Kirche mal ganz anders, modern und interessant- Interview mit der evangelischen Pfarrerin Christine Unrath

Kirche ist langweilig? Altmodische Praktiken; ungerechte Steuereinnahmen und Steinzeit- Ansichten? Diesen typischen Irrtümern wollten wir auf den Grund gehen.
Wir durften mit der 57- jährigen evangelischen Pfarrerin Christine Unrath aus Leitersweiler über Trauer, Drogen, die Kirchensteuer, das Zölibat und viele weitere interessante Themen sprechen.

Wie ist es dazu gekommen, dass Sie Pfarrerin geworden sind?
Was mussten Sie tun um Pfarrerin werden zu können?

„Alles hat damit begonnen, dass ich meine Eltern sehr früh verloren habe. Zuerst starb mein Vater, dadurch kam ich zunächst einmal auf den Gedanken Pathologin zu werden. Als meine Mutter wenige Jahre später an Krebs erkrankte und an den Folgen dieser schweren Erkrankung ebenfalls starb, befasste ich mich immer mehr mit Themen wie Leben und Tod. Dadurch entstand mein Berufswunsch. Der Pfarrer, von dem ich damals in Saarbrücken konfirmiert wurde, hat sicherlich auch dazu beigetragen. Er gehörte zurzeit des Nazi-Regimes der sogenannten Bekenntniskirche an, die sich gegen die Vereinnahmung der nationalsozialistischen Ideologie wehrte und damit gegen das, was die sogenannten Deutschen Christen in der evangelischen Kirche einführen wollten. Durch ihn lernte ich auch den evangelischem Theologen und aktiven Widerstandskämpfer gegen das Nazi-Unrechtsregime kennen, nach dem auch das Gemeindehaus meiner Konfirmationsgemeinde benannt ist: Dietrich Bonhoeffer. So wurde auch dies eine wichtige Säule in meinem Leben.
Um Pfarrerin zu werden, muss man nach dem Abitur Evangelische Theologie studieren. Dazu gehören auch das Erlernen von 3 Sprachen: Lateinisch, Hebräisch und Griechisch. Das Studium in Saarbrücken, Mainz und Heidelberg dauerte 7 Jahre. An das „Erste Theologische Examen“ schloss sich das sogenannte „Vikariat“ an, der kirchliche Vorbereitungsdienst, vergleichbar mit dem Referendariat bei Lehrern. Dabei wechseln sich Zeiten für die theoretische Ausbildung im Predigerseminar mit praktischen Zeiteinheiten in Schule und Gemeinde ab. Nach dem zweiten Examen war ich „Pastorin im Hilfsdienst“ und arbeitete in einer Kirchengemeinde mit. 1990 wurde ich dann in eine Pfarrstelle in Alt-Saarbrücken gewählt, als erste Frau im Pfarramt in dieser Gemeinde. Dort arbeitete ich bis zum Jahre 2003.
Zu meinen Aufgaben als Pfarrerin gehören heute unter anderem Seelsorge, das Feiern von Gottesdiensten, das Durchführen von Konfirmationsunterricht, Trauungen, Taufen und Trauerfeiern. Meine Arbeit ist sehr abwechslungsreich, man lernt viele Leute kennen und ich kann in guten, wie in schlechten Zeiten versuchen, eine Stütze für die Menschen sein.“

Was können Sie uns über Ihren weiteren Werdegang berichten?

Ich wollte die Menschen, die für unsere Sicherheit den Kopf hinhalten, unterstützen. Deshalb arbeitete ich von 2003 bis 2014 als Polizeiseelsorgerin. Ich habe unter anderem eine dreijährige berufsbegleitende Ausbildung zur Supervisorin gemacht und weitere Zusatzqualifikationen absolviert, um auch in Krisen begleiten zu können. Ich machte Einsatzbegleitung für die uniformierten Beamten und Kriminalbeamten und hielt Gottesdienste. In Ausübung meiner Tätigkeit habe ich rückblickend schon einiges erlebt. Suizide und tödliche Unfälle waren leider keine Seltenheit. In solchen Situationen war es immer sehr wichtig, aus Gründen des Selbstschutzes, eine professionelle Distanz zu wahren. Ich musste lernen mich in der betreffenden Situation komplett auf die Menschen einzustellen, die meine Hilfe benötigten. Polizeiseelsorge möchte für Menschen da sein, auch manches Mal als Schulter zum Anlehnen, ob mit Worten, durch Anwesenheit oder einer Umarmung. Diese besondere Zeit in meinem Leben möchte ich nicht missen.

Darüber hinaus war ich nebenamtliche Dozentin des Unterrichtsfaches „Berufsethik“ an der Fachhochschule für Verwaltung, wo die saarländischen Polizisten ausgebildet werden. Dort ging es um Themen wie etwa Einsatz von Gewalt, Überbringen von Todesnachrichten und Mobbing. Weiterhin habe ich auch regelmäßige Fortbildungen zu Themenbereichen wie Traumata und Resilienz geleitet.“

Wie beurteilen Sie Ihren Verdienst?

„Ich fühle mich gut bezahlt. Wir Pfarrer und Pfarrerinnen werden von der Kirche alimentiert. In der Regel haben wir eine 6 bis 7 Tage Woche, die jedoch nicht immer aus 8 Stunden- Tagen besteht, dennoch empfinde ich die Einstiegsbesoldung A13 als gerechte Entlohnung.“

Was raten Sie, als erfahrener Profi in Sachen Trauerbewältigung, trauernden Menschen?

„Wir müssen alle dazu beitragen, dass die Trauer einen größeren Platz in unserer Gesellschaft erhält. Wir müssen sprachfähiger werden und sollten unsere Trauer nicht verstecken. Reden und beten kann sehr hilfreich sein. Ich rate Betroffenen, sich zu öffnen, denn Trauer ist ein Verarbeitungsprozess, der nicht linear verläuft. Wir brauchen Geduld, gerade wenn uns Rückschläge heimsuchen. In Trauergruppen oder bei der Trauerbegleitung finden Trauernde Gleichgesinnte.“

Wie stehen Sie als Pfarrerin zum Konsum von Marihuana?

„ Ich war 20 Jahre im Aufsichtsrat des Drogenhilfezentrums in Saarbrücken. Ich mache keinen Unterschied zwischen weichen und harten Drogen, dafür habe ich schon zu viel gesehen. Drogen sind Drogen, egal ob Marihuana, Alkohol oder Sonstiges.
Natürlich würde die Legalisierung von Cannabis die Kriminalitätsquote erheblich senken, aber das erachte ich nicht als maßgeblich, beziehungsweise zielführend. Ich sehe hier die deutliche Gefahr einer Verharmlosung, bei einer Legalisierung sinkt die Hemmschwelle für potentielle Konsumenten deutlich, das erachte ich als sehr problematisch. Bei einem regelmäßigen Konsum entstehen hirnorganische Veränderungen und eine Beeinträchtigung der kognitiven Leistungsfähigkeit. Es entwickelt sich eine physische und psychische Abhängigkeit bis hin zu schweren Psychosen und dies aufgrund der sogenannten weichen Drogen. Sehen Sie sich die schwerwiegenden Folgen wie etwa Leberzirrhose oder Korsakow, der legalen Droge Alkohol an, da sollte man mit einer „weichen“ Droge allemal bedacht umgehen.“

Wie denken Sie über Homosexualität?

„Wenn ein Paar sein Ja vor Gott bekräftigt ist dies für mich nicht an ein Geschlecht gebunden. Deshalb vollziehe ich gleichgeschlechtliche Segnungen. Ich weiß, dass ich mit der Trauung gleichgeschlechtlicher Paare den Konservativen auf die Füße trete, aber ich bin froh, dass meine Kirche mir diesen Weg offen lässt. Es ist uns Pfarrern und Pfarrerinnen meiner Landeskirche jedoch freigestellt, ob wir dies tun oder dafür sorgen, dass ein Kollege die Trauung übernimmt.

Was halten Sie vom katholischen Zölibat?

Ich persönlich würde ein freiwilliges Zölibat in der katholischen Kirche bevorzugen. Aber ich denke auch an meine eigene Landeskirche: Erst seit 1974 sind wir Pfarrerinnen tatsächlich im Pfarramt gleichberechtigt. Vor dieser Zeit haben Pfarrerinnen ihre Gemeindepfarrstelle verloren, wenn sie geheiratet haben. Obwohl es für die Kollegen seit Martin Luthers Ehe und Familie galt, verheiratet zu sein. Aber ich denke, dass ein verpflichtendes Zölibat zu erheblichen Konflikten führen kann. Ich finde die Kirche sollte da mehrere Wege einräumen. Ich kann mir vorstellen, dass das Durchhalten der sexuellen Abstinenz eine sehr schwierige Angelegenheit sein kann. Jedoch kenne ich Kollegen, die zölibatär eingestellt sind und mit dieser Art zu leben sehr glücklich und zufrieden sind. Davor habe ich großen Respekt, sie leben ganz für die Kirche und fühlen sich wohl damit.

„Warum werde ich bestraft? Womit habe ich das verdient? Warum lässt Gott das zu?“ Wie stehen Sie zu diesen Fragestellungen, die sich viele Menschen stellen, wenn Ihnen schlimme Dinge widerfahren?“

„ Ich habe auch keine direkte Antworte darauf, aber ich bin mir sicher, dass Gott durch bestimmte Geschehnisse nicht bestrafen möchte, davon bin ich zutiefst überzeugt. Ich denke, dass man versuchen sollte, von Fragen, wie etwa „Was habe ich verbrochen?“ Abstand zu gewinnen, das ist nicht Gottes Absicht. Wir alle sind keine Marionetten, wir haben ein riskantes und zerbrechliches Leben. Teilweise müssen wir Unfassbares aushalten, aber manches Mal lässt uns gerade das reifen.“

Hat Ihnen schon einmal jemand eine schwere Straftat, vielleicht sogar einen Mord gestanden?

„Dazu darf ich mich nicht äußern, denn ich unterliege dem unverbrüchlichen Seelsorge- beziehungsweise Beichtgeheimnis. Dieses hat Bestand bis vor Gericht. Von diesem kann ich keinesfalls entbunden werden, auch nicht von der beichtenden Person.
In der evangelischen Kirche gibt es keinen Beichtstuhl. Möchte jemand die persönliche Beichte ablegen, geschieht dies in einer speziellen, klar dafür gekennzeichneten Gesprächssituation. Alles, was besprochen wird, wird diesen Raum nicht verlassen.“

Wie stehen Sie zur Kirchensteuer?

„Deutschland ist eines der wenigen Länder, das die Kirchensteuer noch einzieht. Ich finde wir sind hier sehr komfortabel unterwegs. Die Kirche finanziert sich maßgeblich über die Steuergelder. Die Kirchensteuer beträgt je nach Bundesland 8 bis 9 Prozent der Lohnsteuer. Diese wird von den Finanzämtern eingezogen. Für diesen Aufwand behalten sich diese, wiederrum vom Bundesland abhängig, 3-4 Prozent ein. Der Rest fließt unter anderem in die Besoldung der hauptamtlichen Pfarrer und Pfarrerinnen, die Arbeit der Flüchtlingshilfe, der caritativen Einrichtungen, Kindergärten und Schulen. Darüber hinaus werden Beratungsstellen, wie etwa die Telefonseelsorge oder andere Projektarbeiten wie beispielsweise Arche, kirchliche Tafeln, Lesepaten oder die Ausbildung von Ehrenämtern und die Gebäudeunterhaltung finanziert. Ich finde es gut und vor allen Dingen gerecht, dass man seinen Beitrag im Rahmen seiner finanziellen Möglichkeiten leistet. Die genaue Zusammensetzung können sie online einsehen.“

Wie stehen Sie zu der Kirche und zum Glauben?

„Die Kirche, als Institution, hat gute, wie auch schlechte Seiten, Vorteile, wie Nachteile. Bürokratie, Verwaltung, Organisation und Demokratie einerseits und der Glaube andererseits.
Für mich gilt das sogenannte Doppelgebot der Liebe: Die Liebe zu Gott, meinen Mitmenschen und mir selbst, eine Art Dreiecksbeziehung, wenn man so will. Ich denke und glaube im Sinne der Nächstenliebe. Wir leben in einer Gemeinschaft, in der ich großen Wert auf Achtung und Respekt lege. Gott ist bei uns und er trägt uns nicht nur in Freud, sondern auch in Leid.“

Am Beispiel von Christine Unrath lässt sich unschwer erkennen, dass die Arbeit von Pfarrern und Pfarrerinnen alles andere langweilig, altmodisch und einfältig sein muss. Auch die hohen Anforderungen, die man meistern muss, um überhaupt Pfarrer beziehungsweise Pfarrerin werden zu können, lassen sich nicht leugnen. Wir hoffen, dass wir euch einen guten Einblick in die abwechslungsreiche und interessante Arbeit einer Pfarrerin verschaffen konnten.

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