, ja sie kämpft auch darum, dass sie trotz ihrer Sehschwäche ein Leben wie alle anderen leben kann. Das heißt für sie: an ihrer Schule Abitur machen, d.h. ihre Lieblingssportart ausführen und trainieren, d.h. an Schulausflügen teilnehmen, selbst wenn diese in eine unübersichtliche Millionenstadt führen, d.h. für sie auch an allen Aktivitäten teilnehmen, die für andere normal sind. 

Johanna Recktenwald ist mit einer Sehstärke von max. 3% stark sehbeeinträchtigt. Für Johanna gibt es keine Konturen, keine klaren Formen, keinen eindeutigen Farben. Sie unterscheidet die für sie erkennbare Welt eher in hell und dunkel. Das ermöglicht ihr noch eine ungefähre Orientierung, doch ist an einen normalen Alltag wie für gut Sehende nicht zu denken. Festgestellt wurde ihre seltene Augenerkrankung bei der Einschulung. Seitdem verschlechtert sich ihr Sehvermögen sukzessive – ohne Aussicht auf Verbesserung. Ihr körperliches Handicap bringt in Schule, Freizeit, auf Reisen und bei der Mediennutzung große Beeinträchtigungen mit sich. In vielen Fällen agiert Johanna blind, so z.B. in Städten mit großen Menschenmengen, in vollen Bussen oder Bahnen oder generell immer dann, wenn schnelle Reaktionen gefordert sind. 

Im Unterricht an der Gemeinschaftsschule Marpingen benötigt sie neben einem eigenen PC zur starken Vergrößerung der Arbeitsmaterialien die Vor- und Nachbereitung des Unterrichtsstoffs zusammen mit ihrer begleitenden Lehrerin Manuale Groß. Da sei ein gutes Arbeitsverhältnis und gegenseitige Sympathie Grundbedingung. Auch Klassen- und vor allem die Abiturprüfung im kommenden Jahr sind für sie echte Herausforderungen. Denn bei der Vergrößerung der Aufgabenblätter um ein Vielfaches ist der Textzusammenhang nur schwer zu erschließen. Auch Abbildungen und Grafiken sind für sie nur mit äußerster Anstrengung, oft sogar nicht entschlüsselbar. Es ist aber gerade ihr DENNOCH, ihr Wille, diese Herausforderungen zu meistern, die die junge Frau von knapp 18 Jahren auszeichnet. Dass sie an ihrer Regelschule Abitur machen kann, das haben sie und ihre Eltern sich erkämpfen müssen. Inklusion sei zwar ein Modewort, doch in der Realisierung im Schulalltag seien noch immer große organisatorische und materielle und mentale Hürden zu nehmen. Das könnte auch zu Spannungen mit Mitschülern führen, doch genau dies ist nicht der Fall: Johanna ist voll in die Klassengemeinschaft integriert, mit vielen Gesprächen und viel Verständnis von beiden Seiten wird es ihr und auch den Lehrern und Mitschülern gelingen, dass dieses Inklusionsprojekt zum Erfolg führt. Davon sind alle Beteiligten überzeugt. Trotz organisatorischer Schwierigkeiten ist man in Marpingen diesen Weg gegangen – getreu dem Leitbild der Schule, allen Schülerinnen und Schülern die für sie adäquate Schulausbildung zu ermöglichen. 

Doch Johanna stellt sich nicht nur ihrer schulischen Situation. Sie hadert selten und wenn, dann nur kurzfristig mit ihrer Situation. Sie ergreift eher die Chancen, die sich ihr ganz individuell bieten – so die Möglichkeit, auch mit ihrer Sehbehinderung sportliche Hochleistungen bringen zu können. Sie habe schon als Kind Spaß an Sport und Bewegung gehabt, und als sich ihr dann vor drei Jahren die Möglichkeit bot, in die Biathlon-Auswahlmannschaft für Menschen mit Beeinträchtigungen aufgenommen zu werden, zögerte sie nicht lange. Sie nahm im Dezember 2018 am Para-Weltcup in Finnland teil: viermal Platz 3 – Bronzemedaille im Langlauf und Biathlon. Es folgte weiteres Intensivtraining zusammen mit ihrem Begleitläufer vom Olympia-Stützpunkt Freiburg, Simon Schmidt. Und dann, im Februar 2019, bei der Ski-nordisch-WM für Menschen mit Behinderungen in Kanada- wieder eine Medaille: drittbeste Para-Biathletin weltweit. Sie ist nun auch für die deutsche Paralympics-Mannschaft im Jahr 2022 in Peking nominiert. Beim Schießen orientiere sie sich mit der eigens eingerichteten akustischen Zielanvisierung am Gehör, beim Laufen unterstütze sie ihr Begleitfahrer, mit dem sie im ständigen Kontakt über eine Gegensprechanlage sei. Auf die Frage, wie sie gerade als Saarländerin, weit ab von alpinen Wintersportgeschehen, denn gerade auf Biathlon komme, gibt sie eine überraschende Antwort: Sie habe schon immer Kampfgeist entwickelt, habe sich schon immer Ziele gesetzt und könne auch sehr konzentriert an deren Umsetzung arbeiten. Sportliche Bewegung mache ihr nicht nur Spaß, sie brauche diese geradezu, um ausgeglichen zu sein. Biathlon verbinde eben beides: Ziele konzentriert anvisieren und dabei den Spaß an der Bewegung nicht hintenanstellen.

Der große Erfolg in Kanada beflügelt die junge Frau. Die konstruktive und vor allem freundschaftliche Zusammenarbeit mit ihren ehrenamtlich tätigen Begleitläufer Simon fördert bei ihr das Vertrauen, das sie benötigt, um auch andere Alltagssituationen zu meistern – Selbstvertrauen, das Einlassen auf andere, ohne deren Hilfe sie vieles nicht angehen könnte. Und diese Fähigkeit, Vertrauen aufzubauen und selbstbewusst neuen Situationen und Herausforderungen zu begegnen, macht sie stark. Selbst eine Studienfahrt nach Paris mit Partnerschülern eines elsässischen Gymnasiums war mit ihrer positiven Einstellung ohne weiteres möglich: In Gedränge der Metro konnte sie sich auf ihre Freundinnen verlassen, die stets den Kontakt zu ihr hielten und sie vor Hindernissen warnten – wenn auch der ein oder andere Pariser Begrenzungspfosten seine Spuren hinterließ. Doch diese kleinen Beschwernisse hindern sie nicht, am gemeinsamen Programm teilzunehmen. Für die Fahrradtour am Ufer der Seine wurde kurzerhand ein Tandem organisiert. Die Bilder im Musée d’Orsay wurden abfotografiert und für sie zumindest partiell in der Bildvergrößerung betrachtbar gemacht. Audioguides ermöglichten ihr in Versailles oder der Assemblée Nationale einen Eindruck von der überbordenden Pracht und der historischen Bedeutung der Gebäude. 

Ihr Durchhaltevermögen und das Verständnis ihres Umfeldes wie auch die Bereitschaft, organisatorische oder materielle Probleme kreativ zu lösen, ermöglichen es Johanna, trotz ihrer Beeinträchtigung am normalen Alltagsleben teilzunehmen. Aber mehr noch. Johanna ergreift die Möglichkeiten, die sich durch ihre Beharrlichkeit bieten und schafft es, herausragende Leistungen im sportlichen und schulischen Bereich zu erzielen. Sie ist damit auch Vorreiterin für alle, die aufgrund ihrer Beeinträchtigung oft übersehen, übergangen und ausgegrenzt werden. Das ist ihren Mitschülerinnen und Mitschülern, ihren Lehrern und der Schulleiterin Petra Brenner-Wolff eine besondere Auszeichnung wert. Am vergangenen Montag ehrten Sie Johanna mit der Überreichung eines leuchtenden Eiffelturms als Erinnerung an ihr Paris-Erlebnis und lang anhaltendem Applaus. Chapeau Johanna– Hut ab.

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