Lehren in Zeiten von Corona – zwischen Online- und Präsenzunterricht

Der 33-jährige Marc Kessler aus Namborn ist mit Leib und Seele Lehrer. Er arbeitet am Berufsbildungszentrum Hochwald in Nunkirchen bei Wadern und unterrichtet 10 Klassen in Mathematik und Metalltechnik. Seit dem Ausbruch der Coronapandemie entwickelten sich für ihn als Lehrkraft große Umstellungen, die den Schulalltag zu einer echten Herausforderung machen. Wie sich der Unterricht aktuell gestaltet, welche Schwierigkeiten und zusätzlichen Anforderungen bestehen, wie die Schüler mit den ständigen Änderungen zurechtkommen und vieles mehr erläutert der Studienrat im folgenden Interview.

Marc, zunächst einmal eine ganz allgemeine Frage bevor wir zum Lehrer-Dasein zu Coronazeiten übergehen: Warum bist du Lehrer geworden?

„Nach meinem Maschinenbau-Studium habe ich zunächst in der freien Wirtschaft gearbeitet. Nach einem Jahr eröffnete sich mir, als Quereinsteiger, die Möglichkeit ein Referendariat als Lehrer zu absolvieren.

Es macht mir Spaß mit Jugendlichen zusammenzuarbeiten und sie auf ihrem Weg in die Selbstständigkeit und ins Erwachsenenleben zu begleiten und zu fördern. Ich habe einen Draht zu jungen Menschen und die Arbeit bereitet mir Freude.

Der Job als Lehrer hat, auch wenn er sehr stressig sein kann, viele Vorteile. Man hat seine Pflichtschulstunden und Konferenzen, kann sich die Arbeit für die Vor- und Nachbereitung des Unterrichts aber teilweise flexibel einteilen, was mir als spontanem Menschen sehr zusagt. Auch die Jobsicherheit im Staatsdienst, die Verbeamtung (in meinem Fall) und die Besoldung sowie die Pension sind positive Aspekte, die zu diesem Berufsbild gehören.“

Was ist für dich als Lehrer die größte Herausforderung seit Beginn der Pandemie?

„Seit dem Ausbruch der Coronapandemie wechseln die Stunden- und Einsatzpläne ständig, was unter normalen Umständen in der Regel nur halbjährlich geschieht. Was diese Woche gilt, kann nächste Woche schon wieder ganz anders aussehen. Die Ordnung, Struktur und Beständigkeit, die die Schüler so dringend benötigen, sind coronabedingt momentan nicht umzusetzen. Die Beschlüsse ändern sich ständig und dementsprechend auch die Art und Weise der Beschulung. Das ist nicht nur für uns Lehrer schwierig und anstrengend,  sondern auch für unsere Schüler. Viele dieser befinden sich in einem Stimmungstief, aus dem sie sich selbst nur schwer herausziehen können. Manche sind demotiviert, manche sind traurig und negativ gestimmt und artikulieren auch, dass ihnen die Coronasituation stark zusetzt. Insbesondere im Onlineunterricht besteht die Problematik, dass ich die Schüler nicht in der Art und Weise unterstützen kann, wie es im Präsenzunterricht möglich ist. In diesem sehe und merke ich direkt, wer aufpasst, bei der Sache ist, sich bemüht oder eben Schwierigkeiten hat. Im Distanzunterricht hingegen bekomme ich öfter nicht einmal eine Antwort und kann aus der Ferne auch nicht sagen, ob der Schüler wirklich vorm PC sitzt oder abwesend ist. Manche loggen sich ein, reagieren bei der Anwesenheitsabfrage und danach hört man kein Wort mehr von ihnen.

Aktuell bin ich als Lehrer wieder täglich im Präsenzunterricht eingesetzt und merke wie schwer es ist, die Schüler zu motivieren, das ist zurzeit meine größte Herausforderung.“

Wie viele andere Berufsgruppen, haben auch die Lehrer zurzeit keine leichte Aufgabe.

Marc, welche Hygienemaßnahmen müssen Lehrer und Schüler während des Präsenzunterrichts beachten?

„Neben dem regelmäßigen Desinfizieren, tragen Schüler und Lehrer die vorgeschriebenen Mund-Nasen-Bedeckungen und sitzen beziehungsweise stehen mit dem vorgegebenen Mindestabstand auseinander. Außerdem führen die Lehrer ein Lüftungsprotokoll nach den Bestimmungen des Hygieneplans des Bildungsministeriums. Momentan müssen sich Lehrer und Schüler zwei Mal wöchentlich Tests unterziehen, die die Lehrkräfte durchführen. Ich bin zurzeit nicht nur Lehrer und Psychologe, sondern auch Arzthelfer.“

Der Lehrerjob, ein vielseitiger Beruf- wobei man doch sagt, dass das kein Beruf, sondern eine Diagnose ist. Morgens Recht und mittags frei- Spaß beiseite. Hast du seit Corona, im Gegensatz zum normalen Betrieb einen größeren Arbeitsaufwand? Wenn ja, wie kann man sich diesen konkret vorstellen?

„Im Distanzunterricht ist der Arbeitsaufwand dementsprechend größer, dass sämtliche Unterlagen digitalisiert werden mussten. Für mich als junge Lehrkraft war das kein Problem, weil mein Unterricht grundsätzlich schon digital aufbereitet ist, für manche Kollegen nahm diese Umstrukturierung jedoch sehr viel Zeit in Anspruch. Über mein normales digitales Unterlagenrepertoire hinaus, habe ich vermehrt Lernapps erstellt und Präsentationen sowie Aufgabenblätter über die saarlandweite Plattform der Onlineschule Saar (OSS) hochgeladen. Anfangs bestanden hier enorme Schwierigkeiten, da es zu einer technischen Überlastung kam. Auch heute noch haben Schüler aufgrund ihrer schlechten Internetverbindung vereinzelt Probleme dem Unterricht von Anfang bis Ende zu folgen. Da ich keinen Schüler im Stich lasse, telefoniere oder schreibe ich parallel zum Onlineunterricht oder danach mit den entsprechenden Schülern, die etwas verpasst oder nicht verstanden haben. Zudem entsteht auch dadurch ein Mehraufwand, dass ich mehr Zeit in die Kontrolle von Arbeitsaufträgen investiere, weil ich im Distanzunterricht noch mehr fordern muss, damit ich sehe, dass die Schüler bemüht sind und etwas tun. Da der digitale Unterricht genau wie der Präsenzunterricht gewertet wird, bin ich häufig damit beschäftigt zahlreichen Entschuldigungen aufgrund von Fehlzeiten hinterherzulaufen und bei den Ausbildungsbetrieben nachzuhaken. Durchschnittlich liegt der wöchentliche Mehraufwand bei etwa fünf Stunden.“

Haben es die Schüler, deiner Ansicht nach, schwieriger in diesem Jahr ihren Abschluss zu erhalten?

„Ja definitiv, die Pandemie nimmt den Schülern ihren strukturierten festen Schullalltag, ganz zu schweigen von den seelischen Belastungen mit denen einige Schüler diesbezüglich zu kämpfen haben. Wenn man sich die Noten anschaut, lässt sich eindeutig erkennen, dass sich diese über die breite Masse hinweg verschlechtert haben, das ist Fakt. Das liegt einerseits an der fehlenden Motivation mancher Schüler im Distanzunterricht und andererseits an der Form des Onlineunterrichts. Ich kann wirklich sagen, dass ich ein engagierter Lehrer bin, der daran interessiert und darauf bedacht ist, dass seine Schüler mit dem Lernstoff mitkommen und gute Ergebnisse erzielen, aber insbesondere in Zeiten von Corona ist das alles andere, als eine leichte Aufgabe.“

Du kennst nun beide Varianten: Homeschooling und Präsenzunterricht- was bevorzugst du und warum?

„Ich bevorzuge ganz klar den Präsenzunterricht und diesen natürlich am liebsten nicht zu Zeiten einer andauernden Pandemie. Ein starker, motivierter Schüler kommt auch mit dem Homeschooling zurecht, ein schwächerer Schüler mit Antriebsschwierigkeiten weniger. Da es mir ein Anliegen ist, all meine Schüler bestmöglich in den Unterricht einzubinden und zu fördern, präferiere ich den Unterricht in Anwesenheitsform, denn nur da habe ich einen persönlichen Bezug zu ihnen. Ich möchte meine Schüler in Person sehen,  damit eine Interaktion stattfinden kann. Durch direkte Ansprache und Augenkontakt kann ich meine Schüler aktivieren und auf Schwierigkeiten, die ich nur von Angesicht zu Angesicht erkenne, sofort reagieren.“

Marc, wie beziehungsweise in welcher Form wird denn ganz aktuell an Berufsschulen unterrichtet?

„Große Klassen werden nach dem Saarlandmodell unter einer Inzidenz von 100 getrennt und besuchen die Schule wochenweise im Wechselunterricht. Damit die Schüler aber nicht alle zwei Wochen eine Woche lang nur zu Hause sind, hat unsere Schule das Ganze so geregelt, dass die Schüler in jeder Woche an verschiedenen Tagen in einem bestimmten Turnus zur Schule kommen.“

Zum Abschluss: was wünschst du dir im Hinblick auf deinen Job für die Zukunft?

„Pandemiebezogen wünsche ich mir, dass unser normaler Schulbetrieb schnellstmöglich wieder Anwendung findet. Ansonsten vergleiche ich uns Lehrer immer gerne mit Schiedsrichtern, denn wir sind die Buhmänner. Die Schüler schreiben schlechte Noten- und wer hat Schuld? Die Schüler müssen vor Unterrichtsbeginn getestet werden und wer darf die Wut der Eltern ausbaden? Wir Lehrer. Auf solche Situationen bezogen wünsche ich mir mehr Verständnis, Respekt und Anerkennung für das Lehrpersonal.

Wenn ich an meine Schüler denke, kommt mir folgendes in den Sinn: Wer hatte früher schon Lust in die Schule zu gehen? Selbst ich war in meiner Jugendzeit nicht gerade ein Vorzeigeschüler, deshalb kann ich mich in die Situation der Schüler hineinversetzen. Dennoch wünsche ich mir von einigen Schülern mehr Motivation und Tatkraft. Die Schüler in meinen Klassen sind mindestens 15 Jahre oder älter und sind in der Regel nicht mehr schulpflichtig. Theoretisch sind sie Schüler, weil sie diesen Weg bewusst eingeschlagen haben und wollen und nicht, weil sie es müssen, de facto sieht das bei manchen jedoch ganz anders aus. Das Angebot Bildung erfahren zu dürfen, sollte stärker honoriert werden, denn in anderen Ländern, existiert dieser Luxus nicht. Was hier zu Lande für manche Kinder oder Jugendliche lästig ist, wissen die Kleinen und Jungen auf anderen Kontinenten ganz anders zu schätzen.“

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